Könntest Du ein paar Zeilen verfassen…?

Es war so gegen 16 Uhr freitags. Warum nennt man den von Arbeit geprägten Tag vor dem erquickenden Samstag eigentlich Freitag? Ist es nicht dieser Tag, an welchem noch dieses, jenes und selbiges sowieso dringend erledigt werden müsste? Man gewinnt stets den Eindruck, Sonntags ende die Zeitrechnung. Das Leben. Die Existenz der menschlichen Rasse.

Im Moment würde ich ja töten für ein wenig Arbeit, als dann jedoch an besagtem Freitag der Büronachbar herein schlurfte, lag mir nichts ferner als die Zeitung aus der Hand zu legen. Um sechzehn Uhr beginnt man die Minuten zu zählen und ich kenne nichts zähflüssigeres als die Zeitspanne bis siebzehn Uhr.

Für unser nächstes Firmenblatt würde der Chef gerne einen Bericht haben, inwiefern sich Corona auf unseren Betrieb im Allgemeinen und auf meine Abteilung im Speziellen auswirke. Mit einem Augenmerk auf die zusätzlichen Belastungen.

Dieses Firmenblatt, möchte ich anführen ist vergleichbar mit der Schülerzeitung, welche im Dorf vor den Sommerferien gestreut wird. Nur eben nicht ganz so professionell und anmächelig. In Sachen Technik bin ich vor geraumer Zeit von der Plattform der Bummelbahn gestolpert und habe irgendwie den nächsten Anschluss verpasst. Wenn die Kollegen im Feierabendbier über die neusten Kino-Sound-Sphären-Modelle fachsimpeln, nestle ich leicht beschämt an der Bieretikette und verstehe nur Bahnhof. Trotz dieser Defizite bin ich mir jedoch sehr gewiss, die Smartphone-Kameras lichten die Objekte im zweistelligen Megapixel-Bereich ab. Weiss der Geier, welche Keksdosen-Fotokamera im Eigenbau die Redaktion für ihr Firmenblatt verwendet. Die Aufnahmen wirken wie eine auf das Format A0 aufgeblasene Briefmarke. Und im Gegensatz zu CSI Miami wird das Bild nicht zunehmend schärfer und klarer, je näher man heranzoomt.

Dazu kommen klassische „und dann er so… und dann ich so… und dann…“-Sätze. Schon beim ersten Lesen war ich peinlich berührt und hoffte stets, dass man mich mit diesem Blatt nicht in Verbindung brächte.

Es ist der Chefetage nicht ganz verborgen geblieben, dass meine Formulierungen sich bisweilen von den schriftlichen Standardwerken unterscheiden, auch wenn ich, rückblickend auf die letzten zehn Jahre, schon ein wenig von meiner Gabe eingebüsst habe.

Aber einen Teufel werde ich tun, meinen Beitrag zu leisten. Als würde man Picasso bitten, den Rahmen zu pinseln, in welchen man die Kindergartenzeichnung seines Sprösslings gepackt hat.

Ich sah also über den Zeitungsrand zu besagtem Herren und grinste breit.

Wirklich, fragte ich ihn. Abgesehen davon, dass ich in eurem Betrieb die Zeit vor Corona nicht kenne, bin ich seit knapp acht Monate damit beschäftigt, täglich zwei Mails zu lesen und allenfalls drei Telefone zu beantworten. Wenn sich nun also in diese Flut von Arbeit eine Mehrbelastung durch Corona geschlichen hat, würde ich zu gerne einen Bericht lesen, welchen Umfang dieses Pensum vor Corona hatte.

Ja er meine nur, entgegnete er, weil der Chef hätte es eben so gewünscht…

Im Juni. Vielleicht Juli, oder August. Spätestens September, lautete die Antwort auf meine Frage, wann das alberne Faltblatt zum nächsten Mal erscheinen solle.

Ob ich denn nun…, wollte er sich vergewissern.

Danke, ich nehme es gerne als Aufhänger, um mit dem Chef ein Grundsatzgespräch zu führen, beschloss ich das Gespräch und hob demonstrativ die Zeitung wieder an.

Mein Kopf scheint nahtlos in den Rumpf überzugehen, so dick ist mein Hals mittlerweile. Dies hängt nicht damit zusammen, dass ich meine Beziehung in den Sand gesetzt habe, sondern dass ich hier Tag für Tag zehn Stunden meiner Lebenszeit, und so arg viel ist davon nicht mehr über, verbrenne. Für nichts und wieder nichts. Im Quadrat. Ich habe noch kein Quentchen Mehrwert generiert und die Summe am fünfundzwanzigsten reicht bei weitem nicht aus, um dem Leben jeglichen Sinn abzusprechen.

Wer mit einem Problem in mein Büro kommt und keinen Lösungsvorschlag unterbreitet, kann selbiges gleich wieder mitnehmen.

Ein Motto meines Chefs und genau wegen solcher Richtlinien und Grundsätze schätze ich ihn. Doch umso schwerer wiegt es, dass auf meinen Hinweis beim Vorstellungsgespräch „Wenn ich einfach noch 20 Jahre absitzen wollte, könnte ich in meiner jetzigen Firma bleiben, doch erwarte ich mehr von meinem Alltag…“ eine Anstellung erfolgte. Mit oben beschriebenem Tätigkeitsbereich. Nachdem meine Vorgängerin wegen chronischer Unterforderung und mangelnder Auslastung den Dienst quittiert hatte. Was jedoch keinesfalls als Anlass genommen wurde, das Stellenprofil neu zu umschreiben. Man lockte einfach den nächsten Deppen in die Falle.

Ja, ich habe mir schon überlegt, ob es nicht rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen sollte, wenn man jemanden unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu ermuntert, sein Anstellungsverhältnis zu kündigen und einen neuen Vertrag zu unterzeichnen.

Obwohl sich der Artikel 28 des OR nicht explizit auf Arbeitsverträge bezieht, so finde ich doch parallelen im Gesetzestext, der da lautet:

Ist ein Vertragschliessender durch absichtliche Täuschung seitens des andern zu dem Vertragsabschlusse verleitet worden, so ist der Vertrag für ihn auch dann nicht verbindlich, wenn der erregte Irrtum kein wesentlicher war.

Die Frage stellt sich, was geschieht wenn der Vertrag für nichtig erklärt wird. So nicht eine Entschädigungssumme von einem Jahresgehalt herausspringt, oder zumindest eine Entrichtung des Lohnes für die Zeit, in welcher mit zumutbarem Aufwand eine neue Stelle gesucht wird, steht man mit heruntergelassener Hose da. Also das, was ich jetzt schon habe.

Nun, die Konfrontation habe ich auf Mittwoch angesetzt, weil ich durch die chronische Unterbelastung beginne Schaden an Leib und Seele zu nehmen.

Zurück zu den gewünschten Textzeilen.

Corona und der Einfluss auf meinen Arbeitsalltag

Mein Eintritt in die Firma stand bereits im Zeichen der Pandemie. So ergab es sich, dass ich weder mit meinem direkten Vorgesetzten, noch dem ranghöheren Chef meinen Einstand durch eine körperliche Vereinigung vollzogen habe. Was ich so sehr schätze und nichts daran ändern möchte. Selbst das kollegiale Du wurde eingeführt, ohne sich männlich die Hand zu schütteln, oder es weibisch mit einem Gläschen Tranksame zu besiegeln.

Alsbald wurde die Maskenpflicht eingeführt und ich vermag mich kaum mehr entsinnen, wie die Antlitze sich hinter dieser papierenen Verhüllung ausnehmen. Auf die Gefahr der Wiederholung hin, ich schätze es und wir brauchen daran nichts zu ändern. Auch wenn das Tragen der Maske meine Ohrmuscheln dahingehend verformen, dass meine reinrassige Herkunft in absehbarer Zeit nur anhand der Papiere belegt werden kann.

So pandemiebedingt eine Zunahme der Belastung zu verzeichnen gewesen wäre, darf ich sagen, dass wir die Spitzenbelastung ohne grossen Federlesens gemeistert haben und seit geraumer Zeit eine abnehmbare Tendenz verzeichnen dürfen.

Eine Lernkurve mag das ihrige beigetragen haben, doch darf ich verkünden, dass ich um 07:35, oder fünf Minuten nach Arbeitsbeginn, das Gros des Tagesgeschäftes abgearbeitet habe. Mein Zeitunglesen wird nur durch gelegentliche Anrufe, derer überschreitet nie die Zahl von drei pro Tag, unterbrochen.

Es hat sich die Gepflogenheit entwickelt, dass ich alle sechzig Minuten den Mailverkehr kontrolliere und vor der Mittagspause zwei, zu Spitzenzeiten drei Nachrichten weiterleite.

Der Nachmittag ist weitgehend dadurch geprägt, dass ich, um mich von der ermüdenden Bildschirmarbeit zu erholen, meinen Blick über die grünen Flächen streifen lasse, ermuntert von der Hoffnung, in der Ferne die Schafe beim Grasen zu beobachten.

Es war kurz vor Weihnachten des letzten Jahres, als mir eine Bürounterstützung zugewiesen wurde. Meine Arbeit erfuhr dahingehend eine Änderung, dass ich den telefonischen Verkehr delegiert habe und mich vollumfänglich dem elektronischen Postverkehr und den Tageszeitungen widmen konnte.

Der Beobachtung der Schafe widmen wir uns bisweilen gemeinsam um die Last zu teilen.

Anfang Jahres wurde die Home-Office-Pflicht angeordnet und als pflichtgetreuer Bürger, nicht zuletzt als Angestellter des öffentlichen Dienstes, war mir sehr daran gelegen, dieser Anordnung Folge zu leisten.

Ich versicherte, dass ein Studium der Zeitungen auch online zu bewerkstelligen wäre, der Mailabruf funktioniere und gar das Telegrafennetz könne ohne grosse Eingriffe und technische Aufwendungen in heimische Gefilde geleitet werden.

Nicht zuletzt um die Wichtigkeit meiner Person und die bekleidete Stellung zu unterstreichen, gelangten die Vorgesetzten zum Schluss, dass meine physische Präsenz unabdingbar sei. Gegen die Begründung „Es hätte einfach einer hier zu sein…“ konnte ich keine stichhaltigen Argumente ins Feld führen.

So führe ich mein Tagesgeschäft unter Aufsicht der vorgesetzten Organe weiter, mit der kleinen Abweichung, dass die Schafe zurzeit in ihrem Winterquartier weilen und wir einfach über die leere Rasenfläche starren.

Derweil habe ich es mir zur lieben Gewohnheit gemacht, täglich eine Bewerbung abzusenden und mir Stunden zusammenzuklauben, um allfälligen Einladungen zum Vorsprechen Folge leisten zu können.

Ich freue mich, diesen Einblick in meinen Arbeitsalltag gewähren zu dürfen und danke für das Vertrauen.

Soweit meine Zeilen, ich bin noch ein wenig unsicher, ob ich diese so vorlegen sollte. Nichts käme mir gelegener, als eine Kündigung seitens Arbeitgeber. Einfach, weil ich es mir verdient habe.

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Die Blockchain

Aufgrund totaler Unterforderung betreibe ich gerne etwas Gehirnjogging.
Heute erkläre ich euch die Blockchain.

Der Bitcoin steht gerade bei 33’000, also das Dreifache vom letzten Oktober. Ich habe keine. Ihr wahrscheinlich auch nicht, also konzentrieren wir uns auf die Technik.Unabhängig davon, ob sich Kryptowährungen halten (sie werden), wird sich die Blockchain als Technologie durchsetzen. Nicht zuletzt in der Logistik.

Ich gehe in die Migros und kaufe mir ein Springbock-Steak. Keine Ahnung wie sowas schmeckt, aber ich brauche ein Beispiel, welches in der Beschaffung etwas komplex ist.Betrachten wir die Beschaffungskette, die Supply-Chain, vom glücklich springenden Böckchen bis zum Steak auf meinem Teller. Und bei diesem Gedanken vergeht mir eigentlich schon wieder ein wenig der Appetit.

Da ist nun also der Jäger, welcher es jagt. Dieser muss wohl belegen, dass die Springböcke nicht geschützt sind. Ich nehme an, mit einer Abschuss-Legitimation für Springböcke, ausgestellt von einem überarbeiteten Beamten im Springbock-Populations-Kontroll-Amt. Diese muss der örtliche Fleischeinkäufer kontrollieren.

Dann wird das Tier ausgenommen und muss in die Kühlkammer. Der Fleischverarbeiter muss belegen, dass er dabei nicht dreissig Kinder aus dem Slum beschäftigt, sondern Arbeitnehmer, welche geschützt, versichert und überhaupt im Grundsatz sehr glücklich sind.

Nun muss der Springbock auf das Schiff, es gilt Zollformalitäten zu erledigen.

Der Springbock-Container wird in Rotterdam vom Schiff auf den LKW verladen. Der Zollbeamte will kontrollieren, ob im Springbock-Container wirklich besagter Springbock und nicht ein Sack Kokain und ein Beutel Blutdiamanten liegen. Der Einkäufer wiederum wird wohl einen kurzen Blick in den Kühlcontainer werfen und kontrollieren, ob das Ding auch schön tiefgefroren ist. Während der Spediteur beim Leben seiner Grossmutter versichert, dass dies auch bei der gesamten Überfahrt so war. Paco hat es stündlich gemessen und auf seinem Blatt eingezeichnet, welches der LKW-Fahrer nun übernimmt.

Vor dem Grenzübertritt in Basel hat der Zollbeamte mittlerweile einen kompletten Bundesordner an Bescheinigungen und Frachtpapieren durchzublättern. Macht er und lässt sich Zeit. Ist ja Beamter.

Im Verteilzentrum der Migros werden die Papiere abermals gewälzt, Übersetzer und Kryptologen herbeigezogen, weil der Schlachter in Afrika eine furchtbare Schrift hat. Aber, morgen könnte der Kassensturz vor der Tür stehen und dann muss man versichern, dass der Springbock gesund war, der Schlachter glücklich, der Kadaver gekühlt, der Transport bezahlt, der LKW Co2-Neutral, die Zoll-Formalitäten korrekt abgewickelt wurden, der Preis nicht überrissen ist, dass im Berner Oberland keine Springböcke leben und man deswegen aus Afrika importieren musste und dieser nun in der Filiale Oberwinterthur im Regal 35, Ebene B liegt. Und gekühlt ist. Dies alles will der Konsument wissen, er zahlt ja schliesslich 3.95 CHF für das Kilo und ist sehr daran interessiert, dass alles seine Ordnung hat.

Wir sehen, ein Stück Fleisch macht nicht nur eine ziemliche Reise bis auf meinen Teller, es sind auch unzählige Formalitäten zu erledigen. Und verbraucht dabei wohl drei Schwimmbäder Wasser, weil die Ökologieverträglichkeit in Liter Wasser gemessen wird, wie jedes an sich gängige Flächenmass in Fussballfeldern. Das Publikum will es so.

Bei der ganzen Logistikkette, und ich will Paco ja nichts unterstellen, stehen wir vor ein paar Herausforderungen. Wenn der fleissige Paco am vierten Tag der Überfahrt bemerkt, er ist ja nicht dumm, dass die Temperatur plus-minus immer dieselbe ist, wird er das Formular doch nach Gutdünken ausfüllen. Wie Du und ich auch. Und wenn er am 6. Tag feststellt, dass sein Lidl-Badethermometer in Froschform seit Beginn der Fahrt hinüber ist geht er auch nicht hin und bricht den ganzen Transport ab. Der Schlachter vergass ein Kreuz, welches der Kapitän noch kurz hinzugefügt hat und weil der Brennstoffzellen-Brummi gerade an der Ladestation steht, ist der Fahrer eben mit einem alten Saurer 10DM von Rotterdam nach Basel gefahren. Ich bin Migros-Kind, aber nehmen wir mal an, ich hätte das Fleisch bei Crazy-Achmed gekauft, wäre vielleicht auch noch die ein oder andere Haltbarkeitsdatum-Korrektur angebracht gewesen.

Der Jäger arbeitet mit Handschlag, der Schlachter in Afrika benutzt Block und Bleistift, der Frachter-Kapitän hat schon einen Bleistift, der Zollbeamte mit Durchschlagpapier und Schreibmaschine, der Brummi-Fahrer sagt „Passt schon…“ und die Migros nutzt SAP.

Wir haben hier also eine Versorgungskette mit sieben völlig unterschiedlichen Systemen, sie ist so fälschungssicher wie eine Adidas-Trainerhose in der Hand von Chinesen und aufwändig wie ein Antrag zum Corona-Kredit.

Und hier kommt die Blockchain ins Spiel.

Eine Blockchain ist wie ein Gruppen-Chatverlauf.Wenn ihr in die Feierabendbiergruppe tippt, haben das 5 Kollegen auf dem Handy. Obwohl ihr zwei Sekunden später feststellt, dass die „Mutti hab dich lieb“-Nachricht in den falschen Chat geraten ist, gibt es nichts mehr zu löschen. Dies macht die Blockchain so sicher. Die Information ist nicht auf einem Server gelagert, sondern auf unzählige Rechner verteilt. Schmiert einer ab, sind noch 599 im Netz, da geht nichts verloren.

Fügt nun jemand eine Information hinzu, wird diese erst von allen vorhandenen Rechnern kontrolliert, verifiziert und wenn diese finden, passt, wird diese der Blockchain hinzugefügt. Dies ist das Prinzip vom „Schürfen“ und deswegen benötigt dieses Schürfen pro Bitcoin wohl etwa fünf Hallenbäder. Ja wie jetzt, verfiziert… Nichts ist übler, als einen Hergang oberflächlich zu erklären und darauf bauen, dass die Menschen nicht nachfragen, weil sie nicht als dumm gelten wollen und man sein eigenes Halbwissen gut kaschieren kann.

Die Information, dass die Arbeiter beim Schlachter sehr glücklich, weil krankenversichert, sind, steht auf einem Happiness-Index-Formular. Oder so. Statt dieses Formular mit seinen drei Durchschlägen in einen Bundesordner abzulegen, wird es digitalisiert. Es entsteht ein Block. Dieser Block soll nun in die Kette. Damit das Happiness-Index-Formular gültig ist muss es vom Amt genehmigt sein. Verwendet man das Einwickelpapier des Pausenbrotes, mag das Seelenheil des Mitarbeiters wohl festgehalten und in Ordnung sein, ist aber ungültig, weil kein amtliches Formular. Ihr kennt dies, wenn ihr schon einmal einem Mieter gekündigt habt. Ähnlich zu dieser amtlichen Genehmigung muss der digitale Block den Code des vorangegangenen Blockes beinhalten. Dies wäre also jener Block, welcher bescheinigt, dass der Jäger Springböcke schiessen darf. Nur wenn dieser Code vorhanden ist, akzeptieren die verifizierenden Computer den Happiness-Index-Block als gültigen Bestandteil und fügen ihn der Kette zu.

Der nächste Block besteht aus den Zollformalitäten. Und dieser Block muss den Code des Happiness-Blockes beinhalten um als gültig erkannt, sprich verifiziert zu werden.

Dieses Codes nennt man Hash. Die Hashs werden aus der Prüfsumme der Blöcke generiert und sind fälschungssicher. Hey, fälschungssicher gibt es nicht. Stimmt. Aber es wäre eine nicht zu stemmende Rechnerleistung dazu erforderlich. Gut, hat man vor Turing auch behauptet, aber wir wollen nun nicht abdriften.

Eine nachträgliche Änderung eines Blockes ist unmöglich. Will der Jäger zum Beispiel die Angaben nachträglich etwas korrigieren, weil der WWF verlauten liess, dass Springböcke geschützt sind, würde die Prüfsumme des Blockes verändert. Sprich, der Hash wäre nun ein anderer. Das heisst, dass der Happiness-Index-Block des Schlachters auch nicht mehr stimmt und so stürzt das ganze Kartenhaus ein.

Daher ist die Blockchain so sicher, wie etwas eben sicher sein kann.

Reisst also die elektronisch gemessene Kühlkette auf dem Transport ab, wird dies in der Blockchain vermerkt. Der Zoll kann innert kurzer Zeit nachverfolgen, woher die Lieferung kommt, ohne Papiere zu wälzen. Die Rechnung und deren Bezahlung wird gleich über die Blockchain abgewickelt. Die Migros kann mit drei Mausklicks belegen, dass der Schlachter dem Jäger ganze 75 Rappen für zehn Springböcke bezahlt hat und der Jäger gemäss UNICEF-Zertifikat davon drei Monate lebt und acht Kinder auf die Schule schicken kann. Oder so.

Natürlich wird die Blockchain nicht alle Systeme ablösen. Die aktuelle Situation zeigt uns, wie stabil ein Staatenverbund und stark das grenzenlose Miteinander ist, wenn es hart auf hart kommt. Da wird man sich kaum global auf eine Datenbank einigen. Aber sie wird Einzug halten. Alleine, weil die Papierersparnis pro Springbock-Lieferung 3.14 Fussballfelder voller Bäume retten wird.

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Wie man Luft verkauft

Ich finde die Börse im Grundsatz etwas sehr spannendes, GameStop bietet sich nun direkt an, den Erklärbär zu spielen. Der Bärenmarkt steht übrigens für anhaltend sinkende Kurse. Falls ihr einmal bei Günther Jauch gefragt werdet. Das Gegenteil wäre der Bulle. Und nicht der Dachs, wie Wendler einst behauptete.

Nachdem wir gelernt haben, wie man aus Schrott Geld macht, beschäftigen wir uns heute damit, wie man Luft verkauft.

Wir fahren mit unserem GameStop-Beispiel weiter, da die Hedgefonds gerade ordentlich gestrauchelt sind.

Was sind denn eigentlich Hedgefonds?

Ein Hedgefonds funktioniert in den Grundzügen ähnlich wie ein Investmentfond. Beim Investmentfond sammelt der Fondmanager Geld und investiert dieses. Im Idealfall natürlich gewinnbringend. Für seine Bemühungen behält er einen gewissen Prozentsatz der Rendite ein.

Dies war es mit den Gemeinsamkeiten. Bei den Hedgefonds ist es so, dass man schon jede Menge Kapital mitbringen muss. In den USA zumindest kommt man ohne eine Million in der Spardose schon gar nicht in den erlauchten Kreis. Eine halbe Million muss man in den Fond stecken. Also der Spielplatz der Superreichen. Und diese halbe Million ist dann erst einmal weg, denn einfach wieder aussteigen ist nicht, das investierte Kapital ist in der Regel über mehrere Jahre gebunden.

Ihre Attraktivität für Superreiche erhalten Hedgefonds dadurch, dass sie sehr dürftig reguliert sind. Nach dem Verbot des Insiderhandels ist bald einmal fertig, für den Manager gibt es bei der Wahl des Risikos keine Grenzen nach oben.

Insiderhandel, eingeschobenes Basiswissen, bedeutet, dass ein Manager nicht mit einem Papier handeln darf, wenn er über ein Wissen verfügt, welches der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist.

Prominentes Beispiel: Rajat Gupta von Goldman-Sachs steckte seinem Kollegen Rajaratnam die Info aus einer geschlossenen Geschäftsleitungssitzung, dass Warren Buffett gedenkt 5 Mrd. in Goldman-Sachs zu investieren.

Rajaratnam, ein Hedgefondsmanager, sprintete sofort los und riss sich jede Menge Goldman-Sachs-Aktien unter den Nagel.

Als die Mitteilung dann offiziell wurde fand ein Run auf die Aktie statt, denn wenn Buffett investiert kann die Sache ja nur zu Gold werden. Und wo eine grosse Nachfrage, richtig, der Preis schnellt in die Höhe. Gut für Rajaratnam, bis die Finanzaufsicht der Sache nachging. Man muss in einem solchen Fall die Kristallkugel schon sehr glaubwürdig als Informationsquelle vertreten, um nicht zu einer Busse verknurrt zu werden.

Und da sind wir auch schon beim schlechten Image der Hedgefonds-Manager. Sie sind nicht sehr transparent. Niemand weiss, was die tun und aufgrund der immensen Summen haben sie jede Menge Einfluss im Wirtschaftssystem. Man spricht auch von Heuschrecken. Sie fallen über eine Firma her und lassen nichts mehr übrig. Wie sie es bei GameStop wollten.

Dies ist auch der, meines Erachtens, grösste Unterschied zu den Investmentfonds. Hedgefonds dürfen Leerverkäufe tätigen.

Hedge bedeutet, sich absichern. Kauft man also einen Titel, kann man sich auch gleich gegen seinen Absturz sichern, wie ich es beim Shorten erklärt habe.
Dadurch, dass sie Leerverkäufe tätigen können, brauchen sie die Titel nicht einmal zu kaufen. Sie „leihen“ sie sich.

Wie läuft dies ab?
Rudolf Raffzahn leiht sich also 1000 GameStop Aktien. Diese verkauft er an Hein Blöd für 30 Dollar. Der Kurs serbelt in den Keller. Aber Rudolf Raffzahn ist ja kein Unmensch. Er kauft die Aktie von Hein Blöd für 15 Dollar zurück. Für seine Bemühungen behält er 15 Dollar ein und gibt die Aktie dem Verleiher zurück.

Richtig, der aufmerksame Leser gibt sich damit noch nicht zufrieden. Wie leiht man sich denn eine Aktie?
Ich meine, kommt ein Hedgefondsmanager zu GameStop und will sich ein paar Wertpapiere leihen muss sich dies für GameStop anfühlen, also würden sie mit einem Messer zu einer Schiesserei gehen und schlagen Rudolf Raffzahn die Tür vor der Nase zu.

Deswegen leihen sich Hedgefonds die Aktien bei anderen Fonds, Wertpapierhändlern, Banken oder auch Grossaktionären. Dafür hinterlegen sie zum einen eine Sicherheit, zum anderen entrichten sie eine Leihgebühr, was für die Verleiher natürlich lukrativ ist.

Diese geliehenen Aktien verkaufen sie dann, wie wir oben gelesen haben.
Könnte natürlich entsetzlich schief gehen. Melvin Calvin lässt grüssen.

Spielen wir das Ganze also einmal anders herum, wie es in einer gerechten Welt ablaufen würde.

Rudolf Raffzahn leiht sich eine Aktie bei Bernd Birnbaum und verkauft sie für 30 Dollar an Hein Blöd. Und dann steigt die Aktie auf 60 Dollar. Rudolf Raffzahn geht der Hintern auf Grundeis, muss er dem Verleiher Bernd Birnbaum doch die Aktie wieder zurück geben. Die Aktie, welche er nicht besitzt und nun von Hein Blöd für das doppelte zurückkaufen muss. So geht natürlich ganz schnell ganz viel ergaunertes Geld futsch. Neben der Gebühr zumindest noch die hinterlegte Sicherheit.

Dem gilt es entgegen zu wirken.

Hedgefondsmanager leihen sich gerne Aktien, welche sie als überbewertet betrachten. Dies kommunizieren sie dann auch breit und grossmütig. Berichte von Hedgefonds werden natürlich angezweifelt, man kennt ja die Absicht dahinter, aber der Privatanleger blickt da kaum durch. Folglich werden die Aktionäre scheu, Kleinanleger neigen gerne zu Panikverkäufen, und stossen die vermeintlich wertlosen Papiere ab.

Und wo viel Aktien verkauft werden, Nachfrage fällt, rauscht der Preis in den Keller.

Ausser bei GameStop. Wenn die Aktionäre denken; Und jetzt erst recht und zukaufen! So lange, bis der Handel ausgesetzt wird, aber dies ist ein neues Thema.

Und so verlor der Hedgefonds Melvin Capital mal eben 6 Mrd. Dollar.

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Wie man Sch… rott zu Geld macht.

Klugscheissen am Freitag, zum Thema GameStop shorten kurz erklärt.

Wie verdient man Geld mit einer Firma, welche eigentlich schon tot ist.

Wahrscheinlich wünscht sich so mancher, wie ich auch, just heute wieder einmal eine Zeitmaschine. Als Plan B eine Kristallkugel. Nur 3 Monate in die Zukunft blicken und einen Börsenkurs studieren.
Wir hätten Ende März letzten Jahres unser letztes Hemd und die Namen der Erstgeborenen verpfändet, alles in Tesla gesteckt und die letzten Tage mit 700 Prozent wieder verkauft. Wir sprechen hier von einer Firma welche gestern verkündete, das erste Mal einen Jahresgewinn erwirtschaftet zu haben.

Aber wir müssen nicht so weit reisen. Hätte ich vor 3 Wochen GameStop-Aktien erstanden, würde ich nun leben wie die Made im Speck. Dank eines Gewinnes von 2000 Prozent.
Es geht noch kürzer; nach einem Einbruch gestern Abend hat sich der Preis bereits wieder verdoppelt.

Warum zum Teufel haben wir also keine GameStop Aktien gekauft?
Weil GameStop eigentlich schon lange tot sein sollte. Weil kein vernünftiger Mensch die Aktien einer Firma kauft, welche die Zeit verschlafen hat. Wie eine Firma, welche beim Wort „Download“ euch irritiert anschaut und fragend auf die VHS-Kassette zeigt, welche sie euch soeben verkaufen wollte.

Die Geschichte zeigt uns, wie man mit wertlosem Plunder Geld verdient. Wir erinnern an die Schrott-Papiere 2008 welche uns global in eine Finanzkrise gestürzt haben. Also nicht alle. Die einen haben einen ganz guten Schnitt gemacht.
Das Geheimrezept nennt sich shorten.

Mit einem Short sichert man sich gegen fallende Kurse ab. Oder reitet die Firma gleich aktiv in den Ruin.

Ich sehe also, dass GameStop in den letzten Zügen ist. Die Aktie liegt bei dreissig Dollar.
Nun biete ich eine Short-Option an. Ich verkaufe die Aktie für 25 Dollar in zwei Wochen. Sagen wir 1000 Stück. Der Clou ist, ich besitze überhaupt keine Aktie. Es ist ein Leerverkauf.
Mein Riecher hat mich nicht betrogen, GameStop serbelt wirklich in den Keller und ist nur noch 15 Dollar wert.
Also decke ich mich gemütlich mit den 1000 Aktien für 15 Dollar ein und verkaufe sie für die 25 Dollar. Die zehn Dollar pro Aktie sind mein Gewinn.
Und so habe ich Geld mit einer Firma gemacht, mit welcher eigentlich gar kein Geld zu verdienen wäre.

Es hätte natürlich auch anders kommen können. Aber das Schöne, aus Kapitalistensicht, shorten ist an sich eine selbst erfüllende Prophezeiung. Denn je mehr Short-Optionen im Umlauf sind, desto mehr schwindet das Vertrauen der Anleger und sie beginnen die Aktien abzustossen. Der Untergang ist garantiert.

Theoretisch.

Denn mit GameStop wollte die Wallstreet genau dieses Prozedere durchziehen.
Und dann kamen die jungen, unbekümmerten Spekulanten.
Wir können dies mit einem Flashmob vergleichen. Nur, statt in einer Bahnhofshalle zu tanzen, verabredeten sie sich zum Aktienkauf. Und dies zu Millionen. Und plötzlich geht GameStop durch die Decke.

Ein Lehrer sagte mir einst, bezogen auf die Telekom-Aktie, nie kaufen, wenn die Hausfrauen ins Geschäft einsteigen. Dies ist nicht sexistisch gegen Frauen, also klar, irgendwie schon, aber es besagt eigentlich nur, dass man nicht aufspringen soll, wenn jedermann die Aktie kauft.
Jedermann sieht den Kurs und sagt „ich will auch“. Ohne jegliches Hintergrundwissen. Sonst würde man ja nie eine GameStop-Aktie kaufen.
Aber durch diese Eigendynamik steigt und steigt sie, bis…

Es ist klar, irgendwann ist Schluss und die Schlittelfahrt zu Tal wird wohl rasant sein. Eine Börsenweisheit lautet auch, die Aktie steigen mit der Treppe hoch und gehen mit dem Fahrstuhl runter.

Aber ich finde diese Entwicklung ganz witzig und mal ehrlich; nach 2008 freut es uns doch alle, wenn der kleine Bürger den Finanzhaien gegen das Schienbein tritt.

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Zu erschöpft, einen Titel zu tip…

Noch wenige Stunden und ich habe es geschafft.
Eine ganze Woche nichts gearbeitet.

Ja, wir wollen es nicht schmälern, dies ist sogar für einen Bundesangestellten eine ordentliche Leistung!

Montags bin ich noch los, mit der Sonne im Herzen und einem Lied auf den Lippen. Beinahe pünktlich im Betrieb eingetroffen und voller Elan den Schreibtisch umrundet. Die pflichtbewussten nehmen ihr Notebook nach Hause, man rechnet jede Minute mit der Apokalypse. Ich bin mir jedoch sehr gewiss, auch wenn der Büroturm einstürzt, wird meine kleine Schreibtischecke noch unbeschadet da stehen, dass ich einen Platz finden und sofort mit der Arbeit beginnen möge. Deswegen bleibt auch das Notebook hier, fährt nun hoch und erwartet die wichtigen Mailnachrichten.

Da meine Assistenz noch nicht da war, ja, wäre da Arbeit vorhanden, könnte ich diese sogar delegieren, legte ich vorsorglich selber ein neues Paket Papier in den Drucker. Vom Umweltschutzpapier aus irgendwelchen Sandwich-Tütenleichen bis hin zum handgeschöpften, schneeweissen und shiny beschichteten 200 Gramm Papier. Denn etwas, was in einem ordentlichen Bundesbetrieb immer läuft, ist das Vernichten von Bäumen.
In meinem Fach hatte ich vier Versionen des Ferienplan auf blütenweissem A3 in Urkundenstärke, weil letzte Woche einer seine Urlaubsplanung geschoben und wieder rückgeschoben hatte.
Als ich an den Schreibtisch zurückkehrte, wartete da der Chef mit dem Ausdruck in der Hand; „Dies habe ich dir eben als Mail gesendet…“

Ich trauere dem Faxgerät nach.
Die Anrufe; „Du, ich habe dir eben ein Fax gesendet, es geht um…“ hatten doch einfach ihren Charme.

So gegen halb zehn weckte mich der Klinkenputzer. Ja, wir haben eine Kolonne, welche jeden Tag zweimal patrouilliert und jede Klinke desinfiziert. Finde ich saumässig wichtig. Könnte mich schlau machen, aber behaupte nun einfach, dass die Sache in ihrer Sinnhaftigkeit irgendwo zwischen einer Traktorenlieferung in ein Drittwelt-Land (Kinder meiner Generation kennen die Problematik) und einer Corona-Impfung für einen 101-jährigen rangiert.
Also der Herr Klinkenputzer mag wohl die aktuellen Viren und Hinterlassenschaften abwischen, aber wenn jemand nach 5 Minuten hingrabscht, sind wir soweit wie vor der Aktion. Aber drei Personen verdienen so ihr täglich Brot und ich muss ihnen zugute halten, sie arbeiten zumindest für ihr Geld.
Das „Guten Morgen“ und „Grüäzi“ des Herren mit der Schirmmütze und den unanständig neuen Adidas-Schuhen wird jeden Tag ein wenig zynischer, ich fühle mich ertappt. Und mit jedem Tag geht er mir ein wenig mehr auf den Senkel. Zu Beginn war er ein wenig mein Lichtblick; sieh dir den an, es könnte noch schlimmer kommen. Mittlerweile stehe ich kurz davor, ihm Sprühflasche und Lappen zu entreissen, nur um irgendeine Beschäftigung zu haben.

Dienstags erhielt ich ein nettes Telefon.
„Wir müssen ihr Vorstellungsgespräch verschieben… Corona…“.
Wieviel wolltet ihr denn dazu einladen? Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich ein Vorstellungsgespräch will, an welchem mehr als 5 Personen teilnehmen. Hat mehr was von einem heissen Stuhl.
Zudem „Echt jetzt? Ich habe frei genommen und ein Hotel gebucht, weil ihr dies in aller Frühe angesetzt habt!“
„Ja… die HR… Aber kannst ja ein Tag Skifahren oder so… Will Dir nichts versprechen, aber könnte März, eher April werden…“.

Gleichentags setzte ich mich zum Chef-Chef ins Büro.
Irgendwie übergehe ich meinen direkten Chef nicht so gerne, aber der ist dank meiner Vorgänger so sehr in der Illusion gefangen, dass meine Stelle ein 120 Prozent-Pensum erfordert, dass er die Wahrheit nicht sehen will, auch wenn ich in Shorts in meinem Stuhl liege und Mai-Taj aus einer Kokosnuss schlürfe. Und ihn jedesmal auf den Boden der Tatsache zu holen wirkt auf mich, als würde der an Demenz leidende Opa jeden Tag aufs Neue erfahren, dass seine Frau nicht mehr lebt. Nicht, dass ich mir aus seinen Gefühlen etwas mache, aber wie bei Schulkindern, irgendwann muss man auf Bestehendes aufbauen können um vom Fleck zu kommen. Man kann nicht jeden Tag aufs Neue das Geheimnis von 1+1 ergründen.
Und deswegen greife ich eben auf den Chef-Chef zurück.

„Was denkst du, kannst du deine Arbeit auch im Home-Office erledigen?“
Dies fragte er mich tatsächlich und ich war einen Moment sprachlos. Mich, der ihm seit 5 Monaten in den Ohren liegt, ich würde eigentlich gerne arbeiten und nicht nur präsent sein und gut aussehen.
„Zeitung lesen kriege ich zuhause hin. Denke ich. Ja, ich bin mir ziemlich sicher.“
„Ja, wir müssen ja prüfen ob es geht…“
„Falsch, es ist kein Wunschkonzert. Wir müssen ins Home-Office. Punkt. Und wenn wir gleich so nett plaudern. Wir müssen an den Arbeitszeiten schrauben. Ich sitze wegen der Präsenzzeit jeden Tag zehn Stunden hier und habe Arbeit für vielleicht eine. Wenn ich sie strecke.“
„Ja, die Zeiten haben wir schon lange…“
„Wunderbar, dann ist der Januar ja ein perfekter Zeitpunkt, das System zu überdenken.“

Wenn der Chef-Chef etwas bespricht bedeutet dies leider noch lange nicht, dass ich darauf eine Antwort erhalte. Denn im Gegensatz zu mir hält er den Dienstweg ein und geht zu meinem Chef. Und bei meinem Chef habe ich eine Hol-Schuld, weil er irgendwie stets um Worte ringt und nichts zur Sprache bringen kann.

Donnerstags hiess es; „Also wenn du mal denkst, die Arbeit gehe im Home-Office… also wenn du es schaffst, das alles… ungeniert einfach im Kalender eintragen… und sagen“.
Mögt ihr dies auch? Dieses „Ja mach einfach. Aber frage mich vorher“.
Im Geiste sah ich mich schon im verlängerten Wochenende; „Gut, morgen bleibe ich zuhause.“
„Hmmm, ja… also Morgen… der Chef und ich haben eine Konferenz… gut, der Max wäre auch noch da… aber irgendwie…“
„Soll ich her kommen?“
„Ja… also ich weiss nicht… vielleicht“
„Also, ich komme morgen ‚arbeiten'“.
„Ja gut… wenn du willst… ja, vielleicht wäre es nicht schlecht…“

Ich startete heute mit dem Lesen von „Laufen, Essen, Schlafen“. Also eigentlich bin ich bald fertig, habe schon Anfangs Woche begonnen. Eine Frau, welche ihren geschätzten Job aufgab um nur noch Fernwanderwege zu absolvieren. Wie einfach müsste es mir fallen, den verhassten Job zu schmeissen? Aber da steckt einfach zu sehr Schweizer in mir. Ja was machst du denn im Alter. Du brauchst doch eine Arbeit. Die Krux ist, dass ich mit grösserer Gewissheit sagen kann, dass ich mit 65 nicht mehr trekken kann, als dass ich behaupten könnte, ich hätte mit 65 eine gesicherte Altersvorsorge. Also eigentlich sollte man, aber… Eben. Zuviel Schweizer in mir.
Gegen zehn Uhr, während des Lesens der Zeitung wurde ich gewahr, dass ich ja die Börsenkurse checken wollte. Verkaufte gestern Mittag zum perfekten Zeitpunkt Optionen, was mich seelisch über den Tag rettete und wollte heute reinvestieren. Aber alle Titel hatten das Morgentief überwunden, strebten nach oben, also liess ich die Schäfchen im Stall.

Danach war mir nach Gehirnjogging. Ich löste zwei Logistiker-Zwischenprüfungen in VWL und Finanz- und Rechnungswesen. Nicht weil ich Logistiker werden will, sondern weil ich bei einer Bewerbung aufgrund Ermangelung dieser Ausbildung ins Hintertreffen geriet, und mir dies am Selbstwert nagt. So in etwa: „ja, ich sehe, sie können Lastwagen, Frachtschiffe und einen Airbus lenken, aber wir suchen jemanden, der den Staplerausweis besitzt, sie verstehen…“
Obwohl ich diese Entwicklung als Wink des Schicksals sehe, welches mich in einer Weise gewiss vor grösserem Übel bewahrte.

Grösseres Übel, als täglich zehn Stunden Löcher in die Luft zu gucken?

„Hoi, wie gehts?“
Ich weiss nicht, wie ironisch ich mein „wunderprächtig“ auf diese tägliche Frage des Chef-Chef noch formulieren kann, bis er diese sinnentleerte Phrase lässt. Nachteil der Maske, Emotionen gehen unter.
Natürlich könnte ich darauf eingehen, aber irgendwann fühlt man sich wie ein trotziges Kind, wenn man gebetsmühlenartig die eigene Unzufriedenheit wieder und wieder runterleiert. Mir ist mittlerweile klar, dass ich die Sache selber regeln muss und freue mich… wollte gerade tippen, wenn ich die Arbeit hier niederlegen kann.

„So Kopf durchlüften… Uff…“
Mein direkter Chef ist beileibe kein böser Mensch, aber eine verdammte Dramaqueen.
Ich könnte schwören, wäre da nicht eine solide Tür dazwischen würde ich jeden Tag um 14:30 hören „Uff, ja… das ist ein schöner Haufen, kein Wunder musste ich so pressen….“.
Der liebe Gott müsste auf Genesha zurückgreifen, weil einfach zwei Hände nicht ausreichen, ihn so oft zu verdammen, wie er den Herrn darum bittet.
„Gopferdammi das Excel versecklet mich…“
Also Excel verseckelt ihn ungefähr fünf Mal pro Stunde und wenn es nicht Excel ist, dann hat der Dienstleister „zwenig Fäde im Bode“ oder sie „hocked in Bern uf de Leitig“. Eigentlich egal, denn auch wenn er nur einen neuen Packen Papier in den Drucker legt, wird der ganze Büroturm darüber informiert, weil er einfach nicht einen Bogen in den Drucker legen kann, ohne zu rufen „Scho wieder das huere Papier fertig…“
Es würde viel weiter reichen, würde er nicht jeden hueren Seich ausdrucken, aber…

So, ich glaube, das wäre es für den Moment. Nur noch 90 Minuten absitzen und ich kann in das Wochenende.
Habt ihr überhaupt eine Vorstellung, wie dünn sich ein solches Wochenende anfühlt, wenn man es sich überhaupt nicht verdient hat? Ja, hätte ich auch nie gedacht. Aber beruhigend, dass ich noch so empfinde.
Denn der eine, wahrhaftige und vollendete Bundesbeamte bin ich erst, wenn ich mich nach einer solchen Woche mit Schweiss auf der Stirn verabschiede und endlich ins Wochenende kann.

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