Fährt ein Schaffhauser in den Tunnel

Was dem BMW-Fahrer der Blinker, ist dem Schaffhauser der Scheibenwischer.
An jedem Fliessband steht da ein Manni oder Kai-Uwe und baut die Dinger in die Karrossen ein. Ohne Aufpreis erhältlich, gerade beim BWM welcher in der Standardausführung nur die Luft im Innenraum gelistet hat. Dennoch fühlt sich der Lenker nicht bemüssigt, diese technischen Errungenschaften zu benutzen.
Es wäre ja nicht so, dass er mit einem Abzieher aus dem Seitenfenster fummeln müsste, nein, nur eine Fingerübung an der Bedienkonsole, welche irgendwo um das Volant liegend platziert ist. Will sagen, die meisten schaffen es im Blindflug auf einem 4 Zoll-Bildschirm eine Textnachricht zu schreiben, gar ohne richtige Tastatur, aber dieser kleine Hebel für die Wischeranlage überfordert Otto-Normal-Lenker.

So herrscht häufig unzüchtiges Treiben in den Schaffhauser Tunnels, mit Schmackes schlittern sich Fahrzeuge in die schnittigen Hintern. Beschlagene Fenster sind schuld daran. Ein Phänomen, welches so nur in Schaffhausen festzustellen ist. Ja, es wurde eigenst eine Task-Force eingesetzt, um diesen Sachverhalt zu analysieren. Ein geschlagenes Jahr wurde gebrütet, Vorschläge ausgearbeitet, Ideen verworfen und ich bin überzeugt, diverse Tunnel im europäischen Raum wurden besichtigt.
Die ausgearbeitete Lösung ist dementsprechend auch ein Geniestreich. Eine bahnbrechende Erfindung, welche den Tunnelbau global revolutionieren wird.

Temporeduktion

Temporeduktion ist das Aspirin des Strassenverkehrs. Hilft einfach immer.
Die knapp zwölfhundert, respektive vierzehnhundert Meter des zweiten Tunnel, reichen dem durchschnittlichen Schaffhauser Automobilisten nicht aus, das Problem der beschlagenen Scheibe zu erkennen, es zu analysieren und entsprechende Gegenmassnahmen einzuleiten. Also muss man ihm mehr Zeit einräumen, dieser unerwarteten Sachlage auf den Grund zu gehen. Wir senken das Tempo. Bisher war die erlaubte Höchstgeschwindigkeit bei 80 Kilometer pro Stunde, was bedeutet, der Verkehr fliesst mit etwa siebzig über den Asphalt. Alles andere wäre Raserei, Drängeln und Nötigen.
Eine Sensorik misst, ob die aktuelle Wetterlage einem Beschlagen der Scheiben Vorschub leisten würde. Ist dies der Fall, wird umgehend die Polizei alarmiert. Klingt sinnlos, ist aber so.
In einem weiteren Schritt, ich sage ja, die Technik ist revolutionär, beginnen Ampeln gelb zu blinken.
Bringt Herr Müller im orientierungslosen Blindflug durch den Tunnel nicht viel, aber Neueintretende werden vor der Gefahr gewarnt. Also nicht vor Herr Müller, welcher gerade blind wie ein Maulwurf aus dem Cholfirst auf die Galerie und durch die effizienteste Radarzone im Kanton, auch Goldgrube genannt, flitzt, sondern vor dem Wetterumschwung im Cholfirst.
Mit der tollen Lichtshow geht die Temporeduktion auf 60 km/h einher. Künftig rollt man also langsamer durch den Tunnel, als ein Stromer E-Bike durch die Fussgängerzone flitzt. Alles andere wäre Raserei, Drängeln und Nötigen.

Das haben die Schaffhauser nun von ihrem Mimimimi zu Handen des ASTRA und das alles nur, weil die Menschen zu faul waren, den Scheibenwischer zu betätigen.
Von den Schaffhausern werde jetzt nun ein wenig Verständnis erwartet, so der Oberpolizist Martin Tanner, dass die Anlage dann und wann vielleicht auch die Höchstgeschwindigkeit senkt, auch wenn trockene Wüstenstürme durch den Tunnel pusten. Ein Schelm wer Böses denkt, wenn er Lars oder Klaus vor dem Tunnelportal stehen sieht.

Wie gesagt, Temporeduktion ist der Schlüssel zu einem tollen Verkehrsnetz. Flurlingen stellt Blumentöpfe in den Weg, baut Hubbel in die Strasse, Beringen setzt gezielt Radfahrer ein um den motorisierten Verkehr im Dorfzentrum auszubremsen, betreibt auf der Engestrecke erfolgreich eine Dauerbaustelle und Löhningen vertraut auf das wilde Parkieren rund um das Schulhaus, welches Automobilisten in einen sehr langsamen Slalomverkehr versetzt.
Der ungekrönte Meister ist jedoch Neuhausen. Durch ein geschicktes Ampelspiel haben sie den Verkehrsfluss so weit gehemmt, dass er eigentlich rückwärts rollen müsste. Würde das noch gehen, aber so findet man sich in einem Stillstand.
Rotphasen von drei bis fünf Minuten, um die Grünphase nicht zu verpassen, sollte man tunlichst nicht zu oft blinzeln. Das einzige Phänomen ist, dass sich dieser Knäuel von Bussen, Lastwagen und Autos nach 19 Uhr irgendwie wieder auflöst, obwohl sich auf einen flüchtigen Blick hin kaum ein Fahrzeug schneller als im Kriechtempo bewegt hat.

Nicht ganz so bescheuert sind unsere nördlichen Nachbarn in Jestetten. Um die bösen Pendler und Edeka-Kunden zu piesacken, wollten sie das Tempo durch die Ortschaft auf dreissig Stundenkilometer senken. Flüsternd durch den Ort, den Lärm reduzieren.
Ein kluger Kopf wies jedoch darauf hin, dass tagsüber kaum ein Fahrzeug die flotten 30 km/h erreicht.
Und sind wir ehrlich, bis die Warteschlange für die Ausfuhrscheinstempelung vom Zoll bis zur Aldiparkplatz-Ausfahrt reicht, dauert es auch keine Jahre mehr.
Nun ist das Tempo eben Nachts reduziert. Weil irgendwo muss man das Tempo reduzieren.

Was bisher noch keiner in Angriff genommen hat, ist den Schaffhauser einzubleuen, dass man in Deutschland ausserorts mit 100 Sachen fahren darf. Ja, auch zwischen Neuhausen und Jestetten. Oder, dass ein Kreisel nicht erst befahren werden darf, wenn er zehn Sekunden absolut leer war. Und wo die Linie nicht durchgezogen ist, darf man Brummis überholen.
Aber dies ist eine andere Geschichte…

Veröffentlicht unter Vom Leben und gelebt werden | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentare deaktiviert für Fährt ein Schaffhauser in den Tunnel

Zukunftstag

Heute war Zukunftstag in der Schweizer Arbeitswelt.
Früher nannte man dies Vater-Tochtertag, um Mädchen Einblick in die andere Seite der Berufswelt zu zeigen. Irgendwann wurde die Sache auf Mütter und Söhne ausgeweitet und heute bringt einfach jeder alles mit zur Arbeit.
Quasi den lebenden Beweis für die Zeugungsfähigkeitsbescheinigungs-Aufkleber auf der Heckklappe des Mini-Vans vorweisen.

So wuselten auch irgendwelche Gören durch meinen Bundesbetrieb und straften damit Darwin mit seiner natürlichen Selektion lügen. Nicht alleine, weil nach Darwin nur die Stärksten überleben, sondern auch die sexuelle Selektion, welche entscheidet, welche Lebewesen überhaupt einen Partner zur Fortpflanzung finden.

Möchte sagen; Wenn schon die Wahl auf einen permanent meckernden und notorisch unzufriedenen Bundesbeamten mit Bauch und schütterem Haar fällt, wie muss mich mir dies praktisch vorstellen?
Der Akt als solches bedingt immerhin eine gewisse Standhaftigkeit. Ganz zu schweigen davon, dass es bei allem Vergnügen doch auch ein Mass an körperlicher Leistungsbereitschaft voraussetzt. Wer sich gewohnt ist, aufzuhören, bevor es in Arbeit ausartet wird nie über die Ziellinie laufen. Auch der Blick auf die Uhr; „Lass uns für heute Schluss machen, morgen müssen wir auch noch was zu tun haben“ versetzt die Gattin wohl kaum in Ekstase.

Nun gut, wir lernen, auch Menschen, welche sonst nicht viel auf die Reihe bringen pflanzen sich fort. Lehrten uns eigentlich schon die Talkshows im Privatfernsehen und die jährlichen 4,5 Milliarden für Hartz IV sprechen für sich.

Angesichts dieser Erkenntnis frage ich mich natürlich, ob denn nicht gerade ich in der Pflicht stehen würde, meine Gene weiterzugeben. Perfekte Gene! Eine mensch gewordene Maschine mit unbegrenzter Leistung und überragender Intelligenz.
Gewiss, ich habe auch meine Fehler. Aber ich bin zuverlässig. Ich mache keine halben Sachen. Menschlich und beruflich. Warum übernehme ich denn in zwei Wochen die Einkaufsabteilung? Weil ich eine saubere Weste habe. Weil ich politisch in Ordnung bin. Weil ich alle Tricks kenne. Weil mir keiner was vormacht.

Selbstverständlich, bei neunzig Prozent der mit Nachwuchs gesegneten Paaren denke ich mir, uff, besser ihr als ich.

Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose

Da gibt es zum Beispiel diese Frau, ein wenig jünger als ich, welche in der Schule… wie soll ich sagen; Sie wäre nicht direkt Ballkönigin geworden, aber man wäre auch kein Sauhund gewesen.
Heute trägt sie Leggings, schwarz und abgewetzt, mit den obligaten Hundehaaren, weil dies wohl einfach bequem ist. Also die flexible Hose, nicht die Hundehaare. Man kann sie Tag und Nacht tragen und ist nur bedingt an eine Kleidergrösse gebunden. Schuhe von Billy, nimm drei, bezahl zwei und erhalte einen OTTO-Gutschein, eine Fleece-Jacke aus der Dienstzeit bei Denner rundet das Gesamtwerk ab. Das Gesicht erinnert an eine Wasserleiche, mit so viel Farbe bestrichen, als würde Bob Ross im Spiegelschrank sitzen.
Gewiss hat der ‚NEIN NICHT‘-Justin auch einen Daddy, kaum denselben wie die Mandy-‚Komma her!‘ und ob dieser oder eben jener noch das Ausziehsofa mit der adretten Mama teilt, entzieht sich meiner Kenntnis.
Genau da drin liegt eine meiner Hemmschwellen. Nicht, dass ich einer kognitiv beeinträchtigen Plattenbauprinzessin einen Balg anhänge, sondern, dass ich dereinst in einem Plattenbau hause, weil 80 Prozent meines verfügbaren Einkommens per Gesetz an die Mutter meines Nachwuchses überwiesen wird.

Und dieses Schicksal kann jeden treffen. Zumindest glaube ich nicht, dass Mann dies bereits schon so kommen sieht, wenn er auf der Pont des Art einen Kniefall macht. Heulte sich doch Montags ein Arbeitskollege bei mir aus, er hätte seine Kinder nicht sehen dürfen, weil die einstige Partnerin fürs Leben, mit Unterstützung ihres neuen Lebensabschnittspartner, die Kinder gegen ihn aufgehetzt habe. Und er ist nun wirklich einer dieser Menschen, welche einem stets zur Hand gehen und auch noch ihr letztes Hemd geben würden. Gibt er wortwörtlich, denn seit der Trennung dreht er den Rappen zweimal um.
So musste ich Montags fünf Minuten nach sieben eingestehen, so furchtbar war mein eher langweiliges Wochenende gar nicht.

Dann sind noch die zehn Prozent der Bilderbuch-Familien. Jene, bei denen einfach alles rund lauft. Wenn diese stolpern, dann nur, um den Goldklumpen zu finden, welcher im Weg lag.
Schleppt der TCS ihre Karre in die Werkstatt, sind sie die hundertdreiundzwanzigsten Kunden, was ihnen einen nigelnagelneuen Mini-Van und Tankgutscheine für drei Generationen beschert.
Und stirbt der Ur-Opa, tröstet neben den zehn Millionen noch dieses hübsche Häuschen am Bergsee über den Verlust hinweg.
Glücklicherweise bin ich nicht so naiv, diese Krankenkassen-Werbe-Flyer-Familien als Standard zu sehen.

Nichts desto trotz, sind es natürlich diese Eindrücke, welche einem dann manchmal überlegen lassen, ob man vielleicht nicht etwas verpasst.
Aber ich denke, solange mir Win-for-life nicht die monatliche 4000-Franken-Rente schenkt – und ich arbeite wirklich hart daran, bei jeder Tankfüllung investiere ich 5 Franken – nehme ich dies als Wink des Schicksals.
Und irgendwann ist man für solchen Kinderkram dann auch zu alt.
Nicht, dass es dann heisst ‚So, begleitest du deinen Opa an den Zukunftstag?‘

 

Veröffentlicht unter He works hard for the money, Kurz nachgedacht | Kommentare deaktiviert für Zukunftstag

Wohlfühlen bei ‚Bauer, ledig, sucht‘

Was den deutschen die Inka, ist uns der Fritsche. Genau, ich spreche von der Bauer-Kuppel-Show.
Mitunter eine der wenigen Sendungen im deutschen Fernsehen, welche nicht aus der holländischen Endemol-Schmiede stammt.

Es gibt gewisse Kriterien, welche ein Bauer einfach mitbringen muss, um in diesem Format aufgenommen zu werden. In erster Linie darf er nicht Durchschnitt sein. Der Hubert aus deinem Dorf, welcher auf dem Hof alleine lebt, Mitglied im Turnverein ist, das Feldschiessen besucht und als einziger negativer Punkt am Herbstsonntag den Servierschlitten des Damenturnverein in das Dekollte geifert wird kaum bei 3+ über den Bildschirm flimmern.
Der kuppelwillige Bauer sollte zwischen vierzig und sechzig Jahren alt sein. Also beziehungstechnisch „öppe de letzt Zwigg a de Geesle ha“. Fünfundvierzig Lenzen, noch nie eine Beziehung gehabt, optisch hinter manchem Sechzigjährigen anzusiedeln und die Mutter macht seine Wäsche; so greift man wohl am tiefsten in die Geldkiste von 3+.

Natürlich sind die Produzenten flexibel. Der Landwirt darf schon in den zwanzigern sein. Also in einem Alter, in welchem man ihm durchaus attestieren würde, auch ohne Fritsche eine Partnerin zu finden. Dieses telegene Manko sollte er durch seinen Auftritt wettmachen. „En Chrumme“ oder „En Balke“ zwischen die Lippen, ein Gang mit der lethargischen Dynamik eines Beamten und Sprüche von der Tiefe wie „Nach zwei Bier hesch g’ässe…. aber no nüt trunke“ runden das Profil von Lukas (24) fernsehtauglich ab.

Über vierzig isch schon einfacher. Nur schon, weil er mit Mutti den Hof, die Küche und das Bad teilt. Die Frau Mama ist sich sehr wohl bewusst, dass hier irgendwann die Schranken falsch gestellt wurden, schreibt es jedoch der Exklusivität ihres Sohnemannes zu. Er ist ganz ein spezieller und nimmt daher auch nicht einfach jede. Also würde er schon, aber die Fahrerin des Milchlasters ist lesbisch und die Verkäuferin im Volg seine Schwester. Was kein Hinderungsgrund sein muss, doch sie hat bereits auswärts geheiratet. Lebt am anderen Ende der Welt. Im Nachbardorf.
Mama stört es nicht, dass ihr Walter (52) noch die Füsse unter ihren Tisch streckt. Er bleibt ein anständiger Bub und sie ist versorgt, bis sie in die Grube fährt. Wie es eben sein soll.

Dies sind die Bauern, welche mir und weiteren Zuschauern meines Geschlechts ein gutes Gefühl vermitteln. Man liegt in der Trainerhose auf der Couch, hat dies mit den Beziehungen vielleicht auch nicht so richtig auf die Reihe gekriegt und ergötzt sich daran, wie die Bauern in ihrem Balzverhalten keinen Fettnapf auslassen. Bewusst, dass 3+ die ärmsten Hunde ausgewählt hat, zögern wir nicht, diese auf den Level des Durchschnitts-Mitbewerber zu heben und fühlen uns gut, weil wir ja so viel besser sind.

Männer wollen die Bauern und Bewerberinnen scheitern sehen, je dümmlicher desto besser. Frauen suchen das ergreifende. Frauen wünschen sich tatsächlich, dass sich diese Trauergestalten im Fernsehen verlieben. Also wenn sich zwei finden ist das uuuh schön und romantisch. Ist es noch ein Paar, welches bei Tageslicht besser nicht den Stall verlassen sollte, ist es noch viel herziger. Ersteht ein Bauer eine russische Schönheit, ist er ein alter Grüsel, steckt er einem übergewichtigen, hinkenden Heimchen gewandet im schönsten Brocki-Chic die Zunge in den Hals, rührt das zu Tränen.

In jeder Staffel muss noch eine Frau dabei sein. Isabel (37) ist nun nicht direkt vom Mailänder Laufsteg nach Solothurn gestolpert, aber, wie man unter Männern salopp sagt, „En Sauhund wärsch nid…“. Es kommt ihr auch zugute, dass unter Blinden der Einäugige König ist.
Weswegen sie bei Frauen auch gleich untendurch war. Da müsste mehr Hintern ran, das ganze in eine weite Elefantenjeans, der Push-Up sollte einem Unterhemd weichen und das enge Hemdchen durch eine Faserpelzjacke der Ebenalp-Bahn ersetzt werden. So hat eine Bäuerin auszusehen.
In den Augen der Frau war diese Isabel so attraktiv, dass sie sich nicht einmal beruhigten, wenn sich die Männer über ihr nervtötende Ausdrucksweise echauffierten.

Dabei wurde für die Damen doch extra der Sven (26) eingeführt. Ein Kandidat, welcher einfach nur langweilig ist. Keine offensichtlichen Defizite, dafür ein Sixpack. Der Hof gleicht nicht einer Müllhalde, dafür eine frisch renovierte Wohnung mit edler Küche. Arbeitet hart, der Betrieb riesig und wirklich schlecht wird es ihm wohl nicht gehen. Er muss wohl eine Wette verloren haben. Im Stil von, ich kann meinen New-Holland T4 nicht an der Hinterachse hochstemmen, ups, ich habe es doch geschafft, und nun musste er sich eben für ‚Bauer, ledig sucht‘ bewerben.
Wir wollen diesen Kandidaten nicht sehen, das gefällt uns nicht. Es fehlt das wohltuende „Ha, ich bin besser als du“-Gefühl.

Frauen mochten ihn auch nicht. Vielleicht, weil er die Bewerbungsschreiben wie ein Mann aussortierte. Mit dem Fokus auf den Fotos. Zu dick, zu alt, mag Pferde, zu kurze Haare…
Auf die Damenwelt wirken die übrigen Bauern sympathischer. Wenn sie versuchen die Zeilen zu entziffern. Eine mit Legasthenie geschlagene Dame schreibt mit einem südernden Füllfederhalter ein gegoogeltes Gedicht auf eine rote Papierserviette, während die hungrige Katze bei jedem herzförmigen i-Punkt den Ellbogen stupst.
Bauer Lukas, hat in der 5 Klasse die Primarschule geschmissen weil der Marschbefehl für die Rekrutenschule im Briefkasten lag, versucht dies nun zu entziffern und lädt die Dame sogar noch ein. Das wollen Frauen sehen, Männer, welche auf inneren Werte, die persönlichen Zeilen schauen und aufgrund des netten Anschreiben ihre Wahl treffen.
Liebe Damen, auch Lukas und Freunde schielen auf die Fotos. Ja, man sieht ihnen jeweils förmlich an „wie de Lade abe goht“ wenn sie die nicht immer ganz aktuellen Bilder betrachten.  Aber da sie nunmal zwischen Pest und Cholera entscheiden müssen und Mutti findet, die sähe doch ganz nett aus, wirkt es, als wäre ihnen das Aussehen egal. Und entscheiden müssen sie, weil dies gewiss im Vertrag steht.
Wobei, meine Insiderquellen steckten mir, der Marcel aus dem oberen Kantonsteil hätte eine Dame wegen ihrer korpulenten Erscheinung vom Hof gejagt, was ihn irgendwie sympathisch macht. Ist das warten auf den guten Marcel doch die Ausrede, warum wir Schaffhauser und Umgebungs-Schaffhauser diese Sendung überhaupt schauen.

Entschuldigung, haben sie ein paar Minuten um über unseren Erlöser Jesus Christus zu sprechen?

Was noch fehlt ist der Bauer mit dem Knall. Also jener, welcher rein oberflächlich betrachtet nicht die schlechteste Partie wäre aber dann doch komisch ist. Ganz alle Latten am Zaun hat keiner der Landwirte, Bauer Sepp (62) mal ausgenommen, aber beim Stefan (32) überhupft doch mehrmals täglich ein Rädchen. Dann kniet er vor dem Altar im Wohnzimmer nieder und betet den Rosenkranz. Nein nein, das Glauben an sich ist nicht verkehrt, aber die Zweisamkeit sucht er darin, dass seine Hofdame neben ihm ebenfalls die Knie auf dem Parkett aufscheuert.
Auf das Bettlaken hat er ein Verhütungsmittel gelegt, welches Crocs und Elefantenhosen an zuverlässigkeit in nichts nachsteht; Den Wachtturm und Werbeflyer für den Glauben.
Seine Mutter begrüsst er förmlich mit Knicks, der Esstisch ist ausgelegt für mindestens elf Kinder. Eine Obergrenze setzt er nicht fest, die Anzahl liegt in Herrgotts Hand, in Abhängigkeit von der Gebärfreudigkeit seiner Gattin.
Natürlich hat er die Sache in die Binsen gesetzt. Nur schon durch die Tatsache, dass in seiner Wertschätzung Frau und Kinder irgendwo zwischen der Kuh Olga und seinem Fendt Turbomatik rangieren. Was doch völlig normal sei, über ihm sei schliesslich nur noch Mutter Maria angesiedelt und die Partnerin möchte dies doch freudig akzeptieren.

Unterm Strich haben dennoch viele Bauern einen guten Schnitt gemacht. Will sagen, sind mit einem blauen Auge und dem Obolus von 3+ davon gekommen.
Klar, der Sepp hat seine Dame behalten, aber dies war eher eine pragmatische Entscheidung. Er wollte einfach ein Gspusi. Hätte ihm 3+ einen jungen Ziegenbock auf den Hof geschickt, hätte er auch diesen genommen. Kopfkino an.

Bauer Christian (45, sieht aus wie 54), ist die Hofdame wieder davon gelaufen. Bevor er überhaupt drei komplette Sätze formuliert hatte, fühlte sie sich eingeengt und in eine Form gepresst, so was würde sie nie mehr mit sich machen lassen! Nach gängigen Massstäben hat er es versemmelt, ich würde jedoch sagen, Schwein gehabt.

Gleich mehreren wurde bewusst, dass sie eigentlich gerne eine Dame hätten, wiederum an ihrem Leben so gar nichts verändern möchten. Was heisst, entweder passt sie nahtlos in dieses hinein oder sie würde mehr stören als bereichern. Unterm Strich fahren sie wohl günstiger, wenn sie ihren Trekker einmal die Woche auf den Parkplatz des Nachtclub Flamingo lenken.

Dass das Kaugörl Isabel keinen Mann sucht war schon klar, als gesendet wurde, dass sie  ihre Räntsch mit dem Ex-Bätscheler Rentsch betreibt. Sie wollte einfach nur kostenlose Promo und es hat geklappt.
Tom, welcher jeden Satz mit einem „hä isch jo klar“ beendete, konnte trotz Dodge Pick-Up nicht punkten und musste gehen, nachdem er nackig den Stall mistete und sich einen Saunabesuch erkämpfte. „Gseht ganz scharf us, das gfallt eme Kauboy wie mir, isch jo klar“, schlug Isabel in die Flucht.
Von Roger schien da weniger Gefahr auszugehen, brachte er beim sprechen kaum die Kauleiste auseinander. Nachdem er sehr intim Isabels Ellbogen gestreift hatte war jedoch auch hier der Mist geführt.
Nachdem nun die Talentsucher bei 3+ begriffen haben, dass das Lüften des Stetson auch gleich das Ende der fallenden Hüllen darstellt, wird der Senderaum künftig wohl quotenträchtiger vergeben werden.

Bis dem Marcel aus Schaffhausen eine Hofdame genehm ist, bleibt uns nur die Schlafmütze Benjamin, 24, trägt das T-Shirt in der Unterhose, und seine sich stets beklagende Lea, welche sich noch vor dem Frühstückskaffe dreizehn Valium reinpfeifft.

Für alle, welche künftig die Sendung verfolgen möchten, schliesst doch für einen Moment die Augen. Nicht um der Besinnlichkeit willen, aber Aussagen wie „Mueschen ganz is Muul nä, suscht sprützts uf Kleider“ beim Obst essen sind von den 3+-Regisseuren einfach excellent geschnitten.

Gesucht wäre an dieser Stelle eine Dame, welche sich mal für einen Bauern bewerben möchte. Wäre neugierig, wie das so abläuft.

 

Veröffentlicht unter Vom Leben und gelebt werden | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentare deaktiviert für Wohlfühlen bei ‚Bauer, ledig, sucht‘

Frauen sind auch…

Schon lange nichts mehr gekommen…

Sprach ein Arbeitskollege während der Vesper. Auf dem Smartphone mein Blog. Aus der Tatsache, dass er meinen Blog kennt könnt ihr schliessen, dass es nicht einer der üblichen Verdächtigen ist. Ihr wisst schon, jene liebenswerte Arbeitsgesellen, welche der liebe Gott kurz vor Dienstschluss noch auf diese unsere Erde geworfen hat. Mit einem Bein schon im himmlischen Pub, labend am Feierabendambrosia.

Recht hat er der gute Mann. Mein letzter Eintrag erschien vor genau zwei Monaten. Eine Prise Selbstmitleid schwappte in einer Scheffel Ironie als ich mich über die digitale Partnersuche ausliess.
Nun, die letzten zwei Monate verbrachte ich daraufhin damit, zu zweit Probleme anzugehen, welche man sich alleine noch nicht einmal ersinnen kann.

Mit dem Schreiben ist es leider nicht wie mit dem Radfahren. Man kann es tatsächlich verlernen. Wie das Leben in der Partnerschaft auch.
Nach mehr als einem Jahr Single-Dasein sollte der Homo-Sapiens in einen Lebensabschnittspartner-Kurs. Für den Weltfrieden.

Wie es klassisch so läuft. Man will es irgendwie langsam angehen. Sich beschnuppern. Man ist ja reifer und älter, weiss, dass es mehr als einen durchgeknallten Schmetterling in den Innereien benötigt um eine Sache mit Hand und Fuss zu gestalten. Halt… falsche Metapher.
Also irgendwie gingen wir die Sache so richtig überlegt an. Züchtig wie Klosterschüler. Erst nach dem zweiten Date wachte ich in fremden Laken auf und überlegte, will ich diesen Weg nun wirklich beschreiben.
Man gewöhnt sich ein wenig an das Singleleben. Sonntags im Morgenmantel auf dem Sofa, die Füsse auf dem Wohnzimmertisch, links die Kaffeetasse, rechts das trocken Brot auf dem Teller. Die schwierigste Entscheidung an diesem frühen Morgen besteht darin, ob man nun bei Peter Lustig hängen bleibt, oder noch bis zum Disney-Channel durchzappt.

Versteht sich von selbst, dass man nun aufrecht an einem Tisch sitzend das Frühstück einnimmt. Kurz hatte ich gar meines Vaters Stimme im Hinterkopf. „Ellbogen vom Tisch!“, erklang der Ruf der guten Kinderstube, als ich versuchte den Bröselregen der Frischbacksemmel auf den feinen Porzellanteller zu konzentrieren und mir den Honig nicht bis zu den Ohren zu schmieren.
Ein Deja-Vu. Sass ich doch unvermittelt bei einem Brunch.
Dass wir uns richtig verstehen; Es ist nett, im Pyjama zusammen zu frühstücken. Während ich jedoch eher der Brot-in-der-Küche-schmier und Messer-auf-den-Rand-der-Spüle-legen-Typ bin, verschwindet die Gemütlichkeit unter einem Berg Geschirr. Da werden aufgeschnittene Wurstwaren auf einem Teller drapiert. Neben Joghurt, Nutella, Knuspermüsli, Fruchtsaft, Fruchstückchen, ein Teller Rührei, ein Fingerhut Kaffee und ein gekochtes Ei. Drei Minuten. Zufällig drei Minuten.
Die Konfitüre in so kleinen Gläsern kredenzt, dass man sich nicht traut, mehr als einen halben Millimeter der süssen Köstlichkeit auf das Brot zu streichen. Viel mehr gibt das Gläschen auch nicht her, kriegt man doch kaum die Messerspitze in das Gefäss. Dafür hat man 9 verschiedene Sorten. Wenn man bedenkt, dass ich mit einem Topf Honig vollends zufrieden bin.

Es ist ganz nett und in der Absicht mehr als nur liebevoll gemeint, aber mal ehrlich; Das Laienspiel der Romantik killt sämtliche Eigenschaften, welche das sonntägliche Frühstück doch erst so richtig gemütlich gemacht haben. Die Unkompliziertheit. Bevor man sich in die Manege des Alltags begibt, einfach zu sein wie man ist. Vom Kratzen am Hintern bis hin zum ungehemmten Schlürfen des Kaffees.

Selbstredend, dass die Messlatte gelegt war und mein Kühlschrank am folgenden Sonntag beinahe die Küchenkombination bersten liess, die Tür von einem untergekeilten Stuhl gehalten wurde.
Wie das Amen in der Kirche war es zu erwarten, dass die Dame just an diesem Sonntag gar nicht so richtig Hunger hatte und ich Foodwaste zum Exzess trieb. Weil lecker süsse Joghurts, Käse und Salami in meinem Speiseplan nunmal keinen Platz finden und ihre Haltbarkeit leider begrenzt ist.
Während mein Brot durchaus ein wenig altbacken sein darf, man gibt sich so nicht der Völlerei hin, weil es einfach lecker riecht, wartete ich mangels Bäckerei im Dorf natürlich mit Frischback-Semmeln auf. Das Elektrizitätswerk machte somit auch seinen Schnitt und ganz allgemein darf man sagen, dass sich die Lebenskosten in einer Partnerschaft verdreifachen.
Aber dafür hat man es ja schön. Und ich habe mein Tiptopf gebraucht, weil ich doch tatsächlich nachschlagen musste, wie man das perfekte Rührei zaubert.

Mit dem Essen in einer Zweierkonstellation ist es sowieso so eine Sache.
Die Nahrungsaufnahme dient vordergründig nicht mehr dazu, seinem Körper Nährstoffe zu geben, es ist ein sozialer Akt. Das Essen wird zelebriert.
Über in Öl gebratenem Fleisch und einer Kohlenhydratbombe in Nudelform guckt man sich tief und beschwörend in die Augen und während ich die Kochkünste lobe, rechne ich im Hinterkopf aus, wieviele Kilometer ich pro Gabel Barilla laufen muss um die Bilanz zu retten. Während ich zum Dessert durchaus eine rohe Karotte knabbern kann, liegt selbige nun adrett geschält, klein geschnitten und in feiner Butter gedünstet vor mir. Zum Dessert ein Stück Apfelkuchen. Aber ja doch, gerne mit Sahne, wenn du sie doch schon extra gemacht hast.

Gewiss, ich bin ein undankbarer Kaspar. Aber liebe Damen, ein Sixpack erhält man sich nun einmal nicht mit einem Kartoffelgratin zum Abendessen und kuscheln auf dem Sofa lässt die Schultern auch nicht in die Breite wachsen. Und irgendwann kommt der Punkt, ja er kommt, wo es heisst, früher warst du schon… meinst du „wir“ sollten ein wenig Sport… nun müssen „wir“ aber schon etwas schauen, dass…

Selbstverständlich ein Teufelskreis. Die Krux an der Sache ist, dass man sich eigentlich auch keinen Adoniskörper meisseln muss, wenn man sein Kellerapartement nie verlässt. Es sei denn, man schwingt sich durch die Nacht von Gotham City, aber dazu fehlen mir die Milliarden.

Natürlich ging die Sache nicht in die Binsen, weil mir leckere Speisen serviert und verführerischer Wein kredenzt worden war.
Nur als sinnbildliches Beispiel für die Kompromissbereitschaft. Ich darf sagen, dass wir diesbezüglich den Rank gefunden haben, wie man so nett sagt, und wir letztendlich zum Abendessen auch einmal beide Karotten in Hüttenkäse dippten.

Doch es ist natürlich schon so, dass man sich plötzlich arrangieren muss. Über Dinge diskutieren, welche früher einfach selbstverständlich waren. Du treibst Sport, wenn es der partnerschaftliche Terminplan zulässt, damit das schöne Zweisame nicht zu kurz kommt. Man widmet sich dem televisionären Gehirnfick, weil das Lesen eines Buches einer Abschottung gleich kommt. Ganz zu schweigen vom Tippen auf dem Notebook. Irgendwie will plötzlich alles partnerschaftlich in die Gefilde der Romantik gehievt werden und ist es nur der Einkauf von Toilettenpapier. Hakle dreilagig im Sonderangebot als Stützpfeiler der Beziehung.
Man wird Trägern von akademischen Titeln und Menschen, welche dem schnöden Mammon einen gewissen Wert attestieren zum Frass vorgeworfen.
Ja wie jetzt, in den Ferien wandern… da muss man doch an einen Strand fahren und in einem teuren Hotel logieren… Sonst sind es ja keine Ferien…
Einen Tisch bei Top-Tip kaufen, also sowas käme mir nie in das Haus…
Ein Kunstwerk, diese Sichtbeton-Wände und sieh erst den feinen Boden aus Mahagoni-Parkett und die Rattan-Lounge im beheizten Wintergarten…

13171228at

Man steckt ein wenig fest, das Dilemma zwischen einer philosophischen Grundsatzdiskussion über den Kapitalismus gefolgt von einer Nacht auf dem Sofa oder einfach freundlichem Nicken und Schweigen.

Es ist die Kompromissbereitschaft, welche meinem asozialen Wesen abhanden gekommen ist. Dieses eingehen auf das Gegenüber und nicht einfach dem eigenen Lustprinzip zu folgen. Ich vertrete die Meinung, auch wenn zwei Menschen in einer gewissen Harmonie zusammenfinden, handelt es sich doch noch um Individuen.
Ich nehme einen Kaffee und einen Mandelgipfel.
Ich gerne einen Nussgipfel.
Dann nehme ich auch einen Nussgipfel.
Hinter verschlossenen Türen wird dann die Dreistigkeit der Wahl eins alternativen Süssgebäcks diskutiert, dass das heile-Welt-Salzteigherz am Türzargen wackelt.

Im Generalverdacht stehend, dass ich aufgrund meiner Affinität zu emotionalem Kitsch wie Weihnachtsbeleuchtung und ähnlichem furchtbar romantisch sei, steht mir genau meine merkwürdige Einstellung dazu im Wege.
Es reicht nicht, dass man jederzeit bereit wäre, sich für die Partnerin eine Niere aus dem Leib zu reissen. Es muss bei Kerzenlicht geschehen, Rosenblüten auf dem Boden liegen und das Organ mit einer roten Schleife versehen sein. Sonst ist es nicht richtig und das Ganze hat keine Zukunft.
Vielleicht bin ich einfach zu nüchtern für diese Beziehungswelt.

Veröffentlicht unter Vom Leben und gelebt werden | Ein Kommentar

Neulich, in der Flachleg-App

Um wirklich kompetent über eine Sache lästern zu können, muss man sich mit dieser Sache beschäftigen. Würden sich diese kleine Regel alle Menschen zu Gemüte führen, wären wir nicht nur schrecklich gebildet, es wäre auf dem Planeten wohl auch ein wenig stiller.

Wie oft habt ihr euch auf ein Vorstellungsgespräch so richtig gefreut? Konntet kaum an euch halten, den Chef in spe nicht gleich über die Palmberg-Besprechungsraum-Serie in durchaus lüsterner Absicht zu bespringen?
So ihr einer ehrbaren Tätigkeit nachgeht, wird dieses Bedürfnis wohl kaum aufgekommen sein. Obwohl sich meine HR-Verantwortliche grundsätzlich nicht zu verstecken braucht. Im Präteritum.

Die verführerische Aura eines Assessment-Center umgibt auch Portale wie das „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single“-Portal parship. Habt ihr dies mal hochgerechnet? Im Jahr verlieben sich 47781 Menschen bei Parship. Dabei grosszügig mit einkalkuliert, dass sich Menschen auch mitten in der Tiefschlafphase spontan verlieben. Diese knapp fünfzigtausend repräsentieren 6,3 Prozent der Mitglieder. Die übrigen 700’000 sind vordergründig dafür zuständig, denn 55 Millionen-Umsatz zu stemmen.

paarshipParship ist ja die Börse für verzweifelt, aber nicht mittellos. Oder ganz fest verzweifelt, ich suche die Liebe mit einem Kleinkredit. Und weil es kostet, wird der Geschichte eine gewisse Seriösität attestiert. Obwohl sich wohl die selben Trostpreise tummeln, wie in Gratis-Applikationen, ich musste sie eben kurz googeln, ehrenwort, namens Tinder, OkCupid oder once.
Und dann ist da noch badoo. Im Volksmund die Flachleg-App.

Nachdem ich Zero von Marc Elsberg gelesen habe, habe ich aus Neugier das Ding installiert. Klar, nur aus journalistischer Neugier. Gut, hätte sich nun aus der digitalen Welt eine Traumfrau manifestiert, hätte ich ihr wohl auch nicht die wirkliche Tür vor der hübschen Nase zugeschlagen. Daher liess man sich von der App mehr vereinnahmen, als man eigentlich geplant hatte, was die fiktive Geschichte in Zero erschreckend real werden lässt.

Badoo ist gratis. Also der Download. Möchte man mehr als Pixelhaufen mit der sexuellen Ausstrahlung eines Tellers Spinat sehen, muss man sich Punkte kaufen. In Paketen zu mehreren hundert Stück geschnürt.
Was nichts kostet ist ja auch nichts wert.
Damit man nie unter einem Punktenotstand leidet und vielleicht die grosse Liebe verpasst, schliesst man beim Kauf gleich ein Abonnement ab. Dies geht völlig unkompliziert, ganz im Hintergrund, ihr werdet eigentlich gar nicht gross mit dieser Tatsache belastet. Dies übernimmt die iTunes-Rechnung zum letzten des Monats.
Wer nicht von Natur aus Unternehmen, welche kostenlos zum Kundenwohl arbeiten, mit einem gesunden Misstrauen gegenüber tritt, kann hier sein Lehrgeld zahlen. Wöchentlich oder monatlich, ganz wie es ihm beliebt.

Als nächstes muss man sein Bewerbungsschreiben aufsetzen. Also Profil nennt sich dies. Nennen sie ihre drei herausragendsten positiven Eigenschaften.
Mitmenschen einfacheren Gemüts arbeiten diesen Punkt flott durch. Sie lichten ihren BWM, ihre Dolce-Gabana-Jeans, sowie das Six-Pack oder ihr Gemächt ab. Und wenn sie letzteres nicht als Profilbild erkoren haben, stellen sie es nach der dritten Nachricht ungefragt zu, wurde mir mitgeteilt. Nun, eine gesunde Einstellung zum eigenen Körper muss ja nicht per se ein schlechtes Merkmal sein.

Ich wählte drei oder vier Fotos, welche gerade so im Smartphone-Speicher lagen. Hätte ich mal ein Bild in Jogging-Hose auf dem Sofa gewählt, aber ich gewichtete den Aspekt des seriösen Auftritts viel zu hoch. Es ist ja ein Werben und ich wollte den verdammten Job.
Anschliessend wird man angehalten, sein Wesen in blumigen Worten zu beschreiben, die Hobbys kann man praktischerweise gleich aus einer Liste wählen. Jawohl, lange Spaziergänge am Strand ist verfügbar. Das Sammeln von Kaffeerahm-Deckeln hingegen nicht.
Sportlich ist sowieso jeder, vom Gigathlon-Absolventen bis zum Turnverein Passiv-Mitglied. Lesen wird auch gern als Hobby gewählt, weil das Durchwischen der 20min-App während des Stuhlganges doch irgendwie auch als Lesen gilt. Es hat diesen intellektuellen Touch, wer liest kann nicht ganz bescheuert sein. Dann reist man gerne, bestätigt es durch das Malle-Bild vom letzten Urlaub, mag Kochen, mag Kino, Hunde, Reptilien…
An und für sich ist es irrelevant. Wie beim Webdesign werden hier einfach Meta-Elemente markiert und anhand der übereinstimmenden Meta-Elemente mit anderen Usern eruiert die App das perfekte Gegenstück. Also markiert man weniger was man ist, als was der andere glauben sollte, das man sei.

Nach dem „Was bringe ich in die Konstellation“ kommt im Bewerbungsschreiben die Zeile, „Was erwarte ich von meiner neuen Herausforderung“.
Frauen wissen ganz genau was sie wollen. Also genau den Typen, welchen man auf Badoo sicher nicht findet. Dies listen sie in präzisen Worten, mit Ausrufezeichen, auf. Schränkt die Auswahl auf weltweit etwa drei Männer ein. Zwei davon hüten Schafe in Wyoming und entdecken gerade ihre Homosexualität, der andere hat kein Handy und kein badoo. Hat zur Folge, dass sie mit sechzig immer noch alleine sind, aber zumindest stets genau wussten was sie wollten.
Noch besser wissen sie, was sie NICHT wollen. Also genau den Typen, welchen man auf Badoo findet. Was sie ebenfalls akribisch niederschreiben. Perle vor die Säue geworfen, weil Typen in Badoo auf den unteren Teil des Displays geifern und den Text sowieso nie sehen. So sie ihn lesen könnten.

„Referenzen werden auf Wunsch gerne angegeben“. Sprich, du hast die Möglichkeit, dein facebook-Konto zu verlinken. Noch unsinniger ist die Option, ‚lade Freunde zu badoo ein‘. Hätte man seine facebook-Freunde nicht abgegrast oder bei allen ‚Freundinnen‘ zu landen versucht, bräuchte man wohl kaum ein badoo-Zugang. Zudem werden solche Portale doch immer noch hinter vorgehaltener Hand benutzt, man verlinkt sich also nicht direkt mit seinem offiziellen Webauftritt.
Man hat keine Zeit den Seelenpartner zu finden, es ist schwierig in der Region und vielleicht hat der perfekte Seelenparter eben auch keine Zeit… Die Ausreden sind vielfältig, auf den Punkt gebracht; Es ist die schiere, nackte Verzweiflung. Die Panik, Weihnachten, Ostern und den Lebensabend überhaupt alleine zu verbringen. Macht man sich nichts vor.

Rollenwechsel. Man sitzt nun in der HR-Abteilung und prüft die Bewerbungen.
Spricht, badoo füllt einem das Display mit Bildern und du als HR-Fachperson liest die Profile genau durch. Mit einem hoffnungsvollen Druck auf das Herz oder einem verächtlichen Wisch über das Kreuz bleibt der Bewerber, die Bewerberin, im Rennen.
HR-Fachmänner gehen da speditiv zu Werke. Hacken mit dem Tempo eines fröhlichen Buntspechtes auf die Herzen und arbeiten in zwei Minuten 150 Profile ab. Bis die Meldung kommt, um noch mehr sehnsüchtig wartende Frauen zu sehen, muss man sein Punktekonto füllen.
Frauen gehen ähnlich vor, nur nicht ganz so schnell und hacken auf das Kreuz. Weil Männer ja sowieso nur das eine wollen oder die Haarsträhne über dem linken Auge eben überhaupt nicht in das Anforderungsprofil passt. Was nimmt sich der Typ überhaupt aus, auf ihrem Bildschirm zu erscheinen, Schafseckel der Verdammte.

Nun kann es vorkommen, dass sich zwei im liebestollen Wahn, von Sehnsucht zerfressen oder einfach im Vollsuff verklicken und tatsächlich ein sogenannter Match zustande kommt. Beide haben die Herzen geklickt.
Achtzig Prozent der Männer disqualifizieren sich gleich selbst, weil sie den Match irgendwie fehl interpretieren. Im brünstigen Treiben lassen sie ihr Geschlechtsteil im Kreis schlenkern und stellen ein Foto desselbigen der Dame zu. Wurde mir so mitgeteilt, habe ja schliesslich recherchiert.

Fünfzehn weitere Prozent scheitern an der Hypothek, dass Männer a) notorische Fremdgänger sind, b) einen abartigen Fetisch pflegen oder c) nur das eine wollen. Weshalb Frauen gar nicht erst antworten.

Bleibt noch vier Prozent, welche ganz in Ordnung wären, jedoch in der Flut der digitalen Post untergehen, weil sie vielleicht die ersten drei Buchstaben der Nachricht unglücklich gewählt haben.

Dann bleibt noch der eine unter hundert, welcher zum Beispiel gestern mit einer dieser umworbenen Frauen über den Weihnachtsmarkt von Konstanz schlenderte.
Dieser eine, welcher der absolute Supertreffer wäre, würde er diesem Badoo-Konzept nur ein wenig offener gegenüber stehen.

Der einzige Vorteil gegenüber einem üblichen Vorstellungsgespräch liegt darin, man kann sich ganz offiziell mit einer, zwei, drei Tassen Glühwein die Nervosität in die Blase spülen und wirkt dabei erst noch lustig und gelöst.

Davon abgesehen bleibt es ein Vorstellungsgespräch mit all seinen grausigen Aspekten. Man versucht den Lügen im Bewerbungsschreiben irgendwie gerecht zu werden. Selber schuld, brauchst ja nicht zu lügen. Habt ihr schon recht, aber der Köder muss ja dem Fisch und nicht dem Angler zu schmecken. Und wenn man schon nichts im Laden hat, soll man zumindest das Schaufenster hübsch schmücken.
5 Euro ins Phrasenschwein.

Nach gefühlten 487, durchaus schönen, Textnachrichten hat sich langsam ein Treffen abgezeichnet. Etwa fünfzig brauchte ich, um die Dame in das Etablissement eines normalen Messengers zu locken, damit ich diese unsägliche App wieder löschen konnte.
Irgendwann kam der Hinweis auf mein Profilbild. Schokoseite. Mit Wampen-Filter Level-pro. Kurz, es verzauberte, weckte Lust auf mehr.
Hätte ich mal das Jogging-Hose-Sofa-Bild genommen. Nun hiess es eben Eisen fressen. Einer Winkler-Chartoff-Produktion gleich rannte ich Meile um Meile, wuchtete Gewichte, absolvierte Sit-Ups im Akkord und riss Klimmzüge.
Der Schweiss rann, alles straffte sich und an diesem schönen Samstag Morgen stand ich vor dem Spiegel und fragte mich; Habe ich nun ein Tessinerbrot im Ganzen verschluckt? Hallo Six-Pack, alter Freund, hast dich lange versteckt.
Gut, nur mit ganz leerem Magen, wenn ich genau so stehe, das Licht von hier hereinfällt, ich die Augen ganz leicht zusammenkneife, aber hey; Mehr schafft Rocky in vierzehn Tagen auch nicht und ich bin keine 20 mehr.

Mit geschlossener Jeans, adrett hergerichtet tritt man zum Vorstellungsgespräch an.
Ein Kennenlernen ist es ja eigentlich nicht mehr.
Was bleibt nach 983 elektronischen Nachrichten und einem Bewerbungsschreiben? Nur noch dies, was man nicht sagen oder fragen wollte. Weil man gewisse Sachen einfach besser Angesicht zu Angesicht austauscht, um die Tragweite der Kunde anhand der Reaktion gleich vernünftig abschätzen zu können.
Nach harmonischem Übereinstimmen, warum man Badoo eigentlich ganz doof findet, dem Rezitieren bereits ausgetauschter Nachrichten gelangt man endlich an den Punkt „Nennen sie mir drei negative Eigenschaften“. Nicht, weil man sie wissen will, sondern weil man einfach nichts anderes mehr zu bereden hat und man noch nicht soweit ist, gemeinsam über die umstehenden Personen abzulästern. Weil dies ja doch etwas Vertrautheit oder zumindest 1,87 Promille braucht.

Das Pferd wird vom Schwanz her aufgezäumt.
Statt, dass einem eine Person ins Auge sticht, man diese nach und nach kennenlernt, wohldosiert dies oder das von sich preis gibt, die prickelnde Neugierde geniesst, Aspekte zu lieben lernt und über ander generös hinwegschaut sitzt man in einem Kino und sieht sich die Verfilmung eines Buches an, welches einem beim Lesen ganz gut gefallen hat.

Der Film muss nicht schlecht sein, aber da man alles schon kennt, hat man sich der Spannung beraubt.
So attraktiv, nett und freundlich das Gegenüber auch erscheint, es ist ein Unterschied, ob man über die Prärie jagt, die Stute im Schweisse seines Angesichts mit dem Lasso fängt oder das Tier aufgrund eines Steckbriefs beim Pferdehändler ersteht.
Und so geht einem vielleicht ein wunderbarer Mensch durch die Lappen, einfach weil man die essentielle Grundlage einer Beziehung an einen Algorithmus delegiert hat.

Für 100 Punkte. Im Monatsabonnement.

Veröffentlicht unter Vom Leben und gelebt werden | Kommentare deaktiviert für Neulich, in der Flachleg-App