Der Insta-Wahnsinn

Beginnen wir mit meinem Ausblick auf 20min

Lacht, aber ich kann einfach nicht zuschauen, wie eine Spritze gesetzt wird. Auf Fotos finde ich es widerlich und unnötig, im Fernsehen schaue ich tatsächlich weg. Analog den Horrorfilmen. Bei welchen ich irgendwie nur mit dem Ohr dabei bin, über die Oberkante der vor die Augen gehaltenen Hand die oberste Zeile des cineastischen Werks verfolge, oder der Szene den Schrecken nehme, indem ich mir das Gesplatter in der Reflexion einer Scheibe vor einem netten Wandbild zu Gemüte führe.

Natürlich wartet 20min wieder mit dem obligaten Spritzen-im-Wabbelarm-Bild auf.

Was ist dran an den „Impftoten“ in Norwegen?
Na, ich hoffe doch ein Kopf, zwei Arme und Beine und das Ganze um einen Rumpf herum drapiert. Denn alles andere wäre ja entsetzlich und abschreckend.

Foto-Challenge
Zeig uns deinen schönsten Teppich!
Aargh! Wann kommt die Challenge, zeig uns wie sehr du 20min magst?

Ein weiteres Spritzenbild.
Trödel-Kantone dürfen sich nicht verstecken
Ist auf der der überschaubaren Schweizer Karte nahezu unmöglich. Wohl habe ich in der Primarschule den ein oder anderen tatsächlich übersehen, der Lehrer hat mich jedoch stets sehr überzeugend darauf hingewiesen, dass seit 1979 alle 26 da sind. Allerdings keiner namens Trödel, geschweige denn mehrere.

Ich wurde zum ersten Mal mit 14 gewürgt
Nein, niemand muss entsetzt aufschreien. Es ist erst ein paar Tage her, dass 20min Menschen gesucht hat, welche sich während der körperlichen Vereinigung, dem Liebesakt, sich gerne würgen lassen.
Mein Vorschlag; Foto-Challenge!
Du lässt dich beim vögeln würgen? Zeig es uns!

6 Fehler, die du beim Auf- und Einräumen machst
Finde ich jetzt schon etwas intim. Woher will 20min das wissen? Zudem eine ziemliche Unterstellung, man beachte die Gewissheit im Ton der Aussage.

Chrissy Teigen kämpft heftig mit ihren neuen Reitstiefeln.
Auf Twitter. Bringt uns zu einem Thema, welches für mich nach wie vor verwirrend ist. Promis und ihr Umgang mit den sozialen Medien.
Vorwiegend Instagram.

Viele Regionen Europas harren im Lockdown aus. Hier stornieren unbelehrbare Optimisten ihre dritte Urlaubsbuchung und senden anschliessend eine „das geht doch nicht“-Mail an RTL, weil sie schon zum zweiten Mal die AGB nicht gelesen haben und kein Geld rückerstattet kriegen. In anderen Wohnzimmern wird die Familien-Quality-Time arg auf die Probe gestellt, weil Papa auf Kurzarbeit und der Hartz IV-Antrag schon halb ausgefüllt ist.
Und dann gibt es diese B- und C-Prominenz. Willy Millowitsch würde fragen „Wer sind diese Leute“ und auch 80% der Normalbevölkerung zuckt nur fragend mit der Schulter, wenn die Namen auf der Dschungelcamp-Kandidaten-Liste erscheinen.
Das grosse Problem ist, es gibt mittlerweile zu viele Prominente, respektive Menschen, welche als solche bezeichnet werden. Es beginnt schon damit, dass wir den Durchblick bei der Flut an Trash-Formaten verlieren. Bachelor in Paradise, Temptation Island, Sommerhaus der Stars, Kampf der Realitystars, Bachelor und Bachelorette, Love Island, Big Brother, Prince Charming, Are you the one?, die Liste ist nicht abschliessend. Letzteres ist kein Trash-Format, noch nicht, sondern eine Mitteilung.

In jedem dieser Formate werden gut und gerne 10 Promis geboren. Also nicht live, dies findet man in der Instagram-Story, sondern dadurch, dass sie in der Zielgruppe einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangen. Und diese Zielgruppe scheint ordentlich gross zu sein, sonst würden die Formate nicht wie Pilze aus dem Boden schiessen. Es muss eine Zielgruppe mit viel Zeit sein. Denn, wenn nur schon aus oben genannter Liste jeden Tag eines gesendet wird, reicht eine Woche nicht aus, die Formate zu sehen. Davon ausgehend, dass ein Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte nicht mehr als ein Format pro Abend erträgt. Und dabei ignorieren wir, dass oft parallel zum deutschen Unterschichtenfernsehen eine Schweizer Version ausgestrahlt wird und wir die fixen Termine wie Goodbye Deutschland, Bauer ledig sucht und RTL Exclusiv des abendlichen Fernsehvergnügens noch nicht berücksichtigt haben.
Man muss also beim Erwerb des täglich Brot Abstriche machen, um sich die volle Dröhnung zu geben.

Diese zehn neugeborenen Prominente pro Format bringen eine weitere Schwierigkeit mit sich. Es sieht einer aus wie der andere. Unterscheiden könnten wir sie vielleicht an den Tätowierungen. So weiss ich, dass jene mit dem Hitlerkonterfei auf dem Arm Melissa ist. Hat sich durch Love Island geschlafen, ist dann beim Kampf der Realitystars zwischengelandet und war die letzte Bachelorette im deutschen Fernsehen. Und ja, es ist Charlie Chaplin und nicht Hitler, aber das Motiv deucht mich unglücklich gewählt. Gerade für ein Tattoo, welches, wie jedes Kunstwerk, bisweilen sehr vom Goodwill des Betrachters abhängig ist.

Diese Promi-Aspiranten setzen sich in den Formaten also möglichst auffällig in Szene. Vorwiegend mit dem Vorwurf an die Mitbewerber, sich nur in Szene zu setzen.

Dies formulieren sie mit den Aussagen:

  • Du bist nur hier für den Fame!
  • Du bist Fake!
  • Du bist nicht real!
  • Du bist nicht authentisch!

Kann so auch als Trinkspiel verwendet werden, ich garantiere euch, nach dreissig Minuten seid ihr hackedicht.
Zum Fame möchte ich sagen; wir sprechen hier nicht von einem Ruhm im eigentlichen Sinne, sondern dem Wert eines Promi-Aspiranten. Dieser wird, analog zu einer Fläche in Anzahl Fussballfeldern, anhand der Follower gemessen. Follower sind jene, welche auf den Promi in den sozialen Medien ein Abonnement abschliessen, um keinen Schritt zu verpassen. Ja, das wissen nicht alle, ich nehme hier durchaus einen Bildungsauftrag wahr.

Vielleicht erkennt ihr irgendwann einige dieser Aspiranten auf Anhieb, weil sie von RTL gezielt gefördert werden. Giulia Siegel ist ein gutes Beispiel. Wann immer etwas aufgebauscht wird, Schuhfetischisten auf Instagram zum Beispiel, wird sie herbei gezogen, in ihrem Heim besucht und zu ihrer Meinung oder den Erfahrungen befragt. Und mit diesem gezielt erzeugten Bekanntheitsgrad, denn abgesehen davon, dass sie die Tochter von Ralf Siegel ist hat sie auf diesem Planet noch nichts geleistet, dient sie als Zugpferd für weitere Trashformate. Mit einer Giulia Siegel in einer Bums-Insel-Sendung kann man wieder zehn neue Idioten aufbauen, auf welche wiederum vielleicht wieder… Es ist wie das Reiskorn auf dem Schachbrett.

Kleiner Exkurs; Der Erfinder des Schachs wollte vom König als Belohnung ein Reiskorn auf dem ersten Feld des Schachbretts. Darauf eine Verdoppelung bei jedem Feld. Zwei auf dem Zweiten, vier auf dem Dritten und so weiter. Ergibt auf dem letzten 9.223.372.036.864.775.808 Reiskörner. Ich weiss nicht, wieviel Fussballfelder das sind, aber wir sprechen von 277 Milliarden Tonnen, oder die Reisernte von etwa 873 Jahren.

Weiter im Text:

Als weitere Schwierigkeit kommt hinzu, dass sich laufend neue Couples bilden. Ja, so spricht man heute. Dieses Herumreichen und Austauschen von Bettgefährt*innen kannte man in dieser Form bisher nur aus dem örtlichen Turnverein. Da dadurch die Dorfbevölkerung nicht ausgestorben ist, findet sich hier zumindest ein tieferer Sinn, bei den Promi-Aspiranten dient es nur dazu, wieder eine begehrte Sendeminute in Guten Morgen Deutschland zu erhalten.

Nun habe ich aber ganz schön ausgeholt, denn eigentlich wollte ich mich über das Gebaren dieser Herrschaften auf Instagram echauffieren.

Nicht wenige dieser, aus der Perspektive der Hartz IV-Empfängern, Vertreter der elitären Gesellschaftsschicht hat sich während der Corona-Zeit auf eine Palmeninsel abgesetzt.
Statt sich nun im Stillen zu freuen, empfinden sie es als grossen Geniestreich, sich im Sand räkelnd abzulichten und via soziale Medien die Bilder zu teilen. Nicht selten mit der Anmerkung, sie würden mit den Daheimgebliebenen mitleiden. Wie liebenswürdig und selbstlos.
Bereits mit zwei Gehirnzellen könnte man sich zusammenreimen, dass sich wohl kaum die ganze daheim gebliebene Community, irgendwo zwischen Jobverlust und Hungertod, bedingungslos für einem freut.
Der erste Shitstorm rollt an.

Daraufhin ein weiteres Bikini-Bild und der Hinweis, man mache hier keinen Urlaub, sondern man arbeite!
Zum Beweis präsentiert man eine Bräunungscreme, mit Rabattcode, und beschreibt welches entspannte Gefühl einem selbige beschert. Die Marketingabteilung verlangt das und für Influencer geht eine solche Tätigkeit tatsächlich als Arbeit durch.
Worauf der zweite Shitstorm losgetreten wird, weil der Bedarf an Bräunungscreme aufgrund fehlender monetärer Mittel momentan nicht sehr ausgeprägt ist.

Darauf heulen die Instagram-Sternchen, wie sehr sie ein Shitstorm schmerzt und wie sehr ihnen das zusetzt. Sie seien doch auch nur normale Menschen. Garantiert ihnen Sendeminuten bei und viel, viel Verständnis von Frauke Ludowig.

Selbstverständlich heulen sie bei Instagram mit einem neuen Foto.
Dieses Verhalten ist etwas schwierig zu erklären. Als würde man, nachdem man sich die Finger an der Herdplatte versengt hat, sich mit dem nackten Hintern auf selbige setzen und losheulen, wie schmerzhaft dies sei. Von der Erniedrigung durch den dummen Anblick ganz zu schweigen.

Statt Instagram den Rücken zu kehren, macht man weiter und der nächste Shitstorm kommt. Hauptsache im Gespräch.

Auch beliebt; man präsentiert ein unvorteilhaftes Foto von sich.
Nach 5076 professionellen Bikini-Fotos, in welchem man sich hauptsächlich darauf konzentrierte, den Körper ganz zauberhaft in Szene zu setzen, stellt man eines mit Speckrollen online.
Man wartet die „is jetz nicht sooo toll“-Reaktionen jener Follower ab welche man gezielt mit den 5076 professionellen Bikinifotos in die Abonnentenliste gelockt hat, und erbost sich dann darüber, dass man auf den Körper reduziert werde. Bodyshaming nennt sich das. Um die Sendeminute bei RTL Exclusiv auf Sicherheit zu haben, muss man im Text zum Bild noch erwähnen, dass man mit dem Bild auf etwas aufmerksam machen will. Tote Eisbären, dicke Menschen, arbeitende Kinder, ganz egal. Es muss einfach bewegen. Niemand der seine fünf Sinne beisammen hat würde sagen, tote Eisbären sind eine feine Sache, und deswegen muss man darauf hinweisen. Kann man nichts falsch machen.
Also die wirklich veräppelten sind eigentlich jene, welche wirklich ein Problem haben und dann durch eine Klum-Tochter instrumentalisiert werden. Jemand mit richtig üblen Hautproblemen hat rein gar nichts davon, wenn die kleine Klum mit ihrem Pickel sagt „Seht, ich bin eine von euch“, aber die Klum 10’000 Follower mehr.
Und die Sendeminute bei RTL.

Eine weitere Abartigkeit von Promis auf Instagram ist die Ansage, sie würden nun den sozialen Medien entsagen. Weil es ihnen nicht gut tut.
Um meinen Vergleich mit der Herdplatte zu bemühen; Ich müsste nun also die versengte und nur noch durch plastische Chirurgie zu rettende Hand nochmals auf die Platte legen um zu zeigen, dass ich dies künftig unterlassen werde. Weil es mir nicht gut tut.
Das Problem ist, ein stiller Abschied bringt keine Sendeminute bei RTL und schon übermorgen fragt man sich in Willy Millowitsch-Manier „Wer waren diese Leute?“.

Aber das absolut perverse und wirklich kranke auf den sozialen Netzwerken finde ich die Verarbeitung von Trauer. Nach zwei Stunden beim Visagisten steht man in einer absolut natürlichen Pose in das perfekte Kinderzimmer und berichtet von der Fehlgeburt. Gekleidet in Dessous.
Weil man auf etwas aufmerksam machen will. Auf all jene Frauen, welche ebenfalls eine Fehlgeburt durchleben mussten.
Und RTL macht mit. Leidet mit. Besucht deutsche Promis, welche nun ebenfalls aufmerksam machen wollen. Weil es in der Natur der Sache liegt, dass wahrscheinlich jeder von uns jemanden kennt, der dieses Trauma durchlebt hat. Nur behandelte man dies bisher mit Respekt und im Stillen. Bisher.
Die Follower liken, kommentieren und die Zahl an Abonnenten schnellt in die Höhe. Und wehe dem, welcher sagt, es wäre eine mediale Ausschlachtung. Diese Aussage wäre eine schallende Ohrfeige in das Gesicht jeder Frau, welche eine Fehlgeburt erlitten hat. Ganz im Gegensatz zum Dessousbild einer Hilaria Baldwin.

Gegenüber all dieser kranken Saubermann-Insta-Promis, ist der geächtete Wendler eigentlich noch ganz erfrischend.
Seit er in Deutschland keinen Fuss mehr auf die Bühne oder ins Studio bringt, influenct (Kann man das sagen?) er für Firmen, welche das gar nicht wollen und sich regelmässig distanzieren, überträgt medienwirksam seine verschuldete Firma auf die Tochter und schimpft gegen die Bildzeitung. Täglich, auf Instagram. Und seit Wochen beendet er jede Story damit zu verkünden, dass er sich von Instagram abwendet.

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Der alltägliche Bürowahnsinn

Hend ihr Mitteilig gläse?

Grammatikalisch eine Frage, formuliert im Befehlston von hinten links. Erster Fehler. Man spricht mich nicht von hinten links über die Schulter an. Zivilisierte Menschen machen dies einfach nicht. Also was immer auch kommt, es muss nun schon sehr überzeugend sein.

Stand mittig in der Betriebskantine, eine Schale Salat auf dem Tablett balancierend.
Die Frage war rhetorischer Natur, die Antwort der Anwesenden nur ein drehen des Kopfes und irritierte Mienen.

Nur ei Person pro Tisch.
Nun im befehlenden Befehlston. Die Gesichtsausdrücke formulieren ein stummes „Ach?!“.

Ich habe es befohlen er hat es nur aufgeschrieben.
Mit „er“ war der Kantinkoch gemeint.
Ja, du bist ein guter Junge, ganz ein guter! Gut hast du das befohlen, ganz fein hast du das gemacht. Ja, fang den Keks, fang ihn du Grundguter.

Ei Person pro Tisch! En Guete!

Erstick an deinem verdammten Salat.
Irgendwann ist auch mal gut, ganz ehrlich. Und wahrscheinlich in diesem Moment, in welchem ich sage, auch Social Distancing hat seine Grenzen.
Wir sassen zu dritt um den Tisch, ohne selbigen seiner eigentlichen Bestimmung zu zuführen. Er fungierte nur noch als Orientierungspunkt, denn irgendwie muss man ja um was herum sitzen, weil es sonst komisch wirkt. Die Kaffeebecher hielten wir in den Händen.
Im Grundsatz bin ich ein grosser Freund der Abstandsregeln, aber wenn ich einmal in die Kantine gehe und mir einen überteuerten Kaffee gönne, brauche ich mich nicht anblaffen zu lassen, ich hätte Abstand zu halten. Ich werde mich ganz gewiss an diese Episode erinnern, wenn der gute Herr wieder einmal denkt, man müsse den Gemeinschaftssinn pflegen und gemeinsam trinken.

Nämed Gipfeli. Do hets Gipfeli. Nämed. Gipfeli. R…. wieso nimmsch kei Gipfeli?
Danke, isch grad guet.
Hesch nid gern?
Doch, ab und zue scho.
Also nimm eis.
Nei danke.
Hesch e Allergie gege öppis?
Ja, gege Fettansatz und en Ranze.

Meinen Triumph zog ich daraus, als ein jeder verstohlen mit der Hand die Krümelsammlung von hervorstehenden Bauch wischte.
Hä, mer mues sich au mal was gönne.
Der Belohnungsbedarf scheint bei den Herrschaften sehr ausgeprägt zu sein. Stellt sich die Frage, welche Leistung diesem zugrunde liegt, die tägliche Arbeit kann es nicht sein.

De Hubert hätt sitem Mai 54 Kilo abgno.
Wow! Gratuliere!
Die Gratulations-Hymne ging einmal im Kreis, stockte bei mir kurz, übersprang mich schliesslich und wurde nach meiner Wenigkeit fortgesetzt.

Der gute Hubert hatte auch 180 Kilogramm Übergewicht und hat seine ersten Socken noch nicht durchgelaufen. Deine und meine Prämien haben diesem disziplinlosen Kerlchen ein Magenband gesponsert und nun ist wohl nach drei Bissen eines Doppel-Whoppers Schluss.
Warum soll ich jemandem gratulieren, der Dank eines Eingriffs nun nicht mehr so viel essen kann wie er gerne würde? Da gratuliere ich vorher jemandem von Herzen, der nach zwei Tafeln Schokolade, motiviert durch Selbstdisziplin, die dritte zurück legt.
Das Hubert in den beinahe transparenten Sack mit den Buttercroissantes griff, macht ihn auch nicht sympathischer.

Ich bin abgeschweift; der gute Mann in der Kantine schaffte es. Eine Person, welche ich bis heute respektvoll angesehen hatte, ist irgendwo in die gesichtslose Masse all jener Personen gerutscht, welche mich Tag für Tag umwabbern. Man muss irgendwie durch den Sumpf durch, bemüht sich aber, dem widerlichen Pfuhl nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken und hofft einfach am Absatz bleibt nicht zu viel davon hängen.

Befehlen hat durchaus seine Berechtigung. Ein Dialog ist nicht immer die Lösung, manchmal muss es schnell und entschieden gehen.
Dazu zählt jedoch nicht meine lukullische Tätigkeit in der Betriebskantine. Und wenn die ganze Sache noch auf einem briefmarkengrossen Kommuniqué begründet, welches am Wandpfeiler der Kantine angeschlagen ist, verliert die ganze Sache an Gewicht.

Nun müssen wir in der Kantine also 5 Meter Abstand halten.
Die angeordnete Home-Office-Pflicht ignoriert man jedoch nach allen Regeln der Kunst. Wir unterstreichen unsere Wichtigkeit, indem wir jeden Tag in diesen Büroturm sitzen. Eine Abwesenheit ist mit verhältnismässigem Aufwand nicht umsetzbar.
Ganz ehrlich; ich wäre zuhause bereits zehnmal produktiver gewesen. Einfach, indem ich irgendwas erledigt hätte. Und ich meine wirklich irgendwas. Wäre es nur der Abwasch meiner Kaffeetasse von heute Morgen.
Aber wo kämen wir hin, wenn wir uns nicht weiter getreu in die Tasche lügen?

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Nein, ich will mich da jetzt reinsteigern!

Ich hasse die Stumpfsinnzeitung 20-min. Ich finde sie nicht einfach ein wenig doof, oder blöd, nein; nur schon die Überschriften treiben mich zur Weissglut. Und es gibt keine Zeitung welche ich so oft lese, ja, täglich mehrfach aufrufe wie die 20min. Nicht, weil ich sehr viel Zeit auf dem Keramik-Thron verbringe, was als Entschuldigung vertretbar wäre. Nein, meine berufliche Anstellung und die damit verbundene Arbeitslast erlaubt es, dass ich eigentlich permanent Zeitung lese. Doch statt mich dem Studium einer renommierten Fachzeitschrift oder einer Zeitung, welche sich durch investigativen Journalismus auszeichnet zu widmen, rufe ich immer wieder dieses Unterschichtenentertainment auf.

Was mich zu einer erschreckenden Erkenntnis führt. Wo ist meine geistige Leistungsfähigkeit anzusiedeln, wenn ich mich vorwiegend von einem Medium unterhalten lasse, welches auf die dümmsten unter den der Kunst des Lesens mächtigen Individuen ausgerichtet ist? Die Tatsache, dass ich das Blatt nur aufrufe um mich zu ärgern ist eine schäbige Ausrede, die Tat durch eine vermeintlich höher anzusiedelnde Motivation zu verschleiern.

Jetzt kontrolliert die Homeoffice-Polizei die Büros
Nein, tut sie nicht. Es gibt keine Homeoffice-Polizei. Es sei denn, 20min hätte innert weniger Tagen eine auf die Beine gestellt und mit allen Befugnissen ausgestattet. Darüber hinaus

«Wo dies aufgrund der Art der Aktivität möglich und mit verhältnismässigem Aufwand umsetzbar ist, sorgen die Arbeitgeber dafür, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihre Arbeitsverpflichtungen von zuhause aus erfüllen.»

Was für eine Umschreibung einer Pflicht. Alles kann, nichts muss. Ich wünsche mir eine solche Definition der Steuerpflicht. Und wie soll die Homeoffice-Polizei denn nun die Tätigkeit und den Aufwand derselben abschätzen?

Diese Lockdown-Regeln gelten ab heute
Noch kein Aufreger, man muss zu dem folgenden Artikel scrollen…

So kommst du an die Produkte, die abgesperrt sind
Also eigentlich ist der Weg zu selbigen versperrt und nicht der Bohrhammer von Bosch an sich abgesperrt. Darüber hinaus; Bravo 20min. Dies ist genau der Sinn des Lockdown. Dass wir Mittel und Wege suchen, ihn zu umgehen.

Nach geheimer Schwangerschaft
Jessica Biel und Justin Timberlake sind zum zweiten Mal Eltern geworden
Geheim? Herrscht eine Informationspflicht gegenüber den Boulevardmedien?

Foto-Challenge
Zeig uns deine Lockdown-Schweiz
Meine absolute Lieblingsrubrik, die Foto-Challenge! Im Besonderen, weil sie für gewöhnlich total verquer zu den Artikeln steht. „Bleibt zuhause, für die Gesundheit aller“ steht oben und auf der Zeile unterhalb „Foto-Challenge, zeig uns dein Wochenende im Schnee!“.
Die normale Zeitung bietet die Möglichkeit der Leserbriefe, 20min hat sich auf die Clientel abgestimmt. Sendet uns eure mit der Faust gemalten Strichmännchen-Zeichnungen, oder eben moderner, sendet uns eure Bilder.

Sind sie am mutierten Coronavirus erkrankt?
Melden sie sich!
Nein, nicht beim Arzt, bei 20min.

84-Jähriger erhält vorerst keinen Impftermin – weil er gesund ist.
Die meisten von uns haben schon irgendwann eine Impfung erhalten. Doch die Presse, ob bewegte Bilder oder Fotografien, kann sich nicht sattdrucken, respektive senden, an spitzen Nadeln, welche in wabbelige Arme gestochen werden. Würde ich jedes Bild, jede Filmaufnahme und jeden Bericht zählen, muss die Schweiz in etwa morgen zum dritten Mal durchgeimpft sein. In jedem Kanton, jeder Gemeinde, in jedem Altersheim der erste Scheintote, die erste Greisin, der erste Demente, die erste Spitex-Betreute, der erste Hospitalisierte… Sie werden nicht müde, jede Impfung als Jahrhundertereignis zu präsentieren. Jeder Bericht wird mit Symbolbildern untermalt, alle cineastischen Drogenfilme zusammengenommen zeigen nicht so viel Spritzen in Armen.
Und nun also noch die Menschen, welche keinen Impftermin erhalten. Im Bild ein alter Mann mit Spritze im Arm…

So schön ist das Schnee-Wochenende
Schick uns deine Bilder!
Argh…!

Shannon ist weder Frau noch Mann
Shannon (20) ist nonbinär und möchte weder als „er“ noch als „sie“ bezeichnet werden. Shannon wünscht sich ein drittes Geschlecht – und Unixex-Toiletten.
Für mein Verständnis; 1 ist böse, weil eine Zuteilung, 0 ist ebenfalls böse, weil auch eine Zuteilung. Soweit die Binär-Sache. Aber 2 ist lieb? Obwohl auch eine Zuteilung? Und die Sache mit der Toilette… Mädchen-Junge, wenn du einmal so richtig, richtig Druck auf der Blase hast, ist dir piepegal, ob das Figürchen auf der Tür zwischen dir und der rettenden Keramik nun ein Zipfelchen oder eben keines hat. Also heul leise.

OMG Mein Göttibub (5) hat meine Sextoys entdeckt
… und weil dir dies so unendlich peinlich ist, teilst du es nun mit der ganzen Schweiz. Erinnert mich an die Bachelor-Kandidatinnen, welche im Fernsehen ihre Kindheits-Dramen mit dem Satz beschliessen „Das erzähle ich nicht jedem und zeigt, wieviel Vertrauen ich zu dir habe“.

5 Experten verraten, ob wir 2021 wieder am Strand liegen können
Die gesamte Wirtschaft zittert, weil man nicht planen kann, weil niemand weiss, wie sich dieser Corona-Irrsinn entwickelt. Aber die Stumpfsinnzeitung hat tatsächlich 5 Experten, welche genau wissen, wann wir wieder am Strand liegen.

Das hilft wirklich gegen Nägelbeissen
Die Finger nicht in den Mund nehmen. Momentan sowieso eine dumme Idee…

So macht Abschminken süchtig
Danke. Wollte mir diese Sucht schon lange zulegen, aber der Ratgeber fehlte.

Fünf-Personen-Regel
Darf mein Freund mich in der WG noch besuchen?
Fünf ist so viel wie deine Hand Finger hat. Also, wenn du der Daumen bist und dein Freund der Zeigefinger? Wie viele Finger hast du nun? Und noch irgendwelche Fragen bezüglich der Einschätzung der Leser-Durchschnittsintelligenz durch 20min?

Gäste dürfen Hotels wegen Mutation nicht verlassen
Skandal! Wofür haben den die X-Men gekämpft? Doch gerade, dass Mutanten auch ein Teil unserer Gesellschaft sein dürfen! Ist eine solche Intoleranz 2021 noch tragbar?
Update folgt
Eine Mutanten-Behandlung? Noch mehr Spritzen in Arme?

Aargauer Polizei warnt – „Eisschollen können tödlich sein“
Wissen wir spätestens seit Titanic, aber danke.

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Twitter sperrt 70’000 Konten

Twitter sperrt QAnon-Konten.

Richtig so, ist man versucht zu sagen. Der Sturm auf das Capitol, die Verweigerung der Anerkennung von Massnahmen gegen Corona, ja, das Verleugnen des Virus selber. Krude Verschwörungstheorien. Chips werden uns eingepflanzt, Bill Gates trinkt das Blut von Neugeborenen um ewig jung zu bleiben und er will nicht die Weltherrschaft an sich reissen, die hat er schon längst. Er will sie nur behaupten.


Kein Mensch auf der Welt braucht QAnon. Und trotzdem sind es anscheinend rund 70’000 Twitterkonten. Und wenn man bedenkt, dass Twitter nur ein kleines Medium ist um Meinungen zu verbreiten, gerade solche aus der Verschwörungsecke, kommt da schon was zusammen.
Richtig so, denkt man. Doch dann, irgendwo im Hinterkopf, dieses kleine Pochen. Es wird genau jenes sein, welches Menschen dazu treibt, die grosse Verschwörung zu sehen. Und dies nicht einmal zu unrecht. Denn was hier betrieben wird, ist eine Zensur. Eine Einschränkung der freien Meinungsäusserung. Angeordnet von wem?


Die meisten haben diese Erfahrung auch schon gemacht. Man liest einen Artikel, bildet sich eine Meinung zu selbigem und hat den Eindruck, diese Meinung muss kundgetan werden. Denn der Artikel bewegt sich auf einem total falschen Weg, verkündet eine vollkommen irrige Sichtweise, man sieht sich schon direkt in der Pflicht, dies zu berichtigen. Man verfasst einen Leserbrief, mit Herzblut und Engagement. Freut sich, dass man hier einen grossen Irrtum berichtigen kann, hört schon das überraschte, mit einer anerkennenden Note versehenen „Aha“ von tausenden Lesern.
Und dann wird der Leserbrief nicht gedruckt. Warum weiss man nicht. Vielleicht hat man den Artikel falsch interpretiert und wird so von einer Blossstellung bewahrt. Diese Option schliessen wir gleich von vorneweg aus und ich will behaupten, sie trifft auch kaum ein. Denn genau diese Blossstellung würde die Seriosität des Artikels untermalen.
Vielmehr passen die Zeilen nicht zum Zeitgeist, nicht zur politischen Orientierung oder der Redaktion passt schlicht der Name des Verfassers nicht. Man wird es nie erfahren und wenn man die Beweggründe eruieren will, rutscht man schnell in die Rolle des trotzenden Kindes, daher unterlässt man es.
Mit einem Mausklick formt ein kleiner unbedeutender Redakteur die Meinung. Er entscheidet, was für die Leserschaft relevant ist und was nicht.


Ein weitaus grösserer Teil von uns kennt dies von der Stumpfsinnzeitung 20 Minuten. Die Freischaltung der Kommentare scheint sehr willkürlich zu sein, im allgemeinen Tenor jedoch in die Richtung, wir sind links, weltoffen, fördern die grenzenlose Multikulti-Gesellschaft und haben uns alle fest lieb. Man sieht vor dem geistigen Auge den erst geschlüpften Online-Redakteur bei der sehr subjektiven Auswahl, welche Kommentare ihm gefallen und welche eben nicht. Bei Artikeln, welche sehr reisserisch verfasst sind, die Polarisierung bereits im Titel tragen, wird die Kommentarfunktion gleich von Beginn, spätestens aber nach 10 Beiträgen deaktiviert. Es gibt eine Meinung. Die des Redakteurs. Und diese gilt. Wer eine andere hat, soll auf andere Medien ausweichen. Weg von der Zeitung, welche dank ihrer Reichweite eine gewisse Monopolstellung inne hat.


Auf facebook gibt es eine Gruppe. Von Schaffhausern für Schaffhauser. Eine Gruppe um sich über Aktuelles auszutauschen, Bilder aus der Region zu teilen, in Erinnerungen zu schwelgen und im netten Rahmen zu diskutieren. So gibt sie den Anschein.
Jeder Beitrag wird vor der Freigabe kontrolliert. Nicht auf Rechtschreibefehler. Es wird geprüft, passt der Artikel zur allgemeinen Richtung, welche man verfolgt und beibehalten will, oder bringt er Unruhe in die Sache.
Ein kleiner Antiquitätenhändler mit einer Affinität zu Rheinfall-Fotografien sitzt am Zensurpult und überlegt, ob der Beitrag ihm persönlich nun gefällt oder nicht. Kein metaphorisches Bild, es ist tatsächlich so. Qualifiziert hat er sich dadurch, dass er nicht der Gründer der Gruppe, aber schon seit Stunde eins dabei ist und uns viele, viele, wirklich sehr viele Bilder des Rheinfalls präsentiert hat.
Und so hat ein schönes Bild von einem schottischen Wasserfall eine erheblich grössere Chance zu erscheinen, als eine kritische Frage zum Zeitgeschehen auf dem Platz Schaffhausen. Ich habe es versucht. Wiederholt.


Wer also immer sich in bestehenden Medien Gehör verschaffen will, ist auf die Goodwill der selbigen angewiesen und kann sich nur präsentieren, wenn die eigene Ansicht sich mit der Ausrichtung der Plattform deckt.
Wir loben uns gerne für die geheiligte Gewaltentrennung, der Exekutive, Legislative und Judikative. Diese begrenzt die Macht, wirkt einer Diktatur entgegen und garantiert Gerechtigkeit. Unterstützend dazu wirkt die 4. Gewalt, die Medien. Welche innerhalb der Politik wohl keine Gewalt innehaben, durch die Meinungsbildung aber durchaus beeinflussen können. Und hier stellt sich die Frage, welche Macht ist wohl die stärkste? Wie viele Bürger schauen die Arena und wie viele lesen die Stumpfsinn- und die Blödzeitung? Und welche Macht kann völlig uneingeschränkt agieren, da jeder Einschnitt einen Eingriff in die Pressefreiheit bedeutet? Innerhalb derer jedoch sehr wohl selektiert wird, wer im Land eine Stimme hat und wer nicht.


Daher sehe ich die Sperrung der Twitter-Konten ein wenig kritisch, auch wenn ich ein grosser Bewunderer von Bill Gates bin. Wegen seiner Pionier-Leistung, nicht wegen seinem Engagement für die Armen der Welt. Wenn ein Milliardär eine Million spendet ist er ein zur Erde gesandter Engel, ein reiner Gutmensch. Drückt ein Handwerker einem Clochard 20 Franken in die Sammeldose kommen keine Kamerateams und das Nobel-Komitee beginnt nicht zu tagen. Obwohl er sich diese 20 Franken von einem Abendessen abspart, während Bill Gates sich noch immer den Kopf zerbricht, wie er die letzte Milliarde unters Volk bringt.
Darüber hinaus vertrete ich die Ansicht, dass sich in dieser QAnon-Bewegung wohl die dümmsten Menschen der Welt versammelt haben. Und wäre ich Besitzer von Twitter, würde ich wohl genau so agieren.
In meiner Medienwelt hätten weder eine Frau Priska Seiler-Graf, noch eine Operation Libero oder irgendwelche Genderströmungen eine Stimme. Weil ich die Meinungsbildung so steuern würde, wie ich es für richtig empfinde.


Und genau dies deucht mich gefährlich.

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Es wäre ja nicht so, dass ich faul bin…

Meine einzige Motivation ist, nicht belästigt zu werden. Das, und die Angst meinen Job zu verlieren. Deswegen arbeite ich gerade hart genug um nicht gefeuert zu werden.
-Peter Gibbons-

Das Schlimme am nichts tun ist ja, dass man dem Umfeld irgendwie suggerieren muss, man sei hoffnungslos überlastet. Ständig beschäftigt wirken, ohne einer eigentlichen Tätigkeit nachzugehen kann unglaublich anstrengend sein. Passt man nicht auf wie ein Heftlimacher, artet dies in Arbeit aus.
Es gibt gewisse Grundsätze, die unbedingt einzuhalten sind.

Die Frage: Hast du einen Moment Zeit?
Achtung Falle! Sagst du nein, musst du auch sofort die Erklärung bereit haben. Da deine letzte Aktion jedoch darin bestand, die Anatomie eines Krokodils zu studieren – habe ich heute von 08:00 bis 08:30 tatsächlich gemacht – könntest Du in einen gewissen Zugzwang geraten.
Das Ja sagen ist schon gar keine Option, weil du als erfahrener Fuchs bereits dem Tonfall entnommen hast, dass dich der Störenfried kaum bitten wird, ihm beim Verspeisen von 20 Mandelgipfeln behilflich zu sein.
Die Gegenfrage „Wieso?“ ist die einzig adäquate Antwort. Es zeigt nicht nur, dass du ein Mensch bist, der weiss die Prioritäten richtig zu setzen, du kannst deine Entscheidung auch vom Anliegen an sich abhängig machen. Zudem schindest du etwas Zeit, dir eine plausible Erklärung zurecht zu legen, weswegen du keine Zeit hast.

Die Excel-Tabelle
Habe stets eine Excel-Tabelle geöffnet. Ausser vielleicht du bis Art-Director in einem Creative-Studio oder so. Word ist heikel. Das menschliche Hirn ist darauf ausgelegt, einen Text automatisch zu lesen, wenn ihn das Auge sieht. Und so du diesen nicht in Hebräisch verfasst hast, sieht jeder gleich, dass hier absoluter Nonsens auf dem Bildschirm steht. Ganz davon abgesehen, dass ihr ja erst einen Text schreiben müsstet.
Eine Exceltabelle ist dank des vorgegebenen Rasters schon zu fünfzig Prozent gefüllt, die halbe Miete. Ein paar Farben und Zahlen und es wird keiner mehr zweifeln, dass ihr hier die übelste Tabellenkalkulation ever betreibt. Zudem kann man auch einmal 15 Minuten auf eine Kalkulation starren ohne eine Fingerbewegung durchzuführen. Ihr brütet über einer extrem wichtigen Formel.

Vermeidet Ordnung
Euer Schreibtisch muss stets von Zetteln, Dokumenten, Ordnern und Mappen belagert sein. Zum einen wirkt dies…, falsch, legt Zeugnis davon, dass ihr ordentlich mit Arbeit eingedeckt seid. Wortwörtlich. Zum anderen werden Menschen daran gehindert, euch weitere Zettel, sprich Arbeit auf den Tisch zu legen. Nicht nur, dass schlicht kein Platz für weitere Zettel besteht, der Bote befürchtet, dass seine immens wichtige Nachricht in deinem To-Do-Stapel schlichtweg untergeht.

Geht immer im Stechschritt
Sobald ihr euch vom Stuhl erhebt, bewegt euch zackig. Schaut auf die Uhr. Rollt mit den Augen, wenn euch jemand begegnet. Jede Form von Mimik muss ausstrahlen, dieser Mensch ist im Stress. Steckt um Gottes Willen nie die Hände in die Taschen. Im Gegenteil, achtet darauf stets Dokumente in der Hand zu haben. Wer mit einem Zettel von A nach B geht hat einen Auftrag. Er verfolgt ein Ziel. Wie eine schützende Aura legen sich diese Dokumente um dich. Es wird dich niemand anhalten oder ansprechen. Ein „Du, wenn du mal Zeit hast…“ ist das extremste, was euch drohen kann. Und da ihr ja nie Zeit habt, könnt ihr es getrost ignorieren.

Tür-zu-Knopf
Drückt im Fahrstuhl stakkatoartig den Tür-zu Knopf. Keine Zeit zu verlieren. Es muss alles schnell gehen. Ja, selbst diese Bruchteile von Sekunden zählen. Es zeigt den Mitfahrenden, dass ihr unter Strom seid. Der Tür-zu-Knopf ist der Karriere-Booster. Der Knopf in die CEO-Etage.

Essen
Es versteht sich von selbst, dass die Nahrungsaufnahme am Schreibtisch erfolgen soll. Während eine Hand die Maus bewegt oder ihr mit unnatürlichen Verrenkungen versucht einhändig Grossbuchstaben zu tippen, schiebt ihr euch ein Sandwich in den Mund. Der angestrengte, konzentrierte Blick wird nicht darauf schliessen lassen, dass ihr soeben Mines oder Solitair spielt. Ein grosser Plus-Punkt dieser Form der Mittagspause; ihr entgeht dem verbalen Hirnfick des bescheuerten Kollektiv am Kantinentisch und die Ausdünstungen anderer Menschen vergällen euch nicht das leckere Essen.

Ist es nun erschreckend, dass ich alle diese Punkte nicht zu beachten brauche? Was meine Vorgänger auch immer getrieben haben, es herrscht die irrige Meinung vor, ich bekleide hier eine hundert-Prozent-Stelle mit nur ganz wenig Kapazität für zusätzliche Aufgaben. Die Verwirrung, dass ich ohne sichtbare Beeinträchtigung des Tagesgeschäftes alle Zusatzaufgaben innert Rekordzeit erledige, führt dazu, dass ich wohl über kurz oder lang der Hexerei bezichtigt werde.

Bereits beim Einarbeiten stellte ich fest, dass das zu bewältigende Pensum sehr überschaubar wäre. Etwa einen Monat lang generierte ich mir selber Arbeit, deren Nutzen weit hinter der investierten Zeit lag.
Einen weiteren Monat lernte ich ausnahmslos für meine höchst eigene Weiterbildung, welche dem Betrieb in keiner Weise von Nutzen sein würde. Den nächsten Monat investierte ich in ein privates Projekt, dann ging mir effektiv die Arbeit aus.
Ich habe keinen Plan, was ich noch bewerkstelligen könnte. Natürlich reizen mich Lego-Bausätze, aber damit würde ich die Grenzen wohl eine Idee zu sehr ausloten. Auch die Putting-Range, welche ich gerne in meinem Büro aufgebaut hätte, würde wohl irritieren.

Bis ich einen weiteren zündenden Einfall habe, widme ich mich nun einer über lange Zeit stark vernachlässigten Tätigkeit. Ich konnte endlich wieder einmal lesen. Bücher, welche weder mit Volkswirtschaft noch einer Versorgungskette zu tun haben.

Erst etwas verstohlen hinter meiner Bildschirmbarriere. Mittlerweile fläze ich dazu im Stuhl. Was sollen sie auch machen?
Da ich trotz wiederholter Intervention keine Arbeit erhalte, ist hier auch nichts, was ich vernachlässigen konnte. Und das wenige, was ich erhalte, liefere ich in einer Geschwindigkeit und Qualität, von welcher sie bisher nur zu träumen wagten.
Klingt besser als es ist; nachdem man jahrelang die Kinderkrizzeleien an den Kühlschrank geheftet hatte, muss man sich wie im Louvre wähnen, hängt plötzlich ein akkurat gezeichneter Kreis an selbigem.

Ich habe die kleine Regel, nicht weniger als 1000 Worte in einem Blog, daher muss ich noch etwas strecken.
Obwohl; an der eidgenössischen Prüfung war ich mit meinem Referat bereits nach 50% der Zeit durch. Die Blicke der Experten würde ich als ungläubig, irritiert und fordernd bezeichnen. War die Zeit doch angeblich das massgebende Element. Den Wert einer solchen Prüfung kann man hinterfragen, wenn nicht der primär der Inhalt, sondern die maximale Nutzung der Redezeit bewertet wird. Und nein, ich studierte nicht Politwissenschaften.
So beschloss ich meine Präsentation mit den Worten „Ich könnte nun noch Banalitäten zum Besten geben um die Zeit zu füllen, doch dies würde meine exzellente Präsentation ihres Glanzes berauben. Verbuchen sie die eingesparte Zeit als Hommage an die Effizienz. Und nun ihre Fragen“.

Für die mündliche Präsentation: 4.5.
Das Gefühl, den gesunden Menschenverstand behalten und den Experten gesagt zu haben, steckt euch eure theoretische, realitätsfreie Regel sonst wohin: Unbezahlbar.

Und schon habe ich die tausend Worte.

Veröffentlicht unter He works hard for the money, Hossa, Kurz nachgedacht, Vom Leben und gelebt werden | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentare deaktiviert für Es wäre ja nicht so, dass ich faul bin…