Neulich, auf dem Zelgli

Eine gute Alternative zum Sport ist das Wandern. Ja klar, ist auch ein Sport. Aber, nein… streichen sie das Aber; Es ist mehr als Sport.
Es sei denn, für den geschätzten Leser besteht kein Unterschied darin, ob er auf einem Band zwischen zwei Haltegriffen trabt, oder auf einem Naturweg geht. Wer es geniesst, dass jeder Atemzug zu einem Drittel aus dem Lungenausstoss, sprich Abfallprodukt der Mitsportler besteht, die schweissgeschwängerte, in der Halle wabernde salzige Tropenatmosphäre nicht missen möchte, sich gerne die Lunge aus dem Leib läuft und trotzdem stets die verschwitzte Kimme des Radfahrers auf dem Trainingsgerät vor einem im Blick hat, der ist im Fitnesscenter gut aufghoben.

Die anderen müssen halt in die Natur.
Hundertfünfundzwanzig Kilometer habe ich schon in meine neuen Kampfstiefel gelaufen, ohne, dass wir uns wirklich nahe gekommen sind. Also emotional. Physisch geraten wir stets aneinander. Es herrschen ordentlich Reibereien zwischen uns, wobei ich stets den kürzeren ziehe. Meine Haut ist einfach dünner als dieses bulgarische Ziegenleder, aus welchen dieses militärische Schuhwerk von gelangweilten Guantanamo-Aufsehern geschustert wurde.
Abend für Abend pflege ich sie, wie es mir drillmässig beigebracht wurde, mit dem Erfolg, dass sie immer wieder an einer anderen Stelle drücken. Nun, viel Fläche bietet der Fuss nicht mehr, meine Beharrlichkeit wird siegen.

marschroutenHeute bewegten wir uns einmal mehr auf das Zelgli.
Der Randen ist als solches ganz nett, wenn auch jede Wegbiegung wie die andere aussieht. Der Fluch besteht darin, dass man nicht um diese Winkeläcker herum kommt. Wohin man von meiner Hütte auch will, stets trabt man über diese Winkeläcker und dies macht die Geschichte langsam öde.

Doch an diesem sonnigen Dienstag, zumindest oberhalb von 600 Metern, war ordentlich Zug in der Sache. Neunzig Minuten sollten schon reichen, dachte ich, als ich nach zehn Uhr in den Morgenfrost trabte. Da bist du so gegen 11 Uhr 30 auf dem Zelgli, kannst das Feuer aufschichten und wenn der Kollege aus der Richtung Stadt eintrifft, kann man gleich zum Bier übergehen.
Neunzig Minuten, ungefähr 5 Kilometer die Stunde, das macht bei ungefähr 9 Kilometer… Kommt nicht einmal ungefähr hin, kruzifix. Ich beschleunigte meine Schritte aus dem Dorf, die Schuhe begannen höhnisch zu grinsen. Klamme Füsse, von der Hitze etwas geweitet, die Fersen beinahe am Leder anliegend, mit diesen fünf Millimeter Bewegungsreibung, deren Hitzeentwicklung ein nasses, grünes Stück Eichenholz in lodernde Flammen versetzen würde. 252 Höhenmeter geht es erstmal hoch, nach 500 Metern entblätterte ich mich und wanderte dampfend im Shirt durch den Morgenfrost. Ich mag diese Temperaturen. Das Anstrengende dabei ist, einmal zu schwitzen begonnen, ist das frösteln nahezu unausweichlich. Doch mich sputen und dabei lässig cool bleiben; ich bin ja kein Ueli Steck, das geht nicht.
Nach 86 Minuten war ich auf dem Zelgli. Gut, es geht. Wenn es sein muss.

Der erste an der Feuerstelle, die Sonne schien, es kam wie es kommen muss. Der Parkplatz in unmittelbarer Nähe motivierte noch manchen dem Nebel zu entfliehen. Man tauschte beim Talisbänkli den feinen Stadtschuh gegen den nicht weniger feinen Wanderschuh, bindet das Accessoires-Hündchen an die Designer-Perlenschnur und nimmt tapfer die 50 Höhenmeter unter die Füsse. Versteht mich nicht falsch, wenn kleine Kinderfüsse mit dem viertel einer normalen Schrittlänge diesen Weg hoch tapsen ist dies in Ordnung, aber wir sprechen hier von ausgewachsenen Menschenkindern.
Mannsbilder mit durchschnittlich langen Beinen, welche einfach nur faul sind. Mit Migros- und Denner-Tüten erstürmen sie die Grillstelle.
Gerade erst habe ich Holz aus dem Wald gezerrt, fachgerecht zertreten und das Feuer damit gefüttert, als solch ein Michelin-Männchen mit einer Manor-Geschenktüte voller filigraner Anfeuerscheite ankam.
Holz in den Wald tragen. Auf solche Ideen kommt man wohl, wenn das Auto in Fernbedienreichweite steht. Ob sie auch eine Wurst grillieren dürfen; Was will man sagen. Ist nicht meine Feuerstelle, kann es schlecht verbieten, aber gutheissen tu ich es nicht. Immerhin hat es da noch eine Feuerstelle und die Erde ist nun schon einmal erwärmt. Wann grilliert man schon am 29. Dezember.
Gerade kein triftiges Gegenargument, den Grillrost ablecken würde auch nicht ziehen, also liess man es zu.

Ich entsinne mich, dass der Reiz des draussen grillieren nicht zuletzt darin bestand, dass man völlig legal mit einem offenen Messer durch den Wald rennen und sich einen Grillspiess schnitzen konnte.
Das war einmal.
Heute benutzt man einen maschinell gedrechselten Holzgriff mit Tragschlaufe, damit er nicht verloren geht. Darin steckt ein Ausziehstab, ähnlich der Teleskopantenne eines Transistorradios. Auf diesen wird die Wurst gespiest.
Nun ja, die Zeiten ändern sich.

Die Feuerstelle erfreute sich grosser Beliebtheit, ständig hatten neue Leute etwas auf den Grill zu legen. So ganz spontan, weil es eben gerade brennt. Deuchte mich eher, man hat eiskalt spekuliert, dass da schon ein Trottel ein Feuerchen entzündet hat. Dann und wann trug ein weiterer eine Papiertüte voller mitgebrachter Holzscheite herbei.
Es mache gar keinen Sinn im Wald zu schauen, klärte uns ein Herr in feinem Zwirn mit blitzeblanken, steigeisentauglichen Hochgebirgsschuhen auf. Da hätte es sowieso kein Holz.
Was waren wir dankbar um diesen Bear Grylls des Unterland. Fuhr er in seinem Mercedes SUV eine Ladung Holz aus dem Jumbo hoch. Wir wären glatt verhungert.

Nun denn, etwas entsetzt über meine Fähigkeit, mich an das Klima anzupassen, muss ich sagen; Zwei Tage vor Jahreswechsel im T-Shirt draussen grillieren… es soll klimatechnisch nicht Standard werden, aber war ein netter Nachmittag.

Veröffentlicht unter Vom Leben und gelebt werden | Kommentare deaktiviert für Neulich, auf dem Zelgli

Böse, geizige Europäer

Wir hatten ihn schon beinahe vergessen. Den kleinen Jungen mit dem roten Shirt, den gekämmten Haaren und ordentlich geschnürten Schuhen. Tot an der türkischen Küste. Das Sinnbild für das Grauen der Flüchtlingskrise.

Wie konnte das geschehen? Gemäss Medien sollte sich das Bild in unser Gedächtnis brennen, der erste Gedanke morgens, der letzte Abends. Eine weltumspannende Trauer um den kleinen Aylan für den Rest unseres Lebens auf Mutter Erde. Wir sollten unsere Profilbilder einfärben und Blumen an den Strand legen.
Warum haben wir ihn vergessen?

Nun, da wurden in Paris Menschen getötet, wir mussten unsere Profilbilder wieder färben und Paris liegt uns dann doch noch etwas näher als die türkische Küste. Dann beschäftigte uns das Klima weil wir skifahren möchten und Weihnachtsgeschenke wollten besorgt werden.
Des weiteren ranken sich mehr Geschichten um den Tod des Jungen, als ein skrupelloser Schlepper Menschen in ein handelsübliches Gummiboot packen kann. Wie jene, dass der Papa selber Schlepper war und am Steuer des Motorbootes sass. Welches über den Ozean gerudert wurde. Also eigentlich gekentert war. Mal hielt er einen Jungen fest, mal trieben alle im Ozean, mal hat Papa die einzige Schwimmweste getragen und überhaupt wollte er nur nach Europa um sich die Zähne machen zu lassen, weil Western Union keine 14’000 Dollar von seiner Schwester in Kanada anweisen wollte. Asyl in Kanada wollte er nicht und warum er nach allen Schreckensmeldungen und trotz schwerreicher Schwester die Reise über die See und nicht das Land in Angriff genommen hat, weiss wohl nur er selber.
Gewiss kann man sich nur sein, dass da ein toter Junge am Strand lag und die Medien ordentlich Kapital daraus schlugen.

Die gesamte Geschichte drohte vollends in Vergessenheit zu rutschen, da wurde der Papa wieder vor eine Kamera gesetzt. Gerade noch rechtzeitig.
Kampusch kann da ein Lied davon singen. Man erhält Sendezeit im Ersten um vor der Kamera zu weinen. Irgendwann ist man bei Sat 1, dann bei RTL 2 und ehe man es sich versieht, bleibt einem nur noch das verticken der 5 Euro-Schnäppchen bei Pearl.tv.
Die Exklusiv-Interviews bei Bild rutschen vom prominenten Bezahlbereich in die öffentliche Seite und verschwinden irgendwann ganz.

Der britische Sender Channel 4 schenkte dem Papa Abdullah Kurdi Sendezeit. Eine Tradition, jedes Jahr kommt jemand zu Wort welcher das Jahr hinweg im Fokus stand. Oder eine gewisse Einschaltquote garantiert.
Wir alle sollen Türen und Herzen für Syrer öffnen, denn wer eine Türe zuschlägt… und so weiter und so fort.

Ihr denkt es, ich schreibe es. Und wenn ihr es nicht denkt, bin ich halt der einzige welcher so empfindet und kann damit auch umgehen.
Das Geheule geht mir auf den Senkel.
Nebst eine Kindertagesstätte in Armenien soll ich Kindern in Irgendwo ein Haus finanzieren, weil selbige nur einen Karton zum leben haben. Nicht genug damit, der Karton wurde vom Hilfswerk auch noch eingezogen und den reichen Schweizern gesendet um unserem geldverfetteten Herzen einen Schubs zu geben.
Wenn ich nicht wöchentlich drei Hunde adoptiere und für vier Schimpansen eine Patenschaft übernehme bin ich unbestritten der grösste Tierhasser auf Erden, wobei ich dieser sowieso bin, wie mir der VGT versichert, weil ich gerne Fleisch esse. Dann hat der SOS haumichtot noch eine Stiftung, die Winterhilfe will Mäntel kaufen, in Nepal war ein Erdbeben und ein Hilfswerk stellte mir Weihnachtskarten zu.
Ich könne sie schon behalten, auch wenn ich nichts spende, müsse dies einfach mit meinem Gewissen vereinbaren können…

In materieller Hinsicht sind gewiss viele von uns gut gestellt.
Die einen Spenden im Namen der Kunden. Wie grosszügig. Nun, sie spenden einfach Geld, welches an sich schon für Kundengeschenke abgeschrieben war. So generös, wie ich von einem gewonnenen Kilo Marzipan die Hälfte abgebe, weil ich nicht alles verspeisen kann und Marzipan im Grundsatz nicht mag.
Spart sich Müller hundert Franken vom Mund ab, ist es eine nette Geste, nimmt Herr Meier, Nummer 4235 auf der Forbes-Liste, eine halbe Million aus seiner Portokasse, wird eine Bibliothek nach ihm benannt. Stets bemüht, den Menschen als Individum anzusehen, ist bei Spenden die Messlatte doch sehr allgemeingültig gelegt.

Zudem geht im ganzen Spendenwahn vergessen, dass der Mensch mehr als schnöden Mammon zu geben hat. Manchem, da nehm ich mich keineswegs aus, fliegt der Hunderter schneller aus der Brieftasche, als dass er einem Mitmenschen eine Minute widmet.
Es muss nicht jeder den Syrern Tür und Herz öffnen. Man kann mit der Menschlichkeit im Kleinen beginnen. Die Kontaktliste durchblättern und sich kurz überlegen, warum einem der Fritz die Minute nicht wert war, welche man benötigt hätte, seine Nachricht vom Juni 2015 zu beantworten.

Veröffentlicht unter Kurz nachgedacht | Kommentare deaktiviert für Böse, geizige Europäer

Sofa-Kartoffel

Asche auf mein Haupt, ich war heute noch nicht auf 20min.ch, was bedeutet, ich bin im Ungewissen, welcher Männertyp diese Woche, heute, in der nächsten Stunde, jetzt gleich angesagt ist.
Es ist ja so, dass der Mann in der komfortablen Lage ist, dass mittlerweile mehr generierte Ideal-Verkörperungen des modernen Männerbildes als paarungswillige zweibeinige Weibchen auf dem Planeten existieren. Sprich; Ob du nun den gefühlvollen, der Frau durchs Haar streichenden Mann mimst, den akkuschraubenden IKEA-Regal-Monteur gibst, der liebe Kinder-Typ bist oder morgens im Lendenschurz mit einer Keule auf der Schulter grunzend das Haus verlässt; Jeder dieser Typen ist bestimmt einmal in der Woche der ideale Männertyp, nachdem sich die Frauen verzehren. Also bleib wie du bist.

Kann ich natürlich nicht, weswegen ich regelmässig im Fitnesscenter der körperlichen Ertüchtigung fröne. Wobei Kasteiung das korrekte Verb wäre, meines Erachtens rangiert Sport unter den Top 10 der bescheuertsten Möglichkeiten, den Tag zu verbringen. Natürlich gibt es Menschen welche davon leben, da liegt die Sache etwas anderes, aber ihr geht mit mir einig, dass das Gros nur die mangelnde Bewegung im Alltag kompensiert oder irgendwelche Haltungsschäden korrigiert.
Oder denn sein mangelndes Selbstwertgefühl ausbügelt.
Anstelle eines schweisstreibenden Work-Outs würde ich lieber drei, vier (-hundert Gramm) Erdnüsse knacken, Weihnachtsfilme sehen und denn Gang zum Kühlschrank organisieren, um unnötige Bewegung zu vermeiden. Mandarinen würden einen weihnachtlichen Duft verbreiten und wenn ich mich auf der Couch wende, knistert die Alufolie von schokoladegegossenen Christbaumanhängern unter meiner Masse. Und ich sollte mich wohl fühlen. So schauts aus.

Es gibt diesen einen Tag im Jahr. Diesen Tag, an welchem man morgens aufsteht, sich vor den Spiegel stellt, in alle Richtungen dreht und sagt „Yeah Baby!“. Dieser Tag, welcher dazu bestimmt ist, in das Schwimmbad zu gehen. Jede Faser schreit, betrachtet die Früchte meiner Arbeit, bewundert die fleischgewordene Statue des perfekten Athleten.
Für gewöhnlich regnet es an diesem Tag. Was nicht weiter schlimm ist, da er sowieso auf Oktober oder März fällt. Vielleicht auch Februar. Ein normaler Wochentag, welchen man bei der Arbeit verbringt. Und zur Feier dieses ultimativen Tages schlägt man ein wenig über die Stränge, ein Sandwich in der Pause, ein Stück Schokolade nach dem Mittagsmahl, ein Doppel Whopper Bacon Cheese King Size-Menu als 22 Uhr-Snack.

Für diesen einen Tag, man gibt sich der Illusion hin er dauert von Juni bis September, müht man sich also ab.

Heute trabte ich zwecks Aufwärmung meiner Glieder auf dem Laufband. Natürlich in einer Geschwindigkeit, dass die Schmiere an den Rollenachsen verdampfte und sich die Erde ein klein wenig langsamer drehte. Nur falls ihr heute früh den Eindruck hattet, die Zeit geht nicht rum. Sorry.
Es ziepte im Fussgelenk, das Knie wirkt ein wenig aufgedunsen und in der Schulter scheint Knochen auf Knochen zu reiben. Ich überlegte mir, dass ich eigentlich stets ein Zipperlein habe. Nichts, was einem aus dem Alltag nimmt oder gar zum Onkel Doktor treibt, aber irgendwo in dieser Körpermaschine klemmt und zwickt ständig was.
Mein Blick gleitet über die Anwesenden. Hier ein wandelnde Litfasssäule, von Kopf bis Fuss mit bunten Tape-Streifen beklebt. Dort hält ein mit Manschetten die Sehnen im Unterarm, dieser humpelt von Hantelbank zum Bauchtrainer und jener hat eine Schiene am Bein, welche irgendwie das Kniegelenk ersetzt.

Während ich so weiter trabe, gerade habe ich Flash überrundet, frage ich mich, wie gesund ist diese Sache eigentlich. Will sagen, dieser Körper sollte eigentlich noch ein paar Jahre halten. Früher, auf der Couch, war ich vielleicht ein wenig fülliger, aber alles andere funktionierte tadellos. Voltaren kannte ich nur aus dem Fernsehen, es ersetzte noch nicht die Bodylotion. Vielleicht ist dieses Sportdings gar nicht so gesund, denn mit sportlicher Aktivität fühle ich mich häufiger angeschlagen, denn ohne. Ich kann nicht aus dem Nähkästchen plaudern, doch glaube ich beinahe, mit der Gilde der Physiotherapeuthen wurde ein ganzer Berufszweig geschaffen, um Menschen instand zu setzen, welche sich dem natürlichen Trieb zum Müssiggang widersetzen und ihren Körper schinden. Früher unterstützten Krankenkassen den Sportenthusiasten mit Beiträgen zum Fitnessabo. Ja, machen sie heute noch, nur muss man eine Zusatzversicherung abschliessen, deren Beiträge die Teilvergütung des Fitnessabo übersteigen. Vielleicht haben sie begriffen, dass der gesundheitsfördernde Beitrag unterm Strich mit gestiegenen Behandlungskosten für Sportverletzungen in ähnlichem Ausmass ergänzt wird, was im Endeffekt nicht die kalkulierte Ersparnis bedeutet.

Da mir zu diesem dümmlichen Beitrag nichts abschliessendes einfallen wollte, bemühte ich doch noch 20min.
Retrosexuell muss der Mann im Moment sein.
Figurbewusst ohne Diät zu halten. Ein feinfühliger Handwerker. Gentleman im Holzfällerhemd.
Und überhaupt seien Männer am anziehendsten, wenn sie sich selbst sind und nicht irgendwelchen Ansprüchen von aussen genügen wollen.
Ausgezeichnet. Gehe Erdnüsse kaufen. 3 oder 4 (-hundert Gramm) und werde so richtig sexy mit Schokoflecken auf der Trainierhose.

Veröffentlicht unter Kurz nachgedacht, Vom Leben und gelebt werden | Kommentare deaktiviert für Sofa-Kartoffel

Thank you for Smoking

Die Tatsache, selbst einer zu sein, liefert mir so quasi die Legitimation zu diesem Artikel. Die Rede ist von Rauchern.
Was mich anbelangt, bin ich unter Rauchern das, was Blade unter Vampiren ist. Ich habe alle ihre Stärken, keine ihre Schwächen. Noch nicht einmal den Durst… also ähm, das Verlangen meine ich.
Stärken, was haben Raucher für Stärken, fragt sich der kerngesunde Veganer unter den Lesern. Nun, zum Beispiel kann ein Raucher auf dem Firmenbalkon stehen und eine paffen. Während der Arbeitszeit. Der raucht eben eine, ist normal. Legt der Nichtraucher für 5 Minuten die Beine auf den Tisch und versendet auf Farmville virtuelle Schafe, ist er ein fauler Tunichtsgut. Ein Raucher hat stets was um sich festzuhalten, um eine Wartezeit zu überbrücken, sich von mühseliger Gesellschaft eine Auszeit zu nehmen und stets ein kleines Stück Freiheit und Abenteuer in der Tasche.

Darüber hinaus, sind sie bisweilen einfach ein wenig eklig. Beinahe schon widerlich. Gestern beim Grossverteiler röchelte es hinter mir, als hätte eine Giger-Kreation in der Warteschlange ihren Platz eingenommen. Dieses rasselnde Atmen, als würde Marley die Treppen hochsteigen. Noch bevor er mir Teer in den Nacken reiherte, roch ich ihn. Dieser Gestank der Stange Zigaretten von letzter Woche. Welche man in einem Durchgang in einem hermetisch abgedichteten Raum durchgezogen hat. Ohne jegliche Luftzufuhr oder, was Gott verhindern möge, einen Abzug des Rauches. Jedes Kleidungsstück, von der Socke bis zur Schirmmütze, hat man in dieser Räucherkammer dem Liebhaberaroma von kaltem, abgestandenen Rauch ausgesetzt. Es versteht sich von selbst, so man überhaupt Körperhygiene betreibt, dass man sein Haupthaar keinesfalls reinigendem Wasser und duftspendendem Shampoo aussetzt.
Das Problem liegt darin, dass die Stange irgendwann durch ist, Bier zur Neige geht, man eine Fertigpizza braucht oder welche Gründe sie auch immer treiben mögen; die Asis gehen vor die Tür. Mischen sich unter Leute und wie Katzen am Gartenzaun entlangstreifen, scheinen auch diese Raucher danach zu trachten, ihr Eau-de-Qualm an den Mitmenschen anzubringen. Ihr Revier zu markieren. Ihre Ausdünstung ist ihnen in keiner Weise peinlich, sie suchen direkt den Körperkontakt.
Diese Kreatur hinter mir wird zusätzlich von einem Schnupfen geplagt. Ein Nasenloch scheint sich verschlossen zu haben, umso intensiver atmet er durch das verbliebene. Jeder Atemzug mit einem rotzenden Hochziehen verbunden, was beim Ausatmen nicht in einem Faden am Nasenflügel hängen bleibt, sprüht er in feinen Tropfen über das Band, die Quengelware, die Kundschaft, meinen Nacken.

Er rückte mir so auf die Pelle, dass ich kurz überlegte, die Einkäufe auf das Band zu knallen und fluchtartig den Laden zu verlassen. Mit den Ellbogen wegdrücken wollte ich nicht, ich lebe in permanenter Angst vor einer tödlichen Kontamination, wenn solch ein stinkendes Etwas in meinem Umfeld agiert.

So versaute mir ein weiterer Vertreter dieser Spezies den letzten Kinofilm. Beinahe. Der Film war sowieso etwas dumm. Es war eine Konstellation dreier Personen, deren Zuordnung ich in der Kürze der Pause nicht klar festlegen konnte. Gleich zu meiner Linken eine sehr korpulente Dame mit einer zu engen Hose und einem speckigen Daunen-Stepp-Kurzmantel. Eigenst vor dem Kinobesuch noch in den Marylong-Räucherkasten gehängt. Diese Note, vermischt mit einem Denner-Quengelware-Parfum im Sonderangebot, wehte mir in die Nase, dass sich die Schleimhäute mal eben verabschiedeten und ich spontan zu schnappatmen begann. Kurzes, heftiges Luftholen durch den Mund. Wenn ich es nicht rieche ist es nicht tödlich, oder so. Während sie sich behaglich einrichtete, schleuderte der widerwärtige, schmutzstarrende Ärmel ihres abgewetzten, speckigen Kik-Kurzmantel auf meinen Sessel, dass ich vor Schreck beinahe meiner Begleiterin zur Rechten auf den Schoss sprang.
Die Stimme. Jeder Mensch hat seine Tonart, von normal, bis nahezu fiepend. Ein männlicher Raucher erhält eine whiskeygeschwängerte Brummelstimme, was durchaus maskulin wirkt. Frauen hingegen erwerben mit drei Packungen Lidl-Marlboro, die Goldfield, diese Note zwischen Kioskdame der ersten Stunde und fünfzehn Jahre auf’m Bock. Ständig vibriert da in der Kehle was mit. Tief, rasselnd und das Lachen klingt, als würde man einen Glascontainer auskippen. Man möchte ihnen ständig auf den Rücken klopfen, solch ein Fremdkörper in der Kehle muss doch lästig sein. Beginnt sich selber zu räuspern, weil man irgendwie mitleidet.
Der Begleiter, könnte Mann, Sohn, Liebhaber oder von jeder Variante etwas gewesen sein, sprach lautstark auf seine Mutter, Frau, Mätresse ein. In einem beinahe übermenschlichen Akt schien er den letzten, tiefen Zug seiner Marlboro in den hintersten Lungenflügeln aufbewahrt zu haben und dieser Hauch des Todes waberte wie Giftgas an in mein Gesicht, da ich just in diesem Moment die Gestalt einfach ansehen musste. Das verfilzte Kopfhaar, die Nasenhaare ohne sichtbare Trennung in den Schnurrbart übergehend, überschattet von einem in die Nase gehängten, popelverkrusteten Ring.
Ja, ich sehe nichts anmutiges, wenn man sich irgendwelches Blech ins Gesicht hängt, aber die Geschmäcker sind ja verschieden.
Die zweite Dame der Dreierkonstellation, mit einer engen Kampfhose und einem etwas zu kleinen Shirt. Eine Frau mit etwas runderen Formen ist nicht per se unattraktiv, aber wenn der unbedeckte Bauch unter dem Shirt raushängt, sollte man vielleicht die Kleiderwahl überdenken.
Kurz, die Gruppe wirkte, als hätten sie vor einer Stunde am Fliesentisch die letzten Fluppen gestopft und geniessen nun den freien Abend, bevor sie für einen Fuffi bei RTL zu den „Familien im Brennpunkt“-Dreharbeiten müssten. Während des Films ging der Raucherhusten los. Mit Auswurf, da bin ich ganz fest überzeugt. Und um die Sonntagsstaat nicht einzusauen, wird keinerlei Arm- oder zumindest Handtechnische Blockade vor der Rachenöffnung aufgebaut. Über drei Sitzreihen werden die Ausscheidungen verteilt, in Popcorn, Nachos, über Trinkhalme und in M&Ms-Becher.
Die Leute sollen mal nicht so tun, zu Hause wischt man auch nur mal eben feucht durch, wenn die Tauschmutti aus’m Ruhrgebiet zu Besuch ist und man lebt auch noch.fliesentisch

Was den Raucher vom Alkoholiker unterscheidet, ist lediglich die Tatsache, dass man eine Fluppe freihändig im Mund balancieren kann, während eine Bierflasche ganz schön auf die Zähne und Kiefermuskeln geht und er daher seiner Sucht auch während der Verrichtung einer Tätigkeit nachgeht.
Stelle ich in meinem Arbeitsalltag fest, welcher mich so schon beinahe zum Nichtraucher gemacht hat.
Den Glimmstengel in der linken Mundecke, das obenliegende Auge vom blauen Dunst schon etwas gerötet und leicht tränend zusammengekniffen. Die Atmung mehr schlecht als recht, da auch der überzeugteste Marlboro-Cowboy dann und wann eine Idee Sauerstoff benötigt, was mit dieser Art zu rauchen nahezu unmöglich ist. Regelmässig muss man die Lippen zusammenpressen und mit dem ordentlich reduzierten Lungenvolumen kräftig ziehen um den Glimmstengel am Leben zu erhalten. Das reine Gift kriecht in die Lungen, erfreut die Psyche, befriedigt den Körper als Organismus jedoch nur bedingt. Daher zieht man zwischendurch immer wieder Luft durch das Nasenloch, welches jedoch permanent vom Dunst des anderen Zigarettenende umwabert ist, was wieder einen teerhaltigen Lungenzug ergibt.
Nach einem viertel der Zigarette wird diese unproduktive Wechselatmung von einem Keuch-Hustanfall quittiert, was dann durch den rechten Mundwinkel abläuft. Mit dem linken hält man ja die Zigarette und die Hände sind bei der Arbeit.
Man bemitleidet den Raucher beinahe.
Irgendwann geht es nicht mehr.
Man muss die Sparsamkeit der Raucher loben. Es ist mir nicht geläufig, was eine Zigarette kostet, aber ich schätze sie wird im unteren, zweistelligen Rappenbereich anzusiedeln sein. Ein normaler Mensch, hätte einen solch störenden Fremdkörper stets entnervt in die Ecke gepfeffert. Wenn ich Aufgrund einer Alkoholvergiftung in meinen blauen Eimer reihere, spüle dich den Mund auch nicht mit abgestandenem Corona aus. Würde der Raucher wohl. Denn wenn der Krebskandidat bereits am Sargboden entlangschrammt, die Zigarette ist säuberlich auf die Kante gelegt. Womöglich leicht schräg, um ein schnelles Abbrennen zu verhindern.
Der Raucher steurt nun einem Hustanfall entgegen, welcher einen kleinen Mann entzwei reissen würde. Doch in einem beinahe liebevollen Akt zieht er den zu dreiviertel gerauchten Glimmstengel aus dem Mund, hält ihn hoch oben in Sicherheit, bevor er sich krümmt und windet, in einem offensichtlich letzten Aufbäumen förmlich die Lunge auf den Parkett kotzt.
Vor Anstrengung so ausgezehrt, dass ein Supersportler erst einmal zur Regenerationskur gehen würde, stützt er sich am Schrank ab und führt die gerettet Kippe wieder zwischen die faltigen, grauen Lippen.
Kräftig ziehen, dass die Glut am Filter leckt und neuer blauer Lebensdunst in die Lungen zieht.
Der sehr geschätzte Mitarbeiter, ich mag ihn wirklich, pflegt dann jeweils zu sagen „Gopfertami, anderi sterbed so liecht und mich butzts fascht“.
Bevor er eine neue Aldi-Zigarette aus der Brusttasche fischt.

 

Veröffentlicht unter Hossa, Kurz nachgedacht, Vom Leben und gelebt werden | Kommentare deaktiviert für Thank you for Smoking

Kultur zu Grabe getragen

Und dann hiess es plötzlich, sie sollten was tun für ihr Geld…

Natürlich kann man so doch nicht vergleichen. Mein Vorteil als Proletarier liegt darin, dass man die Kulturbeiträge komplett streichen könnte ohne, dass ich davon was mitkriegen würde.
Die Steuerreduktion, die Nutzniesserin der Geschichte, macht sich in meinem Säckel wohl auch nicht spürbar da der ländliche Fiskus in selbigen greift, dennoch machte ich mir Gedanken über die geschockte Schaffhauser Kulturszene.

Was schiesst euch durch den Kopf, wenn ihr Kultur hört? Musical, Theater, Kunstwerke und portugiesische schwarz-weiss-Filme von einem bulgarischen Regisseur mit französischen Untertiteln auf Arte.
Was der Proletarier mit Kultur verbindet ist namentlich eine Sache, welche davon lebt, dass sie niemand versteht. Da stehen die Reichen, die Schönen und die ganz schön Reichen in geselligem Beinander, perlenden Prosecco oder leichten Sommerwind im Glas und setzen beeindruckte Mienen auf.
Um sich einen befremdeten Ausdruck leisten zu können, muss man sich bereits zu früheren Zeiten als namhafter Kunstexperte etabliert, sprich, den Zyklus der beeindruckten Miene ebenfalls durchlaufen haben. Als anerkannter Experte kann man nun den Künstler mit einem Daumenzeig in die tiefe Depression, oder, nun, in die tiefe Depression stürzen.
Sie gehen wohl nicht mehr so weit, dass sie sich Organe abtrennen um das Geschrei der Menschen zu ersticken, doch ein leichter Knacks ist unabdingbar um Kunst zu schaffen.

Fürwahr, ein Anker hat schöne Bilder gemalt. Anerkennt auch ein Kind oder Betrunkener, die ganz schön Reichen bestätigen die verzauberten Proleten mit gönnerhaftem Nicken. In etwa, als zeige sich Reich-Ranicki beeindruckt, weil ich ein TKKG-Buch gelesen und verstanden habe. Einen kleinen Zeh in der Literatur und dennoch wartend, dass mir der Türhüter Einlass gewähre, Tage und Jahre.

Ein schönes Bild, malen wir glücklich Bäume, kann jeder mit einer Schippe Geschick, einer Schaufel Fleiss und einer Prise Talent auf die Leinwand zaubern. Dinge wie Fleiss und Arbeit sind der Bourgeoisie zuwider, stellen sie das Handwerkszeug des Proletariats dar.
Wer seine Wände mit Abbildern diverser Lokusse verziert ist ein gefährlicher Irrer oder eben Künstler. Inwieweit die geistige Umnachtung sich hier die Hände reicht, überlassen wir dem Betrachter. Wer Gemüse verfaulen lässt betreibt Food Waste, oder ist ein Künstler. Wer kleine, nackte Jungen modelliert ist ein Pädophiler oder ein Künstler. Wer einen Haufen Steine auf gebohnertes Parkett knallt ist ein tolpatschiger Handwerker oder ein Künstler. Wer mit allen Körperteilen Ölfarbe auf einen haftenden Untergrund knallt ist ein Kindergärtner oder Künstler.
Hier scheidet sich das Prolerariat von der Bourgeoisie. Oder eben, der nüchterne Betrachtungswinkel vom künstlerischen Gesichtspunkt.

Dank des Geltungsdrang der Reichen, können arbeitsscheue Selbstdarsteller überhaupt überleben.
Oder dank der Zuwendungen von öffentlicher Hand. Nun entbrennt ein Kampf, was der Stadt, der Region oder Menschenheit im Gesamten dienlicher sei.
Ein paar Franken mehr im Geldbeutel, oder das Ingemar-Louise weiterhin vor Publikum in spährischer Trance ihren Namen tanzen kann und Judith Raum und Geld erhält, einen Steinhaufen adrett zu drapieren.

An sich kann doch jeder machen was er will. Sofern er sein Brot damit verdient. Und wenn Müller-Scheffelmann mit einer Nase voller Ölfarbe gen eine Leinwand niest und dafür 96’000 Franken erhält, ist dies in Ordnung. Solange er nicht bis zur Perfektionierung dieser Fertigkeit mit 54 Lenzen von der öffentlichen Hand unter dem Deckmantel, wichtige kulturelle Errungenschaft der Region durchgefüttert wurde.
Wird nun ein peruanischer Regentanz im Haberhaus präsentiert, im Zuschauerraum ergötzt sich nur ein Zuschauer, welcher das Ticket anlässlich eines Preissauschreibens bei fettfrei Backen gewonnen hat, ist die Darbietung schlichtweg nicht kostendeckend und das Nullsummenspiel muss eingestellt werden. So wichtig es für die kulturelle Bereicherung auch sein mag.
Jedes Mitglied der Gesellschaft hat seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und so er dieses sein Leben mit Kultur bereichern möchte richte ich mich nach dem Grundsatz, wer tanzen will, muss die Musik bezahlen.
Möchten nun die oberen 10’000 Schaffhauser ‚Die Ernte‘ im Allerheiligen sehen, entrichten am Eingangsportal ein kostendeckendes Entgelt, wovon Raum und Künstler zehren, spricht nichts dagegen, einen Dreitritt mit blauen Füssen und rotem Griff auszustellen. Steht dieser jedoch in einem nicht besuchten Raum, bis die Reinigungskraft ihn aus Versehen wegpackt, scheint das Interesse schlichtweg nicht vorhanden zu sein. Brotlose Kunst eben.
Kann das Tap-Tab seine Künstler nicht bezahlen und vermag das Sicherheitsdispositiv nicht zu stemmen, sehe ich hier einfach einen unrentablen Betrieb. Sei es nun die Darbietung, welche zuwenig Leute interessiert oder der gefährliche Standort, es ist nicht von Belang. Denn geht die Papeterie Gewürznelke in der hinteren Stadt ein, springt auch nicht die öffentliche Hand ein. Dann hat der Herr Nelke eben schlecht gewirtschaftet und muss sich neu orientieren.

Ich befürworte es, wenn mit der Altra ein Weihnachtsspiel aufgeführt wird, wenn Schulklassen das Allerheiligen besuchen oder einer Theatervorstellung beiwohnen. Aber öffentliche Gelder einschiessen, damit sich die Bourgeoisie ein Stell-dich-ein geben kann und ein Selbstverwirklicher sich ein wenig länger vor ehrlicher Arbeit drücken kann, darin sehe ich keinen Sinn.

Wann lauerte euch zuletzt Urs Hunziker vor dem Kinepolis auf, um euch stumm eine Eintrittskarte für den neusten Marvel-Streifen in die Finger zu drücken? Oder hat überhaupt jemand einmal gelesen, dass das Kinepolis von der Stadt berücksichtigt wurde? Kino, die Kultur des Fussvolkes eben. Augenscheinlich eine mindere Kultur.

Die Gefahr der Unterhaltung kann nicht ganz ausgeschlossen werden.film-ab

Veröffentlicht unter Kurz nachgedacht, Vom Leben und gelebt werden | Ein Kommentar