Vorfreude auf den Valentinstag

Nicht vergessen, am Samstag zelebrieren wir die Enthauptung des Martyrers Valentin von Terni.
Seine Gebeine sind als Reliquien in mindestens 13 Kathedralen, Kirchen und Kapellen verteilt. Der Schutzpatron von Jugendlichen und Imkern, er wird angerufen bei Krankheiten wie Pest, Epillepsie und Wahnsinn. Und er hilft bei der Wahrung der Jungfräulichkeit bis in die Ehe.
Welch Ironie, diesen Heiligen als Schutzpatron für den Valentinstag zu ernennen.

Ja es ist Valentinstag.
Wir brauchen keinen Tag um uns zu sagen, wie lieb wir uns haben.
Oooooh. Mit Zuckerguss oben drauf.
Wir schenken uns auch einfach so etwas. Oft! Manchmal. Gelegentlich. Es kommt vor. Eigentlich nie.
Darum ist es gut, gibt es den Valentinstag. Des Menschen Alltag ist durchorganisiert, wir haben einen Tag, an welchem wir die Mutter besuchen, nach Terminplan bescheren wir Kinder und Partner, warum denn nicht auch einen festgelegten Tag, an welchem wir uns lieben? Pardon, die Liebe mit einem symbolischen Blumenstraus zeigen. Der Blumenstrauss kann gewiss die Küche öffnen, aber muss ja nicht sein, die Liebe geht viel tiefer, oder höher, als nur über das körperliche. Mit der Unterstützung von Valentin.valentinstag

In meinen Augen ist eine Partnerschaft nur die Anzahl der Kompromisse, welche wir einzugehen bereit sind.
Je stärker die Liebe, desto höher die Kompromissbereitschaft und die Liebe wird durch die Reize bestimmt, welches das Gegenüber auf uns ausübt. Während, zumindest behaupten Forscher dies und ich bin geneigt meine Zustimmung auszusprechen, Männer eher auf das Visuelle ansprechen, sind Frauen der Sicherheit zugetan.
Kaum ein Ding wird so oft verleugnet, wie diese Tatsache. Aus Angst, ein nicht sehr hübscher Charakterzug würde offen gelegt. Obwohl einige Milliarden Menschen seit tausenden Jahren in diesem Sinne agieren, schämt man sich immernoch dafür. Es stellt uns mit dem Neandertaler auf eine Stufe, harmoniert nicht mit unserer aufgeklärten Gesellschaft.
Hat der Mensch noch den Urtrieb des Fluchtinstinktes und die Intuition in sich, ist man stolz, diese wertvolle, schützende Eigenschaft bei aller Zivilisierung bewahrt zu haben. Assoziert der Mann eine attraktive Frau mit einem gesunden, starken Nachwuchs und sieht Frau in der Geldbörse des Gegenübers eine sichere, stabile Zukunft, empfinden Menschen dies als falsch.
Hach, diese dummen Menschen.

Ich begehre, was ich nicht haben kann. Möchte halten, was mir zu entgleiten droht.
Ist dies Liebe?
Glaubt man wissenschaftlichen Theorien, ist das nahezu psychotische Überbewerten des Partners, das Ausschalten von rationalem Denken wichtig zum Fortbestand der Spezies. Im Rausch der Gefühle wirft man Bedenken und Vorsätze über Bord, mitsamt Pille und Präservativ.
Die folgenden vier Jahre, das Angleichen der Hormonspiegel an nahezu vernünftige Werte, dient dem Erhalt der Familie, die Arbeitsteilung, bis der Nachwuchs auf eigenen Füssen steht, als eigenständiges Individum zu agieren beginnt. Bis man sich wieder mit dem Partner beschäftigen muss. Darf. Sollte. Könnte. Dies wäre dann die letzte Bewährungsprobe.

Soweit die Wissenschaft.
Ich wechselte von der Verliebt-Sein-Phase stets direkt in die Bloss-weg-Phase, daher sagt ihr mit Fug und Recht; Was verstehst DU davon??!!??
Gar nichts. Aber ich hänge mir soeben eine Bedienungsanleitung um den Hals und diese wünscht man sich doch bisweilen.
Sind wir mal ehrlich, gibt es etwas Schlimmeres als Schwiegereltern in spe? Etwas effizienteres um einen in die Flucht zu schlagen?

Plötzlich hat man eine Ecke mehr, an welcher man Weihnachten verbringen sollte. Nicht nur Weihnachten, sondern auch der 87. Geburtstag der Grosstante Kunigunde mit dem Seegrundstück. Der Partnerin ist es ausserordentlich daran gelegen, dass man an diesen Lustbarkeiten teilnimmt.

Bewegt sich in eine fremde Wohnung, muss ich nun die Schuhe ausziehen oder nicht? Die Schwiegermama hat das hübsche Kleid mit den grossen, blauen Blumen angezogen, der Schwiegerpapa seinen guten Anzug aus reiner Schurwolle mit einer zehnprozentigen Beimischung von Kunstfaser. Wohl bewegt man sich nur in den vier Wänden der schwiegerelterlichen Wohnung, doch steht ein besonderes Fest an, daher lümmelt man nicht in der Jogginghose. Im Anzug, mit dem Beinkleid welches man ein wenig reichlicher trägt, es sich mit dem Eintragen der Sitzfalte jedoch noch hebt, wirkt man etwas komisch in Strümpfen und dem Hosensaum unter der Ferse. Daher gleitet man im feinen, braunen Lackschuh über die Auslegeware.
Leider wurde mir kein Dresscode mitgeteilt „Sonntag um 12.00. Kannst auch früher kommen. Freu mich uh fescht“, weswegen unter der bequemen Jeans ein altes Paar Airwalk mit ablösender Sohle meine Füsse die 20 Meter vom Parkplatz zur Haustüre mehr als ausreichend beschuhen sollten.
Gehen wir noch aus, war meine verdutzte Frage auf das süsse Kleidchen und die hübschen, gewiss ganz fürchterlich unbequemen Schuhe der Partnerin, welche die Tür öffnete.
Natürlich nicht.
Wenigstens achtete ich auf tadellose Strümpfe, was nun ja hinfällig war, zumindest, dass alle Zehen gut verdeckt sein waren. Der Saum war zur linken mit einem Puma und zur rechten mit dem zweideutigen Kappa-Symbol geschmückt, aber dies sah ja niemand. Zumindest, wenn nicht noch ein Kneipp-Ritual zu den Festlichkeiten gehörte.

Kaum in der Wohnung angelangt, verriet mich die Partnerin auf das niederträchtigste.
Sie schickte sich an, ihrer Frau Mutter in der Küche zu helfen. Frau Mutter, welche kurz hektisch die Hände an der Schürze abwischte, sich höflich vorstellte, mich von oben bis unten taxierte, auf den Airwalk mit der ablösenden Sohle einen Tick zu lange verweilte und für den Bruchteil einer Sekunde mit dem Mundwinkel zuckte, um gleich darauf zu einem Lächeln, halb nachsichtig, halb tadelnd überzugehen.

Da steht man auf dem Läufer, bestellt und nicht abgeholt, völlig auf sich alleine gestellt. Ungewiss, darf man nun ins Wohnzimmer flanieren und sich in die Chesterfield-Sessel fläzen, hat man sich an den Esstisch zu setzen oder bleibt man einfach stehen. Während der Hund seine Schnauze nicht aus meinem Schritt nehmen will. Gedenkt man ihn zu steicheln, du Grundguter du (du verdammte perverse Scheisstöle, schnüffle an einem anderen Pullermann) zu murmeln, beginnt der Köter zu kläffen und jaulen, dass vom Schwiegervater über die Tochter bis zum Wellensittich alle der Überzeugung sind, du hättest dem allerliebsten Familienhund soeben min Inbrunst in die Seiten getreten.

Aus, komm her Fluffi, klingt es.
Geh weg von diesem, ungewaschenen, tierhassenden Kerl, schwingt unüberhörbar im Subtext mit.
Geh doch ins Wohnzimmer, hihihi, erklingt es aus der Küche.
Ich kann nicht, rufe ich zurück, mit Blick auf den süssen, zähnefletschenden Fluffi.
Aus, Fluffi!
Warum heisst es eigentlich immer ‚Aus‘? Ich meine, wenn man ‚Aus‘ rufen muss, ist das Kind bereits geschaukelt, oder? Dann bleibt nur noch der Drei-Tage-Bart als Nachweis, dass Thestosteron durch meinen Körper fliesst.
Den Drei-Tage-Bart, welcher der Schwiegerpapa in spe mit derselben Missbilligung betrachtet, wie meine gesamte Erscheinung. Dies ist er nun also. Sein Bett war vielleicht falsch ausgerichtet oder er hätte mehr rechts halten sollen, jedenfalls waren ihm nur Töchter beschert. Töchter mit einer ausgeprägten sozialen Ader – sonst hätte eine davon kaum ein Subjekt von meinem Schlag in ihren Schoss gezogen, schien ihm direkt auf die Stirn geschrieben – und er fürchtete ständig um die Nachfolge für seine Trikonagen- und Strumpffabrik, welche sein Urgrossvater eigenhändig mit nichts als guter Hoffnung und billigen Arbeitskräften aus dem Boden gestampft hatte.
Während ich überlegte, dass es nur angemessen wäre, er würde mir einen rauchigen Scotch kredenzen und eine Zigarre anbieten, sah er den Wert seiner Einrichtung bereits gemindert, indem so etwas wie ich hier drin nur atmen würde.
Widerwillig bot er mir mit einem festen Händedruck das Du an und mir wurde sofort klar, da steckte Frau Tochter dahinter, nachdem der gestrenge Papa wohl einige meiner Vorgänger bereits in die Flucht geschlagen hatte.
Und was arbeitest du?
Soso…, das ’nun gut, das muss ja auch jemand machen‘ stand unausgesprochen zwischen uns im Raum. Mittlerweile war ich so klein, dass ich fürchtete, beim Überschreiten der Schwelle in den Ess-Salon eine Trittleiter zu benötigen.

Ich durfte neben der Partnerin sitzen, was mich dann doch etwas überraschte in diesem sittsamen Haushalt. Wenn sie dann zum sitzen gekommen wäre. Selbstverständlich ging sie schwebend und kichernd der Mutter beim Auftragen der Speisen zur Hand. Nun sass ich wohl, am Gefühl des deplatziert sein änderte sich nichts.
Den Regeln der Gastfreundschaft folgend, wird mir zuerst der Teller gefüllt.
Sagst einfach stopp, wenn es genug ist.
Eine verdammte Falle. Nimmt man nun genug, dass man satt ist, oder zelebriert man lediglich den Anschein einer Nahrungsaufnahme um die ganze Farce weiterzutreiben.
Von diesen Fleischstückchen, von der Grösse eines Chicken-Nuggets, könnte ich wohl problemlos die ganze Platte verspeisen, rechnete jedoch nicht damit, dass in der Küche noch mehr lagen. Die Gaben am Tisch reichten kaum für die Hälfte der Anwesenden. Ergänzt mit einem Gratin, dessen Genuss ich mich aus verdauungstechnischen Gründen auch nur bedingt hingeben könnte.
Ich wurde beim höflichen, oh so grossen Hunger habe ich gar nicht, vom protestierenden Grummeln des Magens gleich der Lüge bezichtigt.

Da hat aber jemand Durst, bedeutet wohl, dein neuster Fang hat doch ganz klar ein Alk-Problem, als mein Weinglas zum dritten Mal gefüllt wurde. Des Papas Augen rollten wie die Zahlen einer Registrierkasse, als er zweifelsohne das Loch errechnete, welches dieses asoziale, trinkende Subjekt in seinen Weinkeller riss.

Komm, wir machen vor dem Nachtisch einen Verdauungsspaziergang.
Was für eine nette Idee, würde die Sonne nicht in Strömen vom Himmel giessen. Das Angebot der Regenjacke in Gelb und Pink schlug ich aus und schlug die Kapuze meines Hoodies hoch, um wie ein nasser Hund in meinen löchrigen Airwalk neben der Familie herzutapsen. Jeder seines Standes gemäss.

Als man dann in trauter Gemeinsamkeit nach dem Nachtisch im Wohnzimmer sass, dachte die Mutter, es wäre doch nett, wenn man das Abendmahl auch gleich zusammen einnehmen würde. Nichts Grosses.
Mein Plan, mich nachher an der Tanke satt zu essen, wurde über den Haufen geworfen. Selbstverständlich war die Tochter begeistert, schloss daraus, dass ihr Subjekt, also ich, von der Familie akzeptiert war. Aufgrund des üppigen Mittagmahls, normalerweise schienen sie von Luft und ihrer Selbstzufriedenheit zu leben, wollte man das Abendessen jedoch etwas nach hinten schieben.
Sieht doch solange die Fotos an, klatschte die Mama freudig in die Hände.
Eine Europoolpalette, 1200 x 800, mit Doppelrahmen wurde ins Wohnzimmer gekarrt. Bildlich gesprochen. Diese Verpackungseinheit wäre von Nöten gewesen, würde man die fotografischen Familienerinnerungen dereinst umsiedeln.
Das Album zu 98 Seiten, zu je vier bis sechs Fotos, mit zweizeiliger Bildunterschrift. Hinter jedem Bild eine Kurzgeschichte.
Meine Mundwinkel schmerzten vom Grinsen, das Ja und Oh klang längst nicht mehr so beeindruckt und überrascht im alternierenden Rhytmus. Der Gratin durchwühlte und blähte geräuschvoll meinen Darm und Schwiegervater achtete mit Adleraugen, ob ich auch wirklich aufmerksam bei der Sache war.

Hach, das war ein schöner Tag, sprach die Dame mit Überzeugung. So richtig nett, nicht wahr? Das müssen wir bald wiederholen!

Unbedingt, sprach ich, unbedingt… und griff nach der Voltarensalbe um die Verspannung in meinen dauergrinsenden Gesichtszügen zu lösen.

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Mein Name ist Derrick

Ich bin noch etwas unschlüssig, nehme ich Strychnin, oder stürze ich mich aus dem zehnten Stockwerk. Um in dramatischer Pose, mit völlig intakten Gliedmassen jedoch einem Rinnsal von Blut im rechten Mundwinkel, auf nassem Kopfsteinplaster liegend zu verenden. Das Haar leicht durcheinander, doch der Scheitel, wie mit dem Lineal gezogen, ist noch klar zu erkennen.
Dazu eine Streichsymphonie des Studio-Orchester des bayrischen Rundfunks, während die Kamera auf das Auge zoomt.

Ja, ich guckte eben drei Folgen Derrick.
Heute etwas arg verschnupft, nutzte ich in Trainerhose und Kuschelpullover  auf dem Sofa liegend das Angebot meines Pay-TV-Anbieters.

Derrick macht depressiv.
Die Tatsache, dass sich während der sechzig Minuten nicht sämtliche Darsteller gegenseitig meucheln ist nur der von Lethargie geprägten Bewegungen geschuldet, oder etwas salopp ausgedrückt, mit einem Stock im Allerwertesten ist man nicht sonderlich agil.

Ring ring.
Eine Dame in Strickjacke mit Dutt im Haar öffnet die Tür.
Ja bitte?
Guten Tag. Kriminalpolizei.
*dramatische Pause*Mordkomission.
*hektisches Streichen auf Violinen*
Ich bin Oberinspektor Derrick, das ist Inspektor Klein.

Im massgeschneiderten Anzug, den Kleiderbügel ganz offensichtlich noch im Sakko steckend. Darüber einen Trechncoat, offen, die rechte Hand lässig in die Hosentasche geschoben.
Sein Assi Harry verkörpert die jugendliche, dynamische Komponente. In Lederjacke und Jeans. Trocken wie ein Financier-Cake aus der Migros, trotz Föhnwelle.

Wohnungen im Biedermeier-Stil. Schlichte, braune Kommoden und Anrichten, Schrankwände und Vitrinen, bedeckt mit weissen Spitzendeckchen, die einzigen Einrichtungsgegenstände bestehen aus Artefakten, welche für die Dramaturgie der Serie gebraucht werden. Etwa ein Foto des Opfers oder zwei Whiskey-Gläser.

Der Schwager ihrer Mutter Onkels Sohn wurde ermordet.
Ermordet?
Ermordet.
Herbert ist tot?
*pause*
Herbert ist Herr Buchholz.
Ja, der Sohn meines Onkels Mutter Schwager.
Ja -nasale Stimme, leicht gehobener Tonlage – Herr Buchholz ist tot.
Er ist tot.Ja.
Bitte, treten sie doch ein. Entschuldigen sie, das erschüttert mich etwas.

Die Erschütterung der Person zeigt sich, dass sie erst drei Minuten in eine Ecke starrt, hernach in einen Sessel sitzt und die Beine übereinander schlägt. Man möchte ihr links und rechts eine pfeffern, um eine Reaktion zu provozieren.

Derricks Büro.
Zwei leere Schreibtische, zwei Telefone, etwa 13 helle Schränke. Ebenfalls leer. Sieben Türen auf vier Wände verteilt und wie beim Angelspiel erscheint von Zeit zu Zeit ein Kopf in einer der Türen, überbringt eine Neuigkeit, worauf Harry und Derrick durch das leere Präsidium zum Auto stürmen. Also, mit gemässigt schnellem Schritt durch spartanisch eingerichtete Vorzimmer schreiten.
Ansonsten sitzt Derrick am Schreibtisch, sinniert vor sich hin, bittet Harry einen Anruf zu tätigen oder nimmt einen entgegen um dem Anrufer mitzuteilen, er hätte soeben auf diesen Anruf gewartet.

Wir hätten da noch eine Frage.
Die ganze Familie sitzt im Wohnzimmer. Scheint den ganzen Tag so gesessen zu haben.
Also eigentlich sitzen nur die Damen. Der Schwiegersohn und der Chauffeur stehen hinter den Sesseln. Der Schwiegersohn ergreift die Hand der Tochter, welche sie hebt, als Derrick das Wohnzimmer betritt, der Vater spaziert langsam in eine Ecke des Raumes und sieht aus dem Fenster.
Wir haben Neuigkeiten.
*pause*
Dramatisches Zusammenzucken. Die Tochter wendet sich mit geweitetem Blick den Mutter zu. Die Mutter legt die Hand auf der Tochter Oberschenkel. Zoom auf die erstarrten Züge.
Bitte Herr Derrick, sprechen sie doch; Der Vater wendet sich zum Oberinspektor.

Das Bild friert ein. Einblendung Derrick. Abspann.

Eine sechzig-Minuten Freak-Show.

derricj

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Tod im Rheinfall, ein Zwischenbericht

Es mag etwas anmassend sein, aber das muss doch einfach einmal gesagt werden. Vielleicht sollte ich das Buch zu Ende lesen, bevor ich eine Rezension verfasse. Aber wenn ich mich bereits über die Seite 66 zwingen muss und zeitgleich online nach ansprechenderen Werken suche, wollen wir eine Ausnahme machen.

Den Titel jenes letzten Buches, durch dessen Seiten ich mich in einer nahezu masochistischen Anwandlung quälte – einmal abgesehen vom Etudes française, dies war eher ein äusserer Zwang – zu nennen ist mir beinahe etwas peinlich.
Nur schon, weil ich mit dieser Lektüre erwischt wurde. Beinahe in flagranti.
Was fürchtet der Junggeselle, wenn er Damenbesuch hat?
Zum einen natürlich, dass sie dieses absolut gigantische Spinnennetz entdeckt, welches zweifelsohne unter magischen Einflüssen sich stets der tödlichen Saugwirkung des Heinzelmann-Saugblasers entzogen hat und sich daraufhin, also die Dame, den Rest des Abends etwas paranoid ihrer Arachnophobie hingibt und Schutz in der sicheren Sofa-Ecke sucht. Frauen folgen bei der Reinigung des Heimes gewiss einem Schlachtplan, welcher jede noch so winzige Amöbe gnadenlos unter Meister Proppers Schafott führt, während Männer eher kurz durchwischen. Was einem eben gerade ins Auge sticht. Wovon man ausgeht, dass es anderen auch ins Auge sticht und dann eben diese Ecken, welche aus hygienetechnischen Gründen keimfrei gehalten werden. Dies schliesst diese kleine Lücke im Wohnzimmer, zwischen Lampe Dachschräge, nicht zwingend mit ein.
Nebst einer Einstufung der Qualität im Umgang mit Putzlappen und Staubtuch, ist man selbstverständlich besorgt, das Schaufenster gut zu schmücken. Ein Mean’s Health liegt neben Kafkas ‚Verwandlung‘ unter dem gelben, breiten Textmarker neben der Steve Job-Biographie, mit der korrekten Anzahl Markier-Post-It. Nicht soviel, dass die Dame denkt, man sei ein Idiot welcher sich ohne Hilfe keinen zusammenhängenden Satz merken kann, aber doch genügend, dass der Eindruck entsteht, man hätte des Buch nicht einfach gelesen sondern studiert.

Doch alles verblasst neben der Panik, in einem unbeobachteten Augenblick könnte die Dame die Hülle der My-Fair-Lady Collectors-Edition-DVD-Box öffnen und bemerken, welch cineastisches Meisterwerk tatsächlich in die schon ordentlich ausgeleierten Plastikkrallen des zentralen Disc-Halters gepresst ist.

Was macht nun Bella? Sie schnappt sich in einer geschmeidigen Bewegung mit ihren schlanken, flinken Fingern meinen E-Book-Reader. Ich denke mir nichts dabei und freue mich über ihr Interesse, ja, beuge mich etwas vor und gebe eine flüchtige Instruktion hinsichtlich der Handhabung der Bibliothek, des Shops und dem Lesen im Allgemeinen. Man, respektive Frau, darf ruhig sehen, was ich lese.
Was ist denn dies? erklingt es mit einem Hauch Entsetzen in der Stimme.entfuehrt-von-einem-wikingerMan wünscht sich, sie hätte in die My-Fair-Lady Collectors-Edition-DVD-Box geguckt. Es war einer dieser Momente, in welchem die erbärmlichste Lüge glaubwürdiger als die aufrichtigste Wahrheit gewesen wäre.
Dieses E-Book war für einen Franken zu haben. Günstiger als ein zerlesenes Micky Maus-Heft auf dem Heilsarmee-Flohmarkt.
Es war die blosse Neugierde. Ganz ehrlich.
Niemand hörte Modern Talking und Bohlen war trotzdem Platten-Millionär, niemand guckt Casting-Shows und trotzdem dominieren sie das samstägliche Prime-Time-Fernsehen und keine Frau konsumiert diese Schmuddellektüre und dennoch füllen sie Doppelseiten im Weltbild-Katalog. Man kann nur kompetent über etwas lästern, das man kennt, also führte ich mir diesen Kopfkino-Porno zu Gemüte.
Wie die Kopie der Kopie einer Kopie eines dänischen Schmuddel-Streifens, erworben hinter einem thailändischen Fischstand und in der Ferienlektüre durch den Zoll geschmuggelt, muss man schon sehr viel Fantasie aufbringen um noch etwas zu erkennen.

Als er sich dicht zu ihr beugte, stieg ihr der würzige Duft seiner Haut in die Nase. Ein Hauch von Winter, von fremden Landen und ein sehr männlicher Geruch. Jetzt presse (ja, ohne ‚t‘) er seine Lippen auf ihren Nacken, und sogleich schoss heisse Glut durch ihre Adern, und ihr Körper horchte auf den verbotenen Ruf.

Nun ja, bei mir schoss da gar nichts. Aber ich bin auch offensichtlich nicht die Zielgruppe. Dann wäre mir auch nicht die sehr fantasievolle Auslegung der Komma-Regelung ins Auge gesprungen.
Fünfzig und eine Seite, dies arbeitet man bei einer leicht ausgedehnten Sitzung auf der Keramik doch lustig durch, jeder TKKG-Roman ist ausführlicher. Sollte man meinen. Ich schaffte es nicht, es war dümmlicher als dreissig Minuten Trovatos auf RTL.

Nun sitze ich wieder vor einem zähen Machwerk. Also eigentlich liege ich, denn im Sitzen lese ich nur auf besagtem stillen Ort. Zu viel Information? Astrid Lindgren schrieb am liebsten im Bett. Will man sich Astrid Lindgren im Bett vorstellen? Tja, schon passiert.

Das aktuelle Buch schenkte mir meiner Mutter zu Weihnachten. Trotzdem eines ihrer besseren Geschenke. Doch ich will ihr keinen Vorwurf machen. Wir kennen uns einfach zu wenig um uns sinnvoll zu beschenken. So weiss ich nicht, ob sie meine jährlich dreimal angelieferten Pralinen überhaupt mag und sie hat mich noch nie in einem geschenkten Kleidungsstück gesehen. Aber es geht ja um die Geste, nicht wahr? Ich würde ja basteln, doch fehlt mir einfach die Zeit dazu. Und die Lust, der Karton und Leim.
Achthundert Worte, noch keines an die Rezension verschwendet und ihr seid immernoch da. Ich sollte Politiker werden.

Walter Millns ‚Tod im Rheinfall‘.
Das Titelbild zeigt selbigen. Also den Rheinfall. Diesen Wasserfall, dessen Anblick man dank Hobbyfotografen in sozialen Netzwerken als Otto Normalo schon langsam überdrüssig ist. Der Tod ist eher eine Sehnsucht, welche einem beim Lesen beschleicht.
Ein Zeitungsjournalist findet in einer verlassenen Neuhauser Liegenschaft den Leichnam einer einigermassen einfallsreich hingerichteten Person. Daraufhin werden unterschiedliche Charaktere vorgestellt. Der Journalist, klassischer Stereotyp. Kettenrauchender Blomkvist-Verschnitt, unzufrieden mit Chef und Job, könnte viel mehr, würde man ihn nur lassen. Sitzt zuhause, irgendwie vergammelt, aber gerade an der Grenze schrammend, dass er noch cool wirkt. Selbstverständlich mit tragischer Vergangenheit und einer aufbegehrenden Tochter. Ich verwette meinen e-book-Reader, dass selbige noch entführt wird und Papa sich ein Bein ausreisst, sie wieder zu kriegen.
Vielleicht vom Sektenguru. Dick, ständig schwitzend, der klassische Marionetten-Mann. Die Marionette eines korrupten Politikers.
Dazu noch die Mörderin, welche gerne in der KSS zu schwimmen scheint und ein Polizist, welche sich gewiss über Regeln hinweg setzen wird um total unkonventionell und trotzdem völlig erwartet den bösen Früchtchen das Handwerk zu legen.

Soweit so gut. Klar, ein guter Krimieinstieg liest sich anders, aber wollen wir tolerant sein. Mich nervt der Aspekt, welcher wohl alle Schaffhauser entzückte.
Hey, da steht Vordergasse. Huh, jetzt fährt er durch Neuhausen. Hey, dies könnte dieses Haus sein. Oh, in den Klettgau.
Zu bemüht.
Also ehrlich, ich will unbedingt einmal Maine besuchen, obwohl mir Stephen King nicht jeden einzelnen Pflasterstein beschrieben hat. Und den links davon. Und das Pasta-Rezept der Nonna des italienischen Gastarbeiters, welcher ihn gesetzt hat.
Ich kapitulierte bei James Joyce‘ Ulysses, fühlte Bloom’s Gang durch das mir unbekannte Dublin dennoch intensiver als Cobb’s Autofahrt durch Neuhausen.
Die Charaktere sind nach wenigen Seiten in Gut und Böse festgelegt, es wird kaum mehr eine überraschende Wendung statt finden, wie sie in etwa ein Joël Dicker bis zum Ende des Buches hinauszögert.
Vielleicht doch, dann besteht immer noch doch das Dilemma, dass der Leser über die ersten hundert Seiten geschleppt werden soll, um die Überraschung der Wendung noch zu erfahren. Doch der Erzählstil erinnert an einen Primarschul-Aufsatz. Und dann sind wir…. Und dann hat er… Plötzlich sah er…. So überraschend wie die Erfahrung, dass ein Regentropfen nass ist.

Das Buch findet, oder fand, sicher seine Fans. Mein Vater würde sagen, Menschen, welche sich nur in einem Radius bewegen, dass die Kirchturmspitze stets in Sichtnähe bleibt.
Neuzeitlich wohl Personen, welche sich in einem sozialen Netzwerk Sonnenuntergänge und Eisenbahnbrücken zeigen. Da wir nicht Unmengen Eisenbahnbrücken haben und täglich nur ein Sonnenuntergang stattfindet, kann man sich auch als Nicht-Mitglied vorstellen, wie bescheiden das Spektrum sein muss.
Ein Krimi, welcher auf den knapp 300 km² spielt, welche auch zehn Generationen vor uns nie verlassen haben, was will man mehr?

Gewiss bin ich keine Referenz. Während andere bei Stefan Schwarz‘ Familien-Erzählungen nur den Kopf schütteln, falle ich vor Lachen aus dem Bett. Was verstehe ich von Literatur.
Nun, ich lese weiter. Es war mir nur gerade nach schreiben.

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Neulich in der Migros

Und ewig lockt…
Eigentlich alle und jeder.lockvogelEs entzieht sich meiner Kenntnis, ob Mäuse um die Konsequenz wissen, wenn innerhalb eines Gitterkäfigs am Ende einer äusserst gedehnten Sprungfeder ein Stückchen verführerischer Emmentaler schaukelt und sie sich selbiges greifen möchten.

Würde ich eine spontane Strassenumfrage starten, erhielte ich sicher eine Bestätigung von 98 Prozent, dass der Mensch der Maus in Sachen Intelligenz überlegen ist. Die restlichen würden wohl die Gegenfrage stellen, ob ich ein Problem hätte oder ‚Puff‘ möchte.

Die Maus wird sich wohl denken; Ups, dumm gelaufen.
Aber die Maus ist auch dumm. Wäre sie so klug wie der Mensch, würde sie die Firma Emmentaler verklagen. Unlauterer Wettbewerb mit einer Gratisprobe.

Jeder weiss ganz genau, dass man mit Punkten, von Cumulus über Pro-Bon bis zum ‚jeder zehnte Kebab gratis‘, den Kunden an sich binden möchte.
Mancher plant seine Verkäufe etwas sorgfältiger, wenn Abziehbilder und Spielsachen kostenlos abgegeben werden.Und stets findet man Personen, welche in ihrer Unzufriedenheit über das Gratis-Geschenk gegen den Grossisten oder die Verkaufsstelle wettern.

Also wenn ich mich von kleinen, aufzuklebenden Punkten dazu verleiten liesse, alle Vernunft sausen zu lassen und mein rappenspaltendes Einkaufsverhalten komplett gegen die Wand zu fahren, daraufhin feststellend, dass ich überlistet wurde und einem lächerlichen Lockvogelangebot aufgesessen bin, würde ich wohl eher still und verschämt meinen Faux-Pas unter den Teppich kehren.

Bei einer Dummheit erwischt zu werden bedeutete nach alter Väter Sitte mit der Eselskappe als abschreckendes Beispiel in die Ecke zu stehen.
Heute schreibt man seine Schande eben an die Pinnwand einer 8000-Personen starken Gruppe.

Alternativ könnte man sich auch einfach über das kostenlose Geschenk freuen. Sollte dies nicht genügen, könnte man ergänzen, dass man wegen einem bunten Abziehbildchen in Schaffhausen eingekauft hat und wer weiss, wenn einige mitziehen, hat man damit vielleicht sogar einen Arbeitsplatz gesichert.

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Ein nukleares Problem

Die Katze ist aus dem Sack.
Der Atommüll soll also im Zürcher Weinland oder im aargauischen Bözberg gelagert werden.
Grosses Aufatmen am Wellenberg, Jura-Südfuss und im Gebiet Nördliche Lägern.

Die Naivität der Aufatmenden gleicht der Idee, mit dem Schweizer Klimarappen unsere Luft zu verbessern.
Alle Standorte liegen, ganz grob gemessen, in einem Umkreis von 50 Kilometern. Es ist kaum zu erwarten, dass es die Schaffhauer kalt lässt, wenn im Aargau ein Fass vom Transporter fällt. Geschweige denn in Benken, welches vom Präsidenten der Regionalkonferenz Südranden, Stephan Rawyler, unter Zipfelmütze und auf dem ökologisch korrekten Fahrrad in knapp 20 Minuten erreicht werden kann.
Die nuklear-entlastete Regionalkonferenz Südranden redet erfrischend offen keineswegs um den heissen Brei herum und unterstreicht die Wichtigkeit, dass „Schaffhausen“ und „atomares Endlager“ nicht in einem Atemzug genannt werden.

Mir ist klar. Die Grünen und ähnlich denkende Genossen haben kein Verständnis für atomaren Abfall. Wenn es nach ihnen geht, würde dieser nicht existieren. Nur wenige verstehen, woher die ökologisch korrekt lebenden ihren Strom gerne hätten. Strom scheint irgendwie produziert zu werden, wenn ich des Nachts meinen Fernseher vom Netz trenne, denn dies ist die viel-zitierte, ultimative Lösung. Wasserkraft ist böse, wenn das aufgestaute Wasser das Ufer vereinnahmt und die Fische irritiert. Windräder sind böse, wenn das Rauschen die Ruhe durchbricht und die Kühe irritiert und alles, was einen Schornstein oder Kühlturm hat ist sowieso Teufelszeug. Die liebe Sonne hat die merkwürdige Eigenschaft des Nachts dem Mond Platz zu machen, dennoch sollte das e-bike geladen werden.
Liebe Naturfreunde, solange der Strom nicht gottgeben im Vorgarten gesäät und gepflückt werden kann, muss er wohl oder übel mit den uns gegebenen Mitteln produziert werden. Wir sind dankbar darüber und nutzen ihn, denn Strom ist eine saubere Sache.

Die Art und Weise, wie wir mit dem Abfall verfahren ist jedoch an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Der Kantönligeist wird auf eine höhere Ebene getrieben. Wenn ich das Altöl aus meinem Citroen 2CV unter den Holunderbusch des Nachbarn kippe ist es sauber entsorgt, solange es sich nur nicht in meinem Haus und Hof befindet.
Die Nagra sucht das ideale Lager. Solange diese bei dem Nachbarn buddelt und bohrt ist es tiptop, jede Menge selbsternannte Experten erkennen schon mit einem Blick in Google-Maps, dass dort der ideale Platz ist.
Sobald die Laster und Bohrtürme jedoch in unserer Region rollen, spriessen Geologen, zweibeinige Seismografen und Wünschelrutengänger wie Pilze aus dem Opalinus-Boden und erklären mit Nachdruck, ohne den Zeigefinger jemals in den feuchten Waldboden gedrückt zu haben, warum der Südranden das ungeeignetste Gelände in diesem uns bekannten Universum sei, um irgendwelche Brennstäbe zu verbuddeln.

Die Nagra ist der personifizierte Teufel, welche nicht etwa nach dem am wenigsten ungeeigneten Standort sucht, sondern uns allen nur Böses will. Daher machen sich die Gegner für das Vetorecht der Kantone stark und auch hier endet das Denken an ebendieser Grenze.
Ich weigere mich zu glauben, dass Frau Ursula Hafner-Wipf tatsächlich mit einer solchen Naivität geschlagen ist, dass sie glaubt, wenn die Zürcher ein „Nein“ zum Standort Benken in die Urne legen, die Aargauer erfreut in die Hände klatschen und in Bözberg der Nagra der goldene Schlüssel zur Stadt überreicht wird.

klar-schaffhausenDiese Aktion, unter dem Punkt „Aktuell“ (September 2014) auf der Homepage von
Klar! Schaffhausen, wäre vielleicht eine Lösung. Den Müll auf den Balkonen der Verursacher zu lagern.
In nächster Zeit wird wohl auch keine andere Lösung erarbeitet werden. Denn eines haben alle Atom-Lager-Gegner gemeinsam: Jeder weiss ganz genau, wo der Müll NICHT hin soll, wo er stattdessen gelagert werden könnte, darum möchten sich bitte andere kümmern.

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