Wenn einer eine Reise tut

Um der Einsamkeit zu entfliehen, muss man sich vor den Menschen hüten.

Freitag ist an sich schon in Ordnung, an jenem Freitag, an welchem man das Pikett weitergibt fühlt man sich jedoch wie Jesus am Ostersonntag; Kreuz weg und so, jetzt mal tüchtig in die Hände gespuckt.
Klar ein wenig ein schlechtes Gewissen, man bindet die Fussfessel dem nächsten Trottel, nichts für ungut, um, aber jetzt galt es die Zeit zu nutzen. Habe ich ganze zwei Wochenende frei, bevor ich wieder für drei Wochen mit dem Firmenhandy in die Wanne steige. Ein merkwürdiger Zyklus, ich weiss, aber bisweilen muss sich das Arbeitsgesetz den Budgetvorstellungen beugen, wo keine Gewerkschaft da kein Kläger, wo kein Kläger da kein Richter und wäre da doch ein Kläger, dann stehen 3,1 Prozent potentielle Nicht-Kläger in den Startlöchern, so wird ein Schuh draus.

Piz Mitgel hiess das Ziel.
Um halb zehn Abends feierte mein Salewa einmal mehr Aufrichte. Im Schimmer meiner Stirnlampe und strömenden Regen trieb ich Heringe in den schlammigen Boden, etwas ungewiss, ob ich nun auf dem Campingplatz oder in Familie Caduffs Garten gelandet war.
Der Platzbetreiber erklärte mir telefonisch, ich könne mich morgen anmelden, die Ausführungen über die genaue Lage des Platzes oder der sanitären Einrichtungen auf selbigem wurde Opfer des atmosphärischen Rauschen im Mobilnetz.
Nun, da bin ich unkompliziert.
Dennoch drängte sich am nächsten Morgen der Wunsch nach einer Toilette in den Vordergrund. Gewisse Geschäfte lassen sich zur Not im Schutz der Dunkelheit auf des Nachbars Parzelle verrichten, für andere empfiehlt sich schon eher eine Keramikschüssel.
Nebenan war eine Art Hotel oder Asylantenunterkunft, so genau weiss man dies momentan nicht im Bündnerland, über eine Metalltreppe erreichte ich die obere Etage und eine Tür mit aufgeklebten Piktogrammen, klassische Weiblein-Männlein Figuren. Mit der Dynamik des Eintretens drehte ich auf dem Absatz und glitt wie eine Katze wieder aus dem Schlafzimmer.
Die Tür gegenüber war mit Waschküche beschriftet und, heureka, gar eine Toilette war vorhanden. Nicht sehr sauber, aber immerhin.
Mit wachsendem Druck glitt ich wieder über die Metalltreppe zurück auf den Campingplatz, um einen Sekundenbruchteil später, etwas verkrampfter aber mit einer Rolle Drei-Lagen-Deluxe Papier zwischen den Zähnen zurück zu sprinten.

Ein neuer Versuch an der Reception, den Öffnungszeiten zu Folge könnte es auch die Gemeindeverwaltung gewesen sein; Ein Schild verkündete mir, dass selbige zwischen zehn und elf sowie zwischen 16 und 17 Uhr besetzt sei.
Abermals wurde mir telefonisch versichert, ich könne Abends bezahlen, kein Problem. Es lag mir nicht daran Däumchen zu drehen, um 0815 startete ich in Richtung Berg, im Nacken drei kleine, alte Italiener.
Der Parkplatz wurde wegen Sanierungsarbeiten nach unten verlegt, der Zustieg verlängerte sich auf drei Stunden, so der Hinweis. Um zehn Uhr zurrte ich am Fusse der Wand den Klettergurt um die Hüften, die drei kleinen Italiener hatten mich bereits überholt, was mich kräftig wurmte. Aber die hatten gewiss auch keine Steigeisen im Rucksack und einen angeschnallten Eispickel erkannte ich auch nicht, wie es einem auf der offiziellen Homepage nahegelegt wurde, da der Gipfel noch überzuckert war. Dass sich die Savogniner einen Scherz erlaubten – da liefen gewiss Wetten, wieviele Trottel ihr Eisen hochschleppten – erkannte ich erst zwei Stunden später.piz-mitgel
Ich bin schon etwas ausser Übung, leiste wohl zuviel Pikett, und die Nervenstärke hat auch merklich nachgelassen.
Natürlich, man kann jetzt sagen; Klettersteig gleich Kinderspielplatz, pille-palle. Klar, es ist kein Klettern in Reinform, aber für Menschen ohne soziale Kontakte bietet sich nur Free-Solo – wenn ich mir dies so überlege, bietet sich dies GERADE für Menschen ohne soziale Kontakte an – oder eben Klettersteige an. Für Ersteres habe ich einen zu grossen Pendenzenberg auf dem Schreibtisch, es wäre unvernünftig ohne Sicherung zu klettern.

Kleiner Infoblock; Wie alle Klettervarianten, gibt es auch hier Schwierigkeitsgrade. Der Piz Mitgel erreicht, dank der überhängenden Passagen, einen K5, resp. ein E.

Schwierigkeit: extrem schwierig, da sehr anstrengend und äußerst kräfteraubend
Gelände: senkrecht bis überhängend; durchwegs ausgesetzt; sehr kleine Tritte oder Reibungskletterei
Sicherung: wie D, allerdings öfter mit Kletterei kombiniert
Voraussetzungen: viel Kraft in Händen (Fingern), Armen und Beinen, erhöhtes Maß an Kondition, Beweglichkeit, über längere Strecken kann die Hauptlast auf den Armen liegen
Ausrüstung: Klettersteigausrüstung obligatorisch, Seilschaftsverband gerade bei Touren mit Stellen ohne Sicherungseinrichtungen überlegenswert; Anfängern und Kindern ist davon abzuraten

Der Sturz ist nicht unbedingt empfehlenswert. Da man nicht dynamisch gesichert ist, erhält man einen Sturzfaktor 5, null wäre das doppelte Körpergewicht. Das hält kein Klettergurt und keine Wirbelsäule aus. Also gibt es spezielle Steigsets, welche durch eine sich ausziehende Schlinge die Geschwindigkeit bremst. Rutscht man also aus, gleitet man zunächst zwei bis drei Meter im freien Fall, Hossa, bis der Karabiner an der nächsten Seilsicherung greift. Dann wickelt sich die Bandschlinge ab, welche der ganzen Sache den Schwung nimmt. Dann hängt man mal, man sollte auch wieder hochkommen, ich weiss noch nicht einmal ob man an einer Schlinge prusiken kann… Wie auch immer, ich will es nicht versuchen.klettersteig

Wir wollen es nun auch nicht überspitzen, wie gesagt, man hat stets ein Sicherungsseil in Griffnähe welches man krallen kann und wie ihr seht, wird der Fels durch Griffe ergänzt. Ein gewisser Nervenkitzel bleibt, deswegen macht man es ja auch.

Kommen hier also die überhängenden Stellen.
In Sachen Technik habe ich nie einen elegenten Kletterstil verfolgt, es ist beileibe kein schöner Anblick.
Ziehe ich mich hoch, arbeite vorwiegend mit den Händen, bis ich mit dem beschissenen Pickelstil an den Felsen über mir stosse, was meinen Rucksack empfindlich nach hinten und mich von der Wand wegdrückt. Scheissgefühl. Schiebe mich in die Felsspalte, setze die Füsse ab und will mich dynamisch aufrichten, als die Karabiner in der Sicherung festhängen. Sich mit der eigenen Ausrüstung im Fels verkeilen, das passiert nur solchen Trotteln, welche den kompletten Hausrat mit sich schleppen. Oder der Homepage vertrauen. Einen hässlichen Augenblick lang verlor ich etwas die Nerven, schimpfte auf Gott, die Welt und Salewa sondergleichen, lasse mich hinuntergleiten und hänge einen zweiten hässlichen Augenblick lang einhändig zwischen Himmel und Erde, während ich mit der anderen Hand die Karabiner aus der Sicherung entwirre und mit äusserst beruhigenden Klicken wieder einrasten liess.
Dies war der Moment, als ich mir sagte, ich fahre nur noch Sessellift. Aber der ärgerliche Teil der Geschichte beschränkte sich auf dieses dumme Intermezzo und war ansonsten toll.
Der Gipfel, war leider nebelverhangen. gipfelVor mir zwei Kletterinnen auf der Senda Finala, welche über den Grat zum Gipfel führt und die Sendo Verticala und Sendo Diagonala vereint, welche meinen Sturm etwas ausbremsten. Nicht unangenehm, hatte mich mich fitter eingeschätzt und war froh über die Pausen, was ich so natürlich nie eingestanden hätte, schon gar nicht, als wir gemeinsam oben sassen.

So zuckelte ich hinten nach, fotografierte die Damen artig vor dem Gipfelkreuz und genoss noch eine halbe Stunde bei gefühlten 0 Grad die Aussicht von 20 Metern in die Nebelwand. Dafür steigt man auf 3159 Meter auf.

gipfelkreuz

Nach zwanzig Minuten Abstieg hatte ich die Damen wieder eingeholt, welche sich währenddessen dank der immer dichter werdenden Milchsuppe in der Geröllhalde verlaufen hatte. Ich mich auch, aber eigentlich gab es nur eine Richtung, runter und eher links.
Selbstverständlich konnte ich mir einen Spruch nicht verkneifen, von wegen Unterländer muss den Bündnern den Weg zeigen und ging guter Hoffnung voran.wegweiserLasst uns frohlocken und einen Reigen tanzen.
Nachdem die Seile wieder sichtbar waren empfahl ich mich höflichst, ich hatte einen Termin vor siebzehn Uhr an der Rezeption.
Die Geröllhalde, anstelle der Sendo Diagonala, gab meinen Knien ziemlich den Rest, der folgende Wanderweg wollte nicht enden, bis ich viertel vor fünf beim Wagen war.
Nicht mein Fehler, dass der SPAR-Markt noch offen hatte. Der Filialleiter, einen Tick zu sehr zuvorkommend, begrüsste mich wie einen alten Kumpel, wuselte hilfsbereit hinter mir her und hielt letztenendes noch den Verkehr auf, damit ich in die Hauptstrasse einbiegen kann. Entweder lag dies an meinem hautengen Salewa-Funktionsshirt, dessen animalischer Ausdünstung oder die Bündner sind einfach so touristenfreundlich.
Mit meinem Bier, Schokoriegel und Erdnüssen stand ich um exakt 16 Uhr 59 vor der geschlossenen Reception.
Dann eben morgen. Ein netter Deutscher verriet mir die Lage der sanitären Anlagen; Ein Traum einer Dusche, fürwahr.

Um das Zelt vor Kondenswasser zu schützen, schlief ich bei offener Plane. Ein toller Plan bei maximum 5 Grad am Morgen. Kondenswasser war kein Thema, Morgentau auf dem Schlafsack schon. Nichts desto trotz, sehr muggelig.
Ein zwei Kilometer Fussmarsch in die Bäckerei und zurück, derweil hielt die Sonne über dem Platz Einzug, draussen sitzen, frühstücken, Radio Grischa hören… Welches Hotel könnte mir dies bieten?fruehstueck
Zehn Uhr an der Reception. Kein Mensch.
Nun, könnte nun sagen herzlichen Dank, aber für solch unbeschwertes Zelten werde ich ihnen wohl was zukommen lassen.
Ob ich Camping Julia in Savognin empfehlen kann? Weiss nicht… Ich zweifle immernoch, dass ich auf dem offiziellen Campingplatz nächtigte, er war zu abgelegen von den Wohnwagen und dem Platz als solchen. Die sanitären Anlagen; Ich träume von einer solchen Dusche zuhause! Die Freundlichkeit am Telefon, absolut.
Savognin als solches… In der Bäckerei waren sie freundlich, im SPAR ebenso und der Dorfpolizist welcher bei strömenden Regen dem Unterländer den Weg zum Camping beschrieb eigentlich auch. Kann man geben.
Den Klettersteig, unbedingt!
Das Wandergebiet? Ich habe keine Ahnung. War im Wettstreit mit drei kleinen, alten Italienern, hatte keine Zeit zu gucken.
Sie kamen mir übrigens auf dem Gipfelgrat entgegen und waren schon lange weg, als ich zum Parkplatz kam, flinke kleine Mistkerle.
Das Wochenende, fern von allem? Absolut!

 

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Summer-Fail-Compilation – May, June, July 2013 by Twister Nederland TNL

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Saure Gurken Zeit

Hört, hört, obwohl wir gerade diesbezüglich schon lange nichts mehr vernommen haben. Die Initiative für das bedingungslose Grundeinkommen wurde tatsächlich eingereicht und von über 130’000 Unterschriften wurden deren einhundertdreitausend beglaubigt, womit die Voraussetzungen erfüllt wären, damit selbige vors Volk kommt.
Die Mühlen der Regierung arbeiten bei unangenehmen Initiativen so langsam, man befürchtet gar, aus Mehl würde ein Korn gewonnen, aber so in zwei bis drei Jahren dürfte man dafür an die Urnen gehen.

Der Herr Dr. Zapper schämte sich fremd für die Sendung „SF bi de Lüt…“ (ich denke, er meinte „SRF bi de Lüt…“), nun, für Dr. Zappers Kolumne schäme ich mich auch etwas fremd, das Unwohl haltet sich jedoch in Grenzen angesichts der Leserschaft, vor welcher man sich für nichts zu entschuldigen braucht.
Frau Lara Stoll hätte die Sendung herausgerissen – mitnichten ein Schaffhauser Promi, aber hinsichtlich berühmter Vertreter der Region Schaffhausen wollen wir dankbar sein, dass nicht irgendwelche Apotheker oder Swiss-Linienpiloten auf das Sofa gezerrt wurden – und der Herr Hartmann hätte sie nicht zu interviewen verstanden.
Zudem sollte Lara Stoll doch die Annina Campell ersetzen. Als würde man einen Porsche gegen einen 87er Ford Fiesta eintauschen. Mir geht gewiss das kulturelle Verständnis ab, mit Stoll’s vorgetragenen Poesie, Poetry-Slam, konnte ich nichts anfangen und rein optisch ist Campell nun wirklich ein Lichtblick beim Schweizer Fernsehen.
Der Nik Hartmann hat mich einmal mehr überzeugt. In einem Haufen Exkrementen sitzend deren Vorzüge zu preisen, als würde er in Honig-Milch baden; Wenn dies nicht ein guter Moderator ist, dann sieht meinetwegen Frauentausch.
Ein sinnigerer Vergleich fällt mir beileibe nicht ein für Neuhausen, obwohl mir die Fäkalsprache zuwider ist.
In der Vorstellung der Gemeinde – der Reto „Fläschebode“ Dubach lobte die Region hoch, jedes Hedingersche Faltblatt wäre vor Neid vergilbt – wurden Chübelimosers versiffte Fassade, herumlungernde Sozialschmarotzer in Trainerhosen, das triste Ufer des Rheinfalls und den Fall als solches natürlich selbst, sowie den Galgenbuck und das Armsünderwegli gezeigt. Die kulturelle Vielfalt sei der Gewinn von Neuhausen. Hossa. Ganz ehrlich, kein Beitrag wäre besser gewesen. Wenn man schon nichts zu bieten hat, sollte man das Schaufenster schmücken, aber nicht einmal dies packt die Gemeinde.
Da war auch ich mich am fremdschämen, die spärliche Zuschauerschar, gar der Herr Tamagni wurde inmitten der Sendung vom Getränkewagen auf eine einsame Festbank gezerrt, war nur noch die Kirsche auf dem Eisbecher der Peinlichkeit.
Unglücklich, dass gerade diese Sendung vom Publikumsrat bewertet werden sollte und das Konzept nun in den Medien zerpflückt wurde.
Ja ich bin ein einsamer Mensch, die Woche zuvor guckte ich bei Zofingen und gestern bei Herisau rein. Nicht die sinnentleerten Spiele, nur das Anpreisen der Region, jeder Kommentar überflüssig. Ich verstand noch nie, weswegen Schauffhausen so auf den Tourismus baut – so zukunftsträchtig als würde ich in meinem Vorgarten nach Öl bohren -, ich verstehe es immer noch nicht.

„Dies ist der Vorteil eine kleinen Stadt, wo man sich kennt, gegenseitig respektiert und das Handwerk noch angesehen ist.“

Der Vorteil an einem flachen Grab ist, dass ich dich ausbudeln und nochmals totschlagen kann.
Wir sind alle glücklich, dass die Fischerzunft wieder eröffnet ist, ich überlege mir ernsthaft, ob ich als, nach neuesten Erkenntnissen, angesehener Handwerker nach einem in vorgehenden Blogbeitrag beschriebenen Arbeitstag bei dem Herrn Jaeger reinschneien und einen Kaffee trinken soll.
Die Lobeshymne wurde vom Gourmetkoch angestimmt, ein Hoch auf den 20-Stunden-Schichtbetrieb, für diese Leistung der Proles werden doch hoffentlich deren Führer stellvertretend zum Dinner geladen.

Nun, ansonsten mache ich auch auf Saure-Gurken-Zeit, schreibe mir nicht direkt die Finger wund.

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Zeitgedanken nach dem Urlaub

Muesch sie no Pikett umschalte, bisch sie du dra jetzt.

Nach dem Urlaub baut man auf einen etwas gezogenen Start, hegt zumindest die stille Hoffnung. Arbeitskollegen treffen, sich etwas austauschen, eingewöhnen, einfach einen Tick gspürsch mi. Ich stehe nicht auf das „Hesch schöni Ferie gha“, wird man von seiner Frau verlassen fragt ja auch keiner, habt ihr eine tolle Beziehung erlebt, aber im Grundsatz möchte man mit Samthandschuhen an den Brennofen geführt werden.
Aber auch so kann man natürlich einsteigen. Da weiss man auch gleich woran man ist, mit einem Fusstritt in die Brennkammer, Burn Baby Burn.
Für vierzehn Tage der Firma für 24 Stunden am Tag mit Haut und Haaren verschrieben, spühlen wir in diesem Zug auch gleich den Nationalfeiertag ins Klo.

Da steht schon der Wagen mit der Kabelrolle bereit.
Nein nein, ist nicht mein Business; Sprach ich im öffentlichen Verkehrsmittel zu meinem Sitznachbarn, hatte der Chef doch im Zuge eines sozialen Aktes einen ausgebrannten Mitmenschen zur Wiedereingliederung in die Arbeitswelt „eingestellt“. Für eben genau diese sinnentleerte Arbeit, vom Amt bezahlt.

Ich starre ungläubig gegen die Frontscheibe. Eine Mischung von Schweiss und nassen Klamotten schlägt sich auf dem Glas nieder. Das tropische Klima wird linksseitig mit einem Hauch Zwiebel versetzt, rechterhand steigt abgestandener, in den Kleidern festhängender Rauch in meine Nase.
Unterwegs mit den Sozialfällen.
Der Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, ohne nennenswerte Ausbildung und äusserst begrenztem Einsatzbereich, innigst geliebt und verehrt von der Geschäftsleitung,  zu meiner Linken, hinter dem Volant und in seiner ureigensten Art die Kupplung bearbeitend.
Zur Rechten der arme, vom Amt bezahlte Tropf. Menschlich ein feiner Kerl, tut mir aufgrund seines Burn-Outs auch ein wenig leid, kniet sich rein, hat aber die schlechte Angewohnheit, mit einem Clown zu frühstücken. Oder einen Clown, oder zumindest in der Witzkiste zu nächtigen.
Sitze ich mitten in dieser Gesellschaftskombination, bereit in den Dreck zu knien und den Anweisungen des Mitarbeiters mit Migrationshintergrund Folge zu leisten.

Nass bis auf die Calvin-Klein, pardon ESPRIT, blicke ich auf einen konstruktiven Vormittag zurück. Während der Regen auf meine Kapuze prasselte hatte ich jede Menge Zeit, mir Gedanken zu machen. Der erste Tag nach den Ferien bietet sich direkt dafür an.
Bin ich für diese Tätigkeit überqualifiziert, oder vielleicht doch dort angekommen, wo ich hingehöre?
Im Falle einer Überqualifizierung, wäre es wohl an der Zeit, eine Beschäftigung zu suchen, welche meinem Bildungsstand entspräche, allen Versprechungen zum Trotz, knie ich weiterhin regelmässig in der Gosse, schäme mich vor meinem Umfeld, bin mir selber peinlich.
Oder gehöre ich dahin? Dann hätte ich jedoch diese Mails zu ignorieren, welche mich in Beschlag nehmen, welche gewisse Geistesarbeit verlangen, welche über schaufeln und pickeln hinaus gehen.
Aus welchem Blickwinkel man es auch immer betrachtet, zwischen Tisch und Bank gerutscht stösst man sich doch stets Knie und Kopf und langfristig geht es in den Rücken.

Eigentlich bin ich einer guten Ausgangslage.
Mit 36 Jahren sind bereits mehr Türchen zugeschlagen, als noch zu durchschreiten wären.

Bis fünfunddreissig möchte man sich noch alle Optionen offen halten. Denkt sich, vielleicht doch irgendwann Frau, Kind, Hund und einen Minivan. Oder hat man noch berufliche Ambitionen, vielleicht doch noch einen grünen Zweig erhaschen. Erst die fünfundreissig durchschritten, kann man einmal die Reissleine ziehen, den Spühlkasten leeren und den Klodeckel zu machen.
So man nur noch für sich selber zu sorgen hat, frei jeglicher Verpflichtungen und alle Illusionen ins Reich der Wattebäuschen gejagt, kann man sich ernsthaft Gedanken über die Work-Life-Balance machen.

Habe ich nun 14 Tage auf dem Autositz und im Zelt verbracht.
Ein paar Euronen rausgeballert und ein paar Kilo angefressen. Und dafür mache ich nun wieder monatelang den Bückling, immer schön trocken hinten rein, dabei lächeln und danke sagen.
Niemand kann was dafür, wenn ich meine Freizeit nicht zu gestalten weiss. Aber so ich keine höhere Anforderungen als ein Autositz und ein Zelt an meine Freizeit stelle, nur für mich selber malochen muss, stellt sich vielleicht die Frage, ob man den Arbeitsaufwand, den resultierenden Ertrag nicht an die bescheidenen Erwartungen an das Leben anpassen soll.

So, nun wieder ins nasse Beinkleid, die triefende Jacke überbezogen, auf zu geistigen Höchstleistungen unter der Kapuze.

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Boulevard périphérique

Unverbesserlich wie ich bin, begab ich mich einmal mehr auf den Boulevard périphérique.
Klingt wunderschön, für mich bald der Boulevard of broken dreams.

Am Rande, wenn wir bei Reiseberichten sind; Habt ihr gestern die SN gelesen? Der Markus Müller, SVP-Kantonsrat und Swiss-Linienpilot berichtete wieder von seinen Abenteuern. Ich benutze das Wort Held beileibe äusserst selten, aber sie Herr…
Ehrlich, ich befürchte, dereinst wassert er einen Airbus auf der Höhe Büsingen, nur um zu beweisen, dass Sullenbergers Hudson-Einlage völlig überbewertet wird und die Swiss-Piloten, im speziellen die alte Garde welche noch in Hinterpfurzistan auf der Mini-Golf-Anlage landen und starten musste, die Besten der Besten, der Besten der Welt sind.

Erst noch durch das Städtchen Boulogne, nachdem ich auf der Autobahn aufgrund einer schlecht beschilderten Umleitung den selben Abschnitt viermal befuhr, die Strassenarbeiter lachten sich wohl scheckig.
Endlich einen Parkplatz gefunden, entweder ist das Parken in Frankreich wirklich per se gratis, oder ich finde die Ticketautomaten einfach nicht, schäme mich beinahe, aber ich benötigte tatsächlich mein Smartphone um in der Stadt zu navigieren. Namentlich um mein Auto zu finden, welches ich in weiser Voraussicht mittels einer Wegmarke bei Google Maps festgetackert hatte.
Es wird im Reiseführer gewiss nicht empfohlen, das Streunen durch Hinterhöfe, an brennenden Mülltonnen und Strassenschlachten vorbei, gekleidet wie der klassische Tourist mit praktischer Umhängetasche – ein Griff genügt, für den Voleur wie für mich -ein iPhone neuester Generation vor den Augen und eine navigierende Stimme, quäkend, in Sinn und Zweck wie der billige Jakob.
Also flanierte ich etwas durch das Boulogne, bis ich mich hinterfragte, was ich hier eigentlich tue oder wem ich was beweisen will.

Flugs war ich in einer auf 21 Grad gekühlten Blechkiste unterwegs nach Paris, während das Aussenthermometer noch vor 12 Uhr die 30 Grad-Marke knackte. Nochmals sechs Grad mehr auf dem Boulevard périphérique, auf Anhieb kenne ich mehrere Personen, welche sich darüber einen Ast freuen würden, meine Wenigkeit fand es eher mühsam. Natürlich, es könnte mir egal sein, hatte ich ja eine Klimaanlage, aber mein Wagen…
Wenn man oft alleine unterwegs ist, entwickelt man – oder vielleicht nur ich – eine besorgniserregende Beziehung zu den begleitenden Gegenständen. Ganz ehrlich, ich hörte mein Wagen schnaufen und ächzen, nur damit ich im bald um 20 Grad kühleren Innenraum fläzen konnte. Bei vierzig Grad schaltete ich die Klimaanlage aus, liess die Fenster runter und schonte mein Fahrzeug.
Nennt es kindisch, aber letztendlich hat mich noch nie eines meiner Auto im Stich gelassen, vielleicht ist ein wenig Mitgefühl nicht das Falsche. Es kommt ja auch etwas zurück, ist ja nicht wie bei den Menschen.

Dreckig wie ein Franzose und fluchend wie ein Rohrspatz garte ich also auf dem Boulevard périphérique. So wird die vier-spurige Autostrasse rund um Paris genannt. In staatlicher Hand, wohlgemerkt, daher beträgt die theoretisch erreichbare Geschwindigkeit auf der 110-er-Strecke auch einen Durchschnitt von 43 Kilometern pro Stunde. Eine glatte Lüge, man kann während des Nachmittagsverkehrs durchaus einmal das Auto verlassen und sich die Beine vertreten. Man muss nur auf die Roller und Motorräder acht geben, welche halsbrecherisch zwischen den Wagen durch schlängeln.
Normal, als ich auf der äussersten rechten Spur war – bei stop&go unter vierzig Grad vermittelt mir die Nähe zum Pannenstreifen ein gutes Gefühl – als ich feststellte, dass ich nach ganz links muss. Drei Fahrbahnen kreuzen, im emotional geladenen Stossverkehr, als Ausländer.
Was ich schnell lernte, der Blinker zeigt nicht an „Ich würde dann gerne…“, da kommt man nie durch. Der Blinker ist ein reiner Ausdruck des guten Willens, dem Hinterman zeigend „Ich gehe dann mal…“. Sobald sich zwischen zwei Stossstangen eine Lücke auftut, weil der Fahrer links zum Beispiel gerade den Zigarettenanzünder im Gesicht hat, muss man rein stossen. Kein tolles Gefühl, denn wenn man die Wagen sich so ansieht versaut dem Franzosen eine Delle nicht direkt den Tag und Stossstangen sind zum schubsen da. Derart unverfroren schaffte ich es tatsächlich auf der ganz linksseitigen Spur wieder zum Stillstand zu kommen.

Was fährt der überhaupt nach Paris. Mit dem Wagen.
Nun, unsere städtischen Busse übersteigen bereits meinen Intellekt, im Züri-Tram würde ich bereits verschollen gehen, was denkt ihr, wohin es mich bei den öffentlichen, französischen Verkehrsmittel verschlagen würde?
Aber ich bin ganz ordentlich zu Fuss und mitten in Paris, also beinahe, befindet sich ein Campingplatz. Dumm nur, als ich dort ankam hatte ich von Paris, Autos, Menschen und der Welt im Allgemeinen so die Nase voll, dass ich am liebsten mit einem Obelisken um den Hals in die Seine gesprungen wäre.
An der Reception stand ich eine halbe Stunde an, weil vor mir eine dumme kleine Asiatin – man weiss nie, sind die jetzt 12 oder 48 Jahre alt – sich über den Thesen beugte und dem Monsieur wiederholt ihren Namen diktierte und ihr Anliegen vorbrachte. Eine Diskussion um fünf Euro. Wann immer ich dachte, jetzt wäre es fertig, wuselte ein weiterer Chinese heran und das Gespräch wurde erneut aufgenommen. Es war mir rätselhaft, ob diese zusammen gehören, oder diese kleinen, schlitzäugigen Mistkerle die Gunst der Stunde und des begriffsstutzigen Schweizers in der Reihe wahr nahmen.
Bis ich die 12 oder 48-jährige kleine Chinesin nahm und über die Theke warf.
Nicht wirklich, aber der Gedanke gefiel mir, sie schien keine vierzig Kilogramm zu wiegen. Es mag Männer geben, welche darauf stehen, mir sind dieses Asiatenfrauen irgendwie suspekt, alles andere als anziehend.
Als ich endlich abgefertigt wurde, war das Gelände wohl bis auf einen Platz auf der Kommunen-Wiese ausgebucht. Ich mag Menschen und fremde Menschen gleich dreimal nicht. Mein Zelt, neben dreissig Studenten und anderem intellektuellem Gesocks mit Gitarre und billigem Wein. Mein Wagen, irgend auf einem Kollektivparkplatz, im Hinterkopf hatte ich schon die Bilder von brennenden Fahrzeugen im Pariser Vorort.rene-cremateurLange Rede, kurzer Sinn; Ich habe Urlaub, ich muss den Skipass nicht herausfahren, weil er bezahlt ist und ich muss auf dem Campingplatz nicht nächtigen, weil ich eingecheckt habe. So ich ein paar Euronen über mein persönliches Wohlfühlen stelle, sind wir wieder beim Obelisken und der Seine. Ich nutzte den Platz also dazu, eine neue Seite meines Campingführers aufzuschlagen, fädelte mich wieder in Stadtverkehr und tuckerte los nach des Sonnenkönigs Residenz. Natürlich erst, nach einer weiteren Stunde Stau um die Stadt wieder zu verlassen. Sie wollen einem anscheinend weder drinnen noch draussen.

Au fait; Ich will im Winter nach Paris, Zug oder Flieger, in ein Hotel. Freiwillige vor, so du des Französischen… ich meine Französisch sprichst, wäre das natürlich von Vorteil.

Rambouillet, nannte sich das nächste Kaff.
Eine Umleitung führte mich via Feldwege durch den Wald. Allein auf weiter Flur, in Erwartung einer Fallgrube und einer Horde Mutanten, deren Abendessen ich sein sollte. Quelle surprise, ich erreichte einen idyllischen Platz, inmitten des Waldes.
Ob ich der R.B aus L. wäre und drehte den Monitor, um mir meinen Eintrag – sowie 20 andere, Datenschutz wird gross geschrieben – zu präsentieren.
In der Tat.
Ich hätte vor zwei Stunden in Paris eingecheckt.
Dies wäre schon in Ordnung so, sagte ich.
Es lag wohl eher an der sprachlichen Barriere, als an meinem ‚Sie wissen schon‘-Geheimagent-Pokerface, dass wir die Sache nicht weiter vertieften. Oder die Dame hatte einen Bonusvertrag und scherte sich einen Dreck darum, ob ich an einem oder fünf Plätzen gleichzeitig gemeldet wäre, solange ich die Taxe abdrücke.

Es war ein hübscher Platz. Bis auf die Stechmücken. Meine Beine sahen aus wie eine Buckelpiste. Ja nicht aufkratzen, bla bla… Ich weiss nicht ob es ein Patentrezept gibt, meines war Fingernägel und ein Taschenmesser, das Blutbad hätte alle Wölfe anlocken müssen, wirkte aber auf die Mücken nur noch einladender.
Ich verbrachte viel Zeit unter der, für einen Campingplatz, ansprechenden Dusche. Hitchcock-mässig trof das Blut in die Rinne zu meinen Füssen.duschenSehr angenehm, warmes Wasser im Überfluss.

Der Platz war wohl irgendwie alternativ angehaucht. Die Limonade kaufte ich in der Bügel-Glasflasche, deren Öffnen stets wie ein Pistolenknall über den Platz fegte und im Bierregal stand nur ein trübes, blondes Bio-Bier. Man musste es ein wenig kauen, aber ansonsten ganz lecker. Sehr sogar, gleich drei genehmigte ich mir.bier

Wenn man schon im Wald sitzt, erschien mir Herne’s Konterfei auf der Etikette nur angemessen, ein bisschen Robin of Sherwood-Feeling.

Reichte nicht ganz um mich abzuschiessen, also nuckelte ich mich bi 25 Grad, im offenen Zelt mit Single-Malt in den Schlaf.whiskeyIn diesem Sinne.

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