Auf der Galerie, vermute ich mich zu entsinnen, war die erste Parabel – in damaliger Unkenntis des verfassenden Autors – welche ich von Franz Kafka las.
Fasziniert einzig ob der verschachtelten Sätze, eine Leidenschaft von mir, die Lehre einem subtil unüberhörbar auf den Kopf hämmernd; Mir wie so oft die Frage stellend, gezeichnete Leute, sich an die Nase fassend oder ob sich ein Fingerzeig nur den Geschlagenen offenbart, so denn dies gerechtfertigt sei, denn wer ist schon ohne Sünde.
Ein Bericht für die Akademie, erzählen sie von ihrem äffisch sein; Ich masse mir nicht an, Kafka stets verstanden zu haben. Vielleicht ist es auch einem jeden selbst überlassen, Kafka auszulegen, wurde mir doch die Chance nicht zuteil, mit dreiundzwanzig weiteren Studierenden drei Kapitel der Verwandlung zu lesen, selbige zu erörtern und die gezogenen Schlüsse des rhetorisch begabtesten Klassenvertreter und Schäfchen des Pädagogen als allgemeingültig niederzuschreiben, eine allgemeingültige, benotungswürdige und zeugniskonforme Arbeit in die Mappe zu legen, sich unterscheidend allein in Tintenstärke und orthografie, sich fortan zu schmücken, man habe Kafka gelesen.
Jemand muss Josef K. verleumdet haben und dies meine ganz eigene Interpretation; Kafka verstand es seine Ohnmacht brilliant zu Papier zu bringen, die Ausweglosigkeit in einem bedrückenden Finale der nüchternen Erkenntnis, frei der Resignation. Unterstelle ich den Werken autobiographische Züge, den Tagebuchcharakter begründet, von der seinerseits zugestandenen Wertschätzung, welche zur Folge hätte, dass wir nie eines seiner Werke zu Gesicht bekommen hätten.
Auch wenn Max Brody Kafkas letzten Willen mit Füssen trat, müssen wir ihm dafür dankbar sein.
Der Test hat wohl ergeben, dass mein Suchtfaktor bei Null liegt, aber mit den Kreuzen am richtigen Platz, bezahlt mir die Krankenkassen 345 Franken für Pillen, welche mich vom Glimmstengel wegbringen.
Depressionen und Suizidgefahr als Nebenwirkung inklusive.
Ein perfider Plan? Je mehr Raucher über die Klinge springen…
Aber eigentlich will ich gar nicht aufhören, ich brauche die Kippen wegen meiner Depressionen und Suizidvisionen.
Die Wogen gehen hoch, weil die gesunden Schweizer nicht für meinen Entzug zahlen wollen. Irgendwie nachvollziehbar.
Aber eigentlich will ich auch kein Methadon-Programm unterstützen. Auch keine Burn-Out-Kuren, keine Grippekranken, keine HIV-Behandlung, keine Zeckenbisse… Eigentlich ist doch jeder irgendwo selber schuld, so er zum Kassenfall wird. Aber so funktioniert das Solidaritätsprinzip nunmal, was will man machen. Und letztendlich brauchen die Kassen einen Grund um Prämienerhöhungen zu rechtfertigen. Da bieten sich Raucher doch immer an.
Aber stelle man sich vor, dieser Entzug schlägt an und keiner raucht mehr? Nicht zuletzt dank der Unterstützung von ekligen Bildern auf der Schachtel und der Hetze gegen Raucher allgemein. Am Rande, wo bleiben die Bilder von adipösen Kindern auf Schokolade und Süsswaren?
Nun raucht also niemand mehr, wer bezahlt die 2,3 Milliarden, welche dem Staat an Tabaksteuern jährlich durch die Lappen gehen? So blauäugig kann man nicht sein, zu glauben, dass der Staat glücklich über die gesunden Bürger ist und den Batzen abschreibt.
Mit dem Benzinpreis machen sie es uns vor.
Über Jahre wurde gepredigt, das Auto stehen lassen, kleine Motoren zu kaufen, Sprit sparen.
Ups, bis 2016 fehlen 1.3 Milliarden in der Staatskasse. Schuld sind die Benzinsparer, die Einnahmen aus den Treibstoffzöllen gingen schneller zurück als erwartet.
Nun denn, so muss eben der Benzinpreis angepasst werden.
Nichts desto trotz, es geht ja nur um die Umwelt, werden wir angehalten noch weniger zu fahren, noch sparsamere Autos zu kaufen.
Wo soll dies enden?
Es beschleicht einem grundsätzlich das Gefühl, man betritt Zombieland.Begonnen beim Zollhäuschen nach dem Grand Canal dAlsace, eingeschlagene Fensterscheiben, rostige Schlagbalken und überwucherte Hinweistafeln.
Wir gleiten weiter durch die Dörfer, Häuser welche auf einen flüchtigen Blick samt und sonders verlassen sind, erst um halb zehn scheinen die ersten Menschen in die Sonne zu treten, ein Supermarkt gibt es nur in den grösseren Ballungscentren und genau dies macht die ganze Region sympathisch.
Also nicht dies mit den Supermärkten, ich musste fünf Ortschaften abklappern um Bier zu kaufen und selbst da hatten sie kein Corona. Dafür quetschte ich mich zwischen Gendarm Ludovic Cruchot und Wachtmeister Merlot hindurch und angelte mir einen Schachtel voller hübscher Donuts. Gewiss ein Kilo schwer, überzuckert wie das Matterhorn im Winter und sie dufteten gar durch den Kunsttoffdeckel der Dose.
Noch ein paar Äpfel, Chips, was man halt so braucht, um einen Abend mit Buch und Regen im Zelt zu verbringen.
Das Zelt, aufgespannt über einem Kiesplatz. Bequem wie ein Jutesack bei Sonnenbrand. Im Campingführer meines Vertrauens, Ausgabe 2012, erhielt der Platz vier von von fünf knuddeligen Zeltbildchen, da muss zwischen Baguette und den Vacances ’78-Katalogen ordentlich Schmiergeld geflossen sein.
Verlassene Wohnwagen dominierten das Terrain. Mit gammeligen Vorhängen, im Wind klappernden Türen und auf dem Boden kullernden Selbst-Bau-Grills. Dazwischen hier und da ein Zelt aus den achtziger Jahren, die Planen bewegten sich bisweilen, man wusste nicht ob Bären, Geister oder wirklich Menschen darin wohnten. Was mir als Haus der Sanitären Einrichtungen beschrieben wurde, stellte sich als Baracke mit vernagelten Fenstern heraus. Die Türen hatten Löcher anstelle der Klinke und zugehörigem Schlosse, ausgefranst als hätte Jason Vorhees sie mit seinem Messer aufgehebelt oder ein Gendarm seine Pump-Gun benutzt.
Etwas weiter durch den Wald fand ich doch noch ein Toilettenhaus. Nach dreimaligem umrunden, trieb mich der stetige wachsende Druck in die nächste Tür, schnell feststellend, dass man es hier locker mag, es wird nicht zwischen Männchen und Weibchen unterschieden. Nun gut meine Damen, mir war das schnuppe, ihr solltet euch die Nase zuhalten. Es gab unglaubliche sechs Toiletten, die Hälfte bestückt mit Deckel und Brille, die leeren Klopapierrollen flackerten lustig im Wind.
Eine Gratwanderung, benutzt man nun die Toilette mit Sitz, wie seit der letzten Reinigung 756 Besucher ebenfalls, oder weicht man auf nackte Keramik aus. Ich erspare euch Details.
Das Vorlegen des Riegels war ein Kraftakt sondergleichen, insbesondere, da man bemüht ist, mit dem Inventar möglichst flüchtig in Kontakt zu kommen, ich befürchtete nach erfolgreichem Verschliessen der Tür, die Toilette nie mehr verlassen zu können. Meine Bemühungen, angesichts der Einsamkeit kann man Sinn und Zweck in Frage stellen, aber es sitzt sich besser bei verschlossener Tür, waren mit solcherlei Zeitaufwand verbunden, dass der Bewegungsmelder den Raum als leer klassifizierte und somit der schwankenden Birne im Wind den Strom entzog.
Nur noch ich, die Schüssel, der Wind und ein scharrendes Vieh im Zwischengebälk über mir. In der Dunkelheit.
Hemingway lässt grüssen.
Mittels gezieltem Fusstritt, in Kauf nehmend, rückwärts in den Topf zu torkeln – G-Man Jerry Cotton wäre neidisch gewesen – konnte ich mich aus dem Gefängnis befreien. Mein schlechtes Gewissen ob der nun noch dürftiger schliessenden Türe hielt sich in Grenzen, wie auch der nicht mehr enden wollende Wasserstrahl aus dem per Knopfdruck auslösenden Speier über dem Lavabo. Bin ja kein Sanitär und eine Meldung bei der Reception hätte sich gewiss negativ auf meine Rechnung ausgewirkt.
Als das Aussenzelt stand, stellte Petrus auch den Regen ein. Nur noch gelegentliche Windböen, welche stets den über mir stehenden Baum auswrangen, so ich mal eben zum Auto schlurfte.
Mein erster Ausflug führte mich gemäss Kletterführer zu der Wand.
Mittels präziser Beschreibungen wie „Ignorieren sie die Einbahnstrasse…“ und „Nach ca. 15 Minuten biegt ein Fussweg links ab…“ irrte ich eine geschlagene Stunde durch den Wald, lief im Kreis und bereitete mich darauf vor, Blair Witch zu begegnen. Die Beschilderung von Wanderwegen nimmt der Franzose mit weissen Ringen an Bäumen vor. Diese Bäume sind im ganzen Wald verstreut. Vielleicht wird so auch Schlagholz markiert, zur Orientierung jedenfalls so hilfreich wie Brotkrumen im Taubenschlag.
Plötzlich stolperte ich über eine Feuerstelle und fand tatsächlich einen Pfad, welcher an einer verlassenen Wand entlangführte, weiss gepudert, mit Borhaken übersät.Wunderbar, die Routen angeguckt – wird knifflig, aber auf das Kantenklettern freue ich mich – und hernach zurück zur Feuerstelle.
Danke Herr Neininger, die Frontseite reichte aus, ein hübsches Feuerchen zu machen. Ich kann es nur wiederholen, Essen am Stock über dem Feuer zubereitet ist einfach nicht zu toppen.
Szenenwechsel.
Des Nachts, ich rechnete mit Zombies, Satanisten oder zumindest Nihilisten welche mein neues Zelt in Brand stecken würden, wurde ich tatsächlich geweckt. Als erstes stellte ich fest, dass die Bodenneigung doch tückischer als angenommen war, ich lag auf dem Rucksack, halb stranguliert in der Schlafsackkapuze. Ein Rascheln im Vorzelt, merkwürdiges Atmen, ein Schatten auf der Eingangstür…
Die Taschenlampe hatte keine Wirkung, vielleicht ein blinder Zombie. Als ich am Reissverschluss nestelte war es plötzlich ruhig.
Grüne, oder waren es gelbe, Augen funkelten mich an. Eine Katze tat sich an meinen Donuts gütlich. Normalerweise lasse ich keine Speisen im Vorzelt liegen, aber diese Dinger waren mir zu süss, sprich, sie waren für die korrekte Entsorgung bestimmt und lagen daher, wie erwähnt in besagtem Vorzelt. Ein bodenloses Vorzelt, wohlgemerkt, es war keine reissverschlussbedienende Katze. Nachdem sich auch die Katze vergewissert hatte, dass ich kein Untoter bin, liess sie sich nicht weiter bei ihrem Festmahl stören und eine zweite stiess gar dazu. Einigermassen beruhigt, mein campierender Bruder hatte unlängst Familie Wildsau zu Gast, was dann ein Nervenkitzel der besonderen Art ist, platzierte ich meine Matte neu, feststellend, dass ich trotz meiner eher kompakten Bauform, für das Querliegen eine Fussbreite zu gross bin.
Vierzehn Euronen, für eine Nacht im Zelt, eine Baguette, ein halbes Pfund Butter und eine Flasche Wasser. Man kann mir bezüglich meiner Zelt-Wegwerf-Mentalität schon Vorträge halten, aber drei Nächte im Freien statt im Hotel und man hat das Teil amortisiert. Inklusive Frühstück und ein Sechserpack Heineken aus dem Supermarkt.
Ich erhielt meine Identitätskarte wieder, das Einziehen derselben beim Einchecken beunruhigte mich leicht, und war frei, wieder meiner Wege zu ziehen.
Mein Weg hätte mich an sich nach Colmar geführt, wären da nicht diese drei Ruinen auffordernd auf dem Hügel gestanden und vom Zusammentreffen mit Smirre…
Doch dies ist eine andere Geschichte, die erzähle ich das Nächstemal.
Erinnert sich noch wer an die Zweitwohnungsinitiative?
Der Kern der Sache war, dass die Unterländer im Allgemeinen, und der Basler Franz Weber im Speziellen, eine gewisse Vorstellung pflegen, wie die Bergwelt uns zu begrüssen hat. In diesem Zug darf ich Euch gleich die Raststätte Heidiland bei Bad Ragaz (GR) ans Herz legen. Kitschig bis zum niederknien, aber genau das will ich sehen und ich bin überzeugt, das wollen auch die Touris sehen.
Zurück zu den Unterländern.
Den Erhalt der Carigiet-konformen Bergwelt packte man in eine Initiative, den Berglern zu zeigen, wo de Bartli de Most holt.
Eine Gemeinde darf nicht mehr als 20% Zweitwohnungen aufweisen. Dort, wo diese Anzahl überschritten ist, bleibt alles wie gehabt, aber es darf nicht mehr gebaut werden.
Soweit das Resultat, das Schweizer Unterland entschied am 11. März 2012 über die Bautätigkeit der Bergler.
Die Umsetzung derselben gestaltete sich etwas schwierig, währenddessen mussten die Damen und Herren auf dem Amt richtig arbeiten, um die Flut an Baugesuchen zu bearbeiten, jeder wollte bis am 1. Januar 2013 die Erlaubnis in der Tasche haben.
Bis dann ein Fall vor Gericht gezerrt wurde und die Initiative rückwirkend auf den März 2012 umgesetzt wurde.
Das verkomplizierte die Sache unangenehm, man verlor den Überblick.
Das Volk hat wohl bestummen, aber dies ist in der Schweiz nicht zwingend verbindlich. Der Bund hat sich nun zu einer rigorosen Durchsetzung durchgerungen.
Der Neubau von Zweitwohnungen in einer Gemeinde mit einem Zweitwohnungsanteil von über 20% ist nun verboten.
… im Grundsatz.
Der Bau ist erlaubt, so die Wohnungen touristisch bewirtschaftet werden, im Rahmen einer hotelmässigen Residenz. Bisher dachte ich, die touristische Nutzung ist der eigentliche Sinn und Zweck einer Zweitwohnung und solange mir die begleitende Dame das Bett macht, lebe ich durchaus in einer hotelmässigen Residenz, möchte ich meinen.
Des weiteren, darf ein Fünftel eines Hotel für neue Zweitwohnungen umgebaut werden, wenn diese für die Weiterführung des Betriebs erforderlich sind.
Sprich, wenn morgens am Buffet zehn Croissantes liegen bleiben, ist es wohl unabdingbar, dass man das touristische Angebot erweitert, um die Hörnchen feil zu bieten. Zum Beispiel, Besitzern von neuen Zweitwohnungen. Hier kommen wir gleich zu einer weiteren Ausnahme…
Hotels dürfen komplett in Zweitwohnungen umgebaut werden, so sie seit 25 Jahren bestehen und nicht mehr rentabel sind.
So hat das Sporthotel plötzlich existenzielle Probleme, wird abgerissen und als Zweitwohnungsgebäude neu aufgebaut. Gian der Wirt saniert sich und baut am neu umgezonten Hang ein neues Sporthotel, denn Hotels darf man ja bauen.
So ich meine Zweitwohnung auf einer internationalen, kommerziellen Plattform zur Vermietung feil biete – in etwa eine eingängige Web-Adresse wie werunbedingtwillundzuvielgeldhatkannmeinewohnungmieten.hr, zu vielleicht 1500 Franken die Nacht, kalt, oder so – darf ich selbige auch bauen.
Dann gibt es noch einige kleine Ausnahmen, wie der Ortsansässige, welcher in seinem neu gebauten Haus eine Zweitwohnung anbieten darf, was manchem Bergbauern zu unverhofftem Reichtum verhelfen wird.
Oder die generelle Bauerlaubnis in geschützten Kulturdenkmälern sowie in ortsbildenen und landschaftsprägenden Bauten. Da wird die Heimatschutzbehörde ein völlig neues Betätigungsfeld erhalten, so diverse Holzschöpfe und Ziegenställe in ortsbildende und landschaftprägende Bauten umgemünzt werden müssen.
Altrechtliche Erstwohnungen dürfen zu Zweitwohnungen erklärt werden, so ein Todesfall… Da schenke ich mir jeglich Mutmassungen, die Hochjagd beginnt am zweiten September.
Im Grundsatz ist es mir egal, was, wie und wo die Bergler bauen, nicht zuletzt, weil es mich nicht zu interessieren hat. Daher empfand ich die Abstimmung als höchst fragwürdig.
Als ich heute morgen von dieser konsequenten Umsetzung der Initiative las, konnte ich mich einem Grinsen nicht erwehren und ich freute mich für die Bergmenschen.
Obwohl es grundsätzlich schon sehr fragwürdig ist, welches Gewicht, der Wille des Volkes hat.
Beinahe, ich habe es beinahe geschafft. Stand schon auf dem Parkplatz, hatte beinahe den Schlüssel gezogen.
Kürzlich erhielt ich wieder einmal Gelegenheit im Fitnesscenter meines Vertrauens zu trainieren. Ein zweischneidiges Schwert, natürlich ist es toll einen italienischen Sportwagen zur Probe zu lenken, nur erscheint einem hernach sein eigen Vehikel wie ein Schuhkarton auf Rädern, mit einem Gartenstuhl als Fahrersitz, selbst gehäkelten Sicherheitsgurten und einem speichenlosen Topfdeckel als Lenkrad.
Sollte ich nun also wirklich diese Treppen hochsteigen, eintreten in diese langgezogene Halle, gefüllt mit lieblosen Maschinen der Ertüchtigung. Gewiss, wohl das neueste was Japan zu bieten hat, zweifelsohne, dem höchsten Anspruch an gesunde Bewegung entsprechend, alles hübsch plakatiert, beschriftet und auf Hochglanz poliert. Doch wo bleibt die Seele. Die Klientel wird kategorisch eingeteilt, vom Tagesbesucher über den Sommerschnäppchenjäger bis zum Langzeitkunden, gekennzeichnet durch unterschiedliche Armbändchen mit welchen man sich beim Antritt und Austritt zu identifizieren hat und wäre mit diesem Band der Schande noch nicht genug, werden Trainingspläne mit identischer, farblicher Kennzeichnung abgegeben, welche sorgsam von Maschine zu Maschine getragen werden.
Aufgrund der ein-Satz-neun-Wiederholungen-Philosophie – ob dir die Übung nun alles abverlangt hat oder nicht ist sekundär, dieser System ist ausgefeilt und wird durchgezogen – herrscht eine Betriebsamkeit und ein Gewusel, dass Paul Emsig, Nick und Anton vor Scham in ihren Ameisenbau zurückkriechen würden. Und wehe man wagt es nach einem Drei-Satz-Prinzip zu tranieren, die zugeworfenen Blicke decken das gesamte Spektrum von Verwundert bis Was-fällt-dir-ein ab und damit nicht genug, da auf einen Besucher fünf Instruktoren kommen, steht ein deutschstämmiger Herr in gestreifter Hose und weissem Jacket neben einem, bevor der erste Schweisstropfen aus den Poren quillt. Wer so trainiert, der kann die Übung nicht richtig machen und es widerspricht völlig der Philosophie, daher auch der Trainingsplan, welchen ich übrigens nachzuführen hätte…
Nach Vertrag steht mir eigentlich noch eine Planerweiterung zu, auf welche ich gerne verzichte. Es entspricht gewiss Dr. A. Vogels tiefsten Grundsätzen und den neuesten holländischen physiologischen Erkenntnissen, wenn ich an einem Gummibändchen so langsam ziehe, dass ich befürchten muss, es falle der alterungsbedingten Zerbröselung zum Opfer, bis ich die erste Wiederholung ausgeführt habe, aber wo bleibt der Spass dabei. Spass in Gänsefüsschen, wohl gemerkt, beschwerte ich mich schon seit eh und je, aber ist es nicht mit allem so, man weiss erst, dass Fitness auch Spass machen kann, wenn man im M-Fit in Zeitlupe unter den Augen von drei Instruktoren zu Mozarts kleiner Nachtmusik eine mittels fünfundzwanzig individuellen Einstellungsoptionen präparierte Maschine bewegt hat.
Relativ bald verzog ich mich in den Freihantelbereich, wobei die Ecke der Schande kaum als Bereich bezeichnet werden kann, zumal man während der Übung mit einem Fuss zwischen Frau Hubers gespreizten Schenkeln steht, welche eine komplexe Dehnübung an der Sprossenwand vollführt und seine Bewegungen mit dem Herrn Doktor Dummgesicht synchronisiert, welcher sich auf der Rückenbank hinter einem selbst verwirklicht. Inmitten dieser schlängelnden Bewegungen mit den Apothekergewichten platzt gewiss der gestreifte Instruktor rein und erklärt, man solle ruhig stehen. Würde man ja gern, aber dann verbeisst sich der Herr Doktor in meine Schulter und die Frau Huber wirft mir sexuelle Belästigung vor, obwohl mein Bedarf an ausgebeultem Spandex schon nach einem scheuen Blick gedeckt war.
Natürlich, man kann sich auch auf eine Hantelbank verziehen, nahezu neuwertig und gepolstert wie Tante Emmas TV-Sessel von Stressless, inklusive hämorrhoidenschmeichelnden Sitzdonut. Beim Versuch sich zu stabilisieren, schleift man mit dem Schuh über den frischgebonerten Parkett, wie Donald Duck beim Start auf der Flucht vor einem Gläubiger. Unterhalb des Sitzes ist ein Gestänge montiert, welches denn einzigen Zweck verfolgt, dass man die Kurzhanteln nicht mit Schwung auf Schulterhöhe katapultiert, es sei denn, ein geprelltes Schienbein ist einem kein zu hoher Preis. Gewiss kann man auch die Füsse darauf platzieren, ich habe es versucht und einen kleinen Eindruck gewonnen, gerade unter Zuhilfenahme meines Abbildes in der Spiegelwand, wie sich die Sitzhaltung einer Frau beim gynäkologischen Untersuch anfühlen muss.
Ganz grundsätzlich kann man wohl sagen, die Instruktoren sehen es nicht gerne, wenn die Kurzhanteln bewegt werden, es scheint mehr ein optisches Accessoires zu sein; Man gibt sich jugendlich frisch, man schreibt Fitness über die Tür, man will sich vom Physiocenter Alpenblick und Turnverein Silberfüchse abheben.
Dies alles schoss mir in Sekundenbruchteilen durch den Kopf, bevor ich mich versah, hatte ich den Rückwärtsgang eingelegt und brauste davon, als würde mir der Leibhaftige im Nacken sitzen.
Nun sitze ich einigermassen unbefriedigt hier, fühle wie mein Körper sich langsam zurückbildet, in einen um die Knochen schlabbernden Sack, gefüllt mit nutzlosem Gewebe, kalorienreduzierten Getränken und zuckerfreien Bonbons.
Was für ein Leben.
Dachte ich auch, als ich bei Herrn Hübeli einen jeglicher elektrotechnischer Physik widersprechenden Fehler suchte. Einmal mehr ein Problem der Verträglichkeit zwischen elektrischen Komponenten, obwohl sich die Hersteller in Fernost auf eine Norm geeinigt hatten. Aber mal ehrlich, würde ich etwas nach China verschiffen wäre es mir genau so lang und breit ob dies funktioniert oder nicht. Hauptsache billig, dann verkauft sich der Schund von selbst.
Sass ich auf dem Dachvorsprung, getragen von Frau Hübelis Beschwörungen nicht in ihr Blumenbeet zu rauschen, bekräftigt von Herrn Hübelis fachlichen Halbwissen und tauschte neue gegen neue Bauteile, bis sich zwei miteinander verstanden. Dies unter der Aufrechterhaltung der kompetenzwahrenden Fassade, nicht dass der gute Kunde den Eindruck hat, ich wüsse nicht was ich da oben zaubere und zu guter Letzt noch die Rechnung geschenkt erhält.
Arbeit hat noch nie sonderlich Spass gemacht, mittlerweile widert es mich nur noch an und die Ausschreibung auf der kantonalen Stellenbörse für den Posten eines Strassenkehrers gewinnt täglich etwas an Reiz.
Man stelle es sich nur mal vor. Wische den Laubhaufen von A nach B, lade ihn auf ein kleines Kommunalfahrzeug, tuckerle mit dreissig Stundenkilometer zur Müllhalde, kippe ihn aus, ziehe einen Kaffee am Automaten, tuckerle mit dreissig Stundenkilometer zurück zum zweiten Laubhaufen und so es noch nicht sechzehn Uhr ist lade ich diesen auch noch auf. Wir wollen nicht vergessen, ich muss mit dem Kommunalfahrzeug mit dreissig Stundenkilometern noch zum Bauamt zurückfahren, es parkieren, den Schlüssel aufhängen, den Besen versorgen und ganz wichtig, punkt siebzehn Uhr das Bauamt verlassen.
Morgen würde ich etwas früher beginnen, morgen wäre die Müllabfuhr.
Ich würde hinten auf einen Lastwagen stehen, wann immer dieser hält absteigen, ein paar schwarze Säcke in die Presse werfen, wieder auf das Trittbrett hopsen und zwanzig Meter fahren. Mit der Buchenstrasse würden wir dann nach der Brotzeit weitermachen und weil ich so früh begonnen habe, in den Genuss der Spätnacht-Frühmorgenschicht-Regelung komme, würde ich schon um zwölf Feierabend machen und gewiss noch eine Spätnacht-Frühmorgenschicht-Zulage erhalten.
Also gehe ich um zwölf nach Hause, eine Handy hätte ich keines, weil keiner nach Dienstschluss Max den Müllmann sucht und einen Pikettdienst für Kompost gäbe es auch nicht.
Solange ich die schwarzen Säcke am Mittwoch und die grünen Säcke am Freitag aufhebe, meine Schaufel immer schön versorge und das dreissig-Stundenkilometer-Kommunalfahrzeug nicht kaputt mache, gäbe es keinen Grund zur Rüge, einen dreizehnten Monatslohn und ich könnte mich in der Gewissheit einer krisensicheren Anstellung wohlbehütet zu meiner wohlgefühlten Pensionskassentruhe tragen lassen.
Vielleicht macht man sich das Leben manchmal einfach zu schwer.