Von Wölfen, Stinkkäfern und Aschenbechern

Dies gelesen…

Die Samurai-Wespe soll ins Land geladen werden, um dem Stinkkäfer den Garaus zu machen.

… und dies gedacht

Im Grundsatz stellt ja alles, was zusätzlich ins Land kommt eine Bereicherung dar. Erklären zumindest vordergründig Sozi-Politiker. Diversität und Multikulti ist das Stichwort. Beim Stinkkäfer denkt man hier wohl eine Idee rassistischer und will den Lümmel wieder loswerden, oder zumindest die Ausbreitung regulieren. Die Hemmschwelle scheint hier etwas niedriger zu sein, als bei Bären oder Wölfen. Der Stinkkäfer hat seinen Heimatort in Asien. Vor 13 Jahren wurde er das erste Mal in Zürich gesichtet und wollte von hier aus den europäischen Kontinent übernehmen. Sein erster Versuch, die Einreise in einer Kiste nach Bremerhaven war nicht erfolgreich. Also startete er 4 Jahre später eine neue Invasion und reiste via Konstanz ein. Mittlerweile vergällt er auch Obstbauern in Italien erfolgreich die Geschäfte.
Da es dem Kerl an einheimischen Feinden fehlt, will man nun im Rahmen eines grosszügigen Nachbarschaftsnachzug die Samurai-Wespe in unser Ökosystem integrieren.
Wie läuft es eigentlich in Australien mit der Aga-Kröte?

Bringt uns zum nächsten Thema.

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Schafzüchter senden einen Hilferuf an die Städter. Am 27. September wird darüber abgestimmt, ob Kantone den Abschuss von Wölfen anordnen dürfen. Dazu soll ein neues Jagdgesetz verabschiedet werden. Prognosen zeigen auf, dass dem Gesetz rund 50% der Bevölkerung eher ablehnend gegenüberstehen.

… und dies gedacht

Ich fühle mich ein wenig an die Zweitwohnungsinitiative erinnert.
Die Städter und Unterländer im Allgemeinen haben ihre Heidi-Vorstellung von der Bergwelt. In selbiger stehen wenige, schnuckelige Alphütten, pfeifen die Murmeltiere und weiden die Kühe. Und mittlerweile heult auch der Wolf. Er unterstreicht den wilden Charakter unserer schroffen Bergwelt zusätzlich, einfach perfekt.
Die Unterländer vergessen gerne, dass das Oberland nicht ihr privates vom Bund subventioniertes Naherholungsgebiet und SUV-Paradies ist, sondern dass dort auch Menschen leben und überleben. Wie zum Beispiel die Schafhirten.
Ich gestehe, ein wenig hin und her gerissen zu sein. Der Abschuss des Wolfes geht, wie die hierzulande betriebene Jagd im Allgemeinen, auch gegen meine Prinzipien. Im Gegenzug ist mir auch bewusst, dass die Menschheit seit geraumer Zeit die Natur gestaltet, wie es gerade zum Zeitgeist passt. Der Trend zeigt gerade in Richtung „zurück zum Ursprung“ und wenn wir es könnten, würden wir auch wieder Dinos springen lassen.
Jede Neuerung bedarf ein Kompromiss an anderer Stelle. Opportunitätskosten nennt man dies. Für das Idyll wollen wir den Wolf, dafür opfern wir eben mehrere hundert Schafe und Ziegen.
Für den Stadtzürcher kein Weltuntergang. Er sitzt in der behaglichen Stadt und freut sich ob der Biodiversität in seinem Urlaubsparadies und ist stolz, etwas für die Umwelt zu tun.
Für den Bergler geht es um die Existenz.
In meinen Augen einmal mehr die unglückliche Seite der Demokratie. Die Stimme des grössten Honk zählt gleich viel wie jene, des gewissenhaften Wählers. Betroffene und Zaungäste können ihre Meinung gleichsam kundtun.

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Ein Nutzer wollte auf Ricardo einen alten Comella-Aschenbecher feil bieten. Diesen zierte das Konterfei eines afrikanischen Stereotype; schwarzes Männchen, Ohrringe, wulstige Lippen.
Ricardo hat das Angebot nach mehreren Beschwerden gelöscht.

…und dies gedacht

Natürlich wollte er provozieren, da braucht man mir nichts weismachen zu wollen. Aus welchem Grund sonst bietet man einen solchen Gegenstand an, welcher noch nicht einmal sonderlich dekorativ ist.
Aber dennoch, wir begeben uns auf einen gefährlichen Pfad. Filme wie „Vom Winde verweht“ stehen auf dem Index, da sie eine Botschaft vermitteln, welche nicht zu unserem Zeitgeist passt.
Die letzte grossangelegte Korrektur in dieser Form fand unter dem Banner „Aktion wider den undeutschen Geist“ statt.
Ich hoffe, dass wir den uns zwischenzeitlich aufgebauten gesunden Menschenverstand und die Fähigkeit zu differenzieren nicht in einem Anflug von politischer Überkorrektheit und vorauseilender Gehorsamkeit auf den Stapel brennender Globi-Bücher werfen.

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Geld aus dem Nichts

Man könnte sagen, ich habe es geschafft. Unternehme ich eine gedankliche Zeitreise von 10 bis 15 Jahren war es mein Traum, in einem öffentlichen Betrieb zu arbeiten. Kein Gedanke daran zu verschwenden, woher kommt mein Lohn und welche Leistung wird dafür gefordert.
Ein geschätzter Arbeitgeber plauderte aus dem Nähkästchen; „morgens schaust du einen Ordner an, nachmittags ziehst du einen anderen aus dem Regal, widmest dich selbigem und abends gehst du heim. Glaube mir, das willst du nicht. Das kannst du nicht. Nicht du.“ Nach meinem damaligen Dafürhalten hat der gute Mann soeben das Vorzimmer des Paradieses beschrieben.
Doch er sollte recht behalten.
Um etwas philosophisch zu werden, der Wert der Zeit lässt sich nicht mit Geld beziffern. Ich weiss noch nicht einmal genau, wieviel jede Minute sitzen in meinen Klingelbeutel spült, doch wäre es mir ein Ding der Unmöglichkeit einen Betrag festzusetzen, ab welchem mir der Aufwand nicht mehr zu schade wäre. Wobei, ich behaupte, ab 18 Millionen verkauft jeder seine Grossmutter, so ehrenhaft seine Gesinnung und Moral auch sei

Doch vielleicht ist Hans Dampf auch einfach notorisch unzufrieden. Also drehe ich mich einmal im Kreis, entnehme meiner höchstpersönlichen und nur durch mich genutzten, heute kann man mit Corona alles begründen, Nespresso-Maschine einen Kaffee und erfreue mich daran, dass ich während der Arbeitszeit einen Blog tippe.

Von oben beschriebenem Erwerb träumt so mancher Erdenbürger. Wobei, die gehen noch eine Stufe weiter und ergänzen den Traum mit einem Tausch des Bürostuhls gegen eine Hängematte.
Ist man ein wenig in sozialen Netzwerken unterwegs, führt sich dann und wann ein Promi-Magazin zu Gemüte, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, eine gewisse Bevölkerungsschicht hat geschafft wovon Alchimisten seit Anbeginn der Zeit träumen und haben es noch übertroffen; sie machen Geld aus dem Nichts. Natürlich, Herr Binswanger hat es mir erklärt, unsere Banken schaffen dies Tag für Tag. Aber der angesprochene Menschenschlag benötigt dazu noch nicht einmal einen Hauptschulabschluss, dies ist dann doch nochmals eine andere Liga. Der erforderliche Stein der Weisen verliert seinen mystischen Zauber, da sein Geheimnis nicht auf einer Smaragdtafel verewigt, sondern, dies ist noch idealisiert, als Blaupause in der Schublade eines fernöstlichen Smartphone-Produzenten liegt.

Was war zuerst; das Huhn oder das Ei? Formen die Stars der Stunde eine Gesellschaft, welche mit knapper Not ohne fremde Hilfe die Herausforderung meistert, den Speichel nicht einfach aus dem Mund rinnen zu lassen, oder hat die Gesellschaft Stars herausgebracht, welche jeden Morgen dankbar sind, dass es Schuhe mit Klettverschluss gibt. Sehen wir uns nun mit dem Resultat unzähliger 90er-Jahre Talkshows konfrontiert?

Britt deckt auf!
Die Vaterschaft ist mit 99.999993 Prozent bestätigt.
Wow… ich dachte ja, dass ich der Vater bin, aber nicht mit so viel Prozent…

Gewiss, ich trage meinen Teil dazu bei. Bestimmt gibt es medizinische Fachbegriffe dafür, ertappe ich mich immer wieder dabei wie ich mir Unterschichten-Fernsehen gönne, um mich über die Protagonisten aufzuregen. Ja, ich könnte noch nicht einmal beschwichtigend anführen, beim Zappen hängengeblieben zu sein, nein, ich schaue es ganz gezielt.
Um „prominent“ zu sein, bedarf es heute nicht mehr viel. Wann immer „Promis“ in ein Sommerhaus der Stars ziehen oder sich einen Kampf der Reality-Stars liefern (tiefer geht es nicht mehr, glaubt mir), muss ich mir eingestehen, dass ich weder diesen Muskelprotz noch jene tätowierte Plattenbau-Prinzessin kenne. Die Teilnahme an einer Bums-Insel-Sendung (Love-Island, Bachelor in Paradies u.ä.) genügt bereits um bei der nächsten H&M-Eröffnung Autogramme zu unterzeichnen.

Schuld daran sind die sozialen Netzwerke. Die Teilnahme an einem solchen Format lässt die Follower-Zahlen in die Höhe schnellen und ab einer gewissen Marke wird man zu einem interessanten Werbeträger. Frau räkelt sich dann lasziv und leicht bekleidet zwischen Bettlaken und spricht von ihrer tollen Erfahrung mit einem Turnschuh der Marke Schlag-mich-tot. Auch sehr gern verwendet wird „Hey Freunde, ihr habt mich gefragt, was ich letzten Dienstag für einen tollen Lippenstift verwendet…“… Klar; du hast mit einem Adonis Szenen geliefert, welche so früher erst ab 23:45 in Lederhosenfilmen geboten wurden, aber die Zuschauer haben deinen Lippenstift bemerkt.

Das Tolle an sozialen Netzwerken ist, jeder kann sie nutzen. Und so träumen immer mehr Menschen aus dem unmittelbaren Umfeld vom Geld ohne Arbeit. Man beginnt das Profil aufzubauen mit aufreizenden Fotos. Stets untermalt mit einer geheuchelten Naivität. Frau setzt ihre Auslegeware ein, um Heerscharen von geifernden Followern anzuhäufen und in jedem zehnten Post wird darauf hingewiesen, dass es falsch ist, Frau als Objekt der sexuellen Begierde zu sehen. Dies sind dann die Schwarz-weiss-Fotos im hochgeschlossenen Rolli, in Denkerpose und einer Hashtag-Verlinkung auf irgendeinen dramatischen Vorfall in der Welt der Sternchen.
Und irgendwann sieht man die Menschen, Po raus, Bauch rein, Brust gestreckt, als Werbeträger für einen Bilderrahmen. Also mal ehrlich; so weit hergeholt ist der Vergleich zur Bordsteinschwalbe nicht. Im Gegensatz zu einer Charlize Theron kennt die Hilde aus Beggingen kein Mensch, man folgt ihr einfach, weil sie straffe Brüste hat und mit selbigen versucht uns ein Knuspermüsli schmackhaft zu machen.

So erlebt auch das Network-Marketing ein Revival. Wobei, vielleicht war es immer da, ich habe es nur nicht mitgekriegt, weil das Ganze ja einen gewissen Kollegenkreis als Fundament erfordert.
Plötzlich erscheinen in den Stories wieder alleinerziehende Mamis, welche uns mitnehmen. Zum Lauftraining, zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Team-Event mit anderen alleinerziehenden Mamis.
Und alle stehen verzaubert im Bann des Herrn Hugentobler aus Stuttgart, welcher im See-Restaurant Hecht nach dem üppigen Zwölf-Franken-Mittagsmahl den Damen erklärt, wie man ganz schnell, ganz einfach zu viel Geld kommen kann. Und er muss es ja wissen, ist er doch mit dem Porsche angereist. Man arbeitet wo man will, so viel man will und wann man will. Klingt schon toll, gebe ich zu. Er selber öffne eigentlich nur noch jeden Morgen den Briefkasten und nimmt Umschläge voller Geld raus. Und ihr könnt dies auch, weil es jeder kann!
Der Herr Hugentobler weiht einem also in das Geheimnis seines Erfolgs ein. Nicht, weil er Philanthrop ist, sondern weil es für seinen Erfolg elementar ist, dass die Menschen das Geheimnis kennen, wiederum andere in das Geheimnis einweihen, welche wiederum weitere in das Geheimnis… mein Gott, so funktioniert Network-Marketing mal eben, ist ja nichts dabei.
Und die Damen hängen an seinen Lippen.
Das Produkt geht dabei beinahe unter. Es könnten rostige Schürhaken sein. Denn das Geheimnis ist nicht, dass die Damen rostige Schürhaken verkaufen. Sie sollen nur Menschen gewinnen, welche rostige Schürhaken in Lizenz verkaufen. Klar, irgendwann muss eine arme Seele einen rostigen Schürhaken kaufen, aber nicht ihr, die ihr hier sitzt. Aber ihr streicht von jedem verkauften rostigen Schürhaken einen Gewinn ein, deswegen wäre es phantastisch, wenn jede von euch fünf weitere Personen findet, welche rostige Schürhaken verkauft.
Dass das Produkt ein Selbstläufer ist, stellen wir mit einem weiteren Geheimnis sicher. Nicht, dass man die Menschheit von rostigen Schürhaken überzeugen müsste, aber wir wollen doch vermeiden, dass im heimischen Badezimmer plötzlich ein Unterbedarf an rostigen Schürhaken… ok, Zeit von dieser Analogie abzukommen. Aber gesteht es, ihr zieht beinahe los, euch einen rostigen Schürhaken zu kaufen.
Nehmen wir doch an dieser Stelle eine Nahrungsergänzung und nennen sie Deppenpille. Wir wollen vermeiden, dass plötzlich keine Deppenpillen mehr im Schrank sind, auch wollen wir die Kunden vom Stress befreien, immer an die Einkäufe zu denken. Wir bieten die Pillen im Abonnement an, aus Gründen der Benutzerfreundlichkeit verlängert sich dieses Abo automatisch um drei Jahre, sofern man nicht 95 Tage im Voraus eine Kündigung absetzt. Qualifiziert schriftlich, auf handgeschöpftem Pergament mit einem Federkiel geschrieben.
Wer jetzt Deppenpillen verkaufen will, hat die Idee nicht verstanden.
Ihr braucht keine Marktanalyse, vergisst den Marketing-Mix, ihr verkauft nicht das Produkt, ihr verkauft den Lebensstil! Präsentiert eure straffen Brüste und knackigen Po’s. Zeigt eure Wangen, gerötet nach dem Herumtoben mit eurem Kind. Das Kind, welches so glücklich ist, weil Mami nun immer zuhause ist und nie mehr arbeiten muss. Zeigt verdammt nochmal das glückliche Kind! Hashtag Quality-Time! Den Followern soll das Wasser im Mund zusammenlaufen, wenn sie euer Chia-Samen-Knusperfrühstück und den Tofu-Steakersatz im Haferflockenmantel sehen. Beschreibt wie wohl euch ist und eine Knabber-Baby-Karotte den Fernsehabend mit den lieben Freundinnen doch erst so richtig gemütlich macht.
Und so nebenbei präsentiert immer wieder die Deppenpille, welche ihr zu euren Mahlzeiten einnehmt. Macht keine grosse Sache daraus, erwähnt einfach nebenbei, dass 15 Deppenpillen euch jeden Tag alles geben, was ein Körper so braucht.
Ihr braucht keine Ernährungsberater zu sein, von Sport braucht ihr nicht mehr zu wissen, als dass man sich dabei irgendwie bewegt, denn ihr seid weder Personaltrainer noch Wissenschaftler. Das ist ja das Tolle! Die Deppenpille ist quasi nur die Kirsche auf dem Eisbecher eures tollen Lifestyle.
Also eigentlich wollen wir diese gar nicht verkaufen, aber was soll ich sagen, der Porsche da draussen musste ja irgendwie bezahlt werden.

Umsätze?
Ja dies ist nun wirklich schwierig zu sagen. Denn die Individualität ist ja das Tolle dabei, jeder arbeitet so viel wie er möchte. Frau Huber ist an diesem Punkt glücklich und Frau Tobler an jenem. Daher kann man wirklich schlecht sagen, ihr habt am 25. des Monats diese oder jene Summe. Nein, es ist unmöglich zu sagen, weil ihr bestimmt selber, wieviel ihr haben wollt! Aber der Return on Investment ist ratzfatz erreicht. Ich will keine Zahlen nennen, aber mehr als in ein Deppenpillen-Abo braucht ihr nicht zu investieren und auch hier möchte ich nicht von einer Investition sprechen, denn diese hättet ihr ja so oder so gekauft. Mit der Entscheidung an unserem Deppenpillen-Meet & Greet teilzunehmen habt ihr bereits Gewinn verbucht.

Und somit beschliesse ich, bevor ich mich noch selber überzeuge und ich diese Deppenpillen kaufe. Respektive ein Abo abschliesse. Sprich, in den Deppenpillen-Wiederverkäufer-Club eintrete, um die Deppenpille überhaupt kaufen zu können.
Schneeballsysteme gibt es seit Achtzehnhundert-Apfelschnitz, also irgendwie scheint die Frage nach dem Huhn oder Ei beinahe geklärt.

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Auf Job-Suche

Dann und wann bedarf auch der klügste Kopf ein wenig leichte Nahrung. Bin wohl nicht der klügste, liegt vielleicht an der Art der leichten Nahrung, sprich Lektüre. Bisweilen überkommt es mich und ich erstehe Literatur vom Format «Neue Freizeit» und artverwandte Schundwerke.

Die Unsitte, diese Hefte mit Rätsel zu füllen, nimmt mittlerweile überhand. Auf der Frontseite wird angepriesen 100 Seiten, XXL-Rätsel! Wow, dies erhalte ich neben allen wertvollen Informationen über verblassende Stars und Sternchen! Was ein Schnäppchen!
Nun, das Schnäppchen ist in etwa gleicher Natur, wie die die Ankündigung von Radio Energy und ähnlichen hochwertigen Rundfunksendern «Jetzt 5 Songs am Stück!». Dies ist keine Dienstleistung, dies ist einfach an der Moderation gespart. Aber die Clientel denkt sich tatsächlich, hier einen Mehrwert zu erhalten.
So kaufe ich also ein Heft um Klatsch und Tratsch zu lesen, was ich erhalte ist folgendes: 15 Seiten Neuigkeiten über alternde Serienstars und Königshäuser, 20 Seiten Gesundheitstipps gegen Arthrose, Blasenschwäche, Vergesslichkeit und Ratschläge, wie meine Beine auch bei grosser Hitze schlank bleiben. Frische Ananas und Wechselduschen helfen dabei. Sechs Seiten leckere Kochrezepte, traumhafte Apfelkuchen, und rund 9 Seiten, um die Kilos wieder loszuwerden. Der Ernährungspapst Dr. Riedl erklärt, wie ich mir die Haut gesund esse. Hat einen Beigeschmack von Hannibal.

Neben den Informationen, welche einem jedes Newsportal liefert, widmet sich die Neue Freizeit natürlich auch dem investigativen Journalismus. Ganze Heerscharen von ‘guten Freunden’ und ‘engen Vertrauten’ der Prominenten stecken ihnen Informationen zu. Was natürlich die Qualitäten dieser engen Vertrauten als gute Freunde irgendwie in Frage stellt.

Bei der Verfassung der Texte bildet der Konjunktiv 2 die solide Grundlage. Im Gegensatz zu Herrn Koch kann ich euch den Konjunktiv 2 kurz erklären. Man verlässt damit die reale Welt und begibt sich ins Reich der Fantasie.
Statt, dass man schreibt Herzogin Kate und William werden zur grossen Geburtstagsfeier von Prinzessin Victoria eingeladen, tippt man; Wenn die Prinzessin ihren Geburtstag feiert, würden Herzogin Kate und William gewiss eingeladen werden. Der süsse George und die kleine Estelle könnten wunderbar spielen.
Sprich, die Klatschhefte suggerieren im Konjunktiv 2 eine relative Gewissheit der Dinge, welche eintreffen könnten, tun sie es nicht, kann ihnen keiner einen Strick drehen. Wie will man jemand haftbar machen, welcher eine Vermutung geäussert hat.
Gut, einmal hat die Klatschpresse den Bogen etwas überspannt. «Hurra, es ist ein Junge» wurde verkündet. Einen Tag, bevor Prinzessin Victoria ihre neugeborene Tochter in den Armen gehalten hat. Kann passieren.

Baby-Jubel! Prinzessin Sofia! Es soll eine kleine Prinzessin werden.
Schon auf der Titelseite lässt man alles im vagen Rahmen.

Nehmen wir den Artikel doch ein wenig auseinander, habe sonst nichts zu tun.
Es ist das heisseste Gerücht des schwedischen Sommers, Prinzessin Sofia und Prinz Carl-Philip sollen wieder Nachwuchs erwarten.

Natürlich tun sie das. Weil die Bäuche von royalen Damen stets im Mittelpunkt des Interessens stehen. Einmal herzhaft von der Torte genascht, ist die Frau guter Hoffnung. Einmal ein Glas Wasser anstelle des Sektes, hat sie ein süsses Geheimnis. Und ist das Kleid eine Idee zu weit geschnitten, erahnt man darunter ein süsses Baby-Bäuchlein.

Fakten-Check, etwas als heissestes Gerücht anzupreisen ist total unverfänglich. Ist schlecht nachzuprüfen. Ein Gerücht ist ein Gerücht und einen Indikator für den Hitzegrad eines selbiges wurde meines Erachtens nicht definiert.

«Sofia hat es nur einigen ihrer besten Freundinnen verraten, aber so ein zuckersüsses Geheimnis verbreitet sich in Windeseile» erzählt eine enge Vertraute schmunzelnd.

Eine tolle Vertraute, welche damit zur neuen Freizeit rennt. Im Wissen, dass es nur einigen Freundinnen anvertraut werden sollte. Und bereits die Annahme, dass es sowieso ausgeplaudert wird, spricht für die besten Freundinnen.

Kann niemand behaftet werden, aber Oma Hildegard gerät in Verzücken.

Kronprinzessin Victoria soll es als erste erfahren haben

So, die Grundaussage, entbehrend jeglicher verlässlicher Fakten ist getätigt und mit diesem «soll» packt man nun alles in die Geschichte, was mit gesundem Menschenverstand in irgendeiner Art und Weise mit einer Nachwuchsankündigung in Verbindung gebracht werden kann.

Der Storch soll eine kleine Prinzessin bringen. Der Trubel in der Villa Sollbacken würde grossartig werden. Die Brüder sollen ganz aufgeregt sein. Sie könnten schon Namen für die Prinzessin haben.
Mutmassungen ergänzen Wunschdenken, untermalt mit schwammigen Insiderwissen und schon hat man eine halbe Seite gefüllt. Dazu noch ein paar Babybauch-Fotos aus dem Jahr 2017, ein Foto des zufriedenen Paares aus dem Archiv verbindet man mit der Vorfreude auf das Baby und fertig ist eine Geschichte ohne jegliche Relevanz.

Aber deswegen kaufe ich die Hefte ja, will mich nicht beschweren.

Nehmen wir uns noch einen Artikel vor.
Queen Elizabeth! Horrorfund auf dem Dachboden! Der verstossene Junge der Königin!

Noch ein weiterer Prinz? Und die Öffentlichkeit kennt ihn nicht? Neue Freizeit hat es aufgedeckt!

Nun ganz so dramatisch ist es nicht. Die Rede ist von John, dem 5. Sohn von König Georg V. Hatte Epilepsie und war vermutlich Autist. Auf genealogischen Tafeln wurde er gefliessentlich übergangen, man war wohl nicht sehr stolz auf den Jungen. Er geriet in Vergessenheit, bis 1996 bei einer Nachlassversteigerung eine Fotografie von ihm auftaucht und man sich wieder an ihn erinnerte.

Irgendwie muss hier noch Pepp rein. Anstelle des Auktionstisches von Sothebys, nimmt man einen alten, schummrigen Dachboden. Handwerker sollen das Geheimnis entdecken. Macht es authentisch. Einer von uns.
Schauen wir die Fotos an. Der Knabe lächelt nie. Neue Freizeit beschreibt, wie er stets traurig blickt, weil er nicht glücklich sein durfte.
Wir sprechen vom Anbeginn des 19. Jahrhunderts. Niemand lächelte auf Fotos. Ein Foto war ein wichtiges Dokument, man brachte zu diesem Ereignis die erforderliche Ernsthaftigkeit mit. Zudem galt es als unschicklich, Lippen waren dazu da, die Zähne zu bedecken. Zu guter Letzt, bei einer Belichtungszeit von 45 Sekunden hiess es ganz schön lange stillzusitzen und wir wissen, wie bescheuert nur schon ein gestelltes Lächeln für eine Momentaufnahme wirkt. Nicht auszudenken, welch künstliche, verzerrte Fratzen uns traumatisieren würden.

Nun noch ein Bild von der Queen und Prinz Phillip, welche über den Fund tief erschütternd sind. Und nachhaltig! Immerhin bereits seit 24 Jahren… Ach nein, der Dachboden, ich vergass. Und Kate und William, einmal nicht lächelnd, sind über die Herzlosigkeit entsetzt, suggeriert uns das Bildmaterial und die Zeilen unter selbigem.
Das Bild stammt von Getty Images. Weil Kate gerade mal 14 Jahre alt war, als das Bild aufgetaucht ist und sich ihr Entsetzen wohl in Grenzen gehalten hat.

Was mache ich nun mit diesen Erkenntnissen? Richtig, ich will einen Job im Klatschbusiness.

Liebe Redaktion

Kürzlich habe ich mir eine Magazin Ihres Verlags, die Neue Freizeit zu Gemüte geführt. Die Nummer 8 vom Oktober 2020.

Nebst dem unterhaltenden Teil ist mir aufgefallen, dass doch sehr viele der Artikel auf den Aussagen von dubiosen „engen Vertrauten“ und „guten Freunden“ basieren.
Der Konjunktiv 2 wird nahezu inflationiär verwendet, jeglicher Informationsgehalt basiert auf Mutmassungen. Was könnte passieren, wenn denn… wie würde X wohl reagieren, wenn Y dies machen würde.

Speziell toll fand ich den Baby-Jubel von Prinzession Sofia, welcher in seiner Gesamtheit einfach schön ausgedacht ist. Alles könnte sein, nichts muss.

Auch die Geschichte über Prinz John. Mal eben mit einem Dachbodenfund in die heutige Zeit verlagert. Fotos waren schon 1996 aufgetaucht, ist ja nun kein Geheimnis. Natürlich, könnte sein, dass bei Renovationen nochmals was gefunden wurde. Aber, dass die Neue Freizeit hier als einzige davon wissen, deucht mich schon etwas bemüht. Ausgeschmückt mit alten Archivbildern, das Entsetzen ist in den royalen Antlitzen direkt zu sehen, wird eine ganze Doppelseite aufgepeppt.

Was ich damit sagen will; Wieviele Ihrer Stories, so über ein Jahr hinweg gesehen, werden auf diese Weise erstellt und wann kann ich bei Ihnen anfangen?

Geben Sie mir ein kleines Budget für den Bilder-Einkauf und ich decke Sie im fünf-Wochen-Rhytmus mit den tollsten Adels- und Promimutmassungen ein.

Besten Dank und freundliche Grüsse

Nun, ich warte auf Antwort und habe bereits wieder zwei Stunden eines verregneten Sonntags durch.

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Tampons für Stadtpolitiker

Dies gelesen…

Die St. Galler Juso fordert, dass an öffentlichen Orten Gratis-Tampons abgegeben werden.
Der Stadtrat hat den Vorstoss nicht als erheblich eingestuft und müsste demzufolge nicht antworten (Kenne die politischen Gepflogenheiten nicht, aber 20min erklärt dies so). Daraufhin verteilte die Juso im Rahmen einer politischen Aktion weibliche Hygiene-Artikel, versehen mit einer Etikette und drei formulierten Fragen „Vor was ekelt ihr euch? Wovor habt ihr Angst? Was ist euch so peinlich?“ Man dürfe dem Thema Menstruation nicht ausweichen und müsse auch über Unannehmlichkeiten sprechen.

… und dies gedacht

Nein, muss man nicht. Alleine, weil die Aufforderung, nein, Anweisung „Du musst…“ schon furchtbar unglücklich gewählt ist. Auch bei nicht zartbesaiteten Menschen löst dies eine Abwehrreaktion aus, weil der Durchschnittsmensch sich nun mal nicht gerne sagen lässt, was er muss. Es untergräbt das Recht auf Eigenbestimmung und der Auffordernde hebt sich auf einen, oder untermauert seinen Stand in einer Demonstration von Machtausübung.
Also startet diese Tampon-Diskussion bereits auf dem völlig falschen Fuss.

Es ist mir bewusst, wir leben in einer Zeit, welche dadurch geprägt wird, dass Frauen mit einer gewissen Vehemenz und Nachdruck auf ihre gleichwertige Stellung in der Gesellschaft hinweisen. Was absolut richtig ist. Wie beim Bogen schiessen, zielen sie ein wenig über das Ziel hinaus, um dann idealerweise eine Punktlandung zu erreichen. Dadurch gehen hüben und drüben bisweilen die Emotionen hoch, das Verb „müssen“ hat auch hier wieder eine tragende Rolle.

Aber liebe Frauen; auch wenn hier ein elementares Bedürfnis vorhanden wäre, die Menstruation könnt ihr leider Gottes den Männern nicht zu Last legen. Es ist nicht so, dass wir sie nicht wollten und ihr nun deswegen diese Bürde tragen müsst. Auch wenn sich seit Joanne K. Rowlings Tweet die politisch korrekte Gesellschaft darauf geeinigt hat, dass das Menstruieren nicht mehr alleine den Frauen vorbehalten ist, sondern alle Kinder dieser Erde den Zyklus durchleben dürfen, wenn ihnen danach ist. Nichts desto trotz schert sich die Biologie einen Dreck darum, wie sich die Erdenbewohner derzeit nennen und welches Geschlecht sie gerne hätten. Gewisse Dinge sind glücklicherweise einfach einem Naturgesetz unterworfen.

Eine Angst vor dem Thema habe ich nicht, peinlich ist mir höchstens, dass mir die Synonyme ausgehen und ich bald auf biblische Begriffe zurückgreifen muss. Ekel vor der Blutung verspüre ich nicht mehr, als vor der Lache, welche immer unter Urinalen zu finden ist und man bisweilen nicht darum herumkommt, in selbige zu treten.
Ob eine Sache thematisiert wird, orientiert sich doch nur bedingt am Ekel-, Peinlichkeits- und Angstfaktor. In erster Linie geht es darum, ob man damit mehr erreicht, als Sauerstoff in Kohlendioxid umzuwandeln und nicht einfach Zeit verbratet. Und diesbezüglich scheint mir das Thema doch sehr an den Haaren herbeigezogen.
Dass eine gewisse Tabuisierung vorherrscht liegt in der Natur der Sache und dies ist auch gut so. Vielleicht wäre es der Gesundheit der gesamten Weltbevölkerung zuträglich, wenn der Stuhlgang enttabuisiert würde, sich Meier und Müller in der Kaffeepause über Häufigkeit und Konsistenz austauschen würden. Dem gesitteten Umgang untereinander wäre es weniger zuträglich und es ist ein weiterer Fakt, dass unser Wohlfahrtsstaat nur funktioniert, sprich, den ein oder anderen anarchistischen Freidenker erträgt, weil wir eben nicht alles Hippies sind.

Und so gelangen wir zum Schlusspunkt; Woher zum Teufel soll etwas kommen, das gratis ist. Vom Himmel fallen? Damit haben wir die freien Güter, bestehend aus Luft, Sonne und Regen, eigentlich schon abgedeckt.
Da mir noch nie ein Paket Tampons auf den Kopf geknallt ist, muss ich davon ausgehen, dass dies ein Gut ist, welches der Herstellung Bedarf. Auch der gütigste und menschenliebendste Philanthrop könnte diesem Hobby nur frönen, bis ihm die Rohstoffe ausgehen.
Nein, liebe Juso, Grünen, Sozis und wer sonst noch laufend „Gratis“-Dienstleistungen fordert; nur, weil ihr es nicht bezahlt, ist es noch lange nicht kostenlos. Ich frage mich, wann dies in eure Köpfe geht.
Sprich, eure sogenannten Gratis-Tampons werden dann einfach von der Allgemeinheit bezahlt, denn der Staat hat genau eine Geldquelle und dies ist unser Portemonnaie. Gerne würde ich nun behaupten, die Kosten für eure Hygieneartikel würden dann brüderlich schwesterlich durch zwei geteilt aber vertraut mir; Einen an den Staat gelieferten Tampon würde ohne weiteres das Dreifache des Ladenpreises kosten. Nicht nur, weil dafür eigens Stellen und Abteilungen geschaffen würden. Es ist mein letzter Fakt, dass jeder Eingriff in die freie Marktwirtschaft Stellen kostet, welche wiederum von der Allgemeinheit getragen würden. Denn dies ist der Auftrag eines vom Kapitalismus ermöglichten Wohlfahrtsstaat.

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Die Marie Kondo des Büros

Richte es dir nur ein, wie es für dich passt; sprach er, und zeigte auf den grossen Schrank zu seiner Linken.
Ein Büro zu beziehen ist eine feine Sache. Arrangieren muss man sich damit, so man kein Erstmieter ist, dass man ein gemachtes Nest betritt.
Gewiss, der Vorgänger hat seine Topfpflanzen und das Bild des Lebensabschnittpartners eingepackt, aber das ein oder andere Motivationsbild hängt dann doch noch an der Magnetwand. Ich war erst ein wenig verunsichert. Man kennt die Arbeitskollegen noch nicht und von einer falschen Annahme ausgehend könnte ich Gefahr laufen, meinen Einstand damit zu besiegeln, dass ich das Team-Motto in Postkartenform in die Tonne trete.

„Ich gebe immer 100 Prozent. Montag 5%, Dienstag 15%…. „; es könnte durchaus ein Abteilungsleitbild sein, man weiss es nicht genau. Donnerstags besiegelte ich die 25% damit, mit einem beherzten Griff dieses dümmliche Kommuniqué standesgemäss zu entsorgen. Zusammen mit 30 weiteren Sprüchen, welche irgendwelchen grossen Dichtern, Staatsmännern und anderen illustren Personen unserer Geschichte in den Mund gelegt wurden, weil durch den Zusatz „Albert Einstein“ doch die leerste Phrase einen gewissen Tiefgang erhält.

Ganz allgemein schien es mir, dieses schmucke Büro hat nur seine Grösse, weil aus Prinzip nichts entsorgt wird. Oder wurde. Die Aktualisierung einer Telefonliste bedeutet nicht, dass man die alte entsorgt. Man weiss ja nie, plötzlich benötigt man die alte Rufnummer noch und da der Anschluss mittlerweile ausser Betrieb genommen wurde, hat man keine andere Möglichkeit an selbige zu gelangen, ausser der Recherche im Archiv. Deshalb kann man die Kontaktmöglichkeiten vom digitalen Anschluss bis zum Meldeläufer Konrad zurückverfolgen.
Als Legitimation, Daten und Listen über mehrere Jahrzehnte hinweg zu bewahren reicht übrigens ein einschneidendes Erlebnis. Das klassische „Do bini froh gsi, dass…“, so stattgefunden in den späten Achtzigern, rechtfertigt die noch peniblere Archivierung bis ins Jahr 2035. Es sei denn, man ist 2022 noch einmal „froh, dass…“ untermauert mit einem „Gsehsch, guet hani immer…“, dann archivieren wir bis in die nächste Eiszeit.

Mittlerweile war ich beim Menüplan des Firmenevents 2004 angelangt, welcher zusammen mit der Einladungskarte in einem Hängeregister lag. Als ich drei Register später eine Telefonnotiz an Herbert F. fand, er möge doch Konrad zurückrufen in den Fingern hielt gelangte ich zum Schluss, dass alle dazwischenliegenden Dokumente wohl in derselben Region der Unentbehrlichkeitsskala anzusiedeln sind und begann komplette Hängeregister in den grossen Entsorgungskarton zu werfen.
Ja, diesen Luxus konnte ich mir leisten, denn der letzte, welcher das Büromaterialbudget verwaltete schien nicht an die Zukunft der Digitalisierung zu glauben. 5000 Hängeregister und 20’000 Beschriftungsschilder, man verschreibt sich gerne einmal wenn die Gänsefeder bereits etwas ausgefranst ist, waren nur die Spitze des Eisbergs.

Richte es dir nur ein, wie es für dich passt; trägt im Subtext natürlich mit; Aber ändere ja nichts. Mit jedem flüchtigen Kontrollblick über die zusehends leeren Schränke wurde der Vorgesetzte ein wenig bleicher.

Mittlerweile wirken die Wände so anmächelig wie die Kacheln einer Ausnüchterungszelle. Ich bin ein grosser Freund der digitalen Daten und die Bäume werden es mir danken. Nach der dritten Korrektur einer Liste innert 4 Tagen verzichtete ich darauf, diese auf ein Blatt Papier zu pressen und an eine Wand zu hängen.
Worauf mein Vorgesetzter am 5 Tag hilfsbereit mit einer Handvoll Zettel im Büro erscheint; „ich habe gesehen, du hast die Listen nicht aufgehängt…“.

Der Schrank. Zur Hälfte gefüllt mir Erinnerungen an einen grossen Wechsel im Betrieb. Dieser wurde unter anderem begangen mit eigens bedruckten Kugelschreibern. So nett und adrett, dass man sich scheute, diese den Gästen und Besucher dieser Feierlichkeiten zu überlassen. Für spezielle Abgaben, entnahm ich einem Post-It an der Kartonschachtel.
Im Rahmen einer solch speziellen Abgabe stellte man fest, dass die Tinte ihren Aggregatzustand insofern verändert hatte, dass man seine Nachricht bestenfalls noch meisseln konnte. Also bestellte man für die Kugelschreiber für spezielle Abgaben noch spezielle Ersatzminen um im Falle einer Spezialabgabe keinen speziell peinlichen Moment zu erleben. Und so lagerten Kugelschreiber und Ersatzminen für weitere 10 Jahre und fieberten ihrem speziellen Einsatz entgegen.
Mittlerweile ist man gehemmt sie abzugeben, weil mit der Prägung nur sehr gesetzte Jahrgänge eine Erinnerung in Verbindung bringen.
Nun werden sie intern als normale Schreibgeräte abgegeben. Natürlich nicht an jeden…
Zu Ehren dieses Jubiläums wurde auch ein dickes informatives Buch gedruckt. Wahrscheinlich zur Abgabe an die oberen zehntausend unter den speziellen Gästen. Selbstverständlich legt man ein solches zurück. Erinnerungen an das Zeitgeschehen. Absolut nachvollziehbar. Deswegen wurden auch gleich 400 Exemplare zurückgelegt und füllen einen Archivschrank.

Mit in diesem Schrank fand ich einen grossen, sehr grossen Karton, randvoll mit Prägebändern. Das Zubehör für den P-Touch der Neandertaler. Der P-Touch, welcher auch Blindenschrift kann. Ihr wisst, was ich meine. Dieses pistolenförmige Ding mit grossem Drehrad zur Zeichenwahl. Der Besteller muss auch hier überzeugt gewesen sein, die Technik hätte nun den Zenit erreicht. Da kommt nichts mehr. Nach diesem Prägeapparat ist fertig. Legen wir einen Vorrat an.

Ganz allgemein scheint der Materialverantwortliche mehr zum Abholzen der Wälder beigetragen zu haben, als McDonalds und alle Tropenholzverarbeiter zusammen. Auch die Hintergründe der Ölknappheit scheinen mir geklärt.
Da lagert Schreibmaschinenpapier und Radiergummis für die nächsten 40 Jahre. Mit den Klarsichtmappen, Filzstiften und anderem Schreibmaterial in allen Farben würde ich acht afrikanische Primarschulen ausstatten, ohne dass diese zum sparsamen Umgang angehalten werden müssen. Um mit der Austrocknung Schritt zu halten, müsste ich mich hingebungsvoll der Kunst der Stillleben-Malerei hingeben.

Das Büro ist nun so leer und jungfräulich, dass ich bei jedem neidvollen Blick befürchte, es werde mir weggenommen und ich müsste in die nächste Rumpelkammer.

Ich habe mich selber zur Marie Kondo der Serverlandschaft erklärt.
Lasst mich einen Vergleich herbeiziehen. Mitarbeiter A hat einen Lagerraum A. Nun geht der Mitarbeiter A in Pension und Mitarbeiter B übernimmt dessen Job. Als erstes wird für Mitarbeiter B eine neue Lagerhalle gebaut, man nimmt Lagerraum A und packt ihn in diese Halle.
Mitarbeiter B hat die Nase voll und schmeisst den Laden hin. Mitarbeiter C kommt und als erstes baut man für ihn einen Lagerkomplex. Danach packt man die Lagerhalle B und den Lagerraum A und stellt sie in den Lagerkomplex.
Die Grenzen sind lediglich der beschränkte Platz auf der Erde.
Ach nicht? Aber genau so verfährt man auf Servern und, Hand aufs Herz, auch ihr habt auf eurem PC einen Ordner, beschriftet in etwa mit „Daten Windows 3.11, 386i“.
Suche ich ein Dokument, habe ich die Qual der Wahl, aus welchem der 25 Ordnern ich es nun entnehmen soll.
Brauche ich wirklich eine dieser digitalen Leichen, lege ich sie in einem neuen Ordner in meinem Lagerkomplex ab und lösche die anderen 25 Dokumente.
Mit der Konsequenz, dass die Nachfrage nach USB-Sticks explodiert. Weil diesem Server und der merkwürdigen Struktur nicht zu trauen ist. Da geht man lieber auf Nummer sicher.

Veröffentlicht unter He works hard for the money, Hossa | Kommentare deaktiviert für Die Marie Kondo des Büros