Wenn einer eine Reise tut

Man geniert sich beinahe, die Schweiz zu verlassen. Die Pflicht des guten Bürgers ist es, das heimische Tourismusgeschäft zu beleben. Es ist ja nicht so, dass die Schweiz nichts bieten würde. Davon legt das Gejammer bezüglich hoffnungslos überfüllten Wanderwegen Zeugnis. Zudem ist jeder ein potentieller Viruseinschlepper, welcher nur schon die Kantonsgrenze überschreitet.
Nun gut, ich bewegte mich wohl auf der legalen Seite des Gesetzes, moralisch hingegen Ganz-ein-Schlimmer.
Doch statt in das kollektive ich-will-ans-Meer-Geheule in den sozialen Netzwerken einzugehen, pfiff ich auf die Moral und beschloss, ans Meer zu gehen.

Zudem galt es in diesen Ferien etwas auf meine bessere Hälfte einzugehen. Nimmt sie sich zugunsten meiner Weiterbildung doch ordentlich zurück und lässt mir den erforderlichen Freiraum, guten Noten nachzujagen.
Wäre ich nun mit dem Vorschlag einer Trekkingtour an sie herangetreten, wäre dies dann doch sehr eigennützig, ganz davon abgesehen, dass die körperlichen Voraussetzungen auch nicht gegeben sind.
Eine Tour-de-Suisse wäre mir zu aufreibend und teuer. Letztes Jahr verbrachten wir so zwei Wochen auf den britischen Inseln. Jeden Morgen Koffer packen und abends in einem anderen Hotel einchecken ist doch noch anstrengend und geht auch ins Geld.

Da eine Flugreise keine Option war, checkte ich die französische Mittelmeerküste ab. Dies ist einfach der einzige Streifen Mittelmeer, welchen ich für einen Aufenthalt überhaupt in Betracht ziehe. Rundherum finden sich auf meiner Landkarte nur Bananenrepubliken. Ja, auch und im besonderen Bella Italia.

Während ich eine Trekkingtour mit der Sonne im Herzen und einem Lied auf den Lippen über Monate bis ins kleinste Detail planen kann, bin ich beim Hotelurlaub schon genervt, wenn ich auf die Adresse booking.com tippe.
Das Grundkonstrukt ist ja nicht verkehrt, ja direkt durchdacht. Dank unzähliger Filter kann man seine Präferenzen kundtun, bis schlussendlich nur noch das Eine Hotel ausgespuckt werden sollte. Leider werden die doch sehr fein abgestimmten Filter hinter der Eingabemaske sehr grosszügig ausgelegt. So wird aus dem Gästehaus „nette Marie“ einfach schnell ein vier-Sterne-Hotel und direkt am Strand gelegen betrachten sie als erfüllt, wenn doch lediglich 2 Busstationen und ein Hauptbahnhof dazwischenliegen. Die Klimaanlage ist ein Ventilator aus dem Geräteschuppen und auf den aktuellsten Bildern sieht man Röhrenfernseher, wie sie in den späten 90ern zum letzten Mal vom Band gefallen sind.
Im Endeffekt kann man filtern wie man möchte, man kommt nicht drum herum, jedes Hotel einzeln zu betrachten und auf Google Maps den Standort sehr kritisch zu hinterfragen.

Frankreich wartet mit der Spezialität auf, dass von Menton über Nizza, Monaco bis nach Montpellier kein einziges Hotel am Strand liegt. Auch wenn sie dies in ihrer Beschreibung behaupten. Wobei ich zugestehen muss, ihre Definition von Strand geht nicht zwingend mit unserer Vorstellung einher. Wo vor unserem geistigen Auge weitläufige Sandflächen erscheinen, präsentieren die Franzosen eine ganz zauberhafte Aufhäufung von Steinen um die Wellen zu brechen. Der Liegestuhl darf durchaus auch in einem Kiesbett stehen, während der Sonnenschirm im Fahrtwind der LKW’s wackelt, welche hinter einem über die Autostrasse brausen.
Damit will ich nicht gegen Frankreich wettern, lasse mich auch gerne eines Besseren belehren, wenn diese nun mal kein Potential für Hotels mit unmittelbarem Strandzugang sehen, dann ist dies so. Es zwingt einem ja niemand.

Von Booking.com wandte ich mich ab und studierte die Küste auf der virtuellen Landkarte. So stolperte ich über den Plage de Pampellone. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er 431 Kilometer von der Ortschaft Pampellone entfernt am Golf von St. Tropez liegt. Gehört jedoch nicht zu St. Tropez sondern Ramatuelle, eine Ortschaft welche sonst wohl kein Mensch kennt. Würde ich vermehrt Promimagazine verfolgen, wäre mir dieser Landstrich nicht unbekannt gewesen, liegt doch der berühmte Club 55 an diesem Strand. Habe ich jetzt erst festgestellt und frage mich, wieviel Promis mir wohl durch die Lappen gegangen sind.

An besagtem Strand stolperte ich virtuell via einige Umwege über die Feriendörfer Kon-Tiki und Toison d’Or, welche es nicht nötig haben auf Booking.com zu werben und vom Schäppchenjäger gerne übersehen werden. Mit Mindestaufenthaltsdauer von sieben Tagen und Clubmitgliedschaft schluckt der gemeine Geizhals am Heimcomputer auch einmal kurz leer.
Bei näherer Betrachtung und etwas zerpflücken des Preises stellt man hingegen bald fest, man liegt durchaus im Rahmen eines normalen Hotels und der Service, vom Betten machen abgesehen, steht selbigem in nichts nach.
Rein nüchtern habe ich hochgerechnet, wenn ich eine Hütte in Strandnähe erhalte, also quasi mit etwas Strecken und Recken an mein Supermarkt-Bier gelange, welches in meinem Kühlschrank liegt, spare ich pro Tag um die fünfzig Euronen. Muttis merkwürdige Sprizz-Mix-Getränke einkalkuliert, kriegen wir beinahe noch raus. Der Strand war öffentlich und wenn ich den Liegestuhl (im Mietpreis inbegriffen) durch das Dorf an den Strand schleppe, spare ich wiederum 50 Euronen am Tag (Rimini-Preise).
Also rein betriebswirtschaftlich gesehen, wären wir Idioten, wenn wir hier in die öffentliche Badeanstalt gehen würden.
Die erste Häuserreihe war den Premiumnutzern vorbehalten, welche gemütlich den doppelten Preis bezahlen. Dafür haben sie auch eine Nespresso anstelle der Filterkaffee-Maschine im Haus. Allerdings waren diese insofern die Gelackmeierten, weil eine Renaturierung des Strandes im Gange war und sie, kaum die Terrasse verlassen, vor einem schmucken Palisadenzaun standen. Im Endeffekt hatten sie genau 5 Meter weniger zum Strand zu gehen, als jene in der zweiten Reihe. Und in dieser zweiten Reihe siedelte ich uns an, nachdem ein Schmiergeld von rund 10% den Besitzer gewechselt hatte.
Mit den Liegestühlen hatte ich ab der untersten Stufe der Terrasse rund 50 Meter durch den feinsten Sand zu schlurfen und fühlte mich jedes Mal wie ein Gewinner.
Doch will ich nicht vorgreifen, galt es erst in das St. Tropez zu reisen.

Der Weg ist das Ziel unterschreibe ich sofort, sofern man auf einer Trekkingtour ist. Wer jedoch diesen pseudophilosophischen Spruch auf Zuckersäckchen druckte, sass noch nie in einem Auto auf der A50 bei Mailand.
Gut, ich gebe es zu, Flughäfen finde ich bis zu einem gewissen Grad ganz toll. Etwa 23 Minuten lang. Auch grosse Bahnhöfe haben ihren Reiz. Aber wenn man die Reise an sich mit einem Teleporter erledigen könnte, wäre ich begeisterter Nutzer. Das Delta zwischen dieser Zukunftsvision und dem technisch machbaren halte ich so klein wie möglich, daher würde eine Fahrt über Mailand schon gar nicht in die Auswahl gelangen, auch wenn dies nach Google die kürzeste Strecke ist.
Der kürzeste Weg ist nicht immer der Beste, lehrte uns schon Moses, welcher für den 16-Tage-Marsch von Ägypten nach Israel immerhin 40 Jahre brauchte.
So favorisierte ich die Fahrt über Genf; hat man die Schweiz erst verlassen, kommt man ganz flott voran.

Aber da ist noch ein Beifahrerplatz im Auto belegt und das Zeitalter, in welchem Papa das Fahren erledigt und Mutti sich auf die Kernkompetenz, spricht die Darbietung von Tranksame und Speisen beschränkt sind leider vorbei.
Von Google bis zum Nachbar im Treppenhaus quatscht jeder in die Route. Und das Platzieren der Navi-Bedienung in der Mittelkonsole muss einer genderdurchzogenen Designstudie entsprungen sein. Erinnert ihr euch an den Knight-Industries-Two-Thousand K.I.T.T? Das gesamte Armaturenbrett war gebogen und auf den Fahrer ausgerichtet, damit keine Beifahrer ins Handwerk pfuschen können. So muss ein Auto aussehen.
„Hättest du nicht da… aber wenn wir nun hier…“… und so zuckelt man plötzlich über einen Feldweg der Küste entlang, weil die Strecke auf dem Navi so malerisch ausgesehen hat und die Aussicht einfach grandios sein müsse.

Ich habe die Nerven nicht mehr, neun Stunden durchzufahren. Corona-bedingt wäre ich gerne mit angehaltenem Atem und geschlossenen Fenstern durch Italien durchgebrettert, wenn man schon durch Italien fahren muss. Aber der Zwischenhalt bei Nizza, einen Steinwurf von St. Tropez entfernt, verkäme irgendwie zur Farce. So entschieden sich die Dame für Genua und ich mich für das Grand-Hotel Savoia. Wenn ich schon im Seuchenherd nächtige, dann zumindest mit Stil. Und einer dreifach verriegelten und bewachten Parkgarage für mein Fahrzeug.

Die Beladung meines Fahrzeugs erinnerte mich ein wenig an die Familie S. welche in meiner Kindheit in der Nachbarschaft lebte. Diese hatten einen Klappwohnwagen. Ja, sowas gibt es. Wie ein Zeltklappanhänger, einfach mit festen Wänden. Faszinierend. Und so fuhren sie regelmässig in den Urlaub mit Klappstühlen, Kühlboxen, Tischgrill, portablem Fernseher, Häkchendeckchen für auf den Fernseher, einem Foto der Frau Mutter für neben den Fernseher, Couchgarnitur und was man so eben in einen Kombi hineinstopfen kann. Man weiss nie, ob man am Urlaubsziel ja alles kriegt.
Ich war der Ansicht, bereits mit den Klappliegestühlen hätten wir eine Grenze überschritten, mit dem Aromatstreuer, den Ovomaltine-Tüten und Pastasaucen hingegen definitiv untermauert. Jedes mitgeschleppte Utensil war wohl ein Abstrich an meiner Coolness, hingegen auch wieder ein gesparter Franken.

Sonntags kommt man noch gut durch die Schweiz, lediglich vor dem Gotthard standen wir ein paar Minuten rum. Im Rahmen des erträglichen. Auch den Tessin meisterten wir mit Bravour, verliessen bei Chiasso die Schweiz und sofort war ich herrlich unentspannt.
Es scheint mir völlig unerheblich, wie schnell man fährt, der andere ist immer schneller. Und wenn es ein Fiat-Panda ohne Windschutzscheibe mit Notrad ist. Man wünscht sich förmlich, dass notorische Linksfahrer die Autobahn beherrschen. Ein echtes italienisches Überholmanöver sieht vor, dass beim Spurwechsel zwischen seiner Heckstossstange und meiner Frontschürze höchstens eine Hostie-Breite Platz zu lassen ist. Schluckt sein 3,5-Zylinder einmal leer, habe ich seine Rostfetzen auf meiner Windschutzscheibe.
Die Rollerfahrer haben sich auch in mein Herz katapultiert. Weichst du Giovanni aus, welcher dir entgegenkommt, schiesst du Mirco ab, welcher dich zeitgleich rechts überholt. Überhaupt bewegen sich die Rollerfahrer im Grundsatz auf der Gegenfahrbahn und fädeln nur in die eigene Fahrspur ein, wenn sie einem „Geisterfahrer“ ausweichen müssen.
Sicherheitslinien sind einfach ein Geschmier auf der Fahrbahn, bestenfalls eine grobe Richtlinie, aber nichts, was einem rechtlich irgendwie bindet.

Bei Mailand ging gar nichts mehr. Mit gar nichts meine ich, mitten auf der Autobahn aussteigen und sich die Füsse vertreten. Fünf Spuren waren dicht. Auf einer dreispurigen Autobahn. Und dann kam der Krankenwagen. Also mussten alle Wagen etwas zusammenrücken, damit zumindest der Pannenstreifen wieder frei würde. Als alle Smartphones verstaut waren, begann das drücken und zwängen. Vor mir ein lädierter Fiat, hinter mir ein Lieferwagen unbekannten Fabrikats, dessen Stossstange mit viel Hoffnung und noch mehr Panzertape an der Karosserie gehalten wurde. Selbstredend, dass es diesen Lenkern einerlei war, wenn jemand an ihrem Fahrzeug entlangschrammt und absolut kein Verständnis haben, dass der Ausländer in seinem frisch polierten noch ausländischerem Fahrzeug hier eine völlig andere Sichtweise vertritt.
Ich vermag nicht zu erklären wie, aber obwohl jeder nur Zentimeter rückte wurde der Pannenstreifen frei und die Ambulanz konnte tatsächlich passieren.
Und dann geschah dies, was mich zur Erkenntnis brachte, dass die Italiener vielleicht nicht ganz die hellsten Kerzen auf dieser globalen Torte sind. Direkt hinter dem Krankenwagen begannen sie die nun freie Spur wieder zu füllen.
Die Fahrzeuge standen mittlerweile kreuz und quer.
Und dann kam die Feuerwehr mit einem Tanklöschfahrzeug. Wieder auf dem Pannenstreifen. Ob vorne Fahrzeuge von der Brücke geworfen wurde kann ich nicht sagen, aber mit zuckelnden Bewegungen unter gotteslästerlichem Fluchen und obszönen Handbewegungen schafften sie es, die Spur wieder zu räumen.
Das TLF raste so dicht vorbei, dass mein Parksensor zur Schnappatmung überging.
Und gleich im Anschluss ein Wohnmobil mit Beiboot auf dem Anhänger. Also ganz offensichtlich kein Vertreter der Blaulichtorganisation. Die Spur war sofort wieder dicht, als von hinten die Carabinieri ebenfalls zur Party wollten. Wer zu spät kommt… nun ging gar nichts mehr. Allerdings kein Grund die Sirene abzuschalten. 15 Minuten heulte mir der Skoda mit Blaulicht die Ohren voll, ich verstand mein eigenes Fluchen nicht mehr.
Dann löste sich der Stau auf.
Ein höchst adretter Carabinieri, zweifelsohne wurde er in seine Uniform hineingenäht was meine Beifahrerin zur Schnappatmung verleitete, winkte die Fahrzeuge an einer grauslichen Unfallstelle vorbei.
Ganz kurz überlegte ich mir, wie jemand mit der Gewissheit leben kann, einen Menschen geopfert zu haben, damit er die Fähre in Genua nicht verpasst.

Die Übernachtung in Genua klammere ich hier mal aus und gehe gleich zum nächsten Tag über.
Eigentlich wollte ich gerne noch den alten Hafen sehen, weil urtümliche Hafen und Schiffe einfach eine Faszination auf mich ausüben.
Es ist eine Eigenart in Bananenrepubliken, dass irgendwelches hilfsbereites Personal eine Dienstleistung aufdrängt, welche so kein Mensch möchte. Kaum vor die Schranke des Parkplatzes gefahren, greift ein schwarzer sehniger Arm um den blauen Kasten und zieht mein Ticket ab. Etwas, was ich mit knapper Not noch selber geschafft hätte, weswegen ja auch Papa und nicht die Mutti fährt.
Bevor ich protestieren kann, geht er voraus und ich muss ihm zwangsläufig folgen, hat er ja mein Ausfahrtsticket. Einen kurzen Moment überlegte ich, kurz etwas heftig auf das Gas zu treten, aber das hätte nur noch mehr Umtriebe gebracht.
In der Parklücke erklärte er uns, hier wäre der Platz für das Aquarium, worauf ich ihm erkläre, dass ich nur an den Hafen wolle. Nun ist es so, dass es in Genua mehrere Häfen gibt und er mit Nachdruck erklärte, dass wir hier völlig falsch sind. Obwohl ich linkerhand die Masten der Segelschiffe sehen konnte, erklärte er uns den Weg zu den Kreuzfahrtschiffen. Meine Begleiterin schrieb geistig fleissig mit und vertraute den Navigationsfähigkeiten des Herren ganz offensichtlich mehr als meinen. Wir hatten noch 4 Stunden Fahrt vor uns, ich vermied es, mich auf Diskussionen einzulassen.
Und so fuhren wir wieder vom Platz. Um fünf Euro ärmer, dafür mit glücksbringenden Jade-Elefäntchen und Schildkrötchen aus echtem chinesischen Kunststoff.

Als die MS-Schlagmichtot vor uns in den Himmel wuchs, war klar, dass dies der falsche Hafen war und wir beschlossen, auf weitere Touristenattraktionen zu pfeifen und nach St. Tropez zu fahren. Es war elf Uhr.
Um vierzehn Uhr waren wir noch immer in Genua.
Eine rege Bautätigkeit führt dazu, dass einer genuanischen Brücke gleich kein Stein auf dem anderen blieb. Autobahnen wurden aus Prinzip so umgeleitet, dass man stets entgegen der ursprünglichen Richtung fuhr. Was mein Navi zum Kollabieren brachte. Selbstverständlich waren die Umleitungen beschriftet. Alle 27 Strassen führten nach dem gesegneten Mailand. Keine nach Nizza.
So fuhr ich im ersten Anlauf einmal nördlich aus Genua raus, um in einer eleganten Schleife im Ostteil wieder einzukehren und mitten in die Rush-Hour zu gelangen.
Beim zweiten Anlauf hielt ich mich nordwestlich, um zielstrebig nach Mailand zu fahren, bis ich nach 30 Kilometer die Autobahn endlich verlassen konnte. Wir beschlossen, über Land wieder retour zu fahren und uns eher westlich zu halten. Zwischen allen Container-Lastwagen, welche wohl um die Maut zu sparen die Autobahn mieden. Um vierzehn Uhr waren wir in Genua-West und hatten zumindest einmal die korrekte Himmelsrichtung.

Staustehen macht durstig, also hielten wir an einer Tankstelle mit Shop. Und hier klärte sich auch das Geheimnis der Corona-Verbreitung. In Italien herrscht eine Maskenpflicht in Shops. Die Pflicht beschränkt sich auf das mittragen einer Maske, wie diese verwendet wird liegt wohl in der Eigenkompetenz. So wird sie elegant am Handgelenk oder über dem Ellenbogen festgezurrt. Im Shop selber steht man dicht an dicht, rückt sich kuschelig auf die Pelle.
Ist selbsterklärend, der Mindestabstand gilt hier nicht, man hat ja eine Maske mit. Es kann nichts passieren.
Wie gesagt, nicht die hellsten Kerzen…
Das Tanken ist insofern eine Herausforderung, dass man im amerikanischen Stil erst für die geschätzte Menge zahlt und danach Benzin zapft. Eine Quittung erhielt ich nicht, hätte ich also die 40 Euro nicht verbraucht, hätte mir die Dame gewiss erklärt, dass sie mich noch nie im Leben gesehen hätte und was ich hier von Restbetrag fasle.

Meine Laune steigerte sich, als ich die Landesgrenze passierte und französischen Boden betrat. Solange, bis ich zwei Stunden in Monaco stand. Nur schnell die Grand-Prix-Strecke entlang.
Ok. Ich bin sie gefahren. Den Hafen entlang. Im Schritttempo.

Nach etwas über neun Stunden erreichten wir das Toison d’Or.
Es ist nur den netten Angestellten und der wirklich zauberhaften Lage geschuldet, dass ich es nicht umgehend in Brand steckte. Nur um ein Symbolfeuer gegen Autofahrten der malerischen Küste entlang zu entfachen.

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Sich in die Tasche lügen

Dass es eine glückliche Fügung war will ich noch nicht herausschreien, wird sich dies erst noch finden. Doch, dass in einem Moment, in welchem mir mein Vorgesetzter wieder einmal so richtig auf den Senkel ging auf dem internen Stellenportal ein Bürojob ausgeschrieben war, erschien mir wie ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ein energischer Wink, mit nachflatterndem Zaun. Mein Curriculum Vitae, mal ehrlich, diesem bescheuerten Wort kann man lediglich zu Gute halten, dass die Abkürzung leicht von den Lippen geht, der Rest klingt wie ein medizinischer Fachbegriff für eine Darmverknotung, spricht, dass ich in einem 5-6 Jahresrhythmus die Stelle wechsle.
Ob nach dieser Zeit nun jeweils die Geduld ausgereizt ist, ich ein Metier komplett beherrsche und die Langeweile mich überkommt, oder einfach eine periodische Unzufriedenheit sich meiner bemächtigt bedürfe einer genaueren Analyse. Was wir ausschliessen können ist der Drang, neue Menschen kennenzulernen.
Nun befand ich mich eben wieder in diesem Zeitfenster und ich war gewillt eine neue Herausforderung anzutreten.
Was so schon einmal falsch ist. Denn um eine neue Herausforderung in Angriff zu nehmen, muss man gemäss dem Wortlaut in nicht allzu weit zurückliegender Zeit eine alte gemeistert haben. Meine letzte berufliche Herausforderung, was war das noch gleich… Ach ja, das war diese Sache mit der Evakuationsanlage in einem Schulhaus. Ich würde sagen, rund 8-10 Jahre her. Schöne Erinnerungen. Nach diesem Zeitpunkt kam beruflich nichts mehr, was mich über mehr als 24 Stunden gefordert, oder meine geistigen Fähigkeiten im vollen Umfang beansprucht oder eine nennenswerte Erweiterung derselben gefordert hätte.
Eine traurige Bilanz und in gewisser Weise ein kleines Armutszeugnis für mich. Obwohl ich, und der Mensch kann das gut, einen selbstbewusst ausgereckten Zeigefinger auf die jeweiligen Herrschaften an der gegenüberliegenden Seite des Tisches richte. Der da hat…
Naiv wie ich bin, gehe ich noch immer davon aus, bei einem Vorstellungsgespräch lügt nur der Kandidat. Wobei lügen ein klein wenig grob ist. Sagen wir, die Menge Schlagsahne auf dem Eisbecher lässt auf grössere Eiskugeln schliessen, als tatsächlich vorhanden sind.
Bei meinen letzten Vorstellungsgesprächen waren die Rollen irgendwie vertauscht.
Es wurde ein noch jungfräulicher Siebentausender-Gipfel geschildert, welchen es unbedingt zu erklimmen gilt, bisher aber noch jeder daran gescheitert ist.
Hat man erst seine Unterschrift geleistet und wird, mit etwas flauem Magen ob der Angst man nicht zu hoch gepokert hätte, an den Fuss dieses Berges geführt, stellt sich heraus, dass die Rede von einem kleinen Maulwurfshügel war. Die grösste Herausforderung besteht in der Entscheidung, nimmt man nun die Rolltreppe, oder wartet man auf den Fahrstuhl.
Es ist nachvollziehbar, dass gerade in öffentlichen Bereichen gelogen wird, dass sich die Balken biegen.
MAN. HAT. NICHTS. ZU. TUN.
Ja, man kann sich winden und drehen, im Endeffekt ist es ein Fakt. Natürlich gibt es einmal hektische Zeiten. Stunden, Tage, meinetwegen auch Monate. Aber wir wollen es relativieren; Ein Bundesangestellter hat einen hektischen Tag, wenn die Neun-Uhr-Kaffeepause entfällt. Einen richtigen Saustress, wenn die 15-Uhr-Pause ebenfalls flöten geht. Abends eine Stunde länger und der Tag zieht in die Hall-of-Fame der grauenhaftesten Arbeitstage überhaupt. Es grenzt an ein Wunder, dass er darin noch Platz findet. Die Halle ist gestossen voll, denn die Messlatte für den Übergang von einem halbwegs normalen Tag zu einem entsetzlich grauenhaften Tag wird durch den Stress nicht etwa höher gelegt.
Denn auf jede arbeitsintensive Periode folgt eine, ich benutze den Fachjargon, „etwas ruhigere, aber nicht weniger arbeitsreiche Zeit“. Eine Phase, in welcher der Mitarbeiter seine Aktivität soweit herunterfährt, dass nur die Kaffeepause verhindert, dass sich ein Organismus komplett abschaltet. Daher ist es nicht ganz verkehrt, dass dieser Pause ein immenses Gewicht beigemessen wird. Es ist absolut nachvollziehbar, dass die bereits an eine Reanimation grenzende Aufforderung, sich einer Tätigkeit zu widmen einen enormen Anstieg des Stresslevels bewirkt und der Mitarbeiter daraufhin den, mit Abstand, grauenhaftesten Tag seines arbeitsreichen Lebens begeht.
Soweit so gut, alles in Ordnung. Jeder seines Glückes Schmid und wenn die Herren damit glücklich sind, Friede ihrer Asche.
Was mich daran ärgert, zu Recht denn ich bin ja Leidtragender, ist das Lügenkonstrukt, welches um diese Geschichte herum errichtet wird.
Man muss schon sehr, sehr dümmlich sein, mit Absicht ein Komma um den Verdacht auszuschliessen die zwei „sehr“ entspringen einem Tippfehler, wenn man tatsächlich glaubt, man behaupte sich in einer Arbeitswelt, geprägt von Stress und Dauerbelastung. Oder, man hat vom obligatorischen Schulbesuch direkt in einen Bundesbetrieb gewechselt und kennt die Bedeutung von „Im Schweisse Deines Angesichts“ (1 Buch Mose) schlichtweg nicht.
Gehen wir der Einfachheit halber von einem normalen, gesunden Menschen im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte, urteilsfähig und bodenständig aus.
Er weiss, dass er hier eine unglaublich ruhige Kugel schiebt. Und ja, ich behaupte, wenn sich jemand wirklich an diesem Umstand stört, so findet man ihn in dieser Schicht der braven, anständigen und engagierten Mitarbeiter ohne jegliche Führungsfunktion oder Aufgaben. Er könnte, wenn man ihn nur liesse.
Und hier stossen wir an die Grundmauern dieses Lügengebäudes und die sind solide. Verdammt solide.
Versetzen wir uns nun in die Lage seines Vorgesetzten. Je mehr Mitarbeiter seine Leitungsspanne beherbergt, desto gerechtfertigter ist seine Lohnklasse, desto grösser sein Ansehen. Ich spreche bewusst von Leitungsspanne, denn die Tatsache, dass ihm Menschen unterstellt sind bedeutet ja noch lange nicht, dass er auch führt. Davon sind sieben der oben beschriebenen Tagediebe und einer, der eigentlich gerne würde, wenn man ihn nur liesse. Der erwähnte brave Mitarbeiter. Wie nun, wenn der aufmuckt. Wenn der glaubhaft versichert und den Beweis antritt, dass die Arbeitslast auch in der Hälfte der Zeit gepackt werden könnte, oder nur die Hälfte der Belegschaft erforderlich wäre. Und dies gerade in einem Betrieb, dessen Abläufe im Jahrzehnterhythmus leicht angepasst werden, die solide Basis jedoch seit Anbeginn der Zeit besteht. Man hat es ja schon immer so gemacht, also muss es gut sein. Wie soll nun dieser Vorgesetzte rechtfertigen, dass er seit Jahren in seinem Laden eine horrende Überkapazität beherbergt.
Auch hier kommt mein unglaublich generöses Wesen zum Zuge, ich attestiere dem Vorgesetzten durchaus einige Synapsen mehr und gehe davon aus, dass er genau weiss, wie es um die Auslastung steht. Aber aus oben genannten Gründen, Sparbemühungen werden nicht honoriert, hält er den Ball schön flach. Vielleicht ist er in der komfortablen Situation, dass er sich seit Jahrzehnten so nachhaltig in die Tasche gelogen hat, dass er davon überzeugt ist, seine Abteilung stehe nur eine Überstunde vor dem Kollaps und eigentlich wären 200 Stellenprozente mehr angesagt. So kann er zumindest noch in den Spiegel schauen und sein schweres Haupt auf ein Kissen des ruhigen Gewissens legen.
Eine Stufe überspringen wir. Diese ähnelt in ihrer Funktion diesen etwas unästhetischen Kisten, welche in einen Wasserkreislauf gehängt werden, so kein Boiler zur Verfügung steht. Mit dem Unterschied, dass diese hier sehr wohl in Serie mit einem Heisswasserspeicher hängen.
Bei der nächsten Stufe sind meine Erwartungen jedoch bereits ein wenig höher. Denn hier finden sich bereits die MBA, die Bachelors, die HFW-Absolventen; sprich, alles Menschen welche zumindest in der Theorie anhand der Firma Bühler gelernt haben, wie es eigentlich funktionieren sollte. Und auch wenn man ihnen nun eine zu grosse Distanz zum Tagesgeschäft entschuldigend hinwerfen möchte; nein. Ein Blick aus dem Fenster genügt. Doch was wollen die armen Kerle denn machen? Ja, diese sind eigentlich gebeutelten. Der Wissenstransfer Schule-Betrieb ist nicht möglich, weil im Vergleich dazu der Planet Mars nur einen Stolperer von der der Erde entfernt liegt. Jede Änderung müsste in Abstimmung der jahrzehntelangen Prozesse, gedruckt mit einer Gutenbergpresse und ich meine DIE Gutenbergpresse, und vervielfältigt im Schnapskopierer, einhergehen. Eine Stimme der Innovation steht gegen zwanzig „Ja aber halt, das haben wir doch schon immer so gemacht, ja wie stellst du dir dies dann vor…“-Stimmen.
Es würde ihnen keine andere Möglichkeit bleiben, als sämtliche Untergebenen zu ersetzen und einen neuen Betrieb zu erschaffen. Aber wie soll man jemanden ersetzen, welcher STETS TADELLOSE Arbeit geliefert hat. Wie sollte denn hier die Begründung lauten, wenn die jährliche Qualifikation ein „Sehr gut“ bis „Anforderungen übertroffen“ zum Resultat hatte. Alles was darunter liegt Bedarf der Schreibarbeit und Erklärung, deswegen übertreffen Bundesangestellte noch öfters die Erwartungen. Also reibt man sich auf, oder fügt sich der Tatsache, dass die einzige Änderung, das einzige Novum, das eigen geschaffene Denkmal darin besteht, dass die Isopropanol-Flasche einen neuen Gefahrengutaufkleber erhält und die Abteilungen damit über Monate ausgelastet sind. An der Grenze zur Überlast.

An diesem Lügenkonstrukt wird nicht gerüttelt, kann nicht gerüttelt werden. Ein Linienflugzeug würde an dessen Fassade die Nase stossen und wie ein nasser Sack zu Boden fallen. Die Innovation eines Mitarbeiters gleichen dem Versuch, die Pyramiden von Gizeh mit einem Zahnstocher abzutragen. Und deswegen wird der externe Mitarbeiter am Vorstellungsgespräch so derbste angelogen, dass die Linienvorgesetzten und HR-Menschen mit einem nahezu blasphemischen Gottvertrauen in die Blitzableiter über dem Besprechungszimmer setzen.
Ihr einzig Heil liegt darin, dass der so vorgeführte Kandidat am Besprechungstisch solange geblendet von den Anstellungsbedingungen bleibt, bis die Resignation einsetzt oder er sich in dem behaglichen Kokon des süssen Nichtstun einnistet.

Und nun ist dieser Beitrag völlig aus dem Ruder gelaufen, denn eigentlich wollte ich über das Messi-Gebaren der Büroangestellten referieren.
Kommt noch.

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Neulich, beim Verkehrsmedizinischen Check

Heute wurde ich zur medizinischen Fahrtauglichkeitsprüfung geladen. Wer immer von Gesetzes wegen zugelassen ist, ein Fahrzeug von mehreren zehn Tonnen zu lenken, muss dann und wann von einem staatlich zugelassenen Medizinmann eine Bescheinigung einholen, dass er auch noch 2 Meter nach der Frontscheibe klarsieht und im Fuss kein Taubheitsgefühl aufweist.

Was meine Künste im Lenken eines LKWs anbelangt, würde ich nicht zwingend die Hand ins Feuer legen. Auf dem Panzer bin ich sattelfest, aber dieser lenkt sich auch wie ein Go-Kart. Er ist kompakt, hat nahezu keinen Überhang oder grossen Radstand, ist übersichtlich und man fühlt sich schon sehr sicher. Denn mal ehrlich; Was da so am Strassenrand entlang aufgebaut ist, von Hinweistafeln über Ampeln und Alis Gebrauchtwagenhandel kann einem nicht viel anhaben. Jedenfalls nichts, was mit einer Spraydose ALN 612-5878 nicht wieder aus der Welt geschafft wäre. Dies gibt einem schon ein sehr sicheres Gefühl.

Aber LKW lenke ich dann schon eher selten. Geschweige denn, dass ich noch einen Hänger am Hinterteil habe. An der Prüfung vor gut vier Jahren, ich legte diese Zusatzprüfung nur ab, um irgendwann einmal einen Sattelschlepper zu lenken, habe ich das letzte Mal einen zweiachsigen Anhänger bewegt und wie ich es geschafft habe, den begehrten Ausweis zu erhalten, kann ich mir heute noch nicht erklären. Ich schaffte es, das komplette Gespann auf einem Parkplatz zwischen Fahrzeugen so zu verkeilen, so dass ich den Experten bitten musste als Abstandswarner zu fungieren. Auch die Ladungssicherung war Thema. Natürlich ist die Ladung auf dem Fahrschul-LKW so ziemlich fix montiert, entsprechend verzurrt, dass da überhaupt nichts rutscht und springt. Folglich warf ich auch nur einen kurzen Blick in den Container, bestätigte im Brustton der Überzeugung, dass alles fest sei und fuhr los. Bis bei der nächsten Bremsung eine Ladungssicherungsstange mit lautem Getöse quer durch den Anhänger flog und mein Experte mit den Augen rollte und meiner Nervosität solchen Vorschub leistete, dass ich die nächsten drei Verkehrskreisel beinahe auf dem kürzesten Weg nahm.

Nun das ist vorbei und der Teufel soll mich holen, wenn ich diesen Ausweis jemals wieder freiwillig aus der Hand gebe.

Deswegen muss ich alle 5 Jahre zum Verkehrsmedizinischen Check.

Heuer war mein erster. Ein klein wenig nervös, klar. Doch dann sagte ich mir, wenn ich meinen Blick so durch den Strassenverkehr streifen lasse, was da so alles auf dem Bock sitzt, vom ächzenden fettleibigen Polen bis zum sturzbetrunkenen Russen, kann der Untersuch ja nicht so dramatisch sein.

Ich hätte Wasser zu lösen, teilte man mir am Telefon mit.

Kein Problem. Eigentlich. Doch die Terminabsprache mit meiner Blase war dann doch eher schwieriger, eine halbe Stunde vor dem Termin war ich der festen Überzeugung, wenn ich nun der Natur nicht gleich ihren Lauf lasse, trage ich unreparierbare Schäden davon.

Die Erleichterung war grenzenlos, doch war nun die Hürde, bis um 14 Uhr wieder eine messbare Grösse an Harn zu produzieren, ohne dabei auf Bier zurückzugreifen. Glücklicherweise haben energiereduzierte, ich spreche von widerlichen Phenylalaninquellen, Energydrinks eine ähnliche Wirkung auf meinen Drang.

Allerdings machte ich mir dann wiederum Sorgen um den Blutdruck, wenn ich ein paar Dosen Red-Bull konsumiere. So griff ich zum Himbeersirup zero, in der Migros erhältlich und die Zusatzbezeichnung bezieht sich auf den Zuckergehalt wie auch Geschmack gleichermassen, füllte ein Glas 50:50 und leerte dies in zweifacher Ausführung in einem Zug. Um der Sache noch etwas Druck zu machen, kippte ich einen halben Liter Wasser hinterher. 13:45, keinen nennenswerten Veränderungen in meinem Wasserhaushalt. Also kippte ich noch einen Kaffee hinterher, nahm eine Flasche Wasser unter den Arm und begab mich zum Onkel Doktor.

Auf dem Parkplatz nochmals ein paar ordentliche Schlucke und mit Elan durch die Praxistür und gleich mit dem kleinen Becher zur Toilette, denn nun setzte die Wirkung ein.

So der Plan. Nicht einkalkuliert habe ich Corona. Da standen 5 Leute im ordentlichen zwei-Meter-Abstand zwischen mir und der Empfangstheke. Alle haben die 60 überschritten und so sie nicht in kleinen tippelnden Schritten gingen, schleppten sie sich an Krücken vorwärts. Der Arztbesuch war ihr Nachmittagsprogramm und entsprechend viel Zeit, also bis zur Nachtruhe um 17:30, haben sie auch mitgebracht.

Allmählich begann ich zu tänzeln.

Ah, der Verkehrsmedizinische Untersuch, gleich da links bis ganz hinten im Gebäude.

Zielstrebig steuerte ich mit festem, aber doch bewegungsarmen, nicht dass was überschwappt, Schritten begab ich mich ganz nach hinten.

Bitte nehmen sie doch einen Moment Platz.

Natürlich. Wie konnte ich nur annehmen, dass sich gerade heute etwas von einem normalen Arztbesuch unterscheiden würde.

Nach fünf Minuten, die Zierbrunnen plätscherte fröhlich vor sich hin, kam eine Dame und hinter dem Mundschutz erklang es «Haben sie schon Wasser gelöst?». Nicht? Na, dann hopp nach vorn zur Anmeldung, es reihten sich weitere Rentner ein, und das Becherlein geholt.

Wenigstens verleiten einem die Rentner nicht zu hektischen Bewegungen.

Erwähnte ich schon, dass es mir langsam peinlich war, vor Hinz und Kunz über das urinieren zu sprechen? Es ist ja nun nicht ein Thema, welches in einer netten Runde diskutiert wird, darüber hinaus fühlte ich mich, wie ein Junkie auf Bewährung.

Ah, gehen sie nach rechts, ganz nach hinten im Gebäude zum Labor. Dort kriegen sie den Becher. Sprachs, während im Hintergrund eine ihrer Kolleginnen laut plätschernd eine Tasse spülte und meine Halsschlagadern langsam anschwollen.

Beinahe ganz hinten hatte ich mich geringfügig verlaufen und erkundigte mich bei einer weiteren Dame nach dem Labor.

Gleich hier, wies sie auf eine offene Tür, welche ich vorher schon bemerkt hatte, aber die drei Rentner, welche dort drinnen an irgendwelchen Schläuchen hingen irritierten mich etwas. Oh, ist besetzt. Nehmen sie doch einen Moment hier Platz.

Leicht verkrampft sass ich auf dem Stuhl, während sie geräuschvoll die Topfpflanze zu meiner rechten aus einer neckisch kleinen Giesskanne tränkte.

So, Herr Huber, nun wollen wir ganz langsam aufstehen…. klang es aus der offenen Tür.

In der Zeit, zwischen dieser Aufforderung und dem vorbeischlurfen des Herr Huber in Filzpantoffeln hätte ich gut eine Toilette bauen können. Hätte ich mich getraut die Körperposition zu verändern.

Ich vermochte nicht zu warten, bis ich aufgerufen wurde.

Mit einem «Pardon» trat ich in das Labor und teilte mit, dass ich hier einen Fall von einer gewissen Dringlichkeit hätte.

Ah, der Herr… Endlich.

Endlich?
Aber da war keine Zeit zu diskutieren. Da vorne ist die Toilette, wir stellen ein Becherchen in die Durchreiche.

Hat irgendwie was widerliches. Eine Durchreiche für Becher voller Urin. Da gab es einen kleinen Diskretion-wahrenden Metallschieber, welcher zur Seite geschoben wurde. Der Anleitung zufolge noch vor dem Hände waschen, was es nicht weniger ekliger machte. Sprich, jeder, der sein Becherchen nicht mit einer Geschicklichkeit wie sie mir eigen ist füllte, fummelte danach mit seinen nassen Pfoten an diesem Schieber rum.

Glücklicherweise war mir das im Moment so lang wie breit und noch nicht einmal die Gewissheit, dass die Labordame nur 5 Millimeter Blech entfernt lauschte, was ich in diesem Toilettenhäuschen so anstellte, konnte meine Glückseligkeit ob der Erlösung trüben.

Wir überspringen weitere Details.

Wieder am anderen Ende des Gebäudes durfte ich zum Sehtest. Oben, links, rechts, unten… Augen wie ein Falke, kein Problem. Obwohl ich beim «Made in Germany» unten rechts ganz kurz ins Stocken geriet.

Weiter zum Hörtest.

Es pfeift aufs Ohr, die Dame spielt D-Jane am Mischpult und sobald ich den Ton nicht mehr höre, muss ich mich zu Wort melden. Dann gibt es einen Punkt auf den Zettel und das nächste Frequenzspektrum ist an der Reihe.

Also eigentlich kann man dabei taub wie ein Minensprengmeister sein. Bei der dritten Frequenz stellte ich fest, dass die Punkte, an welchen mein Gehör den Dienst quittierte, irgendwo bei der stilisierten Fledermaus, stets auf derselben Höhe sind und die Dame verbarg das Auswertungsblatt so gut, wie der Dealer den Flop beim Poker.

Irgendwie brach der Sinn für ein faires Spiel bei mir durch, und ich starrte zur Decke und richtete mein «Stop» nicht nach dem Punkt auf dem Auswertungsblatt.

Aber der sinnloseste Test stand mir erst noch bevor.

Konsumieren sie Drogen?

Ähm was?

Nicht, dass ich die Frage nicht verstanden hätte, aber welche Antwort erwartet die gute Frau Doktor? Fragt der Bankdirektor den Jobanwärter, ob er dann und wann auch mal gerne in die Kasse greift, sagt dieser wohl «Ui, jetzt haben sie mich aber erwischt… Verflixt nochmal»? So wenig wird wohl ein Chauffeur, auf das Billet angewiesen, sagen; Ja doch, ein Joint am Tag muss schon sein.

Auch die Frage nach meinem Alkoholkonsum, Schwindelanfällen, gelegentliche Ohnmacht tagsüber und Orientierungslosigkeit im Allgemeinen schien mir doch etwas sehr naiv.

Aber ich möchte sagen, für 135 Franken Pauschale kriegt man ganz schön viel Aufmerksamkeit.

Nun ziehen sie bitte die Schuhe, die Hosen, die Socken und das T-Shirt aus. Nur noch mit meiner Würde und einer Boxershorts bekleidet wurde die Prozedur fortgesetzt.

Herzgeräusche, Lungengeräusche, den Drehradius meines Kopfes, es wurde beinahe alles vermessen. Und mit beinahe alles meine ich, dass auch das Arbeiten meiner Verdauung abgehört wurde. Also wäre da nur ein Ansatz von Verschwörungstheoretiker in mir, es hätten alle Alarmglocken schrillen müssen.

Aber das einzige, was einem Klingeln noch am nächsten kam, war eine Art Stimmgabel an meinem Fuss und, welche vibrierte und ich sagen musste, wie lange ich die Vibration spürte. Wozu dieser Check gut sei, vergass ich in meiner allgemeinen Verwirrung zu fragen.

Welchen Sport ich treibe, wollte sie noch wissen, dann war die Sache abgeschlossen und ich darf für 5 Jahre wieder auf die Strasse.

Nach diesem Test frage ich mich offen, warum man in Lastern mehr Bud Spencers als Lincoln Hawks sieht. Aber dies kläre ich in fünf Jahren dann.

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Neulich im Bundesbetrieb

Seit einiger Zeit stelle ich einen kleinen Arbeitsrückgang fest. Ich darf präzisieren, die Menge an zu erledigenden Tätigkeiten scheint mir abgenommen zu haben. Selbstverständlich würde mir jeder Mitarbeiter bestätigen, dass die Arbeitsbelastung seit dem Jahr 1973 einer stetigen Zunahme unterliegt. Was insbesondere beeindruckend ist, da der langgediente Angestellte schon seit 44 Jahren komplett am Anschlag läuft und nur von seinen Reserven zehrt.
Mitarbeiter mit mehr Dienstjahren kann ich leider nicht auftreiben, ja selbst der Club der Elite, jene mit mehr als 40 Jahren, ist ein kleiner, überschaubarer Kreis. Es ist ein Fakt, dass der normale Bundesangestellte ab fünfzig Jahren beginnt auseinanderzubrechen.

Hier hat die Gewerkschaft kläglichst versagt. Während ein Bauarbeiter aufgrund der hohen körperlichen Belastung mit 60 Jahren in Pension gehen darf, werden Standschäden an Bundesangestellten sträflichst vernachlässigt.

Im 1. Stock meines Betriebsgebäudes sitzt ein freundlicher Herr auf einem Stuhl. Also im Wesen ist er ein guter Kerl, doch die Flut an administrativer Arbeit, welche Tag für Tag durch das Patchkabel auf seinen Rechner quillt lässt ihn bereits um neun Uhr aussehen, als wäre er drei Mal in einen kalten Fluss geklatscht und danach ordentlich gewalkt worden. Dies schlägt sich auf seine Laune nieder und ich bin ihm noch nie über den Weg gelaufen, ohne, dass er mit den Augen gerollt hätte und ein erschöpftes „mein Gott“ über seine Lippen hauchte. Gefolgt von einem kräftigeren „Diese Austrittsöffnung des Darmkanals“. Natürlich benutzte er den geläufigeren Ausdruck der Umgangssprache im Plural und bezieht es auf Bedienstete in höheren Lohnklassen in der Bundeshauptstadt.

Nun ist diesem Herren kürzlich aufgefallen, dass er an einer Entzündung der Achillessehne leidet. Wie lange er dieses Gebrechen schon mit sich trägt lässt sich nicht datieren, denn um dieses Leiden überhaupt zu diagnostizieren muss man sich bewegen und da liegt der Hase im Pfeffer.
Die fünf Höhenmeter in den oberen Stock überwindet er mit dem Warenlift. Für die regelmässige Zigarette verlässt er diesen um ungefähr drei Schritte. Gerade soweit, dass sich der linke Türflügel noch schliessen lässt und er sich erschöpft an die Aussenfassade lehnen kann. Da er nun noch langsamer und mit kürzeren Schritten tippelt, sind es vielleicht ein paar mehr.
Die grösste Gehdistanz beträgt etwa dreissig Meter. Soweit ist die Stempeluhr vom Lastenaufzug entfernt. Des Abends, also um 15 Uhr, absolviert er diesen Distanzmarsch jedoch nur mit mehreren Pausen um sich mit Arbeitskollegen auszutauschen. Auf dem Hinweg, versteht sich. Kaum ausgestempelt, flitzt er wie ein Wiesel auf den Parkplatz. Zwanzig Schritte auf der anderen Seite des Lastenaufzugs.

Ein weiterer Kollege von mir kann die Hand nicht vollständig öffnen. Eine lustige Erkrankung für einen Bundesangestellten. In etwa wie ein farbenblinder Maulwurf; Die Chance, dass der Maulwurf dies überhaupt einmal feststellt ist dann doch eher klein.
Dieses Hand-nicht-öffnen-Syndrom begleitet den Herren nun schon seit mindestens vier Jahren, so lange bin ich dabei, was darauf schliessen lässt, dass es ihn in der täglichen Arbeit nicht wirklich einschränkt. Um so diebischer freut er sich auf die Operation, man kann dies anscheinend beheben, welche ihn für Monate aus dem Arbeitsprozess nehmen wird. Wobei man sich fragt, woran ein Bundesangestellter überhaupt merkt, dass er sich gerade in einem Arbeitsprozess befindet.

Nun, ein Gespür für die Präsenzzeit haben die Bundesangestellten ja eigentlich schon.
Nicht zuletzt, weil er seine Verdauung dahingehend konditioniert hat, dass der Stuhlgang in die betriebliche Präsenzzeit fällt. Mit dieser Glanzleistung, verzeiht den Ausdruck, scheisst er sich jedes Jahr zwei Wochen zusätzlichen Urlaub zusammen.
Darüber hinaus wird er im Beurteilungsgespräch für seine hohe Präsenzzeit sowie das vorbildliche Zeitmanagement gelobt. Verbucht er seine zu erwartenden gestuhlten Stunden doch bereits im Voraus, was ein überborden des Gleitzeitsaldo verhindert. Gott bewahre, dass der arme Kerl irgendwann an Verstopfung leidet. Die mit dem Lob verbundene Prämie kann er gleich nutzen, seinen Bungalow in Bangkok zu bezahlen.

Dass ich in den letzten vier Jahren nichts gelernt habe, zeigte sich gestern wieder. Aufgrund einer zu erledigenden Arbeit liess ich das jährliche firmeninterne „Eiertütschen“ aus, immerhin eine Stunde Arbeitszeit welche man mit sitzen und Essen verbringen könnte. Dadurch war mein Auftrag zeitgerecht erledigt und ich beschloss gegen zwei Uhr, meinen Gleitzeitsaldo abzubauen und nach Hause zu gehen.
Mitarbeiter T, welcher sich gerade vor seinem Bildschirmschoner in eine bequemere Position fläzte, erklärte mir, man muss schon sehr bescheuert sein, wegen mangelnder Auslastung früher nach Hause zu gehen. Es wäre ja nicht sein Problem.
An meinem Lenkungsgespräch wird mir der mangelnde Teamgeist, immerhin habe ich keine Eier getütscht, und der niedrige Gleitzeitsaldo – arbeitest nur das Minimum, wie? – wohl zum Verhängnis und mit Prämienausschüttung wird dies nichts.

Nun ist es natürlich so, dass nie keine Arbeit anliegt.
„Irgendwas gits immer ztue“ muss irgendwo auf einem Betriebsflyer stehen. Im Notfall können wir immer noch uns selbst verwalten und dies wird im Moment wieder auf biegen und brechen betrieben.
Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, dass Abläufe korrekt eingehalten werden.
Wie in jedem grösseren Betrieb gibt es die Linie, welche sich nach der arbeitenden Unterschicht über fünf Führungsstufen erstreckt. Von der ersten Führungsstufe hört man selten etwas. Die sitzt im Rang eines Divisionärs in Bern. Die Aufgabe der dritten Stufe besteht darin, die Anweisungen der zweiten Stufe in Worte zu fassen und sie ihrem Stellvertreter zu mailen. Dieser versieht die Mail mit Signatur und dem Text ‚Zur Kenntnis‘ oder ‚Zur Info‘ und leitet sie weiter an die vierte Stufe.  So geht das Spiel weiter, bis die Nachricht in der Arbeiterschicht anlangt.
Man scrollt sich durch bis zu sechs Signaturen und ‚Zur Kenntnis‘ bevor man bei der eigentlichen Information landet. Und selbstverständlich gibt es überall diesen einen Mitarbeiter, welcher einen Packen Papier holt und die ganze fünfseitige Litanei ausdruckt und an ein Anschlagbrett hängt.
Und spätestens am Folgetag erhält man einen Anruf, ob man das Memo auch gelesen habe.

Ist der Information noch eine Anweisung angehängt, muss das Spiel den umgekehrten Weg wieder zurück gehen. Die Linie darf keinesfalls übersprungen werden.
Ab der Führungsstufe 5 nach oben spricht man liebevoll von Durchlauferhitzern.

Ebenfalls Donnerstags, ein ereignisreicher Tag, wurde ich Zeuge, dass die Bürokratie noch lange nicht absurdum getrieben wurde.

Mittels eines fünfseitigen Mails wurden wir aufgefordert, die Betriebsstunden der Stapler zu melden. Angehängt war eine Excel-Liste um die drei Ziffern einzugeben. Da die Liste jedoch angehängt und nicht verlinkt war, kam man nicht darum herum, eine Arbeitskopie mit den Daten zu speichern und selbige zu senden. Darauf hat der Datensammelnde irgendwann nächste Woche fünfzig Listen in seinem Posteingang, auf jeder stehen drei Ziffern.
Meinem Arbeitskollegen stiess nicht dieses Prozedere sauer auf, sondern die Tatsache, dass für seinen Stapler ein falscher Betriebsort hinterlegt war. Eine rein buchhalterische Sache, braucht ihn nicht zu kümmern. Es sei denn, er hat sonst keine Sorgen und genau dies schien der Fall zu sein.

In der Hoffnung, bei ihm wäre besagte Liste vielleicht verlinkt und nicht angehängt, trat ich also an seinen Schreibtisch.

Musst du auch eine Arbeitskopie speichern, oder haben sie bei dir die Liste verlinkt?
Nein, ist sie nicht und dazu den falschen Betriebsort! Aber dem zeige ich es jetzt!
Wie denn?
Er soll so richtig Aufwand haben! Ich habe das Mail ausgedruckt.
Aha.
Nun schreibe ich die Betriebsstunden mit einem Kugelschreiber; er suchte ihn in der Tasche, auf das Mail und scanne es.
Und dann?
Dann sende ich es vom Scanner auf mein Mail, dort speichere ich es als PDF und sende dieses in einem Mail an B. zurück!
Dir ist aber schon klar, wer bei der grossen Inszenierung den grossen Aufwand hat?
Ja der B.!
Warum der?
Er muss die Zahl in seine Liste schreiben und kann sie nicht einfach kopieren.
Aber wir sprechen schon von drei Ziffern, oder?
Ja!
Und du betreibst den ganzen Aufwand, dass er drei Ziffern tippen muss?
Ganz genau!
Und wer hat nun den wirklichen Aufwand….
Na er! Und es ist mir scheissegal…

Ich brauchte eine Minute um zu realisieren, dass er wirklich dachte, er hätte dem B. jetzt so richtig eins ausgewischt. Und weitere zehn Sekunden um einen Raum weiter zu gehen, bevor es mich buchstäblich zerriss.
Ich lachte, bis mir der Bauch schmerzte. Und wann immer ich an den Dialog dachte, ging es wieder von vorne los. Irgendwann trat ich zu ihm hin und dankte, dass er mir den Tag gerettet hätte. Sein Engagement sei etwas vom witzigsten, was ich seit langem gehört hätte.
Es wäre ihm scheissegal, dass…. entgegnete er wieder und ich musste schnell meinen Schluck Kaffee in den Magen befördern bevor ich erneut losprustete.

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Ein Schaffhauser in St. Moritz

Nun habe ich es getan; Ski-Urlaub in St. Moritz.
Ja, lasst es euch auf der Zunge zergehen, ich war im mondänen Top of the world.

Einen Punkt auf meiner Bucket-List abgehackt. Nicht, dass ich die nächsten Jahre gedenke das Besteck zurück zu legen, doch kratze ich nur noch ein paar wenige Tage unter der Hälfte der durchschnittlichen Lebenserwartung eines durschnittlichen Schweizers. Da darf man sich schon Gedanken machen. Wobei, in der Hälfte der Schulzeit denkt auch noch niemand daran für die Abschlussprüfung zu lernen, also hoch die Tassen.
Jedenfalls pflegte ich stets die Meinung, einmal muss man seinen Ski-Urlaub in St. Moritz verbringen. Dann hat man es geschafft. Flitzte denn nicht schon Roger Moore als britischer Spion über die verschneiten Hänge des Oberengadin?
Nun, es war kein richtiger Urlaub, lediglich vier Übernachtungen. Und bereits nach der ersten wusste ich, wieso der Prince of Wales nach Klosters fährt.

Als Unterländer stellt sich schon die Frage, lässt man seinen Wagen von der RHB durch den Vereina transportieren, oder ist man ein Mann und flitzt über den Julier. Mit meiner aktuellen Winterbereifung würde ein auf Sicherheit bedachter Formel 1-Pilot bei Regen in die Box fahren, aber wozu hat man denn Schneeketten.
Mein Vater, der Beste von allen, hat mich in der Kunst des Aufziehens von Schneeketten unterrichtet. Vor 22 Jahren. Und auch dies nur im Rahmen der allgemeinen Fahrausbildung.
Der durchschnittliche Unterländer, also jener mit dem „DAVOS“ oder „LAAX“-Schriftzug nebem dem ZH-Nummernschild, kauft sich ja gerne ein SUV, weil er in einer der erwähnten Destinationen eine Ferienwohnung besitzt. Warum man deswegen einen Schriftzug auf den Wagen packt wissen wohl nur die Zürcher. Wie sagte Zuccolini; Es fährt kein Bündner mit einem „Bülach“-Schriftzug durch die Lande. Auch die „Wo ich hin will – Hinwil“-Aufkleber liegen wohl wie Blei in den Regalen. Eigentlich unverständlich, ist denn Zürich nicht der Nabel der Welt?
Der bergwelt-subventionierende Zürcher steht also im Auto-Center Wetzikon und sagt ja zum Offroad-Paket mit 4×4 und der manuellen 80%-Differenzial-Sperre.
Im näheren Umfeld unserer Feriendestination, da dieser kleine Ort keinen Souvenirshop betreibt ist meine Heckklappe leider nicht entsprechend beschriftet, bestand bis vor kurzem die Schneeräumung darin, dass der Schnee vor der Dorfbeiz flachgetreten wurde. Dennoch erreichten wir das Ziel stets mit einem langweiligen Fronttriebler ab der Stange.

In meinem Kofferraum liegt also dieser Koffer mit der Schneekette, gefüllt mit der Hoffnung, dass selbige auch passt und versiegelt mit einem Werks-Kabelbinder, welcher mich wohl an den Rand der Verzweiflung bringen würde.
Mein Stangen-Fronttriebler brachte uns elegant auf die Passhöhe. Mit den modernen Fahrhilfen ist dies auch kein Problem mehr. Sollte man meinen. Der elegante 911-er welcher nach Bivio noch mit röhrendem Boxer vorbeizischte um später verquer auf einem Parkplatz zu stehen, würde uns vielleicht Lügen strafen.
Die Fahrt nach Silvaplana war dann eher eine Rutschpartie, aber dank eines Sattelschleppers vor mir geriet ich nicht erst in Versuchung die Grenzen auszuloten. Oder anderst ausgedrückt, Mani mit dem Brummi liess mich meine Männlichkeit bewahren. Ich konnte immer noch sagen „I wür ja scho füra, aber i mag eifach nid!“

Da vorne rechts, sagte meine Begleitung, als wir auf der Höhe des Kempinski-Hotels waren.
Hatte ich da bei der Offerte den Namen falsch gelesen?
Und dann gerade aus…
Also vorbei am Kempinski, vorbei am San Gian, vorbei am Reine Jungfrau und links in das Laudinella. Ist ja auch ganz nett und ich bin davon abgekommen, dass es immer das Teuerste auf dem Platz sein muss. Was natürlich nichts mit meiner Erwartungshaltung gemein hat, dass nicht auch das Billigste das Beste sein muss.
Dennoch, sind wir ehrlich, gerade beim Skifahren schläft man im Etablissement, geht morgens raus und Abends torkelt man hackedicht wieder zurück. Solange da keine Etagendusche steht und man die Toilette nicht mit dem Nachbarzimmer teilen muss, ist man doch ganz zwecksmässig untergebracht.
Sprich, ein Urlaub in St. Moritz muss nicht teurer sein als in Davos. Das klingt nur so.

Wenn wir gleich bei Davos sind; Der prättigauer Kurort ist wohl die einzige zivilisierte Gemeinde, in welcher man während der Wintersaison trotz gefüllter Brieftasche gemütlich verhungern kann. Spontan einen Tisch zu finden ist ein Ding der Unmöglichkeit.
In St. Moritz, respektive im Laudinella ist dies anders. Selbstverständlich haben sie Platz. Sie parkieren einem einfach zwischen Salatbuffet und der Eingangstür im Durchzug der frischen Engadiner Bergluft, bis ein Tisch frei wird.
Seine Worte hat man bei der Bestellung mit Bedacht zu wählen. Besser fährt man, wenn man des portugiesischen mächtig ist. Ein lautes Nachdenken oder gar Nachfragen endet darin, dass der Kellner schlichtweg alles anschleppt, was man im Verlauf der Bestellkonversation einmal erwähnt hat.
Ein Engadiner Bier oder meinetwegen ein Calanda sucht man vergebens, man hat sich mit einer eingeschleppten Franziskaner Pfütze zu begnügen. Dafür kriegt man hier aber auch Pouletbrüste welche einem Bein unglaublich ähnlich sehen. Der Knochen am Brustfilet lässt auf Ukraine-Import oder einen lausigen Speisekartenlektor schliessen.

Wir logierten in einem Eckzimmer und dies leistet sich nun auch nicht jeder. Gut, es wurde uns zugeteilt. Die hinterste Türe im äussersten Flügel des Anwesens. Solche Dinge pflege ich unbewusst persönlich zu nehmen.
Dass sich besagtes Eckzimmer auch noch direkt über der Anlieferung befand, wurden wir erst am Freitag Morgen gewahr. Als gegen sieben Uhr der befliessene Paco sämtliches Leergut entsorgte. Gewissenhaft nach Farben sortiert und mit morgendlichem Elan in den Glascontainer beförderte. Jede Flasche einzeln.
Kaum fertig kam die Wäschelieferung. Auf einem grossen Truck, welcher mit lauter Rückfahr-Sirene sehr langsam die Rampe anfuhr. Dies alles konnte ich feststellen, ohne einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Der Radiator hat zwei Stellungen. Lava und Antarktis. Weswegen wir das Fenster öffnen mussten und ich quasi mittendrin im Geschehen war. Das Ventil des anderen, unser Etablissement hatte doch eine gewisse Grösse, pfiff je nach Stellung über 13 Halbtonschritte durch die Suite. Nur ein konsequentes Schliessen sorgte für Ruhe.

Da gibt es diese eine Komponente eines Hotelzimmers, welche noch nie erfüllt wurde. Wobei das Südamerika-Themenzimmer im Bell Rock des Europa-Park nah dran war, aber auch nur, weil man fünf Minuten brauchte um die Suite zu durchschreiten. Ich spreche von einer vernünftigen Trennung des Bades, möchte beinahe Nasszelle sagen, von den Wohnräumlichkeiten.
Und wenn ich von einer vernünftigen Trennung spreche, meine ich vor allem Schallisolation. Unter uns, man kann sich noch so mögen, gewisse Grenzen müssen bestehen bleiben. Nur ist es schwer diese zu wahren, so zwischen Toilette und Bett nur ein Vorhang hängt.
Natürlich waren da Angeln und eine Klinke, aber dieses Stück Balsaholz, versehen mit zwei Lüftungsgitter durch welche man sich ungezwungen zuwinken konnte, hatte mit einem Vorhang mehr gemein, denn mit einer Tür.
Der Lärm der Lüftung stand in keinem Verhältnis zur Abzugleistung, war aber immernoch zu leise um einem wenigstens eine akustische Privatsphäre zu gönnen.
Natürlich, aus Rücksicht aufeinander guckt man dann das regionale Wetterfenster im TV mit erhöhter Lautstärke, doch kommt man um eine gewisse Verkrampftheit nicht herum.

Doch sonst war das Zimmer nett. Nach einem verrücken der zwei Bettstellen, es geht doch nichts über ein konservatives Bsuechergräbli, fanden wir auch die Steckdosen um unsere Smartphone zu laden.

Fünfundneunzig Prozent der Hotelgäste verprassten hier die Rente, es war dann wohl auch der senilen Bettflucht geschuldet, dass der Frühstücksraum bereits um neun Uhr komplett überfüllt war.
Doch ich will mich nicht beklagen. Wohl verschütten sie auf dem Weg zum Tisch die Hälfte des Kaffees und das Rührei wirkt schluckfreundlich püriert, aber zumindest spielen sie nicht schreiend fangen zwischen Brotkorb und Früchtetheke. Rollator sei Dank.
Darüber hinaus war das Frühstücksbuffet wirklich nahezu oppulent und liess keine Wünsche offen. Davon abgesehen, dass sie das Ei nur gerade zufällig sechs Minuten lang kochen. Es ist eine Lotterie.
Für die Flachländer; Auf 1800 Meter liegt der Siedepunkt von Wasser etwas über 90 Grad, daher lässt man das Ei eine Idee länger schwimmen.

Ab auf die Piste.
Ein Winterfahrplan für den Skibus lag nicht auf, also stiefelten wir den halben Kilometer zur Signalbahn in Skischuhen. Um mittendrin vom Bus überholt zu werden, welcher wohl doch öfters als nur alle halbe Stunde fuhr.
So nebenbei, man kann mit dem Postauto von St. Moritz bis Chur fahren. Wenn man 150 Minuten Zeit hat. Spätestens bei Marmorea beginnt man zu heulen, vertraute mir meine einheimische Begleitung an.

Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt das Drehkreuz an der Signalbahn passieren durfte.
Also mit den Stöckli-Skiern brauchte ich mich nicht zu verstecken. ‚Da bisch agleit‘ sagen wir in unseren Breitengraden. Die Salomon-Skischuhe, waren bei Athleticum im Angebot, gehen ja auch noch. Sind sie doch zu zwei Dritteln unter der Hose. Doch da beginnt es. Eine viel zu weite Salomon-Hose, auf dem linken Oberschenkel die Rückstände einer halben Flasche Calanda Glatsch, rechts ein Kebabsaucen-Fleck. Da ich an chronischer Überhitzung leide, neige ich dazu die Lüftungsschlitze zu öffnen, was dem Beinkleid den Anstrich einer SS-Stiefelhose verleiht.
Die Spyder-Jacke ist ja zumindest markentechnisch vertretbar, würde ich nicht das Modell 14 tragen. Der linke Ärmel kriegte im Bolgen-Plaza einen Schwall Kaffee-Baileys ab, die rechte Seite wurde mit einem Kräuter-Luz auf den Namen ‚Oh fuck sorry‘ getauft.
Und so getraue ich mich auf die Pisten der Corviglia.

Bisher dachte ich, Bogner ist ja in etwa das Schlimmste was man tragen kann. Also nicht falsch verstehen. Willy Bogner hat meinen Respekt. Immerhin fuhr er mit George Lazenby vom Piz Gloria / Schilthorn auf Skiern den Abhang hinunter. Insofern noch keine Leistung. Dass er dabei quasi verkehrt in den Skiern stand, rückwärts fuhr und James Bond filmte finde ich dann hingegen schon sehr beeindruckend.
Aber…. das war doch der Bernhard Russi! schreien die Schweizer empört. Ja, er fuhr auch, er war derjenige, welcher in die Schneeräummaschine geriet. Im Geheimdienst ihrer Majestät, so nebenbei.
Doch seine grösste Leistung ist es zweifelsohne, dass er es mit einem simplen „B“ am Reissverschluss schafft, dass geltungssüchtige Menschen Kleider tragen, welche sich jeder Primarschüler empört vom Leib reissen würde. Und dafür auch noch 2000 Franken abdrücken. Mit lächerlichen „Polarexpedition“ und „Adventure Team“ Aufnähern versehen sollen sie wohl den Forschungsgeist des Trägers unterstreichen. Auch wenn seine einzige Kälteerfahrung darin besteht, dass eines Tages die Standheizung des Mercedes G nicht termingerecht angesprungen ist.
Dank den schreienden Farben und Mustern erkennt man einen neureichen Trottel bereits auf hundert Meter Entfernung.

Doch wie gesagt, es geht noch schlimmer.
Wenn man auf dem Sessellift in die Tiefe sieht, ist man unschlüssig, ist da nun ein schrecklicher Unfall passiert und das unglückliche russische Model in eine Rettungsdecke gewickelt, oder hat da einfach eine Trulla in Jetset-Klamotten Schnee gefressen.
Silber ist das neue schwarz. Glitzern wie eingerollte Dürüm’s auf Skiern. Dazu eine Hose, so eng geschnitten, dass nichts der Fantasie überlassen wird und ich mich unweigerlich frage, welches Zaubermaterial verwendet Jetset um bei einem Millimeter Stoffdicke noch etwas wie Kälteschutz zu versprechen.
Ebenfalls in der Bogner-Preisklasse zu erwerben, wir haben im Dorf recherchiert. Für den Preis eines Handschuhs kaufe ich mir eine komplette Ski-Ausrüstung. Inklusive Saisonkarte.

Wir hatten Wetterpech, ich will das Skigebiet nicht verurteilen. Im Gegenteil, ich würde gar sagen, es hätte Potential.
Die Hänge schienen jedoch schon länger keinen Pistenbully mehr gesehen zu haben. Es fühlte sich an, als würden wir durch Zuckermasse fahren.
Wir gehören ja dann doch eher zum Typ Skifahrer, welche auf dem Weissfluhjoch losfahren und bei der Klosters Talstation die Beine zum ersten Mal wieder durchstrecken.
Vielleicht waren die Pistenverhältnisse den Skiläufern geschuldet. Wie ein Daunenkissen den Sturz abfedern.
Ganz salopp möchte ich sagen; St. Moritz ist gesamtschweizerisch der Idiotenhügel aller Skigebiete.
Hinter jeder Kuppe liegt jemand mit der Nase im Schnee, daneben ein bemühter Kempinski-Privatlehrer und auf jede Biegung folgt ein neureicher Spross im Stemmbogen einem privaten Pistenführer in Badrutt-Palace Ski-School-Jacke.
Es ist ein Slalomkurs zwischen den Reichen und eigentlich gar nicht so Schönen.
Auf keinem anderen Hügel der Schweiz sind Pizza-Pommes so vertreten wie auf den Hängen über St. Moritz.

Irgendwann kriegt man Hunger und seit ich meine Tageskarte selber kaufe, muss ich diese auch nicht mehr herausfahren.
Dank des gelobten Zwiebelprinzips trägt jeder Skiläufer mindestens 5 Jacken übereinander. Jede mit speziellen Eigenschaften, von heizend über kühlend bis transportierend und formend. Dazu natürlich auch einen Rückenpanzer und den Helm. Gut 110 Jahre fuhren die Schweizer über tiefverschneite Hänge, die Wanderschuhe in irgendwelche Kabelzugbindung gequetscht. Die Menschheit ist nicht ausgestorben. Doch plötzlich kam dieser bescheuerte Helm auf und der Siegeszug dieser Ausrüstung ist so weit gediehen, dass man sich nackt fühlt ohne.
So braucht die Familie mit den schweizerisch durchschnittlichen 1,5 Kindern gut und gerne sechs Stühle und einen entsprechend grossen Tisch.
Auf die Frage ob hier noch frei wäre können sie natürlich nicht „Nein“ sagen, aber immerhin den gesamten Krempel unter Brummeln und mit einer solche missmutigen Miene beiseite räumen, dass die Gerstensuppe auf dem Tablett hinüberkippt.
Wird der Tisch von einer Bank umrandet kann man keine vier Minuten sitzen, ohne dass die süssen Kleinen mal eben vorbeikrabbeln müssen. Um daraufhin sinnlos in der Gaststätte herumzutollen, bis sie dank der Kombination von nassem Plattenboden und glatten Skischuhsohlen unter grossem Hallo Kopf voran in das Kuchenbuffet rauschen oder dem fleissigen Servicepersonal die Beine weggrätschen.
Während man früher von den Erziehern eigenhändig aus der Gaststätte geworfen worden wäre, hört man heute bestenfalls ein „Nein, nicht, Justin-Dylan, komm her!“

A propos Plattenboden; Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Toilette stets im Untergeschoss sein muss. Und wenn da kein Untergeschoss wäre, würde man eigenst eines buddeln. In dieses führt eine steile nasse Treppe mit einem viel betatschten Handlauf. Die Toilettentüre muss ein wenig streng gehen. Der automatische Schliesser gerade soviel Widerstand bieten, dass man sich gefährlich dagegen lehnen muss und Gefahr läuft, elegant in das Urinal zu schlittern, so jemand im Begriff ist die Toilette zu verlassen und seinerseits an der Tür zieht.
Mit dem Helm auf dem Kopf, der Skibrille halb im Gesicht, den Handschuhen in der Achselhöhle und einem wackeligen Stand versucht man sich irgendwie durch die Lagen vorn Thermowäsche zu… ich erspare dem Leser den Rest.
Das Händewaschen verkommt zur Farce. Weil einfach alles nass und versifft wirkt, wird man den Verdacht nicht los, man holt sich beim Einhandmischer die Krätze, unter dem Seifespender einen Tripper und spätestens am Türgriff ein nässendes Ekzem.
Zudem muss man sich danach an dem vielbenutzten Handlauf wieder ins Obergeschoss ziehen.
Aber wir tragen Helme, es kann nichts schief gehen!

Natürlich war es auch toll! Aber dies will ja niemand lesen.
St. Moritz ist auf eine spezielle Klientel ausgerichtet.
Statt auf einem Coca-Cola Liegestuhl, bettet man sich auf eine Veuvet Clicquot-Rattanliege. Nicht eine Armeedecke aus dem Liq-Shop hält einem warm, ein Merino-Schaf musste Federn lassen. Selbstverständlich konnten wir keine Liege beziehen. Zum einen hatten wir weder Cüpli noch Weisswein in der Hand, darüber hinaus hätte unsere zwecksmässige Skikleidung das Gesamtbild versaut. So durften wird an einer Ecke der Holzbar sitzen und wurden bereits nach 20 Minuten flehendem Winken bedient. Für einen ordinären Café Baileys und ein proletenhaftes Calanda macht die Kellnerin im Descente-Anzug ungerne den weiten Weg.
Ich darf mit Davos vergleichen? Bei 50 Rappen Trinkgeld wird die Treichel geschmettert und die Bedienung lässt einem hochleben, als hätte man soeben im Bolgen Plaza eine Lokalrunde geschmissen.
Statt, dass sich Andreas Cabalier hinterfragt was ein Hulapalu ist, wird einem ein Trancebeat auf die Ohren gehauen. Versucht der Lokale Plattendreher, also das iPhone unterm Tresen, sowas wie Feierstimmung zu generieren, ist ein Sommerhit aus dem Animationsprogramm des Club Med auf Teneriffa das Höchste der Gefühle.

Meine umsichtige Begleitung hatte dann doch ein Gespür für das einzige schöne Restaurant auf dem verdammten Hügel. Der Jetset-Lift, ich nenne ihn so weil er in silber und weiss gehalten ist, trägt uns auf Las Trais Fluors und wir gleiten zur Glünetta. Beim zweiten Anlauf erhielten wir gar einen Platz.
Das Tellersujet beschreibt einen Appenzeller Alpaufzug, aber da waren wir nicht kleinlich. Feines Essen, die Sonne und Calanda-Schaum im Gesicht.
Am sonnigsten Tag war nichts mit Tageskarte herausfahren, wir blockierten den Tisch gute 90 Minuten lang.

Die Hoffnung auf Apres Ski hatten wir nicht aufgegeben.
Vor dem Hotel standen zwei schmucke Blockhütten mit einer einladend blinkenen Lichterkette. Mittendrin eine verwaiste Terrasse aus gefährlich rutschigem Teakholz.
Das Wetter war auch nicht so für draussen stehen, also wagten wir uns in den bebenden Festtempel.
Da gibt es Beerdigungen, auf welchen bessere Stimmung herrscht.
Es war totenstill. Etwa 10 Personen sassen in dunklen Ecken, ein einsamer Skifahrer geiferte über den Tresen die Bedienung an.
Langsam wurde wieder im Flüsterton gesprochen, das Zippen unserer Reissverschlüsse klang wie das Kreischen einer Kettensäge durch die Hütte.
Die Getränkeauswahl war so bescheiden wie die Stimmung. Während meine Begleitung einen widerlichen Holdrio in die Kehle zwang, schüttete ich mit Todesverachtung einen Zwetschgen-Luz in den Kragen. Sie hätten mir guten Gewissens auch den nicht vorhandenen Kräuter verkaufen können, denn mehr als ein Glas heisses, eingefärbtes Wasser hatte ich nicht erhalten.
In unser scheu eingestimmtes „Reisst die Hütte ab…“ wollte niemand einfallen, also hoben wir unsere Helme auf und verliessen diesen Platz der Freude wieder.

Am zweiten Abend war die Hütte nicht abgerissen, aber geschlossen. An unserem letzten Abend genehmigten wir unsere Biere auf dem Parkplatz der Signalbahn. Eine aufopfernde Seele hatte da einen Barwagen und auf dem Asphalt ein paar Liegestühle platziert. Auf die Nachfrage meiner Begleitung hin erklärte ein Saisonier, dass dies hier etwa der Gipfel des Apres-Ski in St. Moritz darstelle. Zumindest für Normalsterbliche.
Der Jet-Set steigt natürlich in den Apres-Ski-Bogner, geht beim Friseur vorbei und hebt dann Cüpli im Dracula-Club oder dem Cascade.
Offen gesagt, da laufe ich lieber Gefahr, dass mir ein Luz über die Hosen gekippt wird, weil ein Besoffner über seine Skischuhe stolpert und sich am Bartisch festklammert.

Nun, ich habe St. Moritz gesehen.
Es ist nach wie vor ein netter Ort in einer atemberaubenden Landschaft. Sie haben wohl schlecht präparierte, aber schön gelegene Pisten.
Der Zauber ist der Realität gewichen, aber es waren doch tolle Tage.

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