Vom Fitnesscenter zum veganorientierten Laufsteg für Toy-Boys

Um meinen selbst verordneten beruflich bedingten Bewegungsmangel zu kompensieren habe ich mich wieder in einem Fitnesscenter angemeldet. Und ich darf sagen, die letzten 5 Jahr habe ich nichts vermisst.
Es ist schwierig zu sagen, ob sich die Klientel gewandelt hat, oder ich einfach in eine andere Kategorie gewechselt habe.

Jene in meinem Alter trainierten früher mit Apothekergewichten und sehr sorgfältigen Bewegungsabläufen. Sie verzogen das Gesicht vor dem Spiegel und waren sehr darauf bedacht, sich nichts einzuklemmen und keine hektischen Bewegungen zu machen.
In den hechelnden Atempausen erklärten sie dem Jungspund nebenan, welcher gerade ein Drittel seines Körpergewichts in Form einer Kurzhantel hochriss, den Oberkörper weit nach hinten gelehnt und mit viel Schwung arbeitend, wie man richtig trainiert. Und, dass das Gewicht nicht ausschlaggebend sei. Und dass… und dass…

Dies mit den Apothekergewichten stimmt.
Mittlerweile finde ich meine Gewichte im oberen linken Drittel des Regals, in welchem die Hanteln aufbewahrt werden. Das Regal, welches in der hinteren Ecke des Dehn-Bereichs steht. Die Hanteln, welche Mamis für die leichte Regenerationsübung nach ihrem Spinning-Workout verwenden. Diese Hanteln, welche man für den Heimgebrauch auch online bestellen kann, weil sie mit der Briefpost versendet werden. Beim Bankdrücken schwanke ich so gefährlich hin und her, dass ich mit der leeren Stange trainieren sollte. Geführt an Schienen. Unterstützt vom Instruktor.

Das „Mis isch länger als dis“ der Fitnesscenter scheint sowieso die Gewichtsspannweite der Kurzhanteln zu sein. In meinem neu gewählten Center erinnert die grösste „Kurzhantel“ an das Gegengewicht eines Traktors, wenn er einen ganz üblen Pflug ziehen muss. Und so muss wohl auch das Tier aussehen, welches dieses Ding einarmig hochstemmt. Eine Hantel welche vielleicht einmal im Jahr bewegt wird. Denn das Tier wird noch vier Unterstützer benötigen.
„Nur bis ich sie oben habe… dann einfach etwas an den Armen halten und begleiten… sichern… und dann wieder beim Absenken… Sonst geht es schon, danke. BOAH ich habe 74 kg gestemmt!“.

Um oben wieder anzuknüpfen; ich benutze Apothekergewichte, mache ganz langsame Bewegungen und schneide vielleicht komische Grimassen. Weiss ich nicht. Habe ja die Augen krampfhaft geschlossen, während der Atem gepresst zwischen den verkniffenen Lippen pfeifend entweicht.
Was ich nicht mache, ich instruiere keine Jungspunde.
Zum einen weil sie, nach rein optischen Gesichtspunkten zu urteilen, unter Umständen meine Sprache nicht verstehen, zum anderen, weil es einfach nichts zu korrigieren gibt.
Der Körperkult ist definitiv nicht mehr zu leugnen und ich muss gestehen, die scheinen tatsächlich was dafür zu machen.
Die gesamte Fülle an Bachelor-Kandidaten, Love-Island-Popper und sonstige Fitness-Influencer scheinen in Frauenfeld ein Abonnement gelöst zu machen und trainieren um mich herum. Man darf sich dies etwa so vorstellen.
20 Typen mit gezupften Augenbrauen, rasierten Beinen und akkurat frisiertem Haupthaar, bekleidet in Gorilla-Wear und Gold-Gym-Spaghettiträger-Shirts. Die Beine in einer Skinny-Hose, oder kurze Shorts im Magnum-Stil und den Stoff dabei noch so hochgekrempelt, dass man sagen will „Mädchen, zieh dir doch was an“. Und so modellieren sie ihre haarlosen, tättowierten Körper, dass Adonis sich vor Scham unterm Sockel verkriechen würde.
Und dazwischen der alte Sack. In der an sich ausgeleierten Trainingshose, welche doch im Bauchbereich ein wenig einengend zwickt. Sein altes Adidas-Shirt aus dem Jahr 2010 passt ihm nur noch, weil die Schultern an Breite eingebüsst und das Kleidungsstück durch 30158 Waschgänge jegliche Form verloren hat. Stehend in Turnschuhen, welche beim Billy-Schuhdiscount im Eingangsbereich am Aktionsständer gehangen haben und weil sie schon viermal dem Regen ausgesetzt wurden, waren sie nochmals um 75% reduziert.

Irgendwie steche ich aus der Masse heraus, dies jedoch nicht nur negativ. Denn wenn man diese Jungspunde so betrachtet, hat man eher das Gefühl, die Toy-Boys irgendwelcher römischen Senatoren oder griechischen Göttern vor sich zu sehen und nicht direkt Vertreter des männlichen Geschlechts.

Als ich noch jung war, sahen Fitnesscenter anders aus. Da waren die alten Bodybuilder, welche seitwärts durch die Tür gingen. Sie tranken gewiss keine Magermilch-Proteindrinks in fliederfarbenen Shakern mit fein abgestimmten Aminosäuren und L-Carnitin-Zusätzen, sondern warfen einfach alles ein, was ein polnischer Pferdestimulanzien-Lieferant in seiner Küche zusammengerührt hatte.
Sie hatten Haltungsschäden, morsche Gelenke, eine ungesunde Haut und ihre Kleider klauten sie der Berghilfe aus dem Sammelschrank neben dem Altglas. Sie mieden Kraftmaschinen wie der Teufel das Weihwasser, konstruierten sich dafür aus Hantelbänken, der Safttheke, einem Fahrrad und einer Langhantel irgendwelche eigene Foltermaschinen um den Glutaeus Latissimus zu plagen. Vielleicht waren sie nicht die hellsten Kerzen auf der Torte, aber, um dieses mittlerweile inflationär verwendete Wort zu gebrauchen, authentisch.
Man wollte nicht zwingend so enden wie sie, aber schaute respektvoll zu ihnen hoch, wenn sie einen Kleinwagen stemmten.
Neulich traf ich tatsächlich einen dieser Herren in Frauenfeld, ein Schaffhauser Urgestein. Wie alt er ist kann ich nicht sagen, weil er seit 20 Jahren gleich ausschaut, und er erklärte mir, dass er den alten Geist vermisste.

Ich glaube, Zeugnis meines Alters legt die Tatsache, dass ich ihm beipflichte. Es ist die Entwicklung der Fitness-Center, welche mir die Lust am Trainieren vergällt. Diese übermotivierten Instruktoren. Man kann kaum spucken ohne einen zu treffen. Erst geschlüpft, die ersten Strümpfe noch nicht durchgelaufen, aber ein SAFS-Diplom und nun ständig mit guten Ratschlägen zur Hand, um welche kein Schwein gebeten hat. Es sind die Flatscreens an der Wand mit schönen Menschen, welchen mit Sprechblasen irgendwelche sinnentleerten Motivationssprüchen in den Mund gelegt werden. Es ist der Kleidershop im Eingangsbereich. Es ist die hippe Motivations-Musik. Es sind die bunten Farben. Es sind die blank geputzten Geräte mit funkelnden Stangen. Es sind die Hygienesprays und Tücher, welche dafür sorgen, dass ich mehr Zeit für Reinigungsarbeiten aufbringe, als dem Training an sich. Es sind die Menschen. Mit ihren schweineteuren Kleidern und noch kostspieligeren Kopfhörern. Natürlich, auch wir waren selbstverliebt und hypnotisierten den Spiegel, aber wir hatten dabei keine Kamera in der Hand.
Ganz besonders hasse ich diese Cross-Fit-Umgebung, welche auch in den Fitnesscentern ihre Nische findet. Nichts gegen Training mit alten Ölfässern an der Reckstange, aber das Ganze ist so Hippster-mässig aufgebaut, mit einem Wir-sind-eine-Familie-Charakter, dass es eigentlich gegen alles spricht, was das Fitness für mich erstrebenswert machte. Es war einmal ein verdammter Einzelsport.

Es ist die Tatsache, dass die Ernährung und Diäten vom Nischendasein zu einem übermächtigen Trend geworden sind und sich alles und jeder diesem unterordnen muss. Ob man nun will oder nicht. Ich möchte einen richtig schweren Proteindrink, welcher weder vegan noch glutenfrei ist und auf dessen Etikett nicht prominent ein Zuckerersatzstoff aufgeführt ist. Nicht, weil ich ihn mir durch das Training verdient habe, sondern einfach, weil er lecker ist und die Zigarette ergänzt, welche man vor dem Fitnesscenter raucht.
Ich glaube, ich bin einer dieser alten Bodybuilder geworden. Versteckt im Körper eines Buchhalters mit Bauchansatz.

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Eine Generation von Sonderschülern

Dies gelesen…

Die Zahl der Sonderschüler steigt in Zürich markant an.

…und dies gedacht.

Und das Wasser ist nass, das muss man sich einmal vorstellen.
Ich spreche nun einmal in den Worten der alten Männer. Heute herrscht keine Disziplin mehr. Wir trugen noch Haarschnitte, nach denen man die Uhr stellen konnte. Wir räumten unseren Abfall weg, grüssten alte Menschen, boten im Bus den Platz an, trugen Beinkleider, welche die Fussknöchel bedeckten und vor allem; wir sahen zu unseren Lehrern auf! Wenn wir in der Schule aufmuckten und uns über die Sanktionen beklagten, gab es zuhause gleich nochmal eins hinten drauf!

Diese Gedanken hat jeder schon gehabt und jeder zweite spricht ihn auch aus. Zumindest ich verbalisiere es so häufig, dass ich diese Quote gut stütze, auch wenn andere damit hinterm Berg halten.

Das Witzige an der Sache; die Erzeuger dieser respekt- und disziplinlosen Brut finden sich in meiner Generation. Natürlich; deine nicht, und seine ebenfalls nicht, dennoch, es wäre nicht so, dass sich nur die Sonderschüler fortgepflanzt haben und so gehen wir elegant auf den Artikel ein.

Im Kanton Zürich gibt es einen Grenzwert von 3.5 Prozent für die Sonderschulquote. Wir sprechen da von mittlerweile 6000 kleinen Zürcher*innen…

Kleine Pause um meine politisch korrekte Schreibweise nachwirken zu lassen.

… welche in Sonderschulen gesteckt werden und damit wurde diese magische Marke überschritten.

Zuerst war ich erstaunt, dass es Sonderklassen überhaupt noch gibt, was ein schlechtes Zeugnis meines Informationsstandes ablegt. Seit man hüben und drüben nur noch von der integrativen Schulform liest, sich nicht erstaunt, dass in der Sekundarstufe B Workshops für die korrekte Schleifenbindung von Schuhsenkeln angeboten werden fragt man sich doch, ihr verzeiht die Ausdrucksweise, wie dumm muss man sein, um heute noch in eine Sonderschule zu fallen?

Obwohl ich die Frage rein rhetorisch einfliessen liess, befassen wir uns doch kurz mit der Antwort und selbige ist nicht einmal so einfach. Wohl ist die Quote gegeben, die Kriterien werden hingegen von der Schule definiert.
Die Grenze misst sich an der gesamten Klasse. Hat man also zwanzig Kinder, von denen jeder einzelne irgendwie verhaltensauffällig ist, muss der Fritz schon ganz extrem aus der Reihe tanzen um eine Sonderklasse zu rutschen. Unterrichtet man hingegen eine Klasse von kleinen Genies, ist der Hans mit seinem absolut normalen Bildungsstand schon ein Fall für die Sonderklasse.
Ein wenig überspitzt gesagt aber Fakt ist, die Schulgemeinde legt die Quote fest.

Man hat hier also frappante Unterschiede und Schulleiter von Herrliberg bis Rümlang wollen keine Aussage zur Quote treffen. Dies sei ein ganz heisses Eisen. Ein ganz heisses Eisen. EIN GANZ HEISSES EISEN.
Schulen mit einer hohen Quote klammern sich an Schulleistungen in Form von Noten, Schulen mit tiefen Quoten achten eher auf das Verhalten. Ob ein Kind sich zurück ziehe, aggressiv sei oder sich gar verweigere. Dinge eben, welche man früher mit einem scharfen Wort und einem Klapps geregelt hatte.

Man hat also eine Quote, welche so überhaupt nichts aussagt, doch will man sich jetzt bemühen, diese zu stabilisieren und zu senken. Und wer muss nun ran? Genau, die Lehrer.

Obwohl man einen Lehrplan 21 hat, muss die Lehrperson innerhalb dieses Rahmens bei einer Klasse von 20 Kindern ungefähr 12 individuelle Lehrprogramme fahren. Jedem Kind sein eigenes Tempo und einen zumutbaren Schwierigkeitsgrad. Und dennoch sollten zu Beginn der Sommerferien im nächsten Jahr alle auf demselben Stand sein.
Diese individuellen Lernprogramme sind vom System wohl im begrenztem Mass vorgesehen, schliesslich gibt es Heilpädagog*en*innen (jetzt hab ich ein Geheu) aber eben nicht für die halbe Klasse.
Das Angebot an Lehrpersonal mit heilpädagogischer Weiterbildung (geschickt die Sache mit der Gender-Schreibweise umschifft) wurde bewusst tief gehalten. Im Ursprung waren diese gedacht, Kinder mit Motivationsschwierigkeiten oder Aufmerksamkeitsdefiziten zu begleiten.
Mein Primarlehrer hatte ebenfalls einen Heilpädagogen für diese Fälle. Er war nur etwa 40 Zentimeter lang und eher flach aber äusserst effektiv und konnte wunderbar in der oberen linken Pultschublade verstaut werden. Wie man zu unserer Zeit die dritte Gruppe, jene mit der speziellen Begabung, betreut hatte kann ich nicht sagen. Entweder hatten wir keine, oder es waren einfach jene, welche in der zweiten Sekundarstufe zur Kantonsschule wechselten.

Mit dem Einführen der integrativen Schulform und den Heilpädagogen musste jedoch noch eine zusätzliche Gruppe betreut werden. Zahlenmässig die doppelte Schulklasse, im Alter zwischen 20 und 50 Jahren und viermal so anstrengend wie der ärgste Lehreralbtraum. Die Eltern. Dies führte dazu, dass sich ein „Abschieben“ in die Sonderklassen einbürgerte, weil weder Heilpädagogen noch Lehrer den Anfragen nach Sondersettings Herr werden konnten

Das Ziel ist jetzt, die Haltung der Lehrer zu verändern. Ihr Selbstvertrauen stärken. Sie sollen sich zutrauen, auch verhaltensauffällige Kinder ohne Unterstützung der Heilpädagogen zu betreuen.

Zwischen den Zeilen lese ich; Lehrer sowohl ohne heilpädagogische Ausbildung, nicht weiter tragisch, als auch ohne deren Entlöhnung, schon eher tragisch, sollen nun deren Aufgaben übernehmen. Die Heilpädagogen übernehmen dafür die Kinder, welche in die Sonderklasse gehören würden und sofort sinkt die Quote.
Wohl Hand in Hand mit dem allgemeinen Bildungsniveau. Stelle mir bildlich vor, wie Max in der zweiten Reihe versucht das Zehnersystem zu begreifen, während Kevin vorne links mit Schweiss auf der Stirn das eckige Holz in das runde Loch zu zwängen versucht. Und Ende des Zyklus 1 sollten beide das Prinzip von kleiner, grösser und gleich verstanden haben.

Es wäre ja nun nicht so, dass Lehrer nicht ausgelastet wären. Mit Corona müssen sie gar noch medizinische Ferndiagnosen stellen.

Sonntagabend, 21:05; Whatsapp:
Mein kleiner Kurt hat Shnupfen. Muss er nun in die Shule kommen?

21:06
Guten Abend Frau Chübelimoser. Auf der Schulhomepage stehen die Richtlinien, welche ich am Elternabend letzte Woche bereits erklärt…
Nein, zu vorwurfsvoll…
Guten Abend Frau Chübelimoser. Auf der Schulhomepage stehen die Richtlinien. Sie können selber am ehesten entscheiden, was sinnvoll wäre.

21:10
Ja, aber er hat nur leichten Shnupfen

21:11
Wenn es Ihnen möglich ist, behalten Sie doch Kurt zuhause. So gehen wir kein Risiko ein.

21:30
Geht nicht, weil wegen der arbeit wo ich eben hin muss was soll ich denn mit Kurt machen. Und er hat immer etwas shunpfen er kann ja nicht immer dihei bleiben

21:32
Gut, dann wollen wir in der Schule darauf achten, dass er vielleicht ein wenig abseits…
Nein, das geht direkt an die Schulleitung…
Gut, wir wollen in der Schule darauf achten, dass wir Kurt etwas schonen können. Einen schönen Abend wünsche ich Ihnen. Freundliche Grüsse ….

21:50
Wir behalten kurt zu hause meine mutter schaut

Montag 09:30
Ich komme in fünf minuten die Hausaufgaben für Kurt holen. K?

09:35
Hallo?

09:45
Frau Chübelimoser steht mit Kurt an der Hand im Schulzimmer. „Ich habe ihnen geschrieben….“

In einem Punkt liegt die Berichterstattung des Tages-Anzeigers richtig. Ich korrigiere, die ganze Berichterstattung war top – richtig entspannend nach all den Watson-Artikel – aber einen Punkt möchte ich hervorheben: Die Ursache für die hohe Sonderschulquote ist nicht alleine auf die Kinder zurück zu führen.

Ein paar kleine Regeln könnten Wunder bewirken:
1. Das Vermitteln der Lerninhalte ist die Aufgabe der Lehrperson.

2. Die Rücksichtnahme auf den Violinen-Unterricht, das Fussballtraining und den Schwimmkurs bei der Menge an Hausarbeiten und ein angepasstes gestalten des Schultages ist es nicht.

3. Eine Kontaktaufnahme mit der Lehrperson ist in folgenden Fällen erforderlich:
Wenn:
Ihr Kind krank ist
Fertig.

4. Im Besonderen ist KEINE Kontaktaufnahme erforderlich:
Wenn Kurt zu dämlich ist, 5 und 2 zu addieren, dann stellt die Lehrperson dies bei der Kontrolle der Hausaufgaben fest. Es ist unerheblich, wie lange er daran gesessen hat und ob er weinen musste.

5. Spezielle Ansage an Frau Hübeli: Der gesamte Lehrkörper hat drei Tage aufgewendet, die Frozen-Znünibox der kleinen Marie zu suchen. Wir sind zum Beschluss gekommen, ihr eine neue zu kaufen, sie können Ihre Schreiben an die Schulpflege wieder einstellen.

6. Auch ein bitzeli früher gehen kostet einen Joker-Tag. Dazu sind sie nämlich da. Sonst bestehen sie auch darauf, dass wir ihren Balg während mindestens 8 Stunden beaufsichtigen.

7. Wenn Kurt auf dem Schulweg fortlaufend verkloppt wird, wird dies unter Umständen seine Gründe haben. Definitiv ist es nicht das Problem der Lehrperson. Es sei denn, die Lehrperson hat ihn verkloppt, dann bitten wir um eine kurze Meldung an die Schulleitung, damit wir den Fall weiter beobachten können.

Ich behaupte, der Schulalltag würde ab sofort viel harmonischer verlaufen und beschliesse damit diesen politisch höchst unkorrekten Beitrag.

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Wenn einer eine Prüfung ablegt

Mal wieder eine Geschichte, die das Leben schreibt

Eigentlich war alles geregelt. Ein nettes Hotel in Gehweite zum Prüfungsort gebucht. Ich sah mich schon über Mittag auf dem Bett liegen, „Punkt tfffwölffff“ auf RTL gucken und die Prüfungen vom Morgen aus dem Gedächtnis schlagen.
Die Prüfungen waren zu ganz moderaten Zeiten angesetzt. Der Morgen erlaubte ein Ausschlafen, zumindest für Menschen mit seniler Bettflucht, ein gemütliches Frühstücken und bereits Mitte Nachmittag war wieder Schluss.

Und dann kam Corona.

Die Prüfungen werden von der Firma A. durchgeführt. Ihre erste Reaktion zum Verbot von Massenveranstaltungen, bei 1’200 Prüflingen spricht man von einer solchen, war abwarten.
Danach wurden Veranstaltungen bis, nagelt mich nicht fest, 300 Personen zugelassen.
A. reagiert mit abwarten.

Im Juni teilte ich A. aus Gründen der Anonymität via meinem Lehrgangsleiter mit, sie sollten mal in die Gänge kommen. Es sei denn, bei unseren Organisations-Aufgaben der Prüfung wäre Abwarten eine adäquate Antwort. In meiner wohlfeilen Ausdrucksweise, versteht sich.
Die Antwort entsprach der klassischen A.-Reaktion. Beginnend mit „was fällt euch ein“, über „wir können auch nichts dafür“ zu „und überhaupt haben wir schon lange… guck mal richtig hin…“.
Und danach warteten sie weiter ab.
A. pflegt den militärischen Stil. „Ich will…“. Ich wäre der letzte, welcher dagegen wettert. Es ist die einzig vernünftige Methode um mehrere Individuen in einer organisierten Form an einen Punkt X zu führen. Sobald A. sich jedoch mit einem Einspruch konfrontiert sieht, speien sie Gift und Galle und betonen ihren gottgleichen Status in der Schweizer Bildungslandschaft. Die Krux ist. Wer den Titel „Specialist in Business Administration and Applied Technical Management, Federal Diploma of Higher Education“ will, kommt nicht um diesen Verein herum. Ergänzend muss man anmerken, dass die Korrektur der Prüfung sehr viel Spielraum für individuelle Ansichten lässt. Sprich, wenn sie dir eine Kröte zu schlucken geben, fragst du höchstens, ob am Stück oder häppchenweise.

Zwei Wochen vor der Prüfung setzten sie die Kandidaten von ihren beinahe übermenschlichen Bemühungen in Kenntnis und gaben einen zweiten Prüfungsstandort bekannt. Natürlich war ich einer der Betroffenen. Ausschlafen und Frühstück wurden durch zwanzig Minuten Fahrt im Basler Tram ersetzt.
Die Herausforderung sah ich bedingt in der Tramfahrt als solches, vielmehr bereitete mir der Umstand Sorgen, dass nun 435 Personen, welche die Hotels im Umfeld der Messe Basel belegten, zur selben Zeit in den Sankt Jakobs-Park verschieben wollen. Gut, Tram fahren wollte ich auch nicht, öffentliche Verkehrsmittel überfordern mich schnell einmal.
Also organisierte ich einen Chauffeur für die drei Tage.
Selbstverständlich würden sie mich gerne morgens abholen und nachmittags zurückfahren, erwiderte der Taxianbieter Arisdo. Wir vereinbarten eine Pauschale und gewiss zehnmal wies ich den Chef auf die Wichtigkeit der pünktlichen Abfahrt hin.

Dienstagmorgen, 08:00 kein Taxi vor Ort. „Oh, ist er nicht da? Er kommt gleich. Drei Minuten!“ erwiderte der Herr Ramushi auf meinen Anruf hin.
08:05. Auf sein erneutes „In drei Minuten!“ entgegnete ich, dass ich dies schon vor 5 Minuten gehört hätte.
08:10 „Wir sind komplett ausgebucht, aber ich sende den Fahrer eines anderen Unternehmens, er ist gleich um die Ecke…“.
08:13… Klingelton. Combox.
08:14… Combox.

Glück im Unglück; ein Mitschüler war von der Umsiedelung ebenfalls betroffen und ich bot ihm im Vorfeld an, mit mir mitzufahren. Was mir natürlich ein immens schlechtes Gewissen machte, als wir so verloren am Strassenrand standen.
Glücklicherweise war er mit dem Auto hier.
So rasten wir, soweit der morgendliche Stossverkehr ein Rasen eben zulässt, durch Basel in den St. Jakobspark. Inzwischen informierte ich A. prophylaktisch über eine eventuelle Verspätung. Sitzt man bei Prüfungsbeginn nicht am Pult, hat man eine eins. Sie würden die Prüfung liegenlassen, die Verspätung gehe uns einfach an der Zeit ab. Und ich hätte meinen Erstgeborenen nach ihnen zu benennen.

Bevor die Tore der Kampfarena geschlossen wurden, sprinteten wir zu unseren Plätzen und mit einem entspannten Ruhepuls von 170 machte ich mich an die erste Prüfung.

Mein Erinnerungsvermögen lässt nach, Supply Chain Management, ich meinte, es wäre nicht so übel gelaufen. Zumindest steht bei jeder Frage eine nachvollziehbare Antwort.
Im Rahmen der Vorbereitung stellte ich fest, Multiple-Choice ist mehr Fluch als Segen. Die gängige Annahme ist, bei diesen Kreuz-Test sind die Antworten bereits gegeben und im Zweifelsfall C. Also eine gemütliche Sache. Die Krux ist, bei 90% der Aufgaben musste ich sagen, es kann alles, wie auch nichts zutreffen. Das Mögliche zieht am Unmöglichen vorbei und wird zum Vermöglichbaren, oder so.
Vier Antworten, es können zwei, drei oder vier Lösungen richtig sein. Haut man auch nur ein Kreuz daneben, sprich zu viel, falsch oder zu wenig angekreuzt, hat man 0 Punkte.
In diesem „einfachen“ Teil, einen Drittel der Prüfung, kann man also schon jede Menge falsch machen.
Die 90 Minuten waren unglaublich fix durch.

Rausgehen nur, wenn unbedingt notwendig. Tragen sie Hygienemasken. Richten sie sich auf Wartezeiten beim Betreten der Halle ein. Halten sie Abstand. Desinfizieren sie ihre Hände.

Sie nahmen es sehr genau mit Corona. Sogar vor der Toilette gab es teilweise ein Einlassverbot.

Zeit umzuschauen, wer so meine Mitstreiter waren.
Wir sassen an kleinen Einzelpulten. Eine Tischfläche von 110 auf 40 cm. Im fünf Minutentakt rauschten irgendwo in der Halle Prüfungsbogen, Getränkeflaschen, Stifte, Heftapparate und ganze Etuis zu Boden. Teilweise halfen die flanierenden und kontrollierenden Studentinnen aus der Patsche und reichten einem die Utensilien. Darüber hinaus möchte ich anmerken, dass hier künftig bei der Attraktivität und Kleiderwahl gewisse Richtlinien erlassen werden sollten. Wie soll man sich da noch auf die Prüfung konzentrieren?

Die beengten Platzverhältnisse wurden zusätzlich dadurch eingeschränkt, dass stets ein Lichtbildausweis gut sichtbar auf dem Tisch zu liegen hat. Zur Kontrolle, dass man nicht seinen Lehrer an seiner Statt an die Prüfung gesandt hat.
Rechts von mir eine Ordensschwester. Zwischen den Prüfungen sass sie steif wie ein Brett auf dem Stuhl, die Hände auf dem Faltenrock im Schoss gefaltet, den Blick starr nach vorne gerichtet.
Keine Begrüssung, keine Verabschiedung, keine Erfolgswünsche. Nicht, dass ich diesbezüglich sehr initiativ gewesen wäre. Doch im Vergleich zu den anderen Prüflingen hatte ich doppelt so viele Sommer gesehen, folglich hatte sie mich zu grüssen. Nämlich.

Rechts von mir das arme Schwein, welches die erste Prüfung in den Sand gesetzt hatte. Er blätterte in den Lösungsblättern eine Seite zu wenig um, verpasste, dass das Raster einer Nutzwertanalyse mit den Kriterien bereits gegeben war und verlor Unmengen an Zeit, alles selber zu erstellen.

Die nächste Prüfung wurde geliefert.
Stets dasselbe Schema. Alle sitzen still, vorne erschallt der Befehl „Prüfung austeilen“ und die Umschläge werden auf den Tisch gelegt.
„Kandidatennummer und Prüfungsfach kontrollieren“ lautete die nächste Anweisung.
„Prüfung startet, sie haben 60 Minuten“ und an den Bildschirmen beginnt der Countdown.
Problemlösungs- und Entscheidungsmethodik.
Wer nun davon ausgeht, ein rational denkender Mensch würde hier einfach durchmarschieren liegt völlig falsch.
Ein Beispiel; Sie müssen Personalkosten sparen und 6 Personen entlassen. Wie gehen sie vor.
Eine Kosten-Nutzenrechnung wäre völlig falsch.

Erst muss analysiert werden, was ist zu tun. Mit einem bekannten Modell, Fischgräte oder was immer ihr wollt. Danach muss das Ergebnis wiederum beurteilt werden. Selbstverständlich wieder mit einer Lehrbuch-Methode. In diesem Stil geht es solange weiter, dass die Entlassung eigentlich für nichts ist, weil alleine die Analyse, wen man entlassen will und die Lohnkosten der involvierten Kader so zu Buche schlagen, dass man die sechs Personen noch zwei Jahre beschäftigen und ihnen gar ein fettes Weihnachtsgeld auszahlen könnte.

Organisieren sie ihren Tag, sie haben eine halbe Stunde Zeit.
Es gilt, alle Termine innert 8 Stunden unterzubringen. Dabei so immens wichtiges, wie die Tochter in der Kita abholen und Anzüge in die Reinigung bringen. Teilen sie die Termine in wichtig und dringend, dringend aber nicht wichtig und so weiter ein.
Als Faulen-Falle ist die Option gegeben, Tätigkeiten zu delegieren.

Vielleicht fühle ich mich im Allgemeinen zu Höherem berufen. Nach einem ersten Durchlauf hatte ich von einem Business-Lunch und einer kleinen Besprechung am Nachmittag abgesehen keine weiteren Pflichten mehr. Es schien mir nichts so wichtig, dass meine Anwesenheit erforderlich gewesen wäre. Also begann ich nochmals von vorne, die Bildschirme wurden bereits rot. Dies bedeutet noch 15 Minuten Zeit.
Im Endeffekt trug ich mir doch den ein oder anderen Termin in die Agenda ein.

Mittagspause.
435 Personen stürmen den örtlichen Manor. Und ich erhielt genau diesen Gehirnf… welchem ich entfliehen wollte. „Was hast du bei Aufgabe 5b? War bei 8i nicht…. oh verdammt…. und heute Nachmittag? Lernst du noch? Hey, wie ist jetzt dies….“ schallte es in traumhaften Surround um mich herum.
Natürlich auch während dem Mittagessen, welches man auf einer Betontreppe sitzend vor der Halle einnehmen musste.
Zwei Stunden können entsetzlich lang sein.

Diagonal vor mir links hat sich Mister Redundant platziert.
Zwei Hefter, zwei Stempel, zwei Flaschen Getränke, jeden Stift und Marker in zweifacher Ausführung, zwei Rechner.
Ich blickte auf meine Tischplatte. Ein Füllfederhalter, die Patrone mit halbem Füllstand und eine leere im rückwärtigen Teil des Schreibers. Ja, ich schreibe mit Füllfeder, finde dies zum einen stilvoll, zum anderen unterstützt es die Lesbarkeit meiner Schrift, was durchaus zum Killerkriterium werden könnte.
Daneben liegt ein Korrekturband, Tipex der Moderne, welches im Ursprung mit 12 Metern bestückt war. Dazu noch der obligat schmierende Kugelschreiber, ein kleines Karten-Lineal für eventuelle Grafiken und einen Marker, welchen man vor Inbetriebnahme kräftig schütteln musste. Als Rechenmaschine dient mir ein Texas aus den frühen 90er-Jahren, für welchen ich in der Sekundarschule schon gehänselt wurde. Der Lehrer empfahl den TI-40 Galaxy, welcher direkt bei der Schule zu erstehen war. Was meinem Vater dazu veranlasste, mittels seinem Junior ein Exempel zu statuieren. Schnurstracks marschierte er in den Interdiscount und erstand einen TI-31. Selbstverständlich demonstrierte mein Lehrer konsequent alle Operationen auf dem TI-40, indem er eine entsprechende Folie für den Hellraum-Projektor vorbereitet hatte und ich fühlte mich, als würde ich mit einer Schachtel Buntstifte in einem Adobe Illustrator-Kurs für Fortgeschrittene sitzen.
Ja, hätten wir damals schon Schulpsychologen gehabt, was wäre wohl aus mir geworden?

Wieder in der Gegenwart; die Prüfungen zogen sich durch, bis am Donnerstagmorgen.
Nur noch kurz Rechnungswesen, ein Selbstläufer, und die Integrierte Fallstudie. Bei selbiger sind Unterlagen gestattet, was soll schon passieren.
Ich habe gelernt, je sicherer ich mich fühle, desto furchtbarer das Ergebnis.
15 Minuten sass ich an der simplen Rechnung, ab welcher Menge sich die Eigenfabrikation gegenüber dem Einkauf von Fertigprodukten lohnt. Kam auf Lösungen von 5 Millionen, nachdem die vorgehende Rechnung bereits ergeben hat, dass man bei 50’000 Stück bereits günstiger ist und ähnliche phantastische Werte.
„Stoppen sie mit dem Lösen! Sie haben jetzt noch zwei Minuten um alle Lösungsblätter mit dem Namen zu beschriften.“

Ich darf vorstellen?

Fixkosten/(Fremdbezugskosten-variable Kosten)
Mein neuer Name.

Wenn ihr bei diesen Prüfungen etwas nicht habt, ist es Zeit.

Aber nun nur noch die Integrierte Fallstudie. Die Krux an dieser; wenn man hier unter vier fällt, sind alle voran absolvierten Prüfungen hinfällig. Man fällt durch.

„Öffnen sie die Umschläge, sie haben 150 Minuten Zeit“.

Zum ohnehin schon begrenzten Platz gesellt sich nun noch ein Bundesordner und ein Gesetzbuch. Die gestatteten Hilfsmittel sind eine nette Idee, doch nichts mehr als ein trügerisches Gefühl von Sicherheit.

Nachdem ich mir bis Aufgabe zwei schon beinahe einen Wolf geschrieben habe, warf ich einen Blick auf die Uhr und stellte fest, so komme ich nirgends hin. Der Frontseite entnahm ich, dass die Aufgabe vier punktemässig so richtig einschenkt. Also springe ich vor.
Berechnen sie die Amortisationszeit der Investition für die Weiterverarbeitung von Shrimps-Schalen. Die Zahlen dafür hatte man aus 5 Seiten Text zusammen zu klauben.
Nachdem ich einen Gewinn von 113 Millionen im ersten Jahr bei einer Investition von 1.8 Millionen errechnet hatte, wusste ich, hier muss irgendwo der Wurm drin sein. Oder ich muss sofort ins Schrimps-Geschäft einsteigen.
Die Zeit verrann und die kleine Stimme in meinem Kopf flüsterte pausenlos „Du brauchst eine vier. Hallo, du brauchst eine vier. Hörst du mich? Eine vier. Hallo, hallo? Jemand da? Seh doch, dass Licht brennt. Du brauchst übrigens eine vier.“
Das Husarenstück, diese kleine Stimme zu ignorieren, die komplette Aufgabe zu überspringen und weiter hinten fortzufahren gehört unabhängig vom Ausgang dieser Prüfung zu meinem ganz persönlichen Erfolgserlebnis.
Meine Schrift wurde zusehends unleserlicher, weil mir ein kleines weisses Kaninchen in einem fort eine Uhr auf den Kopf haute. In der letzten Minute hatte ich tatsächlich bei jeder Aufgabe ein paar Zeilen oder Berechnungen hinzugefügt. Ein weiser Lehrer sagte; Wenn ihr nichts hinschreibt, habt ihr garantiert null Punkte, steht irgendwas, besteht eine Chance, dass irgendwas bewertet wird.

Wir werden sehen.
Das Gröbste ist durch und mittlerweile wache ich auch morgens nicht mehr auf und erschrecke, weil ich doch pünktlich zur Prüfung erscheinen muss.

Das Rechtliche Wissen, den Taxifahrer auf Schadenersatz zu verklagen hätte ich nun, aber ich bin zu faul zum Schreiben.

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Watson huldigt Frau Seiler-Graf

Dies gelesen…

https://www.watson.ch/schweiz/review/351266441-kampfjet-arena-viola-amherd-ueberzeugt-bis-eine-sp-frau-kontert

… und dies gedacht.

Eigentlich hegte ich keinerlei Ambitionen zum ehrenamtlichen Korrekturschreiben der Zeitung watson zu werden. Doch liegt die Krux, darin, der durchschnittliche Facebook-Leser überfliegt die Zeilen, zieht es noch nicht einmal in Betracht, eine Zeile zu hinterfragen, glaubt den Blödsinn und teilt ihn mit einem Klick noch. Und hier scheint mir Watson seiner Verantwortung, welche mit einer öffentlichen Berichterstattung einher geht, nicht gewahr zu sein. Im Besonderen, wenn andere Tageszeitungen diese Artikel auch noch aufgreifen.

Das Empfinden, wie sich ein Politiker in der Arena geschlagen hat ist natürlich sehr von Sympathien geprägt. Doch die Lobpreisung, welche das Blatt Watson an die Adresse von Frau Priska Seiler-Graf ausspricht, grenzt schon beinahe an Götterverehrung. Ich versuche mich beim Zerpflücken Ihres Artikels in Objektivität zu üben, Frau Serafini.

Nein Frau Serafini, ein Nein zu den Kampfjets würde den Verteidigungsauftrag nicht in Frage stellen. Denn der Auftrag ist in der Verfassung verankert. Es würde den Auftrag ganz erheblich erschweren, de facto wäre eine Luftraumsicherung nicht mehr zu gewährleisten. Doch solange dieser Auftrag in der Verfassung steht ist dieser wahrzunehmen und es bleibt die Aufgabe der Armee, diesen Auftrag zu erfüllen. Mit den Mitteln, welche ihr gegeben werden.

Korpskommandant Süssli erwähnt, dass für den Ernstfall eine Flotte von mehr als 100 Flugzeuge benötigt würden; eine Aussage, welche sie als Widerspruch aus den eigenen Reihen interpretieren.
Frau Serafini, Korpskommandant Süssli ist der Chef der Armee. Er ist kein Politiker und die Armee eine politisch neutrale Organisation.
Wenn sie ihn also anfragen, welche Waffenstärke erforderlich ist um eine, in diesem Fall nicht weiter ausgeführte, Bedrohung erfolgreich abzuwehren, erhalten sie eine militärische Antwort auf diese Frage. Und so wird er kaum formulieren, dass man mit einem solarbetriebenen Leichtbauflugzeug mit den Flügeln wackeln geht und abwartet was passiert.

Ich gebe Ihnen auch eine Antwort. Blau. Und nun bewerten Sie diese Antwort. Sie sehen den Konflikt? Gut.

Offen gesagt, ich verliere mich nun in Mutmassungen; ich weiss nicht, welche Arena Sie geschaut haben. In meiner, jene vom Freitagabend auf SRF 1, zerlegte Frau Graf weder irgendwelche Argumente, noch fand sie einen Widerspruch in den Aussagen der Frau Bundesrätin.
Frau Priska-Graf war insofern beeindruckend, dass sie eine unglaubliche Menge von technischen Spezifikationen aus dem Ärmel schüttelte. Mir scheint, die Linken sind nicht ganz damit einverstanden, dass die Regierung aus dem Gripen-Debakel seine Lehren gezogen hat und die Evaluation des Kampffliegers den Profis übergibt. Ich möchte hier nicht von einer guten Vorbereitung sprechen. Wie ein Kind auf dem Pausenplatz konnte sie wohl die Quartett-Karten auf den Tisch knallen, Steiggeschwindigkeit hier, Bewaffnung da, nur war sie damit in der falschen Runde.
Bevor Sie also ihren Stimmzettel ausfüllen; sie müssen keinen, ich wiederhole, keinen Flugzeugtyp aufschreiben. Es geht lediglich um den Kredit.
Wenn Frau Priska-Graf nun jedoch den Kredit ablehnen will, weil ihr die Auswahl der Flieger nicht zusagt, im Gegenzug jedoch in jedem dritten Satz beteuert, wie wichtig die Sicherung des Luftraumes ist, spielt sie ein wenig mit ihrer Glaubwürdigkeit.

Darüber hinaus, und dann sind wir mit der guten Vorbereitung auch bereits durch; die linken Politiker weisen in Diskussionen Ähnlichkeiten mit urdeutschen Touristen in einem fremdsprachigen Land auf. Wenn das Gegenüber meinen Wunsch nicht versteht, oder in der Politik dem Argument nicht zustimmt, dann werde ich einfach immer lauter und irgendwann muss es in diesen dummen Schädel dringen.
Während Frau Bundesrätin Amherd in ruhigem Ton, sachlich argumentierte, trat Frau Priska-Graf in gewohnter linker Manier auf. Immer eine Idee zu laut, stets etwas schulmeisterliches im Ton und im Grundsatz auf das Gegenüber herabblickend.
Doch dies sind natürlich sehr subjektive Wahrnehmungen.

Als Beispiel für das Festnageln auf Widersprüchlichkeiten führen Sie die Aufstockung des Budgets um 1.5% an. Ehrlich, ich fühle mich beinahe ein wenig schlecht, aber wenn Sie im Plural von Widersprüchen sprechen und dann genau einen vermeintlichen aufführen, muss ich mich ja diesem annehmen.
Kleiner Ausflug in die Volkswirtschaft. Ihren Franken von heute können Sie gegen eine Dinkelbrötchen beim Bäcker tauschen. Behalten Sie den Franken jedoch ein Jahr in der Hand und wollen ihn dann eintauschen, kriegen Sie nur noch ein halbes Dinkelbrötchen. Klingt komisch, ist aber so. Schuld daran ist die Inflation, welche idealerweise stets zwischen einem und zwei Prozent liegt. Dies hat seine Richtigkeit, wir wollen den Rahmen nicht sprechen. Damit Sie uns nicht irgendwann verhungern, wird alles, was irgendwie mit einem Geldwert zu tun hat angepasst. Teuerungsausgleich nennt man dies. Und wie der Wortteil «Ausgleich» schon besagt, das Budget wird nicht erhöht, sondern lediglich ausgeglichen. Denn mit dem Preisanstieg steigt auch das Staatsvermögen.
Lange Rede kurzer Sinn, die Armee kriegt nicht jährlich mehr Geld und auch der Teuerungsausgleich fehlt weder bei den Massnahmen gegen den Klimawandel, noch im Sozialen oder bei der Bildung.

Die Diskussion mit den ballistischen Raketen überspringen wir gleich und kommen zu den Unterhaltskosten.
Obwohl Sie anfügen, die Voten von FDP-Ständerat Burkhart verhallten im Nichts; so verkehrt ist sein Vergleich mit dem Privatwagen nicht, ich muss ihn leider aufgreifen. Wenn ich in den Raum frage, was mich die Reparaturen für mein Fahrzeug die nächsten zwanzig Jahre kosten wird und ich eine Zahl erhalten werde ich schon stutzig. Im Besonderen, wenn der Antwortgebende noch nicht einmal weiss, ob ich einen Tretroller oder einen Porsche fahre. Insofern ist es nur vernünftig, dass man hier sich nicht in Spekulationen ergibt. Es sei denn natürlich, man will Stimmung machen, dann kann man sich schon auf 24 Milliarden einschiessen. Ein wenig auf Kosten der Glaubwürdigkeit.
Zudem, Frau Serafini; auch der Unterhalt wird aus dem Armeebudget beglichen. Und wie Herr Burkhart eigentlich auch erwähnte, es wird sehr wohl in den Evaluationsprozess mit einbezogen, mit welchen Folgekosten man zu rechnen habe. Denn alles, was für den Unterhalt investiert wird, fehlt der Armee, nicht der Bildung und nicht dem Sozialen, an anderen Stellen.

Nachdem Sie nun diese Zeilen gelesen, muss ich wirklich den Abschluss mit dem Blankoscheck noch ausformulieren, oder hat es sich erledigt?

Ich gehe auf Nummer sicher; Wenn der kleine Max vierzig Franken Taschengeld erhält, ihm aber mit erhobenem Zeigefinger mitgeteilt wird, dies müsse nun reichen. Und zwar für die Monate September, Oktober, November und Dezember.
Hat der kleine Max nun einen Blankoscheck, oder ein Budget erhalten?

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Watson wirkt bemüht

Dies gelesen…

https://www.watson.ch/schweiz/wirtschaft/718523014-warum-neue-kampfjets-die-schweiz-nicht-sicherer-machen-werden

… und dies gedacht

Sehr geehrter Herr Chefredaktor Maurice Thiriet

 

Ihr Artikel wirkt, mit Verlaub, ein wenig bemüht und reiht sich wunderbar in die Reihe der Argumente des Referendumskomitees ein.

Zu Gute halten möchte ich Ihnen, Sie scheinen zumindest das Prinzip der Finanzierung verstanden zu haben. Im Bewusstsein, dass ohne dieses Zugpferd eine Hetze gegen die Beschaffung der Kampfflugzeuge etwas dünn wirkt schwenken Sie gleich komplett um und stellen die Sinnfrage.

Braucht die Schweiz eine Landesverteidigung.

 

Geschätzter Herr Chefredaktor, streng genommen bräuchten wir noch nicht einmal eine Polizei. Würden wir geeint zusammenleben, eine Gesellschaft geprägt von gegenseitigem Respekt, regeltreue und absoluter Harmonie braucht kein Kontrollorgan. Glücklicherweise sind wir alles Individuen, was eine Gesellschaft doch erst interessant macht und die vorwiegende politische Gesinnung der Kampfflieger- und Armeegegner tendiert dazu, dass unser Grad an Diversität noch viel Potential nach oben hätte.

Oben beschriebenes Utopia erreichen wir noch nicht einmal in unserem Land, wo wir demokratisch in gemeinsamer Übereinkunft die Regeln des Zusammenlebens festlegen. Welch traumtänzerischer Gesinnung mag nur die Idee entspringen, dass dies auf dem globalen Spielfeld, in welchem unser Mitwirken marginal ist funktionieren möge? Deswegen hat jedes Land auf dieser Erde ein Sicherheitsdispositiv und wir haben in unserer Bundesverfassung festgehalten, dass wir eine Armee haben, welche dem Friedenserhalt dient und das Land und seine Bevölkerung schützt.

 

Sie führen den bösen Feind und das Réduit auf das Feld, sprechen gar von einem Mythos. Es ist ein Phänomen, dass Armeegegner sich stets auf die Feindbilder der vergangenen knapp hundert Jahre berufen und im selben Atemzug der Landesverteidigung vorhalten, sie sei nicht zukunftsgerichtet. Herr Chefredakteur, die einzigen, welche noch vom „Böfei“ sprechen sind Ihre Gesinnungsgenossen und vielleicht wäre es an der Zeit, sich von antiquierten Argumentationsketten zu lösen und anstelle von Polemik auf Kosten der Landesverteidigung während des zweiten Weltkriegs sich selbst mit aktuellen Szenarien zu befassen.

Dieses hohe Informationsdefizit hält die Gegnerschaft jedoch in keiner Weise davon ab, den Absolventen der Militärakademie zu erklären, welche Strategie eine Armee einzuschlagen hat und welche Rüstungsgegenstände dafür erforderlich sind.

Woher nimmt man diese Arroganz?

 

Gemäss Ihrer Einschätzung sind flächendeckende Auseinandersetzungen so unwahrscheinlich, wie nie zuvor. Dieses Argument liegt ganz oben auf dem Stapel der Armeegegner. Ob die Armee nun neue Schnürsenkel oder einen Mörser benötigt, bewaffnete Konflikte sind stets so gut wie ausgeschlossen. Jetzt und in jeder erdenklichen Zukunft.

Ich mag mich nicht entsinnen, jemals einen Tag die Nachrichten verfolgt zu haben ohne von einem militärischen Konflikt zu hören, sehen oder zu lesen. Die Rüstungsindustrie schreibt Jahr für Jahr höhere Milliardenumsätze und nur auf Halde beschaffen wird wohl keine Armee.

 

Die Herausforderung besteht darin, sich heute auf ein eventuelles Szenario von morgen vorzubereiten und ich bin froh, stützen sich die Prognosen nicht auf das Wunschdenken von Pazifisten.

 

Brauchen wir die Kampfflugzeuge?

Führen wir uns eine Analogie vor Augen; sie beschliessen in Ihrem Eigenheim auf Erdsonden zu setzen. Ich unterstelle, dass sich Ihr Auftrag darauf beschränkt, dass am Schluss vier Löcher von 60 Metern Tiefe im Vorgarten zu sein haben.

Bestehen sie darauf, dass die Firma keine Bohrer einsetzen darf, wird ihnen erklärt werden, dass dies mit der Nutzung der Erdwärme furchtbar schwierig werden würde.

 

Um ihren Auftrag wahrnehmen zu können, benötigt die Armee die richtigen Werkzeuge, in diesem aktuellen Fall sind dies Flugzeuge. Ist für mich nachvollziehbar. Nicht, weil wir in den letzten drei Jahren 20 Flugzeuge abgefangen haben, sondern weil eine Versicherung im Grundsatz darin besteht, dass die Auswirkungen im Eintrittsfall aufzufangen sind.

Also sollen sie die Flugzeuge haben. Es wäre ja irgendwie dümmlich, eine Dienstleistung einzufordern, in diesem Fall die Verteidigung des Landes, und dem Dienstleister mit allen Möglichkeiten die Erfüllung zu vereiteln. Als würde ich sie zum Hürdenlauf in Skischuhen an den Start stellen und mich hernach über die mangelhafte Leistung beschweren.

 

Sie möchten die Beschaffungsvorlage verwenden, um eine breite und grundlegende Diskussion über die Armee anzustossen.

Klingt pathetisch, doch so neu ist ihr hehres Ziel nicht, Herr Chefredaktor. Würde ein Wechsel des Schuhcreme-Lieferanten des politischen Segens bedürfen, würden wir innert einer Woche über den Sinn von Kampfstiefel debattieren und spätestens nach zehn Tagen käme das Argument, hätten wir keine Armee, würden wir auch keine Schuhcreme benötigen.

 

Ihre Grundsatzfragen sind an sich schnell beantwortet. 5 Milliarden pro Jahr. Das Parlament hat dieses Budget gesprochen und beantwortet Ihre Frage, was wir unsere Sicherheit kosten lassen wollen. Mehr gibt es nicht und die Armee hat den Auftrag, mit diesem Geld den maximal möglichen Schutz aufzubauen. Und wenn sie dafür Flugzeuge will, dann kauft und unterhaltet sie diese aus diesem Budget.

Dafür machen wir keine Abstriche bei der Bildung, keine beim Klimaschutz und keine beim Vaterschaftsurlaub.

 

Ihre übrigen Fragen zu allfälligen Partnerschaften, der Kosten und so weiter sind ganz flott beantwortet. Ihre Auslegung, die Neutralität sei uns aufgezwungen worden mag ich in dieser Form nicht unterschreiben, aber halten wir uns an die Fakten. Wir sind ein neutraler Staat, in der Bundesverfassung ist festgehalten, diese Neutralität zu wahren. Was somit ihre Fragen zu allfälligen Bündnissen beantwortet.

Ganz leicht nachvollziehbar sind ihre Absichten hingegen nicht. Den Gedanken verfolgend, möchten sie also unsere Armee aufgeben, die Neutralität der Schweiz aufheben und ein Bündnis mit der Armee eines Drittstaates eingehen?

Sprich, wir, die kein ganzes Prozent des BIP für die Verteidigung aufwenden, würden künftig die immens kostspieligere Armee eines anderen Landes mitfinanzieren? Dabei womöglich noch in Rüstungsfragen mitsprechen wollen und nebenbei bewaffnete Konflikte subventionieren? Ganz zu schweigen davon, dass dieser Gedanke an Absurdität nicht zu toppen ist, wer um Himmels willen sollte die Verträge ausarbeiten? Bei allem Patriotismus, das Ausarbeiten von Verträgen mit anderen Regierungen zählt nun ganz gewiss nicht zu den Stärken der Eidgenossenschaft.

 

Sie möchten mit Frau Bundesrätin Amherd reden? Ich würde Ihnen nahelegen, erst Ihre Hausaufgaben zu machen. Um mit einem Zitat zu enden „Niemand hätte sie zu Muhammed Ali in den Ring gelassen, nur, weil sie glauben boxen zu können“

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