2. Juli, Omaha-Beach

In einer Regenpause schaffte ich es tatsächlich beim Camping Omaha-Beach einzuchecken.
En francaise, wohl gemerkt.
Ein sehr schöner Platz, kann ich nur empfehlen. Auf den Klippen über dem Strand gelegen. Kaum Gäste, schlecht für den Franzosen an der Reception, angenehm für den Reisenden aus der Schweiz.

(Bild http://www.camping-omaha-beach.fr)

Die Klimaanlage im Wagen tat ihr möglichstes um das Zelt zu trocknen, doch waren die Wände immernoch etwas klamm.
Ich hoffte auf die Böen und wandelte zum Strand.
Omaha Beach, für die geschichtlich nicht so sattelfesten, bezeichnet einen Strandabschnitt, in welchem die Allierten am 6. Juni 1944 anlegten.
Daher, die Franzosen sind den Amis noch voller Dankbarkeit zugetan, steht die ganze Küste unter USA-Flaggen.
Im Souvenir-Shop kann man kaufen, was das pseudo-patriotische Herz verlangt. Kurz davor mit einer Ranger-Mütze, einem Willys-Jeep Shirtund schwenkender D-Day-Tasse den Shop zu verlassen, besann ich mich eines besseren – nicht zuletzt weil man, wohl aufgrund von Personal- oder Touristenmangel, die Artikel in der nebenstehenden Bar zu bezahlen hatte – und beschränkte ich mich auf Ansichtskarten. Avec timbre, hatte ich extra nachgeschlagen. Die Frage, ob für Frankreich oder Europa, nahm ich als Kompliment für mein exquisites französisch.

Es stellte sich die Frage, Crepes oder Fritten, noch immer hatte ich Hunger. Als ich den Stand anpeilte spuckte gleich ein Reisecar seine alternde Ladung aus, welche wie an der Schnur gezogen in Richtung Friteuse steuerte, während der Chauffeur Striche machte, um beim Chef de Cuisine später seinen Anteil abzuholen.
Also wandelte ich etwas am Strand, machte ein paar Fotos, kehrte zurück und schon hatte die Wandergruppe Silberfüchse den frittierenden Wohnwagen mit den wackeligen Plastikstühlen belagert. Zum Mäusemelken.
Ein Schild wies mir den Weg zu einer Boulangerie im Ort. Vierville sur Mer, ein Geisterort. Die Boulangerie, das Schild schaukelte geräuschvoll im Wind, war ein verfallenes Gebäude mit schmutzigen Scheiben. Leerstehend, bis auf die versiffte Theke. So ein Haus noch stand, erwartete man stets, dass der Vorhang von einer knochigen Hand zurückgezogen wird und eine schaukelnde Mumie einem mit leerem Blick anstarrt.

Also kein Baguette, ich bewegte mich zurück und beschloss, das Museum aufzusuchen, in der Hoffnung auf einen Snack-Shop.
Ein Schild kündigte Fritten, Sandwichs, Glace und weiteres an, doch weit und breit keine Verkaufsstelle.
Das Museum besuchte ich dennoch, war ja Tourist.

Auf dem Campingplatz zurück, sichtete ich ein Fahrzeug mit Basler Kennzeichen. Ein Dame in anderen Umständen und ihr eingebürgerter dunkelhäutiger Partner sassen vor einem der Miet-Container und schlürften Kaffee. Ein heisses Eisen – man soll auf Campingplätzen keine Bekanntschaften schliessen – die Gefahr, dass man zu Kaffee geladen wird hing förmlich in der Luft.
Ich riskierte es und erkundigte mich nach Einkaufsmöglichkeiten in der Region. Sei ganz schwierig… Wie ich denn motorisiert sei. Es sei aus Blech und hätte vier Räder sowie ein Benzinaggregat. Sie schütteten sich, wie auch den Kaffee, aus – so gut war der Gag nun auch nicht – und erklärten, dass ein paar Ortschaften weiter schon ein kleiner Supermarkt wäre.
Aber auf dem Platz gäbe es ein Shop, der führe – gegen überrissene Bezahlung – schon ein paar Artikel im Sortiment. Ob ich gerade was brauche, sie würden mir sehr gerne aushelfen und sprang schon in Richtung Container. Sie hätten…
In diesem Moment verfing sich ein Kampfjet in meiner Kapuze. Beinahe. Die donnerten im zehn Minuten Takt knapp über den Platz. Naja, ich habe es versucht.

Die Dame erklärte ihrem Partner, es seien alte Jets, da sie so langsam fliegen. Er nickte zustimmend und lobte das Wissen seiner Gattin.
Ich nutzte die Gunst der Minute, die Hilfsbereitschaft der Dame im Keim zu ersticken und mich unter dankenden Bücklingen und den besten Segenswünschen von dannen zu machen.

Der Shop hatte seine Pforten von fünf bis sechs geöffnet und es gelang mir tatsächlich, eine Dose Ravioli zu erstehen. Sowie eine Tüte Chips, ein Bier, Schokolade, Wasser… Das Angebot war weniger auf gesunde Ernährung ausgelegt, aber die vorhandenen Artikel liess sich der Franzose von der Reception dafür vergolden.

Wohl genährt erkannte ich, was ein zwei-Sterne Campingplatz auszeichnet. Bring dein eigenes Klopapier mit. Unnötig zu erwähnen, dass auch hier auf den Luxus von Klobrillen verzichtet wurde. Glücklicherweise bin ich auf alles vorbereitet. Eine Tüte mehr, welche ich zu den sanitären Anlagen zu schleppen hatte. Vor dem Pinkel-Rinnsal verfluchte ich das erste Mal meine Badelatschen.
Für die Damen; Es gibt Pissoirs welche in angenehmer Höhe installiert sind und dann gibt es geplättelte Wände welche gegen den Boden in einer fünf Zentimeter tiefen, gelegentlich bewässerten Rinne enden. Eine Piss-Rinne eben. Die Idee dahinter… Nein, lasst es mich anders erklären. So ihr auf Hüfthöhe ein Glas Wasser kippt, spritzt das Wasser am Boden wohl etwa Schienbein hoch. Kippt ihr das Glas gegen eine Wand, rinnt selbiges nahezu spritzfrei zu Boden. Simples Prinzip, für manche Leute – die Prostataleidenden seien entschuldigt – wohl zu simpel um es zu verstehen.
Also, meine Badelatschen.
Beim Kauf dachte ich, Adiletten trägt kein Schwein mehr, also nehme ich sportliche Reebok. Die Lauffläche war zum Teil gschlitzt, was der Fusssohle eine angenehme Belüftung spendet. Im Gegenzug saugt sich der Schuh auch bei jedem Schritt etwas am Boden fest, so die Oberfläche glatt und trocken ist. Ist selbige eher glatt und nass, saugt er die Feuchtigkeit ein und benetzt die Fusssohle. Sei es beim Duschen Wasser, oder beim Pinkel-Rinnsal eben…
Mit der Zeit muss man gewisse Hirnregionen einfach abschalten. Und einen Eimer Wasser neben das Zelt stellen.

Das Zelt war innerhalb mittlerweile trocken – draussen fiel neuer Regen – und während ich mich in meinem Schuhkarton dank einer akrobatischen Meisterleistung der Kleidung entledigte um mich Schlaffertig zu machen bemerkte ich kleine Krabbelwesen. Das erste Mal war ich von Zecken befallen.
Sie hatten noch nicht begonnen mich auszusaugen, wie ich meinen Körper einschätze würde eher ER die Zecken aussaugen und die gewonnene Materie als Fettreserve einlagern, hatten sich aber schon ordentlich festgehackt. Ich weiss nicht viel über die Dinger – interessierte mich einfach nicht – so packte ich sie mit der Taschenmesser-Pinzette und zog. Die Dinger sassen richtig fest, ich hatte den Eindruck, die Haut Zentimeterweit ziehen zu können.
So konsultierte ich mein Erste-Hilfe-Set, fand originalverpackt und eingeschweisst eine ordentliche Pinzette und begann an den Dingern erneut zu reissen. In Panik, irgendwelche Kleinteile zurückzulassen, hebelte ich mit der Messerspitze noch nach. Vielleicht bilde ich mir dies ein, aber ich meinte, das Ding zappelte noch eingezwängt zwischen den Metallspitzen. Nur solange, bis mein Zippo ihm den Garaus machte.
Man ist dann natürlich in einer gewissen Panik. Den geringen Platz im Zelt ignorierend – sah von aussen gewiss ulkig hinaus – begann ich meinen Körper abzusuchen und fand prompt in meiner Kniekehle ein weiteres dieser Tierchen. Entfernt und verbrannt.
Da ich nicht alle Regionen meines Körpers einsehen kann, bin ja keine Eule, musste ich auf Gott vertrauen, dass dies alle waren.

Nun hätte ich wohl endlich schlafen können. Wären nicht die Holländer im Zelt nebenan zurückgekehrt. Ein junges Paar.
Klar, irgendwie wartete man auf die Geräuschkulisse, ist dann doch etwas peinlich berührt, als sie loslegten. Ich weiss nicht ob er gut war, sie hechelte ständig irgendwelche Anweisungen, leider ist mein niederländischer Wortschatz reichlich beschränkt – in diesem Bereich überhaupt nicht vorhanden – aber sie kamen dann doch zum Abschluss. Erst sie – meinte gar zweimal – dann er.

Gute Nacht

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Ich bin wieder hier

Seid ihr glückliche Heimkehrer?

Es gäbe ja Leute welche sagen, es sei schön wieder zuhause zu sein.
Nun ja, da zähle ich wohl eher zu den deprimierten Heimkehrern. Es wartet ja niemand hier. Und nichts.
Beinahe nichts.
Zum Beispiel scheint die Sonne, was schon einmal ein Unterschied zu meinem Ausland-Aufenthalt bedeutet. Ihr kennt mich, kein Grund zum frohlocken. Ich höre schon mein Arbeitsumfeld; “Hast du schöne Ferien gehabt? Es schien ja die Sonne!” (Präteritum von scheinen klingt einfach doof)
Ob der Hamster oder die Schwiegermutter stirbt, solange die Sonne scheint ist für den Otto-Normal-Menschen alles in Ordnung. Und Ferien sind wunderschön, solange nur die Sonne scheint.

Natürlich die Arbeit, Gott segne sie, die wartet und meine Gedanken drehen sich zu 78,3 Prozent schon wieder darum.
Auch ein gefüllter Briefkastet wartet auf. Ah ja, die Firma BILLAG. Für die deutschen Leser, dies ist die schweizerische GEZ.
Ein Erinnerungsschreiben, das erste Schreiben wurde vor zwei Wochen von den fleissigen Schülern im Dorf der fachgerechten Altpapierwiederverwertung zugeführt, ich möchte doch nochmals nachsehen ob ich wirklich kein Radio- und / oder Fernsehgerät besitze. Zudem möge ich bedenken – mit Nachdruck – dass ein Internetanschluss – irgendwie – auch ein Radio- und / oder Fernsehgerät sei, was mich dazu verpflichte Gebühren zu entrichten. Dies ist natürlich verzwickt, ich hoffe, dass das Verkehrsamt bei sintflutartigen Regenfällen nicht zur Annahme gelangt, dass mein Auto irgendwie ein Schiff sei und / oder ich beim nächsten Autosprung in ein Rapsfeld eine Flugsteuer zu entrichten hätte.

Die BILLAG liess mich über Jahre in Ruhe.
Seit jedoch mein Internetanschluss bei Swisscom gemeldet ist und Internetanschlüsse seit neustem – irgendwie – auch Radio- und Fernsehgeräte sind, wurde Big Brother auf mich aufmerksam. Die BILLAG ist letztendlich eine Tochterfirma der Swisscom und nur ganz kurzsichtige Lästermäuler und Geheimniskrämer leben den Trugschluss, dass Menschen – oder eben Firmen – nicht miteinander reden.
Leider wird dieser Punkt wohl an die Gebührenfirma gehen. Einmal Blut geleckt ist es nicht von der Hand zu weisen, dass plötzlich ein breitschultriger Eintreiber vor der Tür steht; Die BILLAG blickt, nicht ohne Stolz, auf 1.3 Millionen jährliche Mahnungen und 60’000 Betreibungen zurück. Und dies wird dann richtig teuer; Schwarz hören und sehen, unabhängig von der Hautfarbe, wird mit 5000 Bucks bestraft.

Ich gedenke, zähneknirschend und widerstrebend, ein Radiogerät zu melden.

Natürlich hat eine Rückkehr in die Schweiz auch ihr Gutes. So kann man mit einem 100-Franken-Schein bezahlen, ohne dass die Verkäuferin missmutig mit den Augen rollt oder gar die Annahme verweigert, wie dies in Holland nicht unüblich ist. Bereits bei 50 Euro wird der Schein unter Aufsicht von zwei Sicherheitsleuten zu einem Prüfgerät geführt und unter UV-Licht, wie auch mit diversen hexerischen Tinkturen geprüft, ob dies ein staatlich anerkannter Schein sei, oder ob ich zuhause mit dem Farbdrucker gespielt hätte. Doch was will man machen, der Geld-Automat spuckt nunmal keine 10-Cent-Stücke aus.
Den Hundert-Franken-Schein braucht man in der Schweiz auch, bemerkte ich heute schnell, als für ein paar Lebensmittel ordentlich Schotter den Besitzer wechselte.
Nichts desto trotz, liess ich die ersten in der Schweiz bezogenen Bucks im Automaten stecken. Bemerkte ich erst, als ein jüngerer Mann wild gestikulierend zu Fuss meinem Auto nachsetzte.
In Gedanken wohl noch nicht in der Zivilisation stand ich am Automaten, schob die Karte rein, tippte – natürlich dank der Abschirmung des Tastenfelds mit der anderen Hand blindlings – den PIN zweimal falsch, ignorierend der Skimming-Prophylaxe nutzte ich den letzten Versuch und tippte den PIN so konzentriert, dass auch der dümmste Nigerianer auf der Kameraaufzeichnung den Fingern folgen konnte und gelangte tatsächlich zum nächsten Menu.
Tippte den Betrag, ok, nein kein Beleg, drückte ok, entnahm die Karte und trollte mich. Bis mir eben der Mann nachsetzte, ob ich mein Geld mitgenommen hätte.
Hmmm… ich weiss es nicht….
Er wollte es gerade rausziehen, aber der Automat war ein Tick schneller. Ein Schelm wer Böses denkt, aber vielleicht mein Glück.
Also rein in die Bank und nachfragen, wo mein Geld sein. Die nette Dame wollte meine Karte, Schuhgrösse und Unterhosenmarke wissen, klickte wild am PC, schüttelte den Kopf, klickte, nickte, tippte, zuckte mit den Schultern…
Wie viel es war.
Jawohl, sie sehe es. Dieser Betrag wurde mir wieder gutgeschrieben, könne jedoch ein paar Tage dauern, ich müsse es beobachten.
Ich bedankte mich herzlich, trabte nach draussen und zog nochmals den Betrag.

Willkommen zurück.
Natürlich – weiss doch, dass ihr wartet – werden die Tage, ihr müsst es beobachten, meine Ferienerlebnisse aufgemalt und niedergeschrieben.

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1. Juli, Saint-Leu-d’Esserent

Natürlich benötigte ich ein neues Zelt.
Normal.

Da der diesjährige Ausflug mehr auf Reisen, denn auf Verweilen ausgelegt war machte ein Salewa-Trekking das Rennen. Ein Micra II, für eine Person oder zwei die sich gerne haben, und glaubt mir, der Name ist Programm.

Ich will nicht sagen, dass es klein war, aber mit gutem Willen hätte ich es als ganzes, aufgebaut und in voller Pracht im Handschuhfach verstauen können. Alternativ gefaltet auch als Einstecktuch zu tragen. Es war ja nicht micra, aber wollte ich mich am Po kratzen, musste ich zwei Reissverschlüsse öffnen und das Zelt kurz verlassen.
Mein Zelt war also in etwa dreimal kleiner als die üblicherweise gekauften, dafür jedoch auch drei mal teurer. Aber wir wollen es nicht zerpflücken, es war eine feine Sache, ihr werdet mir im Verlauf der Geschichte beipflichten.
Die Anschaffung eines kleineren Zeltes zog natürlich weitere Investitionen mit sich. Eine kleinere, selbstaufblasbare Matte, ein neuer Rucksack, neues Kochgeschirr, weitere Gaspatronen, eine Umhängetasche… Spätestens bei den neuen Sommerreifen musste ich wohl eingestehen, dass nicht alles dem neuen Zelt zuzuschieben war, aber was muss, das muss eben.
Alles hübsch verpackt, der Gedanke war eigentlich – ganz dem Vorbild meines Bruders folgend – alles im und am neuen Salewa-Rucksack zu verstauen, respektive befestigen. Aber wozu einen Kombi fahren, wenn man sowieso zu 90 Prozent der Gebrauchszeit nur den Fahrersitz und die kleine, linke Ecke des Kofferraums nutzt. Also errichtete ich eine Art Mat-Mag im Wagen und sieh an, ich schaffte es – nicht nur dank des mitgeführten Campingstuhls – den Wagen zu füllen. Es ist meine Eigenart, dass ich stets zehn Gaspatronen, dreissig Ersatzheringe, fünfzehn Kilometer Abspannschnüre und drei Sätze Ersatzbatterien für jedwelche elektronischen Geräte mitführe. Mit- und ungenutzt wieder nach Hause führe. Nicht zuletzt auch eine Unmenge an Kleidern, aber wir wollen nicht vorgreifen.
Im Gepäck drei Mini-Sandwiches, drei Liter Wasser und ein paar St.Galler-Biber rollte ich also morgens um fünf los in Richtung Saint-Leu-d’Esserent. Nein, ich kann es auch nicht aussprechen.

Mein erster Eindruck von Frankreich, eher versifft. Die Autobahn-Klos unterscheiden sich nicht von den Deutschen. Nur, dass “Hommes en dessous feminin – 235 125 456″ an der Klowand ein Tick feiner klingt als “Alles kann, nichts muss, Alter egal – 455 885 666″. Bei jedem Besuch einer solchen Pinkelstation danke ich dem Herren, dass ich ein Mann bin. Nicht wegen der Angebote an der Klo-Wand, aber man kann sich in die Räumlichkeiten bewegen und erleichtern, ohne etwas mehr als mich selbst zu ber… ich meine; Man muss keine Klinken, Wände oder Klobrillen anfassen und die kontaminierten Schuhsohlen reinigt man durch Schlurfen im nassen Gras.
Die Autobahn war praktisch leer und ich kam ganz hübsch voran. Unterbrochen nur von den – aus Sicht des Touristen – wahl und planlos platzierten Mautstellen. Die Erste war unbesetzt, ich fuhr an die Schranke, zog ein Ticket und zuckelte weiter. An der zweiten, ähnlich der Coop-Kassenzeile um fünf-vor-zwölf, standen zehn Kassenhäuschen zur Abzocke bereit, davon waren drei geöffnet. Ich fuhr an das Erste, hinter mir platzierte sich auch gleich ein Wohnmobilziehender Franzose. Vor meinem linken Fenster türmte sich ein gelber Schrank, jede Menge Schlitze und französisch betitelte Knöpfe; Ich war leicht überfordert. Zaghaft klopfe ich, tippe, drücke, bis aus einem Lautsprecher ein ” ‘allo?” erklingt. Mince alors, ich spreche ja schon französisch. So ich mir fünf Minuten einen Satz zusammenschustern kann. Solange wollte die Krächzstimme nicht warten, verstanden hätte ich sie auch nicht, aufgrund der Buh-Rufe das Wohnmobilziehenden Automobilisten. Gewiss sagte er nicht Buh, aber in meinen Ohren klang es wie das Gebrabbel einer Diskussionssendung auf Arte, Donnerstag Abend um 0.34 Uhr.
Seinen wilden Gesten entnahm ich, dass es hier eine Schranke für Bürger, mit entsprechenden Karten, und eine Schranke für Touristen, mit entsprechendem Kleingeld, gab.
Etwas umständlicher als notwendig – aufgrund der frühen Stunde war hinter ihm ein gewiss tausend Quadratmeter freier Platz zum manövrieren vorhanden – setzte er seinen Wohnwagen Marke Comtesse unter heftigem Gefluche – und es klingt wirklich als ob man sich den Po mit Seide abwischt – zurück.
Ich setzte ebenfalls zurück, wechselte zur nächsten freien Schranke und konnte das Ticket entwerten. Da ich irgendwann aufgehört habe zu rechnen, kann ich nicht mehr sagen, was ich löhnte, aber bis ich in Saint-Leu-etc. eintraf, waren lustig schon 60 Euro futsch. Ich würde sagen für nichts, aber ich will nicht vorgreifen.

Parlez vous allemand?
Jupp, hatte Glück, beim ersten Platz welchen ich über dubiose Zufahrtsstrassen in einer Kiesgrube erreichte, konnte ich auf deutsch buchen.
Nur eine Nacht? Aber es ist sehr schön hier, sprachs und klatschte mir einen leicht zerfledderten Prospekt vors Gesicht.
‘ier, dreissig Minuten bis Paris (eiskalt gelogen), dieses Schloss, jenes Schloss  und dieser Park sowie jene Abtei. Alles sehr sehr schön!
Ja, trotzdem, ich sei auf der Durchreise.
Aber, nur 20 Minuten bis in den Asterixpark!
Ob er irgendwelche Kinder an meiner Hand sähe?
Auch für Erwachsene… bon bon bon, sprachs und schmiss den Katalog in eine Ecke.
Nicht sonderlich erbost, sein ganzes Büro wirkte so, als würde er jegliche Dokumente mit viel Schwung ablegen.
Ich löhnte den Betrag, die sanitären Anlagen seien direkt unten, ich könne mir einen Platz aussuchen, nur nicht ‘ier, ‘ier, ‘ier auch nicht und dort ebenfalls nicht.

Während ich mich so umguckte, rückte der Film Hostel aus der Erinnerung ganz nach vorne und zog eine leichte Gänsehaut mit sich.

Einen Shop gab es nicht, es war Sonntag und ich hatte Hunger. Bei der Fütterung der Mastschweine auf der Autobahn wollte ich nicht anstehen.

Muss Spass machen, so zu reisen und mit labberigen Sandwichs und lauer Cola aus Pappbechern verköstigt zu werden.

Also bewegte ich mich ins Dorf. Ganz hübsch, französische Dörfchen gefallen mir sehr. Direkt dem Etudes-Francaises entsprungen.

Die Sek-Schüler meines Jahrgangs mögen sich noch entsinnen. Rustikal Verfallend trifft rustikale Moderne, sehr hübsch. Weniger angenehm fand ich die krassen Gangster-Gruppen.
Ich möchte mich nicht als sonderlich ängstlicher Mensch bezeichnen. Aber wenn ich schlendere, in meinen Meindl-Trekking-Schuhen, den Touri-Shorts und einer touristisch anmutenden Umhängetasche, mich irgendwo in einer der unzähligen Seitengasse verlaufen habe und plötzlich eine Reihe von fünfzehn Halberwachsene auf mich zusteuert, die Hosen in der Kniekehle, die Mützen schräg auf dem Kopf, Kapuzen darüber, die Hände in den Taschen und den Touristen musternd wie einen bereits halb geöffneten Bankomat mit defektem Schloss; Da fühlt man sich als Fremder, welcher sich nicht einmal vernünftig verständigen kann etwas fehl am Platz.
Im Prinzip kann man nichts anderes machen, als mindestens so grossspurig – die Hosen liess ich dann doch oben – und ebenfalls den Händen in den Taschen mitten in die Gruppe hinein zu gehen. Zwei leichte Schulter-Schubser links und rechts und da war ich auch schon durch. Sogar die Umhängetasche hatte ich noch.

Vom Hunger getrieben fand ich eine Boulangerie.

Jupp, die Sonne scheint. Weit und breit kein Strand, logisch scheint die Sonne.

Un (oder heisst es une?) Baguette s’il vous plait.
Vous voulez…
Und dann begann sie etwa 20 Baguette beim Namen zu nennen. Ich hätte gerne mit dem Finger gezeigt, aber alle steckten in einer Art Schirmständer hinter dem Tresen, dies wäre ein längeres Prozedere geworden.
Rustico verstand ich als einziges und als hätte ich genau dieses gesucht, sprach ich es im Brustton der Überzeugung aus.

Mit einem halben Meter Baguette aus der Umhängetasche guckend, wandelte ich zurück zum Camping. Mehr Nahrung fand ich nicht, aber Kaffee hatte ich dabei. Instant. Uncool ich weiss, aber ich hatte den klassischen Camping-Kaffee-Kocher versucht. Ist lecker, ist stylisch, aber 30 Minuten Abwasch steht in keinem Verhältnis zu einer Tasse Kaffee. Also rühre ich Nescafe in heisses Wasser ein.
An alle Bear-Grylls-Anhänger; Vergisst die Sache mit der blechernen Tasse. Die mag in der Armee, wo die Getränke bestenfalls lauwarm sind, bestens funktionieren. Im normalen Einsatz verbrühst du dir noch die Lippen an dem heissen Blech, während das Getränk bereits eiskalt ist.
Da musste ich durch, eine heisse Tasse würde noch das kleinste Problem sein.

Der Platz selber war toll. Gut, der Boden ein wenig steinig und die Büsche etwas Zeckenlastig, die sanitären Anlagen etwas weit weg, was aber angesichts der vielen Büsche – ihr versteht – ein kleineres Problem war; Alles in allem ein feiner Platz!

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Geschützt: Ich bin ein Arschloch, aber das konnte ja keiner ahnen

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Neulich im Athleticum oder, die Geister meiner Kindheit

Heute wurde mir wieder einmal klar, weswegen ich keine Nachkommen habe.

Natürlich, ein elementares Zubehör wäre natürlich eine angemessene Vertreterin des weiblichen Geschlechts – soviel ist aus Herrn Niederöst’s Biologie-Unterricht hängen geblieben – aber die könnte man notfalls, wenn es nun wirklich und unbedingt sein müsste, auch aus dem Osten importieren. Vielleicht auf russenschlampen.de gerade im Angebot, wer weiss das schon.

Ein wirklich triftiger Grund ist das Geld und die mit Familie verbundene Verantwortung. Obwohl ich in Sachen abgeschobener Verantwortung laufend intensivst geschult werde, scheint mir dieser Schuh noch eine Nummer zu gross. Letztendlich begründet meine Motivation täglich zur Arbeit zu erscheinen darin, dass ich die Möglichkeit habe, anderntags zum Chef zu gehen und mitzuteilen; Ich glaube wir lassen das, hat irgendwie keine Perspektive für mich. Und natürlich, eine Medaille hat immer zwei Seiten, wenn der Chef eines Tages zu mir kommt; Ich glaube wie lassen das, es zahlt sich einfach nicht aus, bin ich nicht existenziell bedroht, ich lebe in der nicht unbegründeten Meinung, so ich nur für mich sorgen muss, werde ich nie den Hungertod erleiden und eine Obdachlosigkeit wäre freiwillig gewählt.

Stehe ich also im Athleticum vor dem Campingzubehör – da gibt es stets tausend Artikel welche kein Mensch braucht, aber in mir das Gefühl wecken, genau dieses Teil ist unentbehrlich – während am Regal nebenan die klassische Familie steht. Zwei Kinder – Knabe und die jüngere Schwester, klassisch eben -höchstens eben letzten Sommer eingeschult worden, der dazugehörige, meines Erachtens schon etwas gesetztere, Papa und eine Mutter welche… na ja, eine Frau eben, wie ich sie mit einem Wink des kleinen Fingers auch noch kriegen könnte.
Der Junior brauchte einen Rucksack und er hatte genaue Vorstellung davon, wie er auszusehen hat. Tausend Riemen und Schnallen, für den Laien ohne Sinn und Zweck, dunkler Farbe, mit vielen Taschen, ein Rucksack für Männer halt, ausgewählt nach den Massstäben, wie ich sie mir auch gesetzt hätte.
Die Mutter hielt sich derweil im Hintergrund, zupfte alle zwanzig Sekunden einen ihrer 5 BH/Top/Shirt-Träger vom schlaffen Oberarm zurück auf die fleischige Schulter, und überliess dem Papa das Feld. Wenn er schon einmal zum shoppen kommt und ein Rucksack kaufen ist nun wirklich eine Familiensache bei welcher am Besten der Papa entscheidet.
Dieser hatte ebenfalls konkrete Vorstellungen, wie ein Rucksack beschaffen sein soll. Sie waren etwas einfacher, liessen sich eigentlich auf 25 mal 45 Millimeter festeres Papier beschränken. Das Preisschild.
Um dennoch den Schein zu wahren der Junge hätte auch nur den Hauch einer Chance auf seinen Rucksack, nachdem er den vom Junior ausgewählten Artikel – meines Erachtens eine ausgezeichnete Wahl – wieder zurück und eine Stange höher gehängt hatte, liess er selbigen mit allerlei an Tragriemen befestigten Beuteln Parade spazieren. Leicht zurückgelehnt, mit Faust vor dem Mund und in Furchen gelegter Stirn, studierte er die Bewegungen seines Sprösslings. Der herbei geeilte Verkäufer wurde sofort wieder des Geländes verwiesen, die Betreuung der Frucht seiner Lenden oblag ganz dem Samenspender.
Ein Rucksack müsse richtig auf den Schultern sitzen, teilte er mit der Überzeugung des Fachmannes der Gattin mit, während der Junge gerade vorbei stolzierte, den mit Zeitungen gestopften Rucksack irgendwo auf dem Hinterteil tragend. So sähe dies nicht schlecht aus, meinte der Papa, woher er seine Skills in Sachen Rucksack tragen hat konnte ich mir nicht erklären; Die fleischigen Waden, das Hüftgold und der Bauchansatz liessen nicht auf jahrelange Trekking-Erfahrungen schliessen und das North-Face-Hemd riss den Karren auch nicht aus dem Dreck.

Dann kam der Satz, welcher den Jungen nachhaltig traumatisieren würde. Eigentlich zwei Sätze, einer etwas heftiger.
Wir müssen darauf achten, dass wir nicht gleich nächstes Jahr einen Neuen brauchen. Der Papa sprach nicht etwa eine excellente Verarbeitung an, nein, der Rucksack musste zu gross sein. Und genau eine Idee mehr, dass er nicht mehr als ‘cool gross’ wirkte, sondern einfach zu gross. Im Idealfall sprechen wir von drei Jahren hänseln in der Schule. Von ‘Haha der Rucksack ist zu gross’ zu ‘Haha der ist ja uralt’ und im dritten Jahr ‘Haha, der ist zu klein und schon sowas von uralt’.
Als wäre dies nicht genug;

Wir müssen sehen, dass auch die Schwester ihn nehmen kann.

Lasst den Satz nachwirken.
Seht den erschlagenen Jungen und wie aus ‘Toll ich kriege einen neuen Rucksack’ ein Trümmerhaufen von Träumen wird.
Sobald die Schwester involviert wurde, kam die Mutter als Interessenwahrerin ins Spiel. Plötzlich hatte dieses Teil neckische Farben, weniger Riemen, vielleicht noch ein Hello-Kitty Sticker und des Papas Eier kullern irgendwo zwischen Getränkeflaschen und Salewa-Fels-Erdnägel an mir vorbei, so er Glück hat, warten sie an der Kasse auf ihn.
Das Mass an den Jungen zu erwartenden Hänseleien auf dem Klassenausflug ist kaum zu überbieten.
Er hatte nicht direkt Tränen in den Augen, aber ein schöner Anblick war es nicht.

Und deswegen, liebe Leser, habe ich keine Kinder. Wie könnte ich meinem Jungen jährlich einen Rucksack verweigern, so der Papa selber stets dem neusten Schrott hinterher sprintet. Es wäre eine Frage der Ehre, dass mein Junge einen baugleichen, farbenidentischen und vor allem einen Marken-Rucksack besässe. Die Kiddy-Version von meinem. Und wenn er jedes Jahr einen Neuen benötigt, dann soll es so sein. Doch wenn Mami und Papi sich schwierig tun, jedem Kind einen Rucksack zu kaufen – wir reden hier von vielleicht 100 Franken oder so – dann sind es verblödete, egoistische Sparfüchse, oder die Kohle fehlt wirklich. In meinem Fall gehe ich davon aus, dass die Kohle fehlen würde, und daher bin ich halt dazu verdammt ohne baugleichen, farbenidentischen Markenrucksack über baugleichen, farbenidentischen Mini-Salewa-Schuhen an meiner Seite durchs Leben zu trippeln.

Welche Bepackung das Rennen gemacht hat, kann ich nicht sagen.
Als ich mich kurz einem Artikel zuwandte – ein Beutel/Sack/Tasche, schwarz-gelb, dessen Nutzen mir völlig fremd war, ich mir jedoch ganz sicher war, sobald ich ihn nur hätte wüsste ich ihn schon einzusetzen und es würde mir ein Rätsel sein, wie ich mein Leben bisher ohne diesen Beutel/Sack/Tasche gemeistert hätte (es war Salewa aufgedruckt) – versank ich so in dessen Studium, dass es mir völlig entging, dass die Familie zu den Schuhen weitergezogen war.
Gerne wäre ich ihnen gefolgt, aber das hätte dann wohl einen merkwürdigen Eindruck erweckt.

Zu guter Letzt; Man erkennt, dass ich als Kind wohl auch den Tornister aus Grossvaters Zeiten – wir hatten nichts, es war ja Krieg – auf dem Schulausflug tragen musste und das Wort ‘Teilen’ begleitete mich durch die ganze Jugend. Weswegen ich heute wohl solch ein Egoist bin, beim Einkaufen stets zwei Dinge des selben Artikels nehme, lieber zwei Eisbecher kaufe und die Hälfte meiner Portion wegschmeisse – weil wir beide gerade nicht solchen Hunger haben – als einen mit einer Partnerin zu teilen. Da kommt man nahrungstechnisch immer zu kurz. Überkompensation nennt mein Psychiater das und mein Automechaniker stimmt dem zu.
Packt man einem Kind den poppigen ’30-Jahre Interdiscount’-Rucksack mit den herrlich einschneidenden Spaghetti-Trägern auf den Rücken – man spart Geld, weil er des Jubiläums wegen nur 9.90 kostete – schmeisst der erwachsene Junge seine Kröten für sinnlose – in den Augen des dummen Laien – Beutel raus, nur weil er ein Markenartikel ist.

Wie aus dem Lehrbuch.

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