Neulich, in der Flachleg-App

Um wirklich kompetent über eine Sache lästern zu können, muss man sich mit dieser Sache beschäftigen. Würden sich diese kleine Regel alle Menschen zu Gemüte führen, wären wir nicht nur schrecklich gebildet, es wäre auf dem Planeten wohl auch ein wenig stiller.

Wie oft habt ihr euch auf ein Vorstellungsgespräch so richtig gefreut? Konntet kaum an euch halten, den Chef in spe nicht gleich über die Palmberg-Besprechungsraum-Serie in durchaus lüsterner Absicht zu bespringen?
So ihr einer ehrbaren Tätigkeit nachgeht, wird dieses Bedürfnis wohl kaum aufgekommen sein. Obwohl sich meine HR-Verantwortliche grundsätzlich nicht zu verstecken braucht. Im Präteritum.

Die verführerische Aura eines Assessment-Center umgibt auch Portale wie das „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Single“-Portal parship. Habt ihr dies mal hochgerechnet? Im Jahr verlieben sich 47781 Menschen bei Parship. Dabei grosszügig mit einkalkuliert, dass sich Menschen auch mitten in der Tiefschlafphase spontan verlieben. Diese knapp fünfzigtausend repräsentieren 6,3 Prozent der Mitglieder. Die übrigen 700’000 sind vordergründig dafür zuständig, denn 55 Millionen-Umsatz zu stemmen.

paarshipParship ist ja die Börse für verzweifelt, aber nicht mittellos. Oder ganz fest verzweifelt, ich suche die Liebe mit einem Kleinkredit. Und weil es kostet, wird der Geschichte eine gewisse Seriösität attestiert. Obwohl sich wohl die selben Trostpreise tummeln, wie in Gratis-Applikationen, ich musste sie eben kurz googeln, ehrenwort, namens Tinder, OkCupid oder once.
Und dann ist da noch badoo. Im Volksmund die Flachleg-App.

Nachdem ich Zero von Marc Elsberg gelesen habe, habe ich aus Neugier das Ding installiert. Klar, nur aus journalistischer Neugier. Gut, hätte sich nun aus der digitalen Welt eine Traumfrau manifestiert, hätte ich ihr wohl auch nicht die wirkliche Tür vor der hübschen Nase zugeschlagen. Daher liess man sich von der App mehr vereinnahmen, als man eigentlich geplant hatte, was die fiktive Geschichte in Zero erschreckend real werden lässt.

Badoo ist gratis. Also der Download. Möchte man mehr als Pixelhaufen mit der sexuellen Ausstrahlung eines Tellers Spinat sehen, muss man sich Punkte kaufen. In Paketen zu mehreren hundert Stück geschnürt.
Was nichts kostet ist ja auch nichts wert.
Damit man nie unter einem Punktenotstand leidet und vielleicht die grosse Liebe verpasst, schliesst man beim Kauf gleich ein Abonnement ab. Dies geht völlig unkompliziert, ganz im Hintergrund, ihr werdet eigentlich gar nicht gross mit dieser Tatsache belastet. Dies übernimmt die iTunes-Rechnung zum letzten des Monats.
Wer nicht von Natur aus Unternehmen, welche kostenlos zum Kundenwohl arbeiten, mit einem gesunden Misstrauen gegenüber tritt, kann hier sein Lehrgeld zahlen. Wöchentlich oder monatlich, ganz wie es ihm beliebt.

Als nächstes muss man sein Bewerbungsschreiben aufsetzen. Also Profil nennt sich dies. Nennen sie ihre drei herausragendsten positiven Eigenschaften.
Mitmenschen einfacheren Gemüts arbeiten diesen Punkt flott durch. Sie lichten ihren BWM, ihre Dolce-Gabana-Jeans, sowie das Six-Pack oder ihr Gemächt ab. Und wenn sie letzteres nicht als Profilbild erkoren haben, stellen sie es nach der dritten Nachricht ungefragt zu, wurde mir mitgeteilt. Nun, eine gesunde Einstellung zum eigenen Körper muss ja nicht per se ein schlechtes Merkmal sein.

Ich wählte drei oder vier Fotos, welche gerade so im Smartphone-Speicher lagen. Hätte ich mal ein Bild in Jogging-Hose auf dem Sofa gewählt, aber ich gewichtete den Aspekt des seriösen Auftritts viel zu hoch. Es ist ja ein Werben und ich wollte den verdammten Job.
Anschliessend wird man angehalten, sein Wesen in blumigen Worten zu beschreiben, die Hobbys kann man praktischerweise gleich aus einer Liste wählen. Jawohl, lange Spaziergänge am Strand ist verfügbar. Das Sammeln von Kaffeerahm-Deckeln hingegen nicht.
Sportlich ist sowieso jeder, vom Gigathlon-Absolventen bis zum Turnverein Passiv-Mitglied. Lesen wird auch gern als Hobby gewählt, weil das Durchwischen der 20min-App während des Stuhlganges doch irgendwie auch als Lesen gilt. Es hat diesen intellektuellen Touch, wer liest kann nicht ganz bescheuert sein. Dann reist man gerne, bestätigt es durch das Malle-Bild vom letzten Urlaub, mag Kochen, mag Kino, Hunde, Reptilien…
An und für sich ist es irrelevant. Wie beim Webdesign werden hier einfach Meta-Elemente markiert und anhand der übereinstimmenden Meta-Elemente mit anderen Usern eruiert die App das perfekte Gegenstück. Also markiert man weniger was man ist, als was der andere glauben sollte, das man sei.

Nach dem „Was bringe ich in die Konstellation“ kommt im Bewerbungsschreiben die Zeile, „Was erwarte ich von meiner neuen Herausforderung“.
Frauen wissen ganz genau was sie wollen. Also genau den Typen, welchen man auf Badoo sicher nicht findet. Dies listen sie in präzisen Worten, mit Ausrufezeichen, auf. Schränkt die Auswahl auf weltweit etwa drei Männer ein. Zwei davon hüten Schafe in Wyoming und entdecken gerade ihre Homosexualität, der andere hat kein Handy und kein badoo. Hat zur Folge, dass sie mit sechzig immer noch alleine sind, aber zumindest stets genau wussten was sie wollten.
Noch besser wissen sie, was sie NICHT wollen. Also genau den Typen, welchen man auf Badoo findet. Was sie ebenfalls akribisch niederschreiben. Perle vor die Säue geworfen, weil Typen in Badoo auf den unteren Teil des Displays geifern und den Text sowieso nie sehen. So sie ihn lesen könnten.

„Referenzen werden auf Wunsch gerne angegeben“. Sprich, du hast die Möglichkeit, dein facebook-Konto zu verlinken. Noch unsinniger ist die Option, ‚lade Freunde zu badoo ein‘. Hätte man seine facebook-Freunde nicht abgegrast oder bei allen ‚Freundinnen‘ zu landen versucht, bräuchte man wohl kaum ein badoo-Zugang. Zudem werden solche Portale doch immer noch hinter vorgehaltener Hand benutzt, man verlinkt sich also nicht direkt mit seinem offiziellen Webauftritt.
Man hat keine Zeit den Seelenpartner zu finden, es ist schwierig in der Region und vielleicht hat der perfekte Seelenparter eben auch keine Zeit… Die Ausreden sind vielfältig, auf den Punkt gebracht; Es ist die schiere, nackte Verzweiflung. Die Panik, Weihnachten, Ostern und den Lebensabend überhaupt alleine zu verbringen. Macht man sich nichts vor.

Rollenwechsel. Man sitzt nun in der HR-Abteilung und prüft die Bewerbungen.
Spricht, badoo füllt einem das Display mit Bildern und du als HR-Fachperson liest die Profile genau durch. Mit einem hoffnungsvollen Druck auf das Herz oder einem verächtlichen Wisch über das Kreuz bleibt der Bewerber, die Bewerberin, im Rennen.
HR-Fachmänner gehen da speditiv zu Werke. Hacken mit dem Tempo eines fröhlichen Buntspechtes auf die Herzen und arbeiten in zwei Minuten 150 Profile ab. Bis die Meldung kommt, um noch mehr sehnsüchtig wartende Frauen zu sehen, muss man sein Punktekonto füllen.
Frauen gehen ähnlich vor, nur nicht ganz so schnell und hacken auf das Kreuz. Weil Männer ja sowieso nur das eine wollen oder die Haarsträhne über dem linken Auge eben überhaupt nicht in das Anforderungsprofil passt. Was nimmt sich der Typ überhaupt aus, auf ihrem Bildschirm zu erscheinen, Schafseckel der Verdammte.

Nun kann es vorkommen, dass sich zwei im liebestollen Wahn, von Sehnsucht zerfressen oder einfach im Vollsuff verklicken und tatsächlich ein sogenannter Match zustande kommt. Beide haben die Herzen geklickt.
Achtzig Prozent der Männer disqualifizieren sich gleich selbst, weil sie den Match irgendwie fehl interpretieren. Im brünstigen Treiben lassen sie ihr Geschlechtsteil im Kreis schlenkern und stellen ein Foto desselbigen der Dame zu. Wurde mir so mitgeteilt, habe ja schliesslich recherchiert.

Fünfzehn weitere Prozent scheitern an der Hypothek, dass Männer a) notorische Fremdgänger sind, b) einen abartigen Fetisch pflegen oder c) nur das eine wollen. Weshalb Frauen gar nicht erst antworten.

Bleibt noch vier Prozent, welche ganz in Ordnung wären, jedoch in der Flut der digitalen Post untergehen, weil sie vielleicht die ersten drei Buchstaben der Nachricht unglücklich gewählt haben.

Dann bleibt noch der eine unter hundert, welcher zum Beispiel gestern mit einer dieser umworbenen Frauen über den Weihnachtsmarkt von Konstanz schlenderte.
Dieser eine, welcher der absolute Supertreffer wäre, würde er diesem Badoo-Konzept nur ein wenig offener gegenüber stehen.

Der einzige Vorteil gegenüber einem üblichen Vorstellungsgespräch liegt darin, man kann sich ganz offiziell mit einer, zwei, drei Tassen Glühwein die Nervosität in die Blase spülen und wirkt dabei erst noch lustig und gelöst.

Davon abgesehen bleibt es ein Vorstellungsgespräch mit all seinen grausigen Aspekten. Man versucht den Lügen im Bewerbungsschreiben irgendwie gerecht zu werden. Selber schuld, brauchst ja nicht zu lügen. Habt ihr schon recht, aber der Köder muss ja dem Fisch und nicht dem Angler zu schmecken. Und wenn man schon nichts im Laden hat, soll man zumindest das Schaufenster hübsch schmücken.
5 Euro ins Phrasenschwein.

Nach gefühlten 487, durchaus schönen, Textnachrichten hat sich langsam ein Treffen abgezeichnet. Etwa fünfzig brauchte ich, um die Dame in das Etablissement eines normalen Messengers zu locken, damit ich diese unsägliche App wieder löschen konnte.
Irgendwann kam der Hinweis auf mein Profilbild. Schokoseite. Mit Wampen-Filter Level-pro. Kurz, es verzauberte, weckte Lust auf mehr.
Hätte ich mal das Jogging-Hose-Sofa-Bild genommen. Nun hiess es eben Eisen fressen. Einer Winkler-Chartoff-Produktion gleich rannte ich Meile um Meile, wuchtete Gewichte, absolvierte Sit-Ups im Akkord und riss Klimmzüge.
Der Schweiss rann, alles straffte sich und an diesem schönen Samstag Morgen stand ich vor dem Spiegel und fragte mich; Habe ich nun ein Tessinerbrot im Ganzen verschluckt? Hallo Six-Pack, alter Freund, hast dich lange versteckt.
Gut, nur mit ganz leerem Magen, wenn ich genau so stehe, das Licht von hier hereinfällt, ich die Augen ganz leicht zusammenkneife, aber hey; Mehr schafft Rocky in vierzehn Tagen auch nicht und ich bin keine 20 mehr.

Mit geschlossener Jeans, adrett hergerichtet tritt man zum Vorstellungsgespräch an.
Ein Kennenlernen ist es ja eigentlich nicht mehr.
Was bleibt nach 983 elektronischen Nachrichten und einem Bewerbungsschreiben? Nur noch dies, was man nicht sagen oder fragen wollte. Weil man gewisse Sachen einfach besser Angesicht zu Angesicht austauscht, um die Tragweite der Kunde anhand der Reaktion gleich vernünftig abschätzen zu können.
Nach harmonischem Übereinstimmen, warum man Badoo eigentlich ganz doof findet, dem Rezitieren bereits ausgetauschter Nachrichten gelangt man endlich an den Punkt „Nennen sie mir drei negative Eigenschaften“. Nicht, weil man sie wissen will, sondern weil man einfach nichts anderes mehr zu bereden hat und man noch nicht soweit ist, gemeinsam über die umstehenden Personen abzulästern. Weil dies ja doch etwas Vertrautheit oder zumindest 1,87 Promille braucht.

Das Pferd wird vom Schwanz her aufgezäumt.
Statt, dass einem eine Person ins Auge sticht, man diese nach und nach kennenlernt, wohldosiert dies oder das von sich preis gibt, die prickelnde Neugierde geniesst, Aspekte zu lieben lernt und über ander generös hinwegschaut sitzt man in einem Kino und sieht sich die Verfilmung eines Buches an, welches einem beim Lesen ganz gut gefallen hat.

Der Film muss nicht schlecht sein, aber da man alles schon kennt, hat man sich der Spannung beraubt.
So attraktiv, nett und freundlich das Gegenüber auch erscheint, es ist ein Unterschied, ob man über die Prärie jagt, die Stute im Schweisse seines Angesichts mit dem Lasso fängt oder das Tier aufgrund eines Steckbriefs beim Pferdehändler ersteht.
Und so geht einem vielleicht ein wunderbarer Mensch durch die Lappen, einfach weil man die essentielle Grundlage einer Beziehung an einen Algorithmus delegiert hat.

Für 100 Punkte. Im Monatsabonnement.

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Reine Schurwolle kunstfaserverstärkt

Das ist die neue Herbstkollektion.
Sportlich im Schnitt, gefällig in der Form; Pariser Masskonfektion.

Für gewöhnlich darf ich mich rühmen, eine ausgezeichnete Einkaufsberaterin an meiner Seite zu wissen. Heikorn reibt sich die Hände und ESPRIT eilt den guten Kartenleser aus dem Keller zu holen, wenn wir das versiffte Parkhaus Gambrinus verlassen um in die Einkaufspassage zu biegen.

Ohne meine Beraterin setze ich keinen Fuss in dieses ehrwürdige deutsche Schnäppchenparadies.
Dennoch rief die Situation nach einem Beinkleid, weil dieses von Zeit zu Zeit eben ersetzt werden muss und da meine Begleitung nicht zugegen war, begab ich mich ganz alleine in das städtische Kaufhaus. In einer kaufwilligen Euphorie, als würde ich meine Steuern entrichten.

Eine kompetente Begleitung und Beratung hat gleich mehrere Vorteile. In welche Stoffe sie einem auch einwickelt, so dümmlich man sich auch fühlt, man weiss, dass es zumindest ihr gefällt und man kann die Verantwortung hübsch abschieben.
Reklamationen bitte an die Dame zu meiner Rechten, ich bin nur ein Kleiderständer.

Yes or No. Definitv ein Nein zur Hausmarke der Manor-Gruppe. Natürlich, kombiniert man es mit einem Victory-Schuh und einer Clockhouse-Jacke kann man das schon tragen. Weil es dann einfach keine Rolle mehr spielt. Und nach drei mal waschen kann man es immer noch generös dem kleinen Jungen der Nachbarn vermachen. Nach dem fünften Waschgang verweigert jedoch gar Texaid die Annahme.
Im Grundsatz setze ich schon auf Markenartikel, nicht zuletzt, weil die Massangaben am Bund eine verlässliche Grösse sind. Die Kinder in Bangladesch arbeiten immer mit derselben Schablone. Dachte ich.

Das Logo des Hauses Levi’s ist euch geläufig? Das ‚two-horse-brand‘? Zwei Pferde, welche sich an einer Zerreissprobe der Jeans beteiligen.
Nun, im Jahre 1886 mag dies noch möglich gewesen sein. Eigentlich auch noch vor zehn Jahren. Mittlerweile würden sich die Pferde abmühen, der Stretchanteil würde über kurz oder lang dazu führen, dass die fülligen Hinterteile über dem Kleidungsstück gegeneinander klatschen.

31/32, trage ich schon einige Zeit. Meine 512 sitzt locker lässig. Quetscht keine primären Geschlechtsorgane, ich kann ein Portemonnaie einstecken ohne, dass die Kreditkarte die Rundung des Gesässes annimmt und gelange an die Hausschlüssel, ohne die Hose ausziehen zu müssen.
Also ziehe ich eine 514 mit dem selben Mass aus dem Regal und steige hinein. Schon bei den Oberschenkeln wird es prekär. Mit Gewalt kriegt man sie über selbige, hebelt sie zu und blickt in den Spiegel. Etwas zwischen Clown, Sanduhr und diesen Skihosen aus den 70ern mit den Wülsten über den Knien.
Bin ich wirklich so merkwürdig aufgebaut? Mit diesem gebärfreudigem Becken? Bin ich etwas voll in den Hüften mit kurzen Armen?
Oder liegt dies wirklich nur daran, dass die Jeans an den Oberschenkeln sitzt wie eine Sport-Leggings.

Bund passt und Beinlänge auch, also muss diese Jeans wohl so aussehen.
Also raus, eine andere geholt, da sind noch viele Nummern.
Da man nicht einfach in der Unterhose raus spazieren kann, muss man wieder in seine eigene Hose, Jacke an, Schuhe an, Anwesenheit der Utensilien wie Geldbörse & Co. überprüfen und zurück an das Regal.
Schon einfacher, wenn man eine Beratung hat, welche gleich mehrere Grössen über den Vorhang werfen kann.

Jedesmal muss ich einige Stapel Hosen zur Seite räumen um an meine Grösse zu gelangen. Natürlich zu oberst auf dem Regal.

„Chan ich ihne helfe?“, während ich mit einem Hosenbein in khaki den Schweiss von meiner Stirn tupfe.
„Nei nei, goht scho“. Kann der Dame schlecht sagen, dass sie ein ganz bescheuertes Lagersystem hat. Die Beinlänge 36 in Bodennähe, die 30 auf dem obersten Regal.
Da ist mir die Jeansarena in der AFG-Arena schon sympathischer. Nicht zuletzt, weil ich mit Du angesprochen werde und mich nicht so uralt fühle.

Wieder mit zwei Hosen in der Umkleide.
Leichtfüssig gleite ich in die Hose. Verdächtig leicht. Zupfe am Bund und stelle fest, dieser lässt sich mehrere Zentimeter dehnen. Wie auch der Stoff am Oberschenkel. Der Wade.
Wer zur Hölle zieht sowas an? Abgesehen von dem Typen in der Schaffhauser Vordergasse mit dem Vokuhila und der 70er-Schenkelbürste auf der Oberlippe. Ihr wisst wen ich meine und sonst geht eifach den 80s-Partys nach, ihr werdet ihn sehen. Oder hören. Er trägt einen grossen Schlüsselbund mit Fuchsschwanz an der Gurtschlaufe.

Verdammte androgyne Jugend, mittlerweile fürchte ich, in der Damenabteilung nach Hosen zu wühlen.
Die aufmerksamen Verkäuferinnen, kann ich helfen zum dritten, zerstreuen diesen Eindruck nicht. Würden sie einem überhaupt mitteilen, dass man sich gerade durch die High Waisted-Jeans wühlt?
In Sachen Empfängnisverhütung läuft diese Jeans mit Knopfleiste bis ans Brustbein den Croc’s den Rang ab.
Aber Frauen und Jeans ist wieder eine Sache für sich. Seit der Wrangler-Werbung ging es nur noch bergab.hosen-2Respektive; Irgendwann kam der Punkt, an welchem Frau nicht das Spiegelbild zu Rate zog sondern sich dadurch definierte, welche Grösse man noch irgendwie zu kriegt und da ist die Geschichte aus dem Ruder gelaufen.

Weiter im Text. Ehrlich, nichts gegen Punks in Röhrenjeans und Springerstiefeln, aber da muss sich doch ein normales Beinkleid finden lassen.
Bin kein Fan der 501, aber die werden wohl kaum das Urmodell mit Stretchanteil verschandelt haben. Mit Doppelfaden in der Knopflochverarbeitung.
Mittlerweile gehe ich zum fünften Mal mit zwei Paar Hosen in die Umkleide. Die passen irgendwie, doch bei der Optik muss man Abstriche machen. Die abgetragene Version scheint ausser Mode zu sein. Da gibt es schwarz, ein ganz süsses Babyblau und dann noch diese dunkle Casual-taugliche Jeans.

Drüben, bei Pepe Jeans, wäre die richtige Stufe von abgetragen zu finden, aber das ganze Spiel wieder von vorne…
Zwei Paar Jeans, zwei im Frust gekaufte Shirts und jede Menge schlechte Laune standen nun an der Bezahlstation.

Nun, dann beginne ich mit dem eintragen der Sitzfalte.
Einfach chic.

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20min schustert die Welt, wie sie ihr gefällt

Ich werde alt.
Zeigt sich in der Bereitschaft, öffentliche Medien zu korrigieren. Kombiniert mit Langweile, geht man sogar gegen 20 Minuten vor.
Also würde man einen Erwachsenen schelten, welcher Schneebälle gegen die Hausmauer wirft.

Ein wenig fühlte ich mich persönlich angegriffen. 20min schoss gegen Hobby-Autoren.
http://www.20min.ch/schweiz/news/story/21091358

Hier die Story im zusammengeschnippselten Print-Screen.

20minWer im Glashaus sitzt…
Meines Erachtens ist 20min so ziemlich die letzte Plattform, welche sich abschätzig über Textschaffende äussern sollte. Was ich so zum Ausdruck brachte.


Geschätzte Frau Wenzel, geschätzte 20-Minuten-Redaktion,

bei allen Bemühungen objektiv zu bleiben, entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn sich ausgerechnet die Pendlerfussunterlage 20-Minuten verächtlich über Freizeitautoren äussert.

Auch die Schützenhilfe der Psychologin Wenzel hebt den Artikel nicht in pulitzerverdächtige Sphären.

Unbestritten, die Welt ist voll von sogenannten Tote-Mutti-Autoren und täglich sitzt wohl ein weiterer an sein Notebook. Stellen wir dem entgegen, dass täglich mehr Menschen die Fähigkeit verlieren oder sich dem lernen derselbigen komplett verschliessen, mehr als drei Worte in einer sinnvollen Reihenfolge zu kombinieren und mit entsprechenden Satzzeichen zu versehen, sehe ich in den Hobby-Autoren eine begrüssenswerte Kompensation.

Während sich 20 Minuten gewiss eine kleine Heerschar an Lektoren leisten kann, selbigen zum eigenen Vorteil dann und wann vielleicht auch das tägliche Produkt vorlegen sollte, haben sich die brotlosen Schreiber selber mit den Regeln der Orthografie und Grammatik zu beschäftigen.

Nebst dem Fördern und Ausleben der kreativen Seite, widmen sie sich auch den Kernelementen der geschriebenen Sprache, was einem bildet, ob man dies wahrhaben will oder nicht.

Mit ihren Büchern schaden sie keiner Menschenseele, da kein Mensch gezwungen wird, ihr Werk zu lesen.
Natürlich wird es für viele eine nette Freizeitbeschäftigung bleiben, da der Markt schlichtweg übersättigt ist. Schreiben sie deswegen schlecht? Ich darf erinnern, dass einige Werke Kafka’s erst nach dessen Ableben veröffentlicht wurden und Stephen King von Selbstzweifeln geplagt seine Bücher nur zu gern von der Schreibmaschine direkt in die runde Ablage beförderte.
Sind sie deswegen schlechte Schriftsteller?

Leserzahlen sagen nur bedingt etwas über die Qualität eines Werkes aus, gerade die 20 Minuten Redaktion mag mir da in wundervoller Selbsterkenntnis beipflichten. Massgebend ist, welche Klientel man erreichen möchte, auf welchem Niveau man sich mitteilt. Nimmt man Umsatzzahlen als Indikator, wäre die Aldi-Pizza im Zweierpack für drei Franken ein Bestseller, während das Chateaubriand wie Blei im Regal liegen würde.

„Die Bestseller sind in der Regel meist der kleinste gemeinsame Nenner mit dem Massengeschmack.“
Diese Aussage stammt vom deutschen Literaturkritiker Denis Scheck.

20 Minuten prangert nun die Selbstverliebtheit von Autoren als negative Eigenschaft an. Psychologin Evelyn Wenzel nickt eifrig und fügt mangelnde Selbstkritik und Blindheit hinzu, um das Profil des abgehobenen Schreiberlings abzurunden.
Eine Zeitung, welche zu einem guten Teil vom Narzissmus der Leser lebt, wir erinnern an Serien wie „Wer hat das tollste Six-Pack“ über „Den tollsten Beach-Body“ bis hin zu Nackedeis auf der Skipiste bei der Suche nach dem „Heissesten Skihasen“, disqualifiziert sich mit einer solchen Aussage selbst. Mit Feuerwerk und Trompeten. Nicht zuletzt rührt die Popularität des Online-Angebots daher, dass ein jeder sein Halbwissen in Wissenschaft und Psychologie in die Kommentarspalte packen kann und von 15 Minuten Ruhm träumt.

„Wer ein Buch geschrieben hat,… ….geht davon aus, dass andere Menschen einen als besonders intelligent wahrnehmen.“

Sagt die Psychologin Frau Wenzel, deren Gabe, nach eigener Aussage, darin besteht, in allen Menschen das Gute zu finden und es ihnen aufzuzeigen.
Wenn die fachfraulichen Diagnosen in diesem Artikel die Inhalte ihrer lebensbejahenden Coachings wiederspiegeln, dann möchte ich ihnen, ganz unqualifiziert, nahelegen, ihr Kopfkissen die nächsten Nächte auf die Basics ihrer Marketingausbildung zu legen.

Was 20 Minuten anbelangt, erschliesst sich mir der Sinn dieses Artikels nicht ganz. Es sei denn, sie wollten gezielt der schreibenden Gilde gegen das Schienbein treten, welcher Motivation dies Tun auch immer entsprungen sein mag.
Die Quintessenz daraus ist höchstens, dass sie mit ihrer unqualifizierten, pauschalen Profilierung einem unsicheren Schreiberling die Feder aus den Fingern genommen haben.

Herzliche Gratulation.


Und was zeigte sich?
20min schustert sich die Artikel, wie sie ihnen gefallen. Experten werden hinzugezogen, deren Meinung angehört, angepasst und den Lesern verkauft. In der Hoffnung auf ein grosses Leserecho, im besten Falle einen Shitstorm.

Die Erkenntnis gewann ich aufgrund der prompten Antwort von Frau Evelyn Wenzel.


Lieber Herr ….,
ich kann Ihre Reaktion sehr gut verstehen und stimme Ihnen sogar absolut zu. 20 Minuten ist auf mich zugekommen und bat mich um ein Interview zum Thema Selbstverlag. Auch ich habe mein Buch im Selbstverlag herausgebracht und stehe dieser Möglichkeit absolut positiv gegenüber.

Der Artikel und das Interview wurde absolut anders veröffentlicht und ins Lächerliche gezogen, was definitiv nicht meine Absicht war. Meine Antworten sind ausschliesslich die im Textbereich dargestellten. Die Kommentare unter den Bildern und in der Einleitung stammen von der Redaktion und spiegeln keineswegs mein Denken wider.

Dieser Artikel hat mir tatsächlich geschadet und ich sehe keinen Nutzen darin. Ich hatte nie vor, mich ins Rampenlicht damit zu rücken. Wie gesagt, ist die Redaktion auf mich zugekommen und bat mich um ein Interview zum Thema.

Der gesamte Shitstorm auf der online Seite ist absolut verständlich, so wie das alles dargestellt ist. Ich werde mich bei der Redaktion ebenfalls melden und sie wissen lassen, dass ich mit dieser Darstellung nicht einverstanden bin. Zumal es absolut nichts mit Eigenwerbung zu tun hat.

Herzliche Grüsse
Evelyn Wenzel

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Abt. Dinge, die die Welt nicht braucht; Feminismus

9Liebe Andrea, 34, warum freust du dich nicht über die gesellschaftliche Akzeptanz für Männer mit Kinderwagen?
Des weiteren, wäre es unter Umständen denkbar, dass ein Mann sich hinsichtlich des Rangieren mit einem Kinderwagen von der Frau unterscheidet?
Kaum zu glauben, aber die Reaktionen auf „Ich bin eine selbstbewusste, stolze Frau und ich schiebe diese Karre hier nun durch, weil dies nicht nur mein verdammtes, gottgegebenes Recht, sondern mein Dienst an der Menschheit ist!!“ oder ein „Pardon, darf ich hier durch?“ können durchaus sehr individuell ausfallen.

11Liebe Daniela, 32, deine Entscheidungsfreudigkeit in Ehren. Doch geht da nicht jemand vergessen, welcher bei der Zeugung ebenfalls zugegen war? Und die Kinder, so denke doch jemand an die Kinder.
Ist dieser gelebte Egoismus ein neuer Befreiungsschlag?

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Absolut, denn auch Männer können zickig und hysterisch sein. Weil da eben ein Unterschied zu wütend besteht. Irgendwie erkenne ich dein Problem nicht, Carmen, 24.
Zudem; Gerade Frauen mögen doch die feine Abstufung. Man denke doch alleine an das Erscheinungbild. Während Männer einfach fett sind, sind Frauen vollschlank, untersetzt, eine Rubensfrau, mollig…

10Sollen nun Männer ebenfalls Schlampen genannt werden, oder möchtest Du einen Klaps auf die Schulter?
Ganz ehrlich, willst du hören „Wow, zwanzig Männer geknallt?! Echt stark, Marina, 26, du Hengst… ähm, Stute.“?
Und denke daran, als nächstes wirst du dich darüber nerven, dass eine herumhurende Frau auf Männer nicht so anziehend wirkt, wie ein Latino-Casanova auf Frauen und da kannst du bei allem Stampfen und Gezeter nichts daran ändern.

2Und wenn der Angestellte dich nicht bedient, weil er dir ein ausserordentlich handwerkliches Talent attestiert, ist er ein ignoranter Macho. Welcher dich nicht beachtet, weil du eine Frau bist, Regula, 42.
Er kann es dir einfach nicht recht machen.
Versuche es doch mit Dankbarkeit? Ich fühle mich in meiner Männlichkeit auch nicht bedroht, wenn mich die Verkäuferin bei der Dessous-Auswahl unterstützt. Oder ist dies nun ein Macho-Ding? Will der Mann der Frau seinen kranken Geschmack aufzwingen?

1Und auch sonst vergleichst du gerne Birnen mit Äpfeln. Das ist mir nun einfach zu dümmlich, Tiba, alterslos.

3Weil der Mann keinen Mutterschaftsurlaub bezieht und keinen Still-Raum verlangt?

8Ausser der Frauenquote. Weil die ist gut. Übrigens, wusste ich gar nicht, danke für die Information, Moira die Zeitlose

6Weil Feministinnen irgendwie einen an der Waffel haben und jeder gesunde Mensch ein klein wenig zurück weicht, wenn vor einem ein Transparent mit dem Wortlaut „#happy to bleed“ hoch gehalten wird.
Womit wir auch beim Beweggrund für diesen Artikel sind.

Seit kurzem bin ich Beobachter-Abonnement. Welcher seine Abos im übrigen auf sehr fragwürdige Art und Weise an den Mann bringt. Aber wo soll ich mich beschweren? Beim Beobachter?

Dieser widmete eine Doppelseite dem neuen Feminismus.
Die Frauen der Bewegung Aktivistin.ch haben eine Wut im Bauch, weil die Menstruation tabuisiert wird.
Wie bitte?
Ja, der Menstruation wird zu wenig Beachtung geschenkt. Nun, man kann sich die Probleme auch suchen.

Asche auf mein Haupt; Abgesehen von gelegentlichem ‚Uff, Glück gehabt‘ zollte ich der monatlichen Blutung der Frau keinen weiteren Respekt. obMänner meiner Generation lernten im Werbefernsehen, dass die Menstruation diskret erfolgt und vom Umfeld nicht wahrgenommen wird, weil der Frau dies so am liebsten wäre. Auch heute dominieren Schlagworte wie ‚geruchlos‘ und ‚Gel statt flüssig‘ die Werbetexte für weibliche Hygieneprodukte, was mich zum Schluss kommen lässt, dass dies auch der modernen Frau am Herzen liegt.

Damit die Welt der Stadtzürcher von dieser Schamhaftigkeit befreit wird, wollen die Damen hunderttausend Liter Brunnenwasser rot einfärben.
Liebe Damen, geht in den Turnverein, zum Yoga, bildet eine Gossip-Gruppe oder knüpft Makramee-Eulen; Macht einfach etwas sinnvolles. Irgendwas. Aber kippt keine Farbe in Wasser, dies ist einfach nur bescheuert. Wo soll dies überhaupt hinführen? Du menstruierst? Wow, stark!

Ich bin nicht per se dagegen, dass sich Frauen bisweilen stark machen. Mehr noch, Alice Schwarzer ist eine sympathische Frau und fesselnde Rednerin. Vielleicht einfach, weil sie auch etwas zu sagen hat und nicht das erwachsene Ebenbild eines kleinen, trötzelnden Kindes darstellt.
So haben die heutigen Feministinnen mit dieser Dame nichts mehr gemein und schiessen einfach über das Ziel hinaus.

Sexismus. Diese Sau wird von der Schweizer Boulevardzeitung mit den grossen Buchstaben momentan durch das Dorf getrieben. Rauf und runter.

Ich möchte eine kleine Geschichte erzählen.
In meinem Betrieb wurde unlängst der Warenaufzug sanierte. Weil er nach mehreren Jahrzehnten wohl tagtäglich seinen Dienst verrichtete, jedoch nicht mehr den Normen entsprach. Seit dieser Sanierung hat er wohl alle notwendigen Beglaubigungen und Zertifikate, fährt jedoch nur noch nach Lust und Laune.
Ruft ein Mitarbeiter beim Hausdienst an, erscheint ein Techniker. Irgendwann zwischen übermorgen und Weihnachten.
Wählt eine Mitarbeiterin diese Nummer, steht der Hauswart in der Tür, kaum hat sie den Hörer aufgelegt. Irgendwie auch Sexismus, oder nicht? Da es jedoch allen Beteiligten zum Vorteil gereicht, ist es ein lieber Sexismus. Sähe die Bewegung Aktivistin.ch gewiss anders, aber wir wollen letztendlich im Rahmen der Effizienz einfach den Lift nutzen.

Würde der Fall nun anders liegen, müsste ich beim Personalbüro vorsprechen. Ich fühle mich diskriminiert. Nur weil ich keine Brüste habe, ignoriert der Hausdienst mein Anliegen.
Der Personalbeauftragte würde mich wohl auslachen und zurück an die Arbeit senden. Nur weil ich ein Mann bin. Eine Frau würde da ernstgenommen, weil man es sich als Arbeitgeber einfach nicht leisten kann, diesen Vorwurf zu ignorieren. Gerade wegen der Boulevardzeitung mit den grossen Buchstaben.

Nun müsste ich einen Schritt weitergehen, weil meinem Anliegen nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird. Zum Beispiel den Arbeitgeber wegen Diskriminierung anzeigen. Und wenn ich gleich dabei bin, hänge ich noch eine sexuelle Belästigung an. Weil er mir auf die Brust gestarrt hat, als ich dies mit den Brüsten erwähnte. Soll der mal beweisen, dass er mich nicht belästigt hat. Ich muss gar nichts beweisen, meine Aussage und die diagnostizierten Angstzustände reichen aus.

Also irgendwie bringt einem dies nicht weiter. Man erreicht höchstens, dass der Arbeitgeber sich drei mal überlegt, ob er sich das Damoklesschwert über das Haupt hängen will und Frauen einstellt.
Unterm Strich hat keiner gewonnen.

Und so sehe ich den modernen Feminismus. Protestieren um des Protestes willen.
Wenn es dem Esel zu wohl wird, begibt er sich aufs Glatteis.

Abgesehen von der Lohnungleichheit – da besteht Handlungsbedarf, keine Frage – gehen den Frauen die Themen aus. Weil es ihnen einfach gut geht.
Das Rentenalter ist nicht angegelichen worden, die Wehrdienstpflicht kommt auch nicht und weibliche Geschlechtsorgane sind ein legitimes Mittel um Wählerstimmen zu fangen.

Und deswegen färben sie Brunnenwasser rot, oder verleihen den „Goldenen Tampon“ weil 20 Minuten einen Technikbericht mit „Diese Gadgets will Mann haben“ titelt.

 

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Heute schon gelaufen?

Praktiziert ihr eine Form der körperlichen Ertüchtigung, geschätzte Leser? Selbstverständlich, eine Frage rein rhetorischer Natur. Das Ausüben einer Sportart zählt heute zum guten Ton.
Auch wer den ganzen Tag schaufelt, mauert und zimmert, sollte zumindest im Besitz eines Fitnessabonnements sein. Die sportliche Leidenschaft gehört zum Menschen wie eine moderne Form der Essstörung. Lebt man nun vegan, glutenabstinent oder ist im mindesten Vegetarier. Mit einer Laktoseintoleranz beeindruckt man niemanden mehr, wer diese nicht drei Tage nach dem Abstillen entwickelt hat, sollte pfleglichst einen Arzt aufsuchen.

Die Krankenkassen unterstützen die Selbstkasteiung auf Technogym-Tretmühlen neben Hammer Heavy-Weight-Hantelscheiben mit Beiträgen an das Abonnement. Mit dem Abschluss einer Zusatzversicherung für lächerliche fünfhundert Franken pro Quartal, stecken sie dir verschwörerisch zweihundert Franken für Begleichung der Jahresrechnung des Foltertempels zu. Dafür erhält man auch zwei Scheffel Globoly und eine Beratung bei der traditionellen chinesischen Medizin vergütet.

Kürzlich, zumindest hinsichtlich meiner Blogbeiträge, kreiste der Pleitegeier über meinem Fitnesscenter. Im Sturzflug stiess er hernieder, aus grosser Höhe. So hoch, dass noch nicht einmal der Besitzer ihn kommen sah und mir prompt drei Wochen vor dem Tag X noch ein neues Jahresabonnement verkaufte. Mit so viel Rabatt in Form von geschenkten Zusatzmonaten, dass ich gewiss noch fünf Nächte schlecht schlief und meine Knausrigkeit im Verdacht hatte, dem guten Herr das Genick gebrochen zu haben.
Nun, von einem Tag auf den anderen stand ich vor geschlossenen Türen.

Natürlich musste der Schock erst überwunden werden. Einen guten Monat, bis zwei, frönte ich dem Vernichten von Chips und Bier. Ich hätte es ja abtrainiert, wenn ich nur gekonnt hätte. Es war nun wirklich nicht meine Schuld und die regionalen Brauereien wie den Kartoffelröster in Spreitenbach mit in die Misere zu reissen, schien mir auch nicht in Ordnung.

Da ich ungern Hosen kaufe, begann ich wieder mit dem Laufen. Das Laufen ist an sich eine dankbare Sportart. In erster Linie ist es eine Sofortbekämpfung des schlechten Gewissen. Natürlich kann man nach einer Familienpackung M&Ms auch auf die Yogamatte und Sit-Ups machen. Aber bei jedem hochziehen rollt die Fettschürze übers Gemächt und präsentiert unbarmherzig, dass diese Butter auf dem Brötchen mit drei-einhalb Sit-Ups nicht davon schmilzt. Zudem beinhaltet die anleitende App noch abenteurliche Aufgaben wie Korkenzieher, bei welcher man die Beine in die Luft reckt, was mir den Blick auf den Fernseher verwehrt. Ebenso wie der Russische-Twist. Klingt wie Wodka trinken und klatschend im Kreis hüpfen, ist letztendlich jedoch nur eine in halbsitzender Stellung ausgeführt Rotationsübung. Geht auf den Steiss und will man Augenkontakt zum Fernseher halten in die Wirbelsäule.
Mit derselben Problematik kämpft man bei Liegestützen, hier knallt es einem einfach in den Nacken.

Nein, das Laufen ist gut, man ist an der frischen Luft und fern von visuellen Unterhaltungsgeräten. Eine gewisse Zeit versuchte ich es mit Kopfhörern und einem Musikabspielgerät in der Tasche, bis mich der 90’s Eurodance-Mix nahe an einen Herzstillstand trieb, als meine Füsse mit DJ Bobo’s einhundertvierzig Beats pro Minute mitzuhalten versuchten.

Nun lausche ich wieder der Natur und den lauten Rufen „Er will nur spielen!“.
Vielleicht wollen auch Spei-Kobras nur spielen und Haie würden sagen „Du bist!“ wenn sie unter Wasser sprechen könnten und nicht die Hälfte eurer Hüfte im Mund hätten, die Krux ist, Hunde und Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen von spielen. Oder zumindest Jogger und Hunde. Dies beweist spätestens der zehn-Zentimeter-Durchmesser-Ast, welchen Fifi soeben vor seinem Herrchen spielerisch durchbeisst, bevor er angestachtelt seinen Blick auf meine Waden richtet.
Wölfe soll man anschreien und beherzt einen Schritt auf sie zu gehen. Diese könnte man gewiss bei Rex trainieren, welcher vor Spielfreude mit Schaum vor dem Mund und triefenden Lefzen auf mich zustürmt. Bin jedesmal ein wenig gehemmt. Zudem, schreie einmal, wenn der Körper jedes Quentchen Luft braucht, welches die Raucherlunge einzusaugen vermag.

Bevor man aber überhaupt soweit ist, steht einiges an Vorbereitung an.
Schon einige Zeit renne ich mit einer App. Heute geht nichts mehr ohne App. Natürlich um über meine persönlichen Leistungen akribisch Buch zu führen. Gerade, weil mich alle Welt als den Sportenthusiasten kennt. Bazinga. In erster Linie jedoch, um in allen sozialen Netzwerken dieser Welt Lorbeeren zu sammeln.
Seht her, ich bin drei Kilometer gelaufen. Ich lebe noch und habe nur einen Vormittag dazu aufgewendet. Huldigt dem göttlichen Athleten!
Um das Smartphone überhaupt mitnehmen zu können, galt es erst eine Oberarm-Tasche zu besorgen. Welche sich nun an den Bizeps schmiegt, diesen jedoch auch unvorteilhaft versteckt. Diese Lösung ist einfach nicht durchdacht.
Hat man denn nicht extra dieses spezielle Laufshirt mit Lendenstütze und Kompressionnähten gekauft? Für die optimale Blutzirkulation und Unterstützung der Rumpfstabilität. Dass es die Speckwürste zur Wespentaille zwängt, dafür den Trizeps unnatürlich aus dem Ärmel quetscht und aufstaut nimmt man als Nebeneffekt halt so hin. War keine Absicht, aber was will man machen. Dafür hat man auch eine halbe Stunde zum anziehen und benötigt zwei helfende Hände oder zieht beherzt einen Türgriff mit ein, um sich aus diesem Korsett wieder zu befreien.

Die nächste Wissenschaft ist die Schnürung der Laufschuhe. Habe ich heute erst gelesen. Dass die Senkel durch die zweite Öse zu einer Schlaufe gezogen werden, diese über die andere, den Nippel durch die Lasche, einmal gezurrt und man hat einen Flaschenzug, womit agyptische Sklaven Steinquader beweget hätten. Damit schnüren sich die Hobbyathleten die Schuhe an die Füsse, dass jedes Hufeisen vor Scham erblassen würde. Unisono wird von entzündeten Achillessehnen, einschlafenden Zehen und wundgescheuertem Rist berichtet, aber wenn die Profis so laufen, muss man da eben durch.
Kann man in einer Gruppe namens Runtastic verfolgen.

Die Hobbyläufer der Welt sammeln sich virtuell bei Runtastic um sich gegenseitig zu befeuern. Springt ein Jogger vor euch überraschend ins Maisfeld oder stolpert den Bahnsteig hoch um spontan über die Gleise zu torkeln, dann benutzt er wahrscheinlich Runtastic.
Sieht nämlich ein Freund im virtuellen Netzwerk, dass ihr gerade läuft, kann er Motivation senden. Diese manifestiert sich durch ein lautes Tröten aus dem Smartphone an eurem Arm. Oder auch ein lautes Hurra oder euphorisches Come-On! Vielleicht bin ich gar schreckhaft, absolviere ich doch jedesmal einen sehr unschönen Hüpfer zur Seite, wenn die Hupe losträllert. Könnte ja auch Hubert auf dem Trekker sein, dessen Blicke aus der Fendt-Frontscheibe eine nur allzu deutliche Sprache sprechen; Arbetslose Truubehüeter, Ziit zum seckle, wenn anderi schaffed.
Die Motivation muss übrigens nicht unbedingt von einem Freund sein, jeder kann euch anfeueren, dem globalen Netzwerk sei Dank. So kann auch Panzerknacker Ede ein zur Zusatzschlaufe motivierendes Go-Go senden, wenn er an eurer Wohnungstür zugange ist und Runtastic ihm mitteilt, dass ihr gedenkt, eure Laufrunde zu kürzen.

Irgendwann kehrt man dann doch nach Hause zurück. Halb geritten, halb zu Fuss, wie die Schildbürger. Diesen Rundumblick, ob man nun ein paar Meter gehen könne, oder die nette Joggerin in der knappen Spandexhose noch in Sichtweite wäre. Nur so lange gehen, dass der Puls wieder unter 240 fällt und man dynamisch federnden Schrittes durch das Dorf rennen kann. Dass die Nachbarn sehen mögen, dass war noch gar nichts. Ja, beinahe winkt ihr und springt des Effektes wegen über Bauabsperrungen. Auch wenn ihr, kaum den Schlüssel aus der atmungsaktiven Unterhose gefischt, euren isotonischen Pre-Booster-Riegel in den Hausflur reihert.

Kaum der Dusche entstiegen, kommt die Meldung von runtastic, dies wäre nun ganz gut gewesen, jetzt wäre jedoch Zeit für eine ausserordentliche Leistung.
Und ja nicht die Sit-Ups vergessen, welche nach einer Laufeinheit um den Faktor 0.749 effizienter wären, wie Dr. Dünnli der renommierten runtastic-Academy mit einer komplizierten Formel beweist. Spätestens jedoch morgen, beim Einloggen in das soziale Netzwerk, ermuntert euch die App, wieder loszulegen.
Nach dem Lauf ist vor dem Lauf. Dreissig Kilometer sind der erste Schritt. Es gibt kein Wetter, nur Ausreden. Welche Laufschuhe nehmt ihr in den Urlaub mit?

runtastic

Also manchmal wäre ich ganz gerne ein Bauer auf einem Fendt…

Veröffentlicht unter He works hard for the money, Hossa | Hinterlasse einen Kommentar