Der Mann und das Stillbänkli

Ich war ja nicht schon immer alt… Also alt auf die Welt gekommen.
Männer sind… und Frauen auch… Gerade weil ich es gut mit euch meine!

Es zählt wohl zu den Schutzmechanismen der Psyche, dass sich der normal gestillte Mensch nicht mehr an seine aktive Stillzeit in der Rolle des Konsumenten erinnert. Der Verarbeitungsprozess der alleinigen Vorstellung dieses Bildes würde meinem Psychiater ein neues Ferienhaus bescheren.
Genauer gesagt, ich weiss noch nicht einmal ob ich gestillt wurde – dieses Thema gehört in konservativen Familien dahin wo alle schlüpfrigen Themen hingehören, unter den Teppich – aber von meiner unglaublichen Intelligenz ausgehend, liegt der Schluss nahe, dess ich entweder gestillt oder von Aliens ausgesetzt wurde.
Wurde in Brasilien getestet, gestillte Babys haben mit 30 Jahren einen um vier Punkte erhöhten IQ. Bahnbrechend!

Warum ich mich überhaupt mit diesem Thema befasse, fragt ihr euch zurecht. Auch, warum in meiner Browser-History die Seite der La Leche Lague erscheint. Dies ist keine Superheldentruppe sondern ein Verein der das Stillen fördert. Ich bin nun also ein Experte in Sachen Verhältnis Stillen-Windelwechsel, wie auch ein wenig traumatisiert betreffend wunden Brustwarzen.

Anlass war das Stillbänkchen in Schaffhausen.
Mit dem Stillen ist es wie mit Joggen; So dazu die Facebook-Gemeinschaft nicht im Takt klatscht, ist es sinnlos. Die Zeiten, da das Anlegen des Kindes – ich muss langsam Synonyme finden – der alleinigen Ernährung des Säuglings dient sind vorbei. Es ist ein Zeichen der unabhängigen Frau. Eigentlich ein Wunder, dass die Jahrgänge vor 2013 nicht verhungert sind.
Solltet ihr also einen Minivan mit schreiendem rosaroten Bündel im Maxi-Cosi durch die Stadt rasen sehen, handelt es sich hier nicht etwa um eine Rabenmutter sondern um eine moderne, selbstbewusste Frau!
Sie könnte dem Kleinen auch zuhause die Brust geben, aber wenn es niemand sieht, wirkt dies, als wäre es nie geschehen. Also ab aufs Still-Bänkchen. Facebook und Instagramm, rückständige patriarchisch geführte Konservativbetriebe, zensieren nackte Brüste auf ihrem Portal, daher hat sich das Still-Selfie noch nicht durchgesetzt.feedingDas Bänkchen steht am Lindli, gleich am Gehweg. Das neunte seiner Art in der Schweiz. Und doch anders. So verfügt das Stillbänkli weder über spezielle Armlehnen noch über Fussraster – das Stillen muss im Grundsatz eine sportliche Sache sein, ich war noch nie bewusst Zeuge – wie etwa deren 8 Artgenossen in der Schweiz, es ist einfach eine normale Bank. Gesponsert von der Schaffhauser Regierung. Wobei, etwas hoch gegriffen, sie haben einfach eine bestehende Bank zum Stillen frei gegeben.
Gewiss, man hätte auch bisher am Lindli den Säugling verpflegen können, aber nun ist es so richtig offiziell. Damit nun kein asoziales Gesindel diese heilige Städte entweiht, hat die La Leche League einen Schriftzug einfräsen lassen, welches diese Sitzgelegenheit als „Stillbänkli“ auszeichnet. Für 500 Franken. Sie suchen noch spenden, da sie selber eigentlich kein Geld haben.
Unklar ist, ob die nicht-stillende Frau oder gar ich als Mann, auch auf dieser Sitzbank Platz nehmen darf. Und ob ich das Feld zu räumen habe, wenn eine Frau mit Maxi-Cosi des Weges kommt.

Ganz allgemein bin ich verunsichert. Wohl werden gemäss der League stillende Mütter nur von ebenfalls im Stillprozess befindlichen Personen wahrgenommen, doch dieser Missstand wird mit besagter Sitzgelegenheit ja aktiv bekämpft.
Flaniere ich nun in meiner Männlichkeit als solches während der Essenszeit, das sind acht bis zwölf mal in 24 Stunden, an diesem Drive-In vorbei, gucke ich weg oder hin? Gucke ich weg, laufe ich Gefahr, dass die Mütter dies als Missbilligung dieses in der Öffentlichkeit vollzogenen intimen Aktes verstehen und mich mit Stilleinlagen bewerfen. Gucke ich hin und mein Gesichtsausdruck spiegelt nicht genau, und zwar haargenau!, dieses „Ja zu Frauenpower“ wieder, habe ich eine Anzeige wegen lüsternem Spannern am Hals. Kehre ich bei Büsingen um und die Mutter zelebriert das Clusterfeeding – so nennt man dies, wenn der Kleine während des Trinkens kurz wegnickt und dann weiter trinkt, ist etwas anstrengend für die Mutter, jedoch wird dadurch die Prolaktinausschüttung und damit die Milchproduktion angeregt, also eine gute Sache – begegne ich der selben Mutter nochmals, kommt eine Stalking-Anzeige dazu.

Es fehlt ganz klar ein Regelwerk zu diesem Stillbänkli.
Doch die La Leche League plant mehrere themenbasierte Anlässe in der Weltstillwoche im September. Bis dahin einen stillbereiten Nachkommen zu zeugen werde ich kaum schaffen, aber vielleicht kann der interessierte Mann auch einfach so mitmachen.

Überhaupt; In der aufgeklärten Zeit fordere ich ein Pendant zum Penisneid. Der Stillneid in etwa. Schliesslich baut die Mutter ein ganz persönliche, intime – zumindest früher – Beziehung zum Kinde auf, während der Vater bestenfalls Zaungast ist.

 

 

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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Ein Kommentar zu Der Mann und das Stillbänkli

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