Kultur zu Grabe getragen

Und dann hiess es plötzlich, sie sollten was tun für ihr Geld…

Natürlich kann man so doch nicht vergleichen. Mein Vorteil als Proletarier liegt darin, dass man die Kulturbeiträge komplett streichen könnte ohne, dass ich davon was mitkriegen würde.
Die Steuerreduktion, die Nutzniesserin der Geschichte, macht sich in meinem Säckel wohl auch nicht spürbar da der ländliche Fiskus in selbigen greift, dennoch machte ich mir Gedanken über die geschockte Schaffhauser Kulturszene.

Was schiesst euch durch den Kopf, wenn ihr Kultur hört? Musical, Theater, Kunstwerke und portugiesische schwarz-weiss-Filme von einem bulgarischen Regisseur mit französischen Untertiteln auf Arte.
Was der Proletarier mit Kultur verbindet ist namentlich eine Sache, welche davon lebt, dass sie niemand versteht. Da stehen die Reichen, die Schönen und die ganz schön Reichen in geselligem Beinander, perlenden Prosecco oder leichten Sommerwind im Glas und setzen beeindruckte Mienen auf.
Um sich einen befremdeten Ausdruck leisten zu können, muss man sich bereits zu früheren Zeiten als namhafter Kunstexperte etabliert, sprich, den Zyklus der beeindruckten Miene ebenfalls durchlaufen haben. Als anerkannter Experte kann man nun den Künstler mit einem Daumenzeig in die tiefe Depression, oder, nun, in die tiefe Depression stürzen.
Sie gehen wohl nicht mehr so weit, dass sie sich Organe abtrennen um das Geschrei der Menschen zu ersticken, doch ein leichter Knacks ist unabdingbar um Kunst zu schaffen.

Fürwahr, ein Anker hat schöne Bilder gemalt. Anerkennt auch ein Kind oder Betrunkener, die ganz schön Reichen bestätigen die verzauberten Proleten mit gönnerhaftem Nicken. In etwa, als zeige sich Reich-Ranicki beeindruckt, weil ich ein TKKG-Buch gelesen und verstanden habe. Einen kleinen Zeh in der Literatur und dennoch wartend, dass mir der Türhüter Einlass gewähre, Tage und Jahre.

Ein schönes Bild, malen wir glücklich Bäume, kann jeder mit einer Schippe Geschick, einer Schaufel Fleiss und einer Prise Talent auf die Leinwand zaubern. Dinge wie Fleiss und Arbeit sind der Bourgeoisie zuwider, stellen sie das Handwerkszeug des Proletariats dar.
Wer seine Wände mit Abbildern diverser Lokusse verziert ist ein gefährlicher Irrer oder eben Künstler. Inwieweit die geistige Umnachtung sich hier die Hände reicht, überlassen wir dem Betrachter. Wer Gemüse verfaulen lässt betreibt Food Waste, oder ist ein Künstler. Wer kleine, nackte Jungen modelliert ist ein Pädophiler oder ein Künstler. Wer einen Haufen Steine auf gebohnertes Parkett knallt ist ein tolpatschiger Handwerker oder ein Künstler. Wer mit allen Körperteilen Ölfarbe auf einen haftenden Untergrund knallt ist ein Kindergärtner oder Künstler.
Hier scheidet sich das Prolerariat von der Bourgeoisie. Oder eben, der nüchterne Betrachtungswinkel vom künstlerischen Gesichtspunkt.

Dank des Geltungsdrang der Reichen, können arbeitsscheue Selbstdarsteller überhaupt überleben.
Oder dank der Zuwendungen von öffentlicher Hand. Nun entbrennt ein Kampf, was der Stadt, der Region oder Menschenheit im Gesamten dienlicher sei.
Ein paar Franken mehr im Geldbeutel, oder das Ingemar-Louise weiterhin vor Publikum in spährischer Trance ihren Namen tanzen kann und Judith Raum und Geld erhält, einen Steinhaufen adrett zu drapieren.

An sich kann doch jeder machen was er will. Sofern er sein Brot damit verdient. Und wenn Müller-Scheffelmann mit einer Nase voller Ölfarbe gen eine Leinwand niest und dafür 96’000 Franken erhält, ist dies in Ordnung. Solange er nicht bis zur Perfektionierung dieser Fertigkeit mit 54 Lenzen von der öffentlichen Hand unter dem Deckmantel, wichtige kulturelle Errungenschaft der Region durchgefüttert wurde.
Wird nun ein peruanischer Regentanz im Haberhaus präsentiert, im Zuschauerraum ergötzt sich nur ein Zuschauer, welcher das Ticket anlässlich eines Preissauschreibens bei fettfrei Backen gewonnen hat, ist die Darbietung schlichtweg nicht kostendeckend und das Nullsummenspiel muss eingestellt werden. So wichtig es für die kulturelle Bereicherung auch sein mag.
Jedes Mitglied der Gesellschaft hat seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und so er dieses sein Leben mit Kultur bereichern möchte richte ich mich nach dem Grundsatz, wer tanzen will, muss die Musik bezahlen.
Möchten nun die oberen 10’000 Schaffhauser ‚Die Ernte‘ im Allerheiligen sehen, entrichten am Eingangsportal ein kostendeckendes Entgelt, wovon Raum und Künstler zehren, spricht nichts dagegen, einen Dreitritt mit blauen Füssen und rotem Griff auszustellen. Steht dieser jedoch in einem nicht besuchten Raum, bis die Reinigungskraft ihn aus Versehen wegpackt, scheint das Interesse schlichtweg nicht vorhanden zu sein. Brotlose Kunst eben.
Kann das Tap-Tab seine Künstler nicht bezahlen und vermag das Sicherheitsdispositiv nicht zu stemmen, sehe ich hier einfach einen unrentablen Betrieb. Sei es nun die Darbietung, welche zuwenig Leute interessiert oder der gefährliche Standort, es ist nicht von Belang. Denn geht die Papeterie Gewürznelke in der hinteren Stadt ein, springt auch nicht die öffentliche Hand ein. Dann hat der Herr Nelke eben schlecht gewirtschaftet und muss sich neu orientieren.

Ich befürworte es, wenn mit der Altra ein Weihnachtsspiel aufgeführt wird, wenn Schulklassen das Allerheiligen besuchen oder einer Theatervorstellung beiwohnen. Aber öffentliche Gelder einschiessen, damit sich die Bourgeoisie ein Stell-dich-ein geben kann und ein Selbstverwirklicher sich ein wenig länger vor ehrlicher Arbeit drücken kann, darin sehe ich keinen Sinn.

Wann lauerte euch zuletzt Urs Hunziker vor dem Kinepolis auf, um euch stumm eine Eintrittskarte für den neusten Marvel-Streifen in die Finger zu drücken? Oder hat überhaupt jemand einmal gelesen, dass das Kinepolis von der Stadt berücksichtigt wurde? Kino, die Kultur des Fussvolkes eben. Augenscheinlich eine mindere Kultur.

Die Gefahr der Unterhaltung kann nicht ganz ausgeschlossen werden.film-ab

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Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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Ein Kommentar zu Kultur zu Grabe getragen

  1. Brigitta Hinterberger sagt:

    Lieber Roman
    Da sind wir uns ausnahmsweise mal einig; ich kann diesen Aufruhr auch nicht verstehen. Wir können nicht Angebote für absolute Minderheiten subventionieren.
    Vereine tragen auch zum kulturellen Leben bei und erhalten auch keine Gelder. Wenn ich mit meinen zwei Chören auftrete, haben wir aber meist mehr Zuhörer als irgendein Konzert im Haberhaus. Wir haben schon den St. Johann gefüllt, notabene muss man da über 1000 Fr. Miete hinblättern… Und den Lohn der Dirigenten müssen wir uns mit Festwirtschaften, Auftritten etc hart verdienen. Und zahlen Mitgliederbeiträge.
    Mach doch noch einen Leserbrief, ich überleg mir auch , einen zu schreiben.
    Grüessli
    Brigitta

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