Heute schon gelaufen?

Praktiziert ihr eine Form der körperlichen Ertüchtigung, geschätzte Leser? Selbstverständlich, eine Frage rein rhetorischer Natur. Das Ausüben einer Sportart zählt heute zum guten Ton.
Auch wer den ganzen Tag schaufelt, mauert und zimmert, sollte zumindest im Besitz eines Fitnessabonnements sein. Die sportliche Leidenschaft gehört zum Menschen wie eine moderne Form der Essstörung. Lebt man nun vegan, glutenabstinent oder ist im mindesten Vegetarier. Mit einer Laktoseintoleranz beeindruckt man niemanden mehr, wer diese nicht drei Tage nach dem Abstillen entwickelt hat, sollte pfleglichst einen Arzt aufsuchen.

Die Krankenkassen unterstützen die Selbstkasteiung auf Technogym-Tretmühlen neben Hammer Heavy-Weight-Hantelscheiben mit Beiträgen an das Abonnement. Mit dem Abschluss einer Zusatzversicherung für lächerliche fünfhundert Franken pro Quartal, stecken sie dir verschwörerisch zweihundert Franken für Begleichung der Jahresrechnung des Foltertempels zu. Dafür erhält man auch zwei Scheffel Globoly und eine Beratung bei der traditionellen chinesischen Medizin vergütet.

Kürzlich, zumindest hinsichtlich meiner Blogbeiträge, kreiste der Pleitegeier über meinem Fitnesscenter. Im Sturzflug stiess er hernieder, aus grosser Höhe. So hoch, dass noch nicht einmal der Besitzer ihn kommen sah und mir prompt drei Wochen vor dem Tag X noch ein neues Jahresabonnement verkaufte. Mit so viel Rabatt in Form von geschenkten Zusatzmonaten, dass ich gewiss noch fünf Nächte schlecht schlief und meine Knausrigkeit im Verdacht hatte, dem guten Herr das Genick gebrochen zu haben.
Nun, von einem Tag auf den anderen stand ich vor geschlossenen Türen.

Natürlich musste der Schock erst überwunden werden. Einen guten Monat, bis zwei, frönte ich dem Vernichten von Chips und Bier. Ich hätte es ja abtrainiert, wenn ich nur gekonnt hätte. Es war nun wirklich nicht meine Schuld und die regionalen Brauereien wie den Kartoffelröster in Spreitenbach mit in die Misere zu reissen, schien mir auch nicht in Ordnung.

Da ich ungern Hosen kaufe, begann ich wieder mit dem Laufen. Das Laufen ist an sich eine dankbare Sportart. In erster Linie ist es eine Sofortbekämpfung des schlechten Gewissen. Natürlich kann man nach einer Familienpackung M&Ms auch auf die Yogamatte und Sit-Ups machen. Aber bei jedem hochziehen rollt die Fettschürze übers Gemächt und präsentiert unbarmherzig, dass diese Butter auf dem Brötchen mit drei-einhalb Sit-Ups nicht davon schmilzt. Zudem beinhaltet die anleitende App noch abenteurliche Aufgaben wie Korkenzieher, bei welcher man die Beine in die Luft reckt, was mir den Blick auf den Fernseher verwehrt. Ebenso wie der Russische-Twist. Klingt wie Wodka trinken und klatschend im Kreis hüpfen, ist letztendlich jedoch nur eine in halbsitzender Stellung ausgeführt Rotationsübung. Geht auf den Steiss und will man Augenkontakt zum Fernseher halten in die Wirbelsäule.
Mit derselben Problematik kämpft man bei Liegestützen, hier knallt es einem einfach in den Nacken.

Nein, das Laufen ist gut, man ist an der frischen Luft und fern von visuellen Unterhaltungsgeräten. Eine gewisse Zeit versuchte ich es mit Kopfhörern und einem Musikabspielgerät in der Tasche, bis mich der 90’s Eurodance-Mix nahe an einen Herzstillstand trieb, als meine Füsse mit DJ Bobo’s einhundertvierzig Beats pro Minute mitzuhalten versuchten.

Nun lausche ich wieder der Natur und den lauten Rufen „Er will nur spielen!“.
Vielleicht wollen auch Spei-Kobras nur spielen und Haie würden sagen „Du bist!“ wenn sie unter Wasser sprechen könnten und nicht die Hälfte eurer Hüfte im Mund hätten, die Krux ist, Hunde und Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen von spielen. Oder zumindest Jogger und Hunde. Dies beweist spätestens der zehn-Zentimeter-Durchmesser-Ast, welchen Fifi soeben vor seinem Herrchen spielerisch durchbeisst, bevor er angestachtelt seinen Blick auf meine Waden richtet.
Wölfe soll man anschreien und beherzt einen Schritt auf sie zu gehen. Diese könnte man gewiss bei Rex trainieren, welcher vor Spielfreude mit Schaum vor dem Mund und triefenden Lefzen auf mich zustürmt. Bin jedesmal ein wenig gehemmt. Zudem, schreie einmal, wenn der Körper jedes Quentchen Luft braucht, welches die Raucherlunge einzusaugen vermag.

Bevor man aber überhaupt soweit ist, steht einiges an Vorbereitung an.
Schon einige Zeit renne ich mit einer App. Heute geht nichts mehr ohne App. Natürlich um über meine persönlichen Leistungen akribisch Buch zu führen. Gerade, weil mich alle Welt als den Sportenthusiasten kennt. Bazinga. In erster Linie jedoch, um in allen sozialen Netzwerken dieser Welt Lorbeeren zu sammeln.
Seht her, ich bin drei Kilometer gelaufen. Ich lebe noch und habe nur einen Vormittag dazu aufgewendet. Huldigt dem göttlichen Athleten!
Um das Smartphone überhaupt mitnehmen zu können, galt es erst eine Oberarm-Tasche zu besorgen. Welche sich nun an den Bizeps schmiegt, diesen jedoch auch unvorteilhaft versteckt. Diese Lösung ist einfach nicht durchdacht.
Hat man denn nicht extra dieses spezielle Laufshirt mit Lendenstütze und Kompressionnähten gekauft? Für die optimale Blutzirkulation und Unterstützung der Rumpfstabilität. Dass es die Speckwürste zur Wespentaille zwängt, dafür den Trizeps unnatürlich aus dem Ärmel quetscht und aufstaut nimmt man als Nebeneffekt halt so hin. War keine Absicht, aber was will man machen. Dafür hat man auch eine halbe Stunde zum anziehen und benötigt zwei helfende Hände oder zieht beherzt einen Türgriff mit ein, um sich aus diesem Korsett wieder zu befreien.

Die nächste Wissenschaft ist die Schnürung der Laufschuhe. Habe ich heute erst gelesen. Dass die Senkel durch die zweite Öse zu einer Schlaufe gezogen werden, diese über die andere, den Nippel durch die Lasche, einmal gezurrt und man hat einen Flaschenzug, womit agyptische Sklaven Steinquader beweget hätten. Damit schnüren sich die Hobbyathleten die Schuhe an die Füsse, dass jedes Hufeisen vor Scham erblassen würde. Unisono wird von entzündeten Achillessehnen, einschlafenden Zehen und wundgescheuertem Rist berichtet, aber wenn die Profis so laufen, muss man da eben durch.
Kann man in einer Gruppe namens Runtastic verfolgen.

Die Hobbyläufer der Welt sammeln sich virtuell bei Runtastic um sich gegenseitig zu befeuern. Springt ein Jogger vor euch überraschend ins Maisfeld oder stolpert den Bahnsteig hoch um spontan über die Gleise zu torkeln, dann benutzt er wahrscheinlich Runtastic.
Sieht nämlich ein Freund im virtuellen Netzwerk, dass ihr gerade läuft, kann er Motivation senden. Diese manifestiert sich durch ein lautes Tröten aus dem Smartphone an eurem Arm. Oder auch ein lautes Hurra oder euphorisches Come-On! Vielleicht bin ich gar schreckhaft, absolviere ich doch jedesmal einen sehr unschönen Hüpfer zur Seite, wenn die Hupe losträllert. Könnte ja auch Hubert auf dem Trekker sein, dessen Blicke aus der Fendt-Frontscheibe eine nur allzu deutliche Sprache sprechen; Arbetslose Truubehüeter, Ziit zum seckle, wenn anderi schaffed.
Die Motivation muss übrigens nicht unbedingt von einem Freund sein, jeder kann euch anfeueren, dem globalen Netzwerk sei Dank. So kann auch Panzerknacker Ede ein zur Zusatzschlaufe motivierendes Go-Go senden, wenn er an eurer Wohnungstür zugange ist und Runtastic ihm mitteilt, dass ihr gedenkt, eure Laufrunde zu kürzen.

Irgendwann kehrt man dann doch nach Hause zurück. Halb geritten, halb zu Fuss, wie die Schildbürger. Diesen Rundumblick, ob man nun ein paar Meter gehen könne, oder die nette Joggerin in der knappen Spandexhose noch in Sichtweite wäre. Nur so lange gehen, dass der Puls wieder unter 240 fällt und man dynamisch federnden Schrittes durch das Dorf rennen kann. Dass die Nachbarn sehen mögen, dass war noch gar nichts. Ja, beinahe winkt ihr und springt des Effektes wegen über Bauabsperrungen. Auch wenn ihr, kaum den Schlüssel aus der atmungsaktiven Unterhose gefischt, euren isotonischen Pre-Booster-Riegel in den Hausflur reihert.

Kaum der Dusche entstiegen, kommt die Meldung von runtastic, dies wäre nun ganz gut gewesen, jetzt wäre jedoch Zeit für eine ausserordentliche Leistung.
Und ja nicht die Sit-Ups vergessen, welche nach einer Laufeinheit um den Faktor 0.749 effizienter wären, wie Dr. Dünnli der renommierten runtastic-Academy mit einer komplizierten Formel beweist. Spätestens jedoch morgen, beim Einloggen in das soziale Netzwerk, ermuntert euch die App, wieder loszulegen.
Nach dem Lauf ist vor dem Lauf. Dreissig Kilometer sind der erste Schritt. Es gibt kein Wetter, nur Ausreden. Welche Laufschuhe nehmt ihr in den Urlaub mit?

runtastic

Also manchmal wäre ich ganz gerne ein Bauer auf einem Fendt…

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4-daagse, vierter Marschtag und Ende

Wenn ich es nochmals in die Kampfstiefel schaffe, habe ich es geschafft. So meine Ansicht am Freitag Morgen. Mit der dick bandagierten Ferse kein ganz leichtes Unterfangen. Donnerstag habe ich es doch noch geschafft, vier Blasen. Aber ich will mich nicht beklagen, andere leideten schon nach dem ersten Tag danach.
Nach dem Aufschneiden einer hässlichen Blase an der Ferse war ich kurz davor, die Pikrin-Behandlung über mich ergehen zu lassen. Diese Säure findet in der modernen westlichen Medizin wohl keine Verwendung mehr, was die blasen-geplagte Marschierer nicht daran hindert, diese als ultimatives Heilmittel in die Wunde zu giessen. Betrat das Abteil der anderen Marschgruppe und sah S. auf der zum OP-Tisch umgebauten Bierzeltgarnitur. Soeben wurde das gelbe Teufelszeug auf seine Füsse geträufelt. Genauer gesagt, ein gestandener Mann drückte S.’s Bein mit seinem gesamten Körpergewicht auf den Tisch, eine unbarmherzige Samariterin schwenkte die Pipette und S. rief mit gepresstem Kiefer und heraustretender Adern sämtliche uns bekannte Heiligen an.
Nach einem prüfenden drücken auf meine Ferse und entschuldigendem ‚So schlimm ist es gar nicht‘ verdrückte ich mich rückwärts aus dem Abteil, begleitet von S.‘ gepresstem Atmen, während er den beinbelastenden Herren beinahe an das Zeltdach schleuderte.
Asche auf mein Haupt, ich schlug den Weichei-Weg ein und baute nun auf meine Bandagierkunst, bastelte eine Gaze-Polster-Tapekonstruktion auf meine Ferse, welche 46 Kilometer überstehen sollte.keep

Um 04:10 startete der letzte Marschtag.
Hier und da wurde ein Bein etwas eher nachgezogen oder das Auftreten etwas sorgfältiger geplant, doch waren wir in voller Stärke wieder unterwegs. Man wird von der Euphorie getragen, nur noch diesen einen Tag und man hat das Ziel erreicht. Das letzte Mal marschiert man an dieser Tankstelle vorbei. Das letzte Male diese Sportstätte, dieses Altersheim. Bereits zu früher Stunde waren die Fans wieder an der Strecke, es ist beeindruckend. Und motivierend.
Der Tag kühlte etwas ab. Nach sechs Kilometer, in Form von grossen Regentropfen. Am letzten Tag kam der Regenschutz noch zum Einsatz.
Petrus zog einen richtigen Tenue-… (ihr wisst schon, das F-Wort) mit uns durch. Bei Kilometer 20 öffnete der Himmel vollends seine Schleusen. Das Wasser lief uns in die Stiefel, Bandagen lösten sich und jeder Schritt fühlte sich an, als würde man durch eine Schlammgrube waten. Die Rucksäcke, bedingt wasserdicht, sogen sich voll wie ein trockener Schwamm, die Standarte verdoppelte ihr Gewicht. Am Strassenrand war weniger Leben und der letzte Tag drohte schon beinahe ins Wasser zu fallen.
In Beers wurde uns nochmals ein Halt gewährt, der Himmel klarte auf und als wir in Cuijk antrafen waren auch die Einheimischen wieder an der Strecke. Und wie sie da waren. Das ganze Dorf war auf der Strasse. Es ist kaum zu beschreiben. Diese offene Freude der Menschen, dieses grenzenlose Jubeln, man kommt nicht darum herum, sich einfach gut zu fühlen. Gut, ein bisschen stolz auch. Wenn geht man schon durch die Strasse und Millionen jubeln einem zu? Ja, die Veranstalter sprechen von bis zu 3,5 Millionen Besucher des Events.
Die Pontoniere haben eine Brücke über den Maas-Waal-Kanal gebaut, unter dem Jubel der Massen überschritten wir dir den Fluss, während uns Gladiolen in die Arme gelegt wurden.

Am anderen Ufer stand das Cognac-Zelt, eine obligatorische Marschpause, bei welcher auch Oberst G.r und Divisionär S. anwesend waren, uns für die letzten 10 Kilometer zu motivieren.
Gerne würde ich nun sagen, es lief sich dank der Unterstützung der Zuschauer wie alleine, doch die drei Tage haben Spuren hinterlassen. Oder wie der Marschgruppenführer sagt, wer am letzten Tag nicht leidet, weiss es nur gut zu überspielen. Mittlerweile waren die Massen am Strassenrand nicht mehr überschaubar. Ein Meer von Fans. Gratis-Bier wurde ausgegeben, immer wieder eine Umarmung angeboten. Die Strecke schien endlos. Einerseits schön, allerdings trachteten wir auch danach, die Packung endlich los zu werden.

Bei Kilometer 42 war Schluss.
Wir marschierten zur Linken des McDonalds auf eine Wiese, wo die militärische Strecke aufgrund der erreichten Kilometerleistung mit zehn Kilogramm-Packung ihr Ende fand. Ein letztes Mal wurde unser Armband ‚abgeschossen‘, der Eintrag in der Liste und wir konnten uns gegenseitig beglückwünschen. Es war dieser Moment, in welchem alle Schmerzen vergessen sind, alle Leiden verfliegen und man sich einfach glücklich auf die Schulter klopft. Emotionen pur. Der Rucksack fliegt in die Ecke, man schmeisst sich nebenan ins Gras und geniesst einfach.
Also die normalen Soldaten. Die Schweizer Garde steht kurz darauf in ihrer Uniform stramm und bietet ein beliebtes Fotosujet für hochrangige Politiker.garde

Nach knapp einer Stunde Pause stand das Sahnehäubchen des 4-daagse an, wie sich der Divisionär ausdrückte. Ein Defilee des Schweizer Marschbataillons auf den letzten 4 Kilometern. Nochmals vier Kilometer marschieren hört sich nun nicht so belohnend an, aber; Über 250 Schweizer Soldaten im Gleichschritt durch Nijmegen, ich gestehe, es ist das Sahnehäubchen. Oder einfach geil, salopp gesagt. Als wären wir hochkarätige Prominenz marschierten Soldaten voraus und schoben die Leute für das Schweizer Marschbataillon auseinander. Paradox auch, solange man im Gleichschritt zum Takt marschiert, läuft man wie eine Maschine. Es geht einfach. Bis man in den normalen Schritt verfällt…
Die Schweizer hatten den besten Auftritt, wurde gemunkelt. Erst die Landesfahnen, dann die Schweizer Garde, die Hälfte des Bataillons mit allen Kantonsfahnen, die Musik, der Rest des Bataillons, ja es hat gewiss beeindruckend ausgesehen. Trotz der Temperaturen war ich mit Gänsehaut unterwegs. Auf den Dächern sassen jubelnde Menschen. An jedem Fenster, auf Balkonen. Das bewegendste, sofern man im Defilee überhaupt Emotionen zeigen darf, war für mich der Vorbeimarsch vor dem Spital. In einem Zelt standen Betten mit Patienten. Die lagen dort, teils bandagiert wie Mumien, mit Schläuchen, allerlei medizinischem Gerät und ihrem persönlichen Pfleger. Und sie lächelten und winkten uns zu. An diesem Moment wurde mir einmal mehr bewusst, was dieser Event für die Holländer bedeutete.
Wir marschierten gut nochmals eine Stunde im Gleichschritt, bis wir die Tribüne erreichten, auf welcher uns der König grüsste. Also ich wusste, dass er da war, gesehen, respektive erkannt hat in keiner der Umstehenden. Aber man kann auch schlecht stehen bleiben und suchen.
Als wir alle Tribünen passiert hatten, in den Freischritt befohlen wurde, schlug die Müdigkeit endgültig zu. Man stützte sich gegenseitig, Palettenweise stand Mineralwasser am Strassenrand und Helfer versorgten uns mit Wasser. Wir wurden in Busse verladen und die letzte Fahrt in das Camp Heumensoord stand an.

Am Abend das Hauptverlesen.
Die Füsse in schicke Schuhe gezwängt, im Tenue A. Nebst allen lobenden Worten und Danksagungen, fällt eine Ehrung speziell ins Gewicht; Als beste Schweizer Gruppe erhielten wir den Holzbodenpreis. Ein Wanderpokal innerhalb des Schweizer Marschbataillons. Die Kriterien für den Erhalt des Preises überblickt kaum jemand vollständig, drei Dinge sind jedoch elementar. Wir stellte die meisten Neu-Marschierer, wir, so der Divisionär, überzeugten durch einheitliches und korrektes Auftreten und was besonders schön war; Wir standen sinnbildlich für die Schweizer Armee. Das Zusammenspiel von Romands und Deutschschweizer, die Spanne von ganz jung bis nicht mehr ganz so jung und die Fähigkeit, dass eine an sich bunt zusammengewürfelte Truppe als Einheit funktioniert.

Wir haben viel Zeit aufgewendet, manche Investition getätigt und waren sehr auf das Verständnis des sozialen Umfelds angewiesen. Wenn ich bei ebookers reinschaue, hätte ich für die Zeit und das Geld eine Woche Urlaub in einem Fünf-Sterne-Wellness-Hotel am Strand für zwei Personen buchen können. Es braucht wohl schon ein wenig Überredungsgeschick, kann da nicht wirklich urteilen, die Partnerin zu überzeugen, dass man dafür lieber an fünf Wochenenden mit Kollegen Sand durch die Schweiz trägt. Als Training. Damit man danach statt in der klimatisierten Suite auf Lanzarote in Holland auf Plastikmatratzen in einem stickigen Messezelt lebt. Anstelle des Buffet mit Kaviar und Hummer labt man sich an Fingerfood aus Tupperware, welchen man nach dem Einkauf – stehend in öffentlichen Verkehrsmitteln – am Abend vorher auch noch selber zurecht schnippeln muss. Die Zehen vergraben sich nicht in feinem weisse Sand, sondern schwimmen in einem Pampe von Schweiss, Regenwasser, Blut und aufgelösten Bandagen. Statt Cüpli und Caipirinha süffeln wir Salzwasser und Isostar aus Plastikflaschen, an welchen vorher sonst wer genuckelt hat.

Plastikbecken mit kaltem Wasser ersetzen den Pool und anstelle der Massage werden Blasen aufgeschnippelt.

Ob ich die Herausforderung angenommen hätte, so ich um den Aufwand und die Strapazen gewusst hätte? Definitiv nein, Gott bewahre, niemals.
Daher, ein Segen, dass ich mit blauäugiger Naivität geschlagen war, denn ich will keine Minute missen. Jeder mit ein paar Groschen in der Börse kann einen Club-Urlaub mit Schirmchendrink buchen, die grösste Leistung mag darin bestehen, dass man einmal um den Planeten fliegt. Die Teilnahme am 4-daagse muss man sich verdienen. Es ist nichts, was einem das Reisebüro oder der Planer für Adventure-Reisen anbieten kann. Jeder musste an sich arbeiten, sich qualifizieren und nicht zuletzt, die vier Tage durchstehen. Es gibt keine Reklamationsstelle wenn die Dusche kalt war und kein Geld zurück, wenn beim Abendessen das Fleisch ausging. Es wird nebst der körperlichen Eignung die Fähigkeit für Teamgeist gefordert, die eigenen Ansprüche zurück zu stellen und einzuspringen, wo Not am Mann war.

Das letzte halbe Jahr stand unter der Vorbereitung für diese eben verstrichene Woche. Schon vor den 4-daagse hatten wir gewonnen, mancher bestätigte, dass er sich noch nie so fit gefühlt hätte.
Irgendwie ist eine kleine Leere, ich merke bereits, dass die körperliche Fitness nicht die hohe Priorität hat und muss irgendwie wieder die Wochenenden füllen. Nun, werde mich daran gewöhnen.
Und vielleicht stehe ich ja wieder einmal im Camp Heumensoord, wenn es durch die Morgendämmerung klingt; „welkom bij de 4daagse“.4da

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4-daagse, zweiter Marschtag

Der zweite Marschtag unterschied sich nur unwesentlich vom ersten.
Was für ein Einstieg, ich weiss. Schreibt, weil er schreiben muss. Landschaftlich wirkt ein Baum wie der andere und die Dörfer sind alle in etwa gleich schmuck. Der Fokus liegt sowieso auf dem Volk am Wegesrand.

Die Musik hat sich mittlerweile auf die Schweizer eingependelt, wenn wir mit wehenden Standarten um die Ecke biegen, wird schon einmal Heidi oder die Nationalhymne angespielt. Gut, manchmal auch der Anton aus Tirol und gelegentlich rufen sie erst Sweden, bevor Switzerland hinterherkommt, aber wir wollen nicht kleinlich sein.
Mit 34 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit schenkte der zweite Tag ordentlich ein. Es entsteht der Eindruck, das Wasser verdunstet, bevor es den Magen erreicht. Und die Füsse brennen, da der Kampfstiefel in Sachen atmungsaktiv die Werte einer handelsüblichen Mülltüte erreicht. Seid ihr einmal barfuss auf einen Legostein getreten? Wiederholt dies etwa viertausend mal und ihr gewinnt einen Eindruck, wie das marschieren bei solchen Bedingungen ist.

Das Camp gleicht mittlerweile einem Next Topmodel-Contest. Dies nicht (nur) wegen der weiblichen Armeeangehörigen aus Skandinavien und den Niederlanden. Der überwiegende Teil der rund 6000 Campbewohner flaniert in mehr oder minder sehr graziösen Schritten über den Platz. Mal auf Zehenspitzen gehend, dann wieder das Gewicht auf die Fersen verlagert, jedoch stets in sehr gemässigtem Tempo unter voller Konzentration. Auf stark frequentierten Wegen wurden gegen sintflutartige Platzregen und übermässige Sandablagerungen in den Adiletten Euro-Paletten ausgelegt, was der ganzen Fortbewegungssache einen gewissen Laufstegcharakter verleiht. Wenn etwa ein überbreiter US-Army-Soldat und ein stolzer Schweizer Gardist auf diesen achtzig Zentimeter kreuzen wollen sind tänzelnde Gleichgewichts-Übungen angesagt.

Die Bereitschaft, dieser hart geprüften Marschierer, die schmerzenden Füsse in wenigen Stunden wieder in die Kampfstiefel zu stecken und weitere 40 Kilometer zu absolvieren, zeugt vom ungebrochenen Willen und ist ein Musterbeispiel, was der Mensch in einer funktionierenden Gruppe zu leisten vermag.

Da kommen wir auch zu einem der ganz wertvollen Aspekte dieses Camps.
Wir marschieren in unterschiedlichen Uniformen, jeder unter seiner Flagge, doch streben alle Nationen dem gemeinsamen Ziel entgegen. Der brausende Applaus, wenn abends wieder eine Gruppe das Ziel erreicht, kennt keine Landesgrenzen.
Sich mit anderen Nationen austauschen ist extrem spannend. Wusstet ihr, dass die Bezeichnung ‚Spiess‘ für den deutschen Kompaniefeldwebel daher rührt, dass es seine Aufgabe war, fahnenflüchtige Soldaten auf das Schlachtfeld zurückzupieksen? Immer noch humaner, als Russen, welche zwischen gegnerischen und eigenen Kugeln entscheiden mussten. Persönlich bin ich von der päpstlichen Schweizer Garde sehr beeindruckt. Fit wie Turnschuhe und unbeugsam wie Statuen. Gewiss, des Abends sieht man den einen oder anderen ebenfalls hinkend im Camp, doch kaum tragen sie ihre Uniformen – wohl so erfrischend wie eine Daunenjacke im Hochsommer, notabene mit Handschuhen – stehen sie stramm, auch unter Hochofentemperaturen. Mit stoischer Miene bewegen sie sich in der Gruppe wie ein Mann, ohne nur einen Schweisstropfen abzuwischen. Ein besseres Aushängeschild kann man sich für die Schweiz nicht wünschen.

0315 war Donnerstags Tagwache. Abmarsch um 0415. Oder eben auch erst gegen 0451, beim Zeitmanagement besteht noch immer ein wenig Verbesserungspotential. Der dritte Tag steht unter dem Zeichen einer Zeremonie auf dem kanadischen Friedhof, weswegen wir heute auch einen Fixtermin hatten. Dies bedeutet, wir absolvierten 30,6 Kilometer in fünfeinhalb Stunden. Dazu, was für Holland doch aussergewöhnlich ist, ein auf und ab von 216, respektive 167 Höhenmetern. Die Gemeinde Berg en Dal war daher auch Namenspate für den dritten Tag. Für uns Schweizer an sich keine Hürde, doch bei einer Luftfeuchtigkeit von bereits 90% bewegten wir uns quasi in der Masoala-Halle. Am Wegesrand wurde man via LED-Wand stets mit solchen Informationen versorgt und zum trinken aufgefordert. Nach ein paar Todesfälle im Jahr 2006 sind die Verantwortlichen leicht nervös, wenn die globale Erwärmung sich von der schönsten Seite zeigt.
Das Publikum trug uns mit Anfeuerungsrufen auf den Hügel, wo nötig schwangen die Gruppenführer die Peitsche.

Vor dem kanadischen Friedhof wurden das gesamte Marschbataillon von den Betreuern empfangen. Ein Zelt stand bereit, die Sanität war vor Ort, es wurden Früchte gereicht, isotonische Getränke, Bouillon, zudem gab es Sitz- und Liegegelegenheiten. Es ist gewiss eine achtbare Leistung, welche wir vollbringen, aber die Helfer im Hintergrund, welche diese erst ermöglichen dürfen nicht vergessen werden.

Die Ansprache von Oberst G. und Feldseelsorger Hptm R., wie auch die Kranzniederlegung zum Gedenken an die gefallenen kanadischen Soldaten war sehr bewegend. Während, oder nach körperlicher Anstrengung ist man zweifelsohne ein wenig emotionaler als in absoluter Ruhe, doch es waren auch die Worte, welche hie und da einen Soldaten mehr mitrissen, als er unter normalen Umständen zugelassen hätte. Doch würde es keinem einfallen, dies als Schwäche zu deuten, es ist ein Zeichen des Respektes gegenüber den 2617 gefallenen Soldaten, welche hier in fremder Erde zur letzten Ruhe gebettet wurden.
Über zweitausend Grabsteine für Soldaten, teils halb so alt wie ich, bereits dem Leben entrissen. Es wäre unangemessen von Sinnlosigkeit zu sprechen. Ich störe mich stets am Bild von Generälen, welche ihre Truppen auf die Schlachtbank führen. Es wäre eine abwertende Sicht auf jeden einzelnen Soldaten, welcher hier liegt. Ich mag an dieser Gedenkstätte nicht auf Menschen schauen, welche blindlings einen Befehl verfolgten.

Es ist keine Glorifizierung, wenn ich hier über zweitausend Helden sehe. Jeder hier begrabene Soldat gab nichts weniger als sein Leben für die Befreiung von Europa. Er kämpfte für die Freiheit von Menschen. Menschen welche ihm völlig unbekannt waren. Er wusste nichts mehr, als dass sie seiner Hilfe bedurften, was Grund genug war, die Uniform anzulegen und in die Schlacht zu ziehen. Klar, villeicht nicht jeder ganz freiwillig, aber wer partout keinen Dienst leisten will, der muss auch nicht. Es gibt immer Alternativen. Der Soldat starb für ein Ideal, seine Überzeugung. Der Tod ist nichts schönes, doch im Einsatz für die Gerechtigkeit und Freiheit sein Leben gegeben zu haben mag für Angehörige vielleicht ein kleiner Trost bedeuteten.
Uns bleibt nichts weiter als eine Rose niederzulegen und stumm zu danken. Ist so ein Ritual unter den Schweizern. Eine stumme Andacht. Für den unbekannten kanadischen Soldaten, welcher meine Rose erhielt.

warIn etwas gemässigterem Tempo kehrten wir ins Camp Heumensoord zurück. Das letzte Mal die grüne Meile. Der Marsch durch den Wald, unter dem Helm hindurch. Die Strecke durch den Wald empfand ich nicht als den schlimmsten Teil, der Gang durch die Stadt, nachdem sich die zivilen Marschierer von den militärischen Gruppen getrennt hatten, barg eher den Charakter des endlosen Ganges.
Die letzte Herausforderung für Füsse, Knie, ja die Beine allgemein war das anschliessende Daher vor dem Einmarsch in das Bierzelt. Es war eine letzte Herausforderung, die stets sehr lobenden und freundlichen Worten der ranghohen Offiziere entsprechend würdig anzunehmen, wenn man droht wegzuknicken, die Packung eine gefühlte Tonne wiegt und die Gefahr besteht im eigenen Schweiss zu ertrinken.
Nun kann ich es ja sagen; Der Typ ging mir auf den Sack. Den ganzen Tag im klimatisierten Bus oder zumindest unter einem Zelt mit einem Bier. Und nun schwingt er hier heroische Reden, während ich nur den Rucksack gegen Bier und Fuss gegen Hintern tauschen will.

Zweiundsechzig! Nach 40 Kilometer Marsch lieferten sich im Bierzelt zwei Mitglieder der Marschgruppe eine Battle von 62 Liegestützen bevor der eine auf den Boden klatschte. Aber meine waren auch sauberer als die des anderen, nämlich! So richtig korrekt tief runter. Auch ohne solche Spielchen steht man hier im Mittelpunkt. Obwohl es natürlich schon toll ist, wenn einem die Amis anfeuern. Das Bierzelt bildete stets das eigentliche Ende des Marsches. In möglichst originellen Formationen laufen die Gruppen unter dem Applaus der anderen Teilnehmer ein, während der DJ einem Hochleben lässt. Danach ein oder zwei Biere, bevor man sich der Fusspflege hingab. Für die normalen Marschierer zumindest. Die unglaublichen „Les Chevrons“, eine uralte Marschgruppe aus der Westschweiz, unterbrachen die Feier nur, um sich schick zu machen, bevor sie in die Stadt weiterzogen. Während die übrigen nach und nach in die Betten klatschten.

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Vierdaagse Nijmegen, erster Marsch

Erster Marschtag und erste 4-daagse-Erfahrung überhaupt

Eine Welle Perskindol wabert durch das Zelt. Mit ungelenken Schritten gehen Männer über das Gelände. In sportlicher Funktionswäsche, die Naht nach aussen, ein Hauch Eau de Schweiss hängt ihnen an. Oder sie sitzen vor der Unterkunft auf einer Bierbank, die Füsse in einem Kunststoffbecken, einen verklärten Gesichtsausdruck aufgesetzt. Bandagen lösen sich von den Füssen, schaukeln im eiskalten Wasser, hier und da geht ein Fetzen Haut mit.
Das Antlitz, von Schmerz verzerrt, glättet sich unter wohligen Schauern der Befriedigung.fuss

Dies sind keine Blasen, so nebenbei. Gegen die Blasen klebt man sich elastische Binden an den gefährdeten Stellen an den Fuss. Ersetzt die berühmte zweite Socke, mit welcher es bei 80% Luftfeuchtigkeit im Schuh zu heiss werden würde. Eine 50:50-Chance. Entweder schützen sie wirklich, oder es bildet sich eine Blase und man reisst sie und die umliegende Haut mit dem Tape vom Fuss. Ich verzichte auf Bilder.

Der erste Tag ist durch. Um einen Oliver Stone-Film zu zitieren „Jemand hat einmal gesagt, Krieg ist die Abwesenheit von Vernunft“. Charlie Sheen hat sich geirrt, die Teilnahme am 4-daagse scheint jedem Verständnis von Vernunft zu widersprechen.
Wäre da nicht dieser gewisse Zauber.

Auf die Sekunde um 05:15 starteten wir vor unserem Zelt. Um drei Minuten später für 20 Minuten in der Warteschleife zu stehen. Mit Blick in das hell erleuchtete, leere Frühstückszelt, dessen Besuch für den Grossteil der Marschierer mit dem Zeitmanagement nicht zu vereinbaren war. Glücklicherweise versorgte uns der Schweizer Kiosk mit erlesenem Kaffee.
Die Ansprache war in den hinteren Rängen nicht zu hören, ich könnte noch nicht einmal die Sprache benennen, doch jemand schien die richtigen Worte gewählt zu haben, wir durften den Weg unter die Stiefel nehmen.

Bereits vor sechs Uhr sitzen Zuschauer auf Klappstühlen in Einfahrten und auf dem Gehsteig. Noch etwas verhaltener Jubel schallt zu beinahe nachtschlafener Stunde durch Nijmegen. Je näher wir dem Zentrum kommen, desto zahlreicher die Zuschauer. Hier mit einem Kaffee, dort bereits ein kühles Bier und manch einer drehte sich in Seelenruhe eine lustige Zigarette.
Die Militärs starten gesondert, wir müssen erst vom Camp auf die Strecke gehen. Dies sind zwei Kilometer, welche verhältnismässig still absolviert werden.
Als der Weg der Gruppenläufer mit den Einzelpersonen zusammengeführt wird, laufen wir Tribünen entlang und werden frenetisch angefeuert. Es wirkt beinahe surreal, wir laufen nicht für einen höheren Zweck sondern nur… ja für was denn nun. Die Gründe sind vielfältig, bei manchen ändern sie auch stündlich. Bei meiner Wenigkeit in etwa. Poetisch könnte ich nun ausdrücken, ich laufe für den Moment. Realistischer würde ich sagen, kein Plan was ich hier mache, ich hielt es für eine gute Idee.

Gerne würde ich beschreiben, wo wir durchmarschierten, gewiss passierten wir die ein oder ander historisch wertvolle Brücke. In etwa wurde ‚Die Brücke von Arnheim‘ zum Teil in Nijmegen gedreht, für die Cineasten unter uns, und ich meinte, über diese passierten wir den Fluss. Da ich jedoch während des Marsches keine Hand für Notizen frei hatte und Google hier nur begrenzt zur Verfügung steht, verzeiht mir mangelnde Recherchen zum Verlauf des Weges.

Es sind wenige Teilstücke, welche man alleine geht. Also alleine in der Gruppe, versteht sich. Stets führt einem die Route wieder durch kleine Dörfer oder präziser, Festhütten. Es fühlt sich an wie die Street Parade und wir sind die Love-Mobile. In grün, in korrektem Tenue. Nur eben ohne Musik. Diese kommt vom Strassenrand. Aus offenen Lastwagen-Hängern, von DJ-Pulten mit professioneller Akustikanlage oder einfach Papis Stereoanlage, welche zur Feier des Tages vor dem hübschen Klinkersteinhäuschen mit Reetdach steht und mit wummernden Bässen die Tulpen zittern lässt. Von Happy-Hardcore über Schlager bis hin zu Live-Blasmusik oder enthusiastisch gespielter Country-Musik fliegt uns alles um die Ohren.
Die Kilometer in Dörfer laufen sich beinahe von alleine, die Ablenkung ist eine wunderprächtige Erfahrung. Und vor allem diese unglaubliche Gastfreundschaft der Einwohner. In Reih und Glied stehen Kinder am Strassenrand mit Tupperware und Tellern voller Leckereien. Gesunde Gurken, Gratis-Muffins, allerlei Gebäck, Getränke, tonnenweise Bonbons und Süsswaren. Würden wir beim marschieren nicht onehin mehrere Tausend Kilokalorien verbrennen, wir würden kugelrund nach Hause kehren. Dazu kommt, dass wir leider nicht in alle Schüsseln greifen können, weil wir so nebenbei noch marschieren sollen. Die Kinder dauern mich bisweilen ein wenig, wenn sie uns freudestrahlend verköstigen möchten und wir das Angebot verschmähen.
Wenn sie keine Naschereien anbieten, sind sie bereits glücklich, mit den vorbeiziehenden Soldaten abzuklatschen. Ich habe heute mehr Hände abgeklatscht, als ich in den letzten dreissig Jahren geschüttelt habe. Manchmal kommt auch die Frage nach einem Souvenir, weswegen wir die Taschen voller Zeughausschrott mitschleppen, wie alte Patten und Spiegel.

Nebst diesen sehr schönen Eindrücken war der Marsch eine Tortour. Dreissig Grad herrschten vor und wir marschierten grösstenteils in der prallen Sonne, da sich die Gegend nicht durch grosse Bewaldung hervortut. Die Füsse brannten regelrecht in den Schuhen. Entlang des Weges, bisweilen auch über den Weg, waren in Eigeninitiative der Zuschauer Sprinkler und Rasensprenger angebracht, welche kurzweilig für Abkühlung sorgten. Mancher kippte sich hin und wieder eine Flasche Wasser über das Haupt und vermochte den TAZ für fünf Minuten zu nässen.
Wir legten drei Pausen à 10 Minuten und eine à 15 Minuten ein. Dazu warteten alle fünf Kilometer unsere radfahrenden Betreuer zum fliegenden Bidon-Wechsel. Gleichzeitig nutzten sie die Gelegenheit, Früchte und salzhaltige Speisen durchzureichen.
Ohne dieses Betreuerteam wäre dies nicht zu handeln. Ich vermag nicht zu sagen, wieviel Wasser wir vertilgt haben, aber dieses zusätzlich in die 10-Kilogramm-Packung zu laden wäre ein Ding der Unmöglichkeit.

Im Camp empfing uns Frau Brigadier S. Persönlich, mit Händedruck und dies erlebt man nun auch nicht alle Tage. Wobei ich die werte Dame bereits zweimal treffen durfte, ich hoffe die Gelegenheit auch einmal in korrektem Tenue wahrnehmen zu dürfen. Vor zwei Tagen in Shorts und Adiletten, heute mit offenem Hosenstall und Isostar-Flasche in der Hand. Doch Frau Brigadier S. besticht nicht zuletzt durch eine herzliche Offenheit, was wohl auch daher rührt, dass sie die 4-daagse bereits mehrer Male absolvierte und es sich auch heute nicht nehmen liess, beinahe jede Marschdelegation ein Stück zu begleiten. Diese Erfahrung liess sie auch heute erkennen, dass einige Teilnehmer die Anzeichen einer Dehydration aufwiesen.
Durch Anraten des Truppenarztes wurde nun das Tragen der Mütze sowie die regelmässige Aufnahme von Wasser befohlen, des weiteren erliess unser Gruppenchef die Anweisung, dass die Marschteilnehmer sich gegenseitig kontrollieren und allenfalls zum trinken ermuntern sollen. Was am Abend funktioniert, sollte auch während des Marsches…

Morgen Mittwoch knacken wir die 30 Grad-Grenze deutlich. Challange Accepted.

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Vierdaagse Nijmegen

Das letzte halbe Jahr war ich etwas eingespannt, worunter meiner Schreiberei litt.
This Boots are made for walking.
Welche Schuhe Frau Sinatra auch besungen haben mag, Kampfstiefel waren es nicht. Und ich weiss, wovon ich spreche. In den vergangenen sechs Monaten habe ich über 800 Kilometer darin absolviert. Lowa muss man zugute halten; diese Dinger halten wirklich was aus.lowaBlitzeblank, nicht wahr? Will sagen, da sieht man auf der Strasse Turnschuhe, welche kaum 10 Kilometer runter haben und aussehen, als würde ein stattlicher Kampfhund täglich damit spielen. Die Pflege der Schuhe ist mit eine dieser militärischen Lehren, welche man ins Leben mitnimmt. Respektive, mitnahm. Es ist entsetzlich, welch Kuschelverein aus dieser Lebensschule geworden ist.

Selbstverständlich würde ich kein Lowa mehr kaufen. Ist eine prinzipielle Sache. Lowa und Deuter haben das Silberfuchs-Siegel. Nichts gegen Silberfüchse, ist ja toll, dass die Alte Garde, Altpfader und Gesellen noch immer die Natur besuchen und sich bewegen. Doch Deuter sagt irgendwie; Ich trage einen Rucksack, weil man beim wandern einfach einen Rucksack trägt. Denn im Randenhaus warten sowieso Heidi und Jakob mit Kaffee und Kuchen. Lowa ist einfach der Mephisto-Ersatz, wenn vergangene Regentage vermuten lassen, dass fünf Millimeter Matsch am Boden liegen könnten.
Jack Wolfskin, um die Sache abzurunden, tragen die Welpen unter den Silberfüchsen. So schauts aus.

Obenstehender Lowa-Schuh war einfach die Alternative, welche die militärischen Anforderungen erfüllt. Die Fersen musste ich auspolstern, die Einlegesohlen ersetzen und die Füsse bandagieren um darin nicht völlig meine Gehwerkzeuge zu ruinieren.

Diese ganzen Strapazen nahm ich für die 4 daagse von Nijmegen auf mich. Am ersten Tag marschierten wir 44 Kilometer, am zweiten 38, der dritte gestrichen 40 und der vierte schlug mit 42 + 4 zu Buche. Da komme ich später noch drauf.
Es ist ein militärischer Marsch, was bedeutet; Man trägt neben Kampfstiefel den Tarnanzug – Hose, Jacke und Mütze – einen militärischen Rucksack von mindestens 10 Kilogramm, exklusive Regenschutz und Nahrung. Im Endeffekt sind es 13,5 Kilogramm. Dazu wird in einer Zweierkolonne marschiert, das Tempo liegt zwischen 5,5 und sieben Kilometer die Stunde.
Nach zehn Kilometern gibt es jeweils eine Pause von 10 Minuten, respektive eine ‚Mittagspause‘ von deren fünfzehn. Man ist so um die sieben Stunden herum unterwegs.

Für die 4-daagse muss man sich qualifizieren. Dies bedeutet 300 Kilometer Marschtraining in der Gruppe und man muss den Berner 2-Tagemarsch erfolgreich absolviert haben.

Der Nijmegen-Marsch feierte heuer seine 100-ste Durchführung. An sich waren der Tradition verpflichtet keine neue Gruppen zugelassen, doch die Schweiz hat seit jeher eine Sonderstellung beim 4-daagse.
Es starteten am Dienstag den 19. Juli 48’986 Personen, davon haben am Freitag den 23. Juli 42’557 Personen das Ziel erreicht. Unter den Marschierer waren 6000 Militärangehörige aus aller Welt, die militärische Schweizer Delegation war mit ca. 250 Personen vertreten und hatte lediglich einen Ausfall zu verzeichnen.

Der 4-daagse von Nijmegen ist die weltweit grösste Veranstaltung in dieser Form.

Soweit das Vorwort. Hier mein Bericht, welchen ich so für eine andere Stelle verfassen durfte.

Es wird geackert wie auf dem Bau

Montag Morgen, nach etwas über einem Tag anklimatisieren, galt es die Packung zu erstellen. Mit der Präzision von kolumbianischen Koks-Dealern werden Sandkörner abgewogen um exakt die zehn Kilogramm Gewicht zu erreichen. Eulen nach Athen tragen, oder eben Sand durch Holland. Wer das nette kleine Land kennt weiss, es entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Die Niederlande sind ja quasi auf Sand gebaut. Wir haben Sand in der Dusche, dem Schlafsack, jeder Ecke der Packung und in welchen Kleidungsstücken sich dieses Zeugs noch überall versteckt, werden wir spätestens während des Marschs erfahren.

Samstags gegen sechs Uhr sind wir angekommen.
Die Carfahrt als entspannt zu bezeichnen wäre etwas vermessen. Der Raum in den Sitzreihen ist doch eher knapp bemessen, zudem war die Platzwahl neben der Toilette ein wenig unglücklich. Entsprechend der Menge Bier, welche von weiteren Marschgruppen in Basel verladen wurde, war auch dieser Abort von der Grösse eines Schuhkartons eine gern und oft besuchte Räumlichkeit.
Ein Zwischenstopp an der kleinsten Raststätte Deutschlands bot die Möglichkeit zu einem kurzen Stehimbiss und die weiteren Teilnehmern konnten ihre flüssigen Nahrungsvorräte auffüllen.
Es wurde so ziemlich jedes Klischee der Carreise bestätigt. Von „Der Herr im silbernen Skoda sollte sein Fahrzeug wegstellen“ bis hin zur Mikrofondurchsage, ob der Herr Giesebrecht hier wäre. Ebenso die wichtigen Leute, man erkennt sie an einem Zettel in der Hand, welche ständig zwischen Tür und Gehsteig hin und her springen, stets auf der Suche nach dem Herren Giesebrecht, unfähig zu bemerken, dass ihr Gehopse das augenscheinlich einzige Hindernis zum antreten der Fahrt darstellt, da Herr Giesebrecht schon hackedicht unter Sitz drei liegt.
Die augenrollenden Alten waren hier, wie die augenrollen verursachenden Jungen im Saufwettbewerb. Getreu dem Motto „De Völlst isch de Töllst“ wurde Quöllfrisch ein toller Umsatz beschert, die Mitreisenden mit Dancepop der 90er beschallt – irgendwo in einem Krachen der Zentralschweiz hört man tatsächlich noch Culture Beat und Dj Bobo – und mit unwesentlich jüngeren Witzen die Sau durch das Dorf, pardon, den Car getrieben.
Vielleicht bin ich auch einfach ein wenig unentspannt, sollte vor der Rückfahrt meine rollenden Augen mit Amstel beruhigen und denn Songtext von Mr. Vain lernen.

Das Camp Heumensoord ist beeindruckend. Die errichteten Zelte erinnern an eine Messe. Eine sehr grosse Messe im Stil der Olma mal zwei oder so. War nie an der Olma, aber mit Fussballfeldern, die gängigste Masseinheit, kenne ich mich noch weniger aus. Eine Zeltstadt für Militärs aus der ganzen Welt.camp1

Das Camping-Feeling lässt sich nicht leugnen. Man steht gibt sich bei der Dusche die Klinke in die Hand, ob das Nass eher kühlend oder siedend über den Körper fliesst basiert auf dem Zufallsprinzip. Vielleicht auch Tageszeit-Abhängig, die Meinungen gehen auseinander. Auch unter dem Aspekt, dass es durchaus während dem Duschvorgang die Aggregatszustände wechseln kann.
Die Toilettensitze findet man bereits vorgewärmt vor, es erwartet einem auch die ein oder andere Hinterlassenschaft in der Keramik. Während des Zähneputzens schwabbt der Auswurf des Nebenmannes an einem vorbei und an der Pinkelrinne entsteht aufgrund fehlender Trennwände ein unausweichliches Wir-Gefühl.
Die Komfortzone ist irgendwo zwischen Basel und Mannheim auf der Strecke geblieben, aber, es ist ok.
Zudem reissen sich die holländischen Heinzelmännchen ein Bein aus, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Und völlig unkompliziert, sprich; Wenn man aus der Duschkabine – gebaut im Stile von Toi-Toi-Klos – springt, nackt wie Gott einem schuf, ist es absolut normal, wenn eine fleissige Reinmach-Fachfrau vor einem den Mob über das Parkett schwingt und sich in keiner Weise beschämt abwendet.
Auch die Verpflegung klappt ausgezeichnet. Natürlich, wir Schweizer erhalten nicht unser gewohntes Brot, fest und mit Kruste, aber dies gibt es ja nirgends auf der Welt, von einem Baguette abgesehen. Das für Holland typische geschnittene Toastbrot aus dem Beutel kann mit Marmelade, Erdnussbutter oder natürlich Hagelslag ergänzt werden. Dazu diverse zu mundgerechten Portionen verpackten, die Abfallberge müssen enorm sein, Aufschnitte und wer mag, Rührei oder gekochtes Ei. Der Kaffe ist heiss, stark und gut, es gibt keinen Grund zur Klage.
Ebenfalls die Abendmahlzeiten wissen zu schmecken, dazu steht einem permanent ein riesiges Sortiment an Obst zur Verfügung. Man kann den logistischen Aufwand nur erahnen, die Gastgeber bewältigen ihn mit Bravour und die Wartezeiten sind angesichts der tausenden Leute im Camp durchaus moderat.

Das Schweizer Zelt hebt sich durch seinen Kiosk ab. Während das Betreten der Unterkünfte anderer Nationen untersagt ist, finden sich beim Kiosk mit Wirtschaftsbetrieb der Schweizer Delegation alle ein. Schwyzer oder Appenzeller Bier mundet auch den Wikingern, die Norweger sind unüberseh, unüberhörbar und es spricht für die Qualität der Bierbänke, dass das Inventar nicht zu Staub zerbröselt. Daneben versuchen sich die deutschen an Kafi Luz und die Amis trinken Appenzeller.

Nebst dem Schweizer Kiosk steht noch das Bierzelt. Eine grosse Partyhalle, mit Frittenbude, Pizza-Ofen und Live-Entertainment.
Wer es noch etwas grösser mag, begibt sich nach Nijmegen. Genau genommen, ist es eine Pflicht, nach Nijmegen zu gehen. Die Stadt ist im Ausnahmezustand. Bereits bei der Anreise blieben die Menschen auf den Gehsteigen stehen, jubelten dem Car zu, als würde die Oranje-Nationalmannschaft einrollen.
Es ist diese den Holländern eigene Herzlichkeit, welche einem sofort in Beschlag nimmt. Ohne, dass sich der Gast ausserordentlich bemühen oder gar anbiedern muss, nehmen sie einem sofort auf, reissen einem mit. Obwohl der 4-daagse bereits zum hundertsten Mal durchgeführt wird, zeigen sich die Einheimischen nach wie vor beeindruckt, wenn jemand die vier mal vierzig Kilometer zu absolvieren gedenkt. Ich versuche dies nicht als schlechtes Omen zu deuten, hinsichtlich der Herausforderung, welcher wir uns zu stellen gedenken. Dem flachen Gelände möchte ich eine beruhigende Wirkung zuschreiben, die Tatsache, dass man bereits beim Bewegen im Camp in TAZ und Kampfstiefel kleinere Schweissausbrüche hat, bietet hingegen einen unangenehmen Vorgeschmack auf die anstehenden Strapazen.

Nijmegen ist eine riesige Partymeile. Bühnen mit Livebands zwischen Markständen und Restaurants. Durst muss keiner leiden, stets flanieren Kellner mit Bier zwischen den Massen, äusserst aufmerksam sind sie wieder zur Stelle, kaum hat man sich den Schaum vom Mund gewischt. Wer die Herausforderung nicht scheut, hat die Möglichkeit, die Belastbarkeit des Magens auf den Fahrbahnen zu prüfen.

Um die kulturellen Aspekte nicht zu vernachlässigen, besuchten wir die Stevenskerk. Für vier Euro, die müssen ja auch leben, durften wir den Turm besteigen und erhielten einen tollen Ausblick über die Waal und die Stadt. Ein Stadtbild, welches man oft in Holland trifft. Da ein hübsches Klinkersteinhaus und weil die Holländer nichts von Vorhängen halten, sieht man von der Strasse durch das Haus auch gleich, was die Kinder im Garten treiben.

Daneben eine architektonische Monströsität, ähnlich Legosteinen, welche möglichst unterschiedlich in Form und Farbe abenteuerlich aufeinander gestapelt wurden.

Wie bereits einmal erwähnt, ist es ein spezielles Erlebnis, in Uniform durch eine Stadt in einem fremden Land zu streifen. Unsere Marschgruppe fällt auch auf, die einzigen, mit komplettem Tenue A, jawohl mit Sakko. Mit Krawatte. Korrekt, bis auf das Beret. Auf Erfahrung der Veteranen zurückgreifend, ist diese Kopfbedeckung eine begehrte Trophäe der Holländerinnen und zeitgleich ein unabdingbares Utensil, um am letzten Tag beim Defilee mitmarschiern zu dürfen. Diese zwei Dinge sind schlecht in Einklang zu bringen.
Ja, Defilee hat diesen Hauch von Russland und Machtdemonstration, aber hey; Der König wird zugegen sein! camp-2Nun haben wir zwei Tage genossen, uns anklimatisiert und wider allen Verführungen der Braukunst versucht, die hart erarbeitete Form nicht komplett in den Sand zu treten. Mit welchem Erfolg, werden die kommenden Tage zeigen, gewiss ist eines, wir sind richtig heiss, endlich zu marschieren. Wir und die Kampfstiefel, welche einem Backofen alle Ehre machen.

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