2. Juli, Omaha-Beach

In einer Regenpause schaffte ich es tatsächlich beim Camping Omaha-Beach einzuchecken.
En francaise, wohl gemerkt.
Ein sehr schöner Platz, kann ich nur empfehlen. Auf den Klippen über dem Strand gelegen. Kaum Gäste, schlecht für den Franzosen an der Reception, angenehm für den Reisenden aus der Schweiz.

(Bild http://www.camping-omaha-beach.fr)

Die Klimaanlage im Wagen tat ihr möglichstes um das Zelt zu trocknen, doch waren die Wände immernoch etwas klamm.
Ich hoffte auf die Böen und wandelte zum Strand.
Omaha Beach, für die geschichtlich nicht so sattelfesten, bezeichnet einen Strandabschnitt, in welchem die Allierten am 6. Juni 1944 anlegten.
Daher, die Franzosen sind den Amis noch voller Dankbarkeit zugetan, steht die ganze Küste unter USA-Flaggen.
Im Souvenir-Shop kann man kaufen, was das pseudo-patriotische Herz verlangt. Kurz davor mit einer Ranger-Mütze, einem Willys-Jeep Shirtund schwenkender D-Day-Tasse den Shop zu verlassen, besann ich mich eines besseren – nicht zuletzt weil man, wohl aufgrund von Personal- oder Touristenmangel, die Artikel in der nebenstehenden Bar zu bezahlen hatte – und beschränkte ich mich auf Ansichtskarten. Avec timbre, hatte ich extra nachgeschlagen. Die Frage, ob für Frankreich oder Europa, nahm ich als Kompliment für mein exquisites französisch.

Es stellte sich die Frage, Crepes oder Fritten, noch immer hatte ich Hunger. Als ich den Stand anpeilte spuckte gleich ein Reisecar seine alternde Ladung aus, welche wie an der Schnur gezogen in Richtung Friteuse steuerte, während der Chauffeur Striche machte, um beim Chef de Cuisine später seinen Anteil abzuholen.
Also wandelte ich etwas am Strand, machte ein paar Fotos, kehrte zurück und schon hatte die Wandergruppe Silberfüchse den frittierenden Wohnwagen mit den wackeligen Plastikstühlen belagert. Zum Mäusemelken.
Ein Schild wies mir den Weg zu einer Boulangerie im Ort. Vierville sur Mer, ein Geisterort. Die Boulangerie, das Schild schaukelte geräuschvoll im Wind, war ein verfallenes Gebäude mit schmutzigen Scheiben. Leerstehend, bis auf die versiffte Theke. So ein Haus noch stand, erwartete man stets, dass der Vorhang von einer knochigen Hand zurückgezogen wird und eine schaukelnde Mumie einem mit leerem Blick anstarrt.

Also kein Baguette, ich bewegte mich zurück und beschloss, das Museum aufzusuchen, in der Hoffnung auf einen Snack-Shop.
Ein Schild kündigte Fritten, Sandwichs, Glace und weiteres an, doch weit und breit keine Verkaufsstelle.
Das Museum besuchte ich dennoch, war ja Tourist.

Auf dem Campingplatz zurück, sichtete ich ein Fahrzeug mit Basler Kennzeichen. Ein Dame in anderen Umständen und ihr eingebürgerter dunkelhäutiger Partner sassen vor einem der Miet-Container und schlürften Kaffee. Ein heisses Eisen – man soll auf Campingplätzen keine Bekanntschaften schliessen – die Gefahr, dass man zu Kaffee geladen wird hing förmlich in der Luft.
Ich riskierte es und erkundigte mich nach Einkaufsmöglichkeiten in der Region. Sei ganz schwierig… Wie ich denn motorisiert sei. Es sei aus Blech und hätte vier Räder sowie ein Benzinaggregat. Sie schütteten sich, wie auch den Kaffee, aus – so gut war der Gag nun auch nicht – und erklärten, dass ein paar Ortschaften weiter schon ein kleiner Supermarkt wäre.
Aber auf dem Platz gäbe es ein Shop, der führe – gegen überrissene Bezahlung – schon ein paar Artikel im Sortiment. Ob ich gerade was brauche, sie würden mir sehr gerne aushelfen und sprang schon in Richtung Container. Sie hätten…
In diesem Moment verfing sich ein Kampfjet in meiner Kapuze. Beinahe. Die donnerten im zehn Minuten Takt knapp über den Platz. Naja, ich habe es versucht.

Die Dame erklärte ihrem Partner, es seien alte Jets, da sie so langsam fliegen. Er nickte zustimmend und lobte das Wissen seiner Gattin.
Ich nutzte die Gunst der Minute, die Hilfsbereitschaft der Dame im Keim zu ersticken und mich unter dankenden Bücklingen und den besten Segenswünschen von dannen zu machen.

Der Shop hatte seine Pforten von fünf bis sechs geöffnet und es gelang mir tatsächlich, eine Dose Ravioli zu erstehen. Sowie eine Tüte Chips, ein Bier, Schokolade, Wasser… Das Angebot war weniger auf gesunde Ernährung ausgelegt, aber die vorhandenen Artikel liess sich der Franzose von der Reception dafür vergolden.

Wohl genährt erkannte ich, was ein zwei-Sterne Campingplatz auszeichnet. Bring dein eigenes Klopapier mit. Unnötig zu erwähnen, dass auch hier auf den Luxus von Klobrillen verzichtet wurde. Glücklicherweise bin ich auf alles vorbereitet. Eine Tüte mehr, welche ich zu den sanitären Anlagen zu schleppen hatte. Vor dem Pinkel-Rinnsal verfluchte ich das erste Mal meine Badelatschen.
Für die Damen; Es gibt Pissoirs welche in angenehmer Höhe installiert sind und dann gibt es geplättelte Wände welche gegen den Boden in einer fünf Zentimeter tiefen, gelegentlich bewässerten Rinne enden. Eine Piss-Rinne eben. Die Idee dahinter… Nein, lasst es mich anders erklären. So ihr auf Hüfthöhe ein Glas Wasser kippt, spritzt das Wasser am Boden wohl etwa Schienbein hoch. Kippt ihr das Glas gegen eine Wand, rinnt selbiges nahezu spritzfrei zu Boden. Simples Prinzip, für manche Leute – die Prostataleidenden seien entschuldigt – wohl zu simpel um es zu verstehen.
Also, meine Badelatschen.
Beim Kauf dachte ich, Adiletten trägt kein Schwein mehr, also nehme ich sportliche Reebok. Die Lauffläche war zum Teil gschlitzt, was der Fusssohle eine angenehme Belüftung spendet. Im Gegenzug saugt sich der Schuh auch bei jedem Schritt etwas am Boden fest, so die Oberfläche glatt und trocken ist. Ist selbige eher glatt und nass, saugt er die Feuchtigkeit ein und benetzt die Fusssohle. Sei es beim Duschen Wasser, oder beim Pinkel-Rinnsal eben…
Mit der Zeit muss man gewisse Hirnregionen einfach abschalten. Und einen Eimer Wasser neben das Zelt stellen.

Das Zelt war innerhalb mittlerweile trocken – draussen fiel neuer Regen – und während ich mich in meinem Schuhkarton dank einer akrobatischen Meisterleistung der Kleidung entledigte um mich Schlaffertig zu machen bemerkte ich kleine Krabbelwesen. Das erste Mal war ich von Zecken befallen.
Sie hatten noch nicht begonnen mich auszusaugen, wie ich meinen Körper einschätze würde eher ER die Zecken aussaugen und die gewonnene Materie als Fettreserve einlagern, hatten sich aber schon ordentlich festgehackt. Ich weiss nicht viel über die Dinger – interessierte mich einfach nicht – so packte ich sie mit der Taschenmesser-Pinzette und zog. Die Dinger sassen richtig fest, ich hatte den Eindruck, die Haut Zentimeterweit ziehen zu können.
So konsultierte ich mein Erste-Hilfe-Set, fand originalverpackt und eingeschweisst eine ordentliche Pinzette und begann an den Dingern erneut zu reissen. In Panik, irgendwelche Kleinteile zurückzulassen, hebelte ich mit der Messerspitze noch nach. Vielleicht bilde ich mir dies ein, aber ich meinte, das Ding zappelte noch eingezwängt zwischen den Metallspitzen. Nur solange, bis mein Zippo ihm den Garaus machte.
Man ist dann natürlich in einer gewissen Panik. Den geringen Platz im Zelt ignorierend – sah von aussen gewiss ulkig hinaus – begann ich meinen Körper abzusuchen und fand prompt in meiner Kniekehle ein weiteres dieser Tierchen. Entfernt und verbrannt.
Da ich nicht alle Regionen meines Körpers einsehen kann, bin ja keine Eule, musste ich auf Gott vertrauen, dass dies alle waren.

Nun hätte ich wohl endlich schlafen können. Wären nicht die Holländer im Zelt nebenan zurückgekehrt. Ein junges Paar.
Klar, irgendwie wartete man auf die Geräuschkulisse, ist dann doch etwas peinlich berührt, als sie loslegten. Ich weiss nicht ob er gut war, sie hechelte ständig irgendwelche Anweisungen, leider ist mein niederländischer Wortschatz reichlich beschränkt – in diesem Bereich überhaupt nicht vorhanden – aber sie kamen dann doch zum Abschluss. Erst sie – meinte gar zweimal – dann er.

Gute Nacht

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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