Fahr’n, fahr’n, fahr’n auf der Autobahn

Nach ein paar eher ernüchternden Tagen in Holland, zog es mich, kaum 24 Stunden in heimischen Gefilden, wieder auf den Highway.
Man sollte meinen, nach  zehn Stunden auf deutschen Autobahnen hätte man das Lenken eines Fahrzeugs satt, aber der Fluchtdrang war stärker und irgendwie braucht dieser Ferientropfen auf dem glühenden Arbeitsstein noch eine gewisse Würze, etwas mehr, als einfach 14 Tage nicht an der Arbeitsstelle angetreten zu sein.
Bereits im letzten Jahr äusserte ich mich etwas ungeschliffen über die deutschen Autobahnen und traf den Bürger im grossen Kanton mitten in das stolze, deutsche Automobilistenherz. Da nach einem Angriff der Kümmeltürken auf meine Homepage auch sämtliche Kommentare über den Jordan gingen, biete ich meine wohlgenährte Pauze als neuerliche Zielscheibe.

Ohne eine Beweiskette anführen zu können, behaupte ich, der Stolz begründet nicht auf den kilometerlangen zusammengefügten Betonplatten, welche neben dem Stossdämpfertest auch die Verdauung ankurblen und Carglass, Stichwort Riss in der Scheibe, zum Marktführer der Autoglas-Spezialisten erhob.
Wohl werden es auch nicht die Rastplätze sein, auf welchen es beinahe unmöglich ist drei Schritte zu gehen, ohne mit menschlichen Exkrementen und Wischtüchern am Hacken wieder in das Fahrzeug zu steigen. Womöglich eine Auswirkung von oben erwähntem Punkt und dem, mittlerweile im Preis gestiegen, siebzig-Cent Preis für einen Stuhlgang oder simplen Wasser lassen an der Raststätte.
Auch die Raststätten, bestechend durch streng riechende Shops, bekifften oder unfreundlichen Mitarbeitern und Preisen wie in Tante Ullas Bordell, werden kaum das Aushängeschild des deutschen Strassennetzes sein.

Es ist das Gleiten ohne Tempolimit. Rasen was die Karrosse hergibt, den Asphalt glühen lassen, die Betonplatten auseinanderschieben; die pure Automobile Freiheit, Anarchismus hinter dem Volant, das Recht dem Stärkeren.
Fuhr ich auf der A61 von den Niederlanden bis zum Hockenheimring. Satte 331 Kilometer Freiheit, Fahrspass pur.
Geschlagene fünf Stunden war ich unterwegs. Der Motor kurz vor dem Kollaps, nicht weil ich ihm das äusserste abverlangt hätte, nein, rauschender Stop & Go-Spass bei erfrischenden 35°, dass die Kupplung wimmerte.
Der Tempopilotschalter hängt traurig an drei Drähten aus dem Lenkrad, gemäss entsetztem Renaulttechniker wäre es nicht Sinn und Zweck auf diesem neckischen Zubehör Klavier zu spielen, man nutze diesen, so man über einen längeren Zeitraum eine gewisse Geschwindigkeit beibehalten möchte. Wie konnte ich anders, als ihm ins Gesicht zu lachen und von den deutschen Autobahnen zu erzählen. Es gab ein grosses Hallo, die Werkstatt sass im Kreis, es wurden Kekse gereicht.
Von Zeit zu Zeit gälte auf dem deutschen Strassennetz ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern. Nur fehlt die Spur um selbiges einzuhalten. Ganz rechts fahren die Laster. Stossstange an Stossstange. Bis Gunnar feststellt, dass sein MAN in der Stunde einen halben Kilometer mehr abreifeln könnte als der polnische Schrotthaufen vor ihm. Teils aus Arbeitseifer, teils aus Nationalstolz setzt er zum Überholen an, ignorierend der Tatsache, dass ausserhalb des Windschattens Piotr mit seinem Scania/DAF/Saurer und den losen Paletten auf der Ladefläche, wiederum die Nase vorn hat. Aber Gunnars Mutter zieht nicht umsonst LKWs auf DSF, jetzt gehts um die Ehre und wenn es bis nach Stuttgart dauert.
Obwohl im Schilderwald zur Rechten oft darauf hingewiesen wird, sogenannte Elefantenrennen sollten doch unterlassen werden, sie sind tagsüber gar verboten, werden also zuhauf zwei Spuren von den Brummis belegt. Also geht man ganz nach links und kann für etwa dreihundert Meter die Geschwindigkeit halten.
Bei geringem Abstand zum Vordermann entrichten die Deutschen 35 Euronen Strafe. Wir Schweizer begleichen diesen Fauxpas mit einem vierstelligen Betrag und mindestens einem Monat Ausweisentzug, daher sind wir wohl etwas sensibilisiert. Haltet man also den gewohnten halben Tachoabstand ein, dankt ein Fahrer auf der rechten Spur recht herzlich und fügt seinen Wagen in diese grosszügige Lücke ein. Selbstverständlich beginnt er erst danach mit dem Beschleunigen ab achtzig Stundenkilometern. Vorher war es ja nicht möglich, rammelte er doch mit seinem Stern an der Front, die Fordmuschel am Heck des Vordermannes.
Dieser Vorgang ist nach Belieben zu wiederholen.
Aber ich will mich nicht beklagen; So man dreihundert Meter mit achtzig Stundenkilometern zurücklegen konnte, hat man schon ein ordentlich Stück Weg gemeistert. Denn auf den deutschen Autobahnen dominiert die Richtlinie sechzig Stundenkilometer und Fahrbahnbreite von zwei Metern, deutlich verringert durch schlingernde Lastenzüge.
Die Baustellen. Gott weiss, was die Deutschen stets an ihren Bahnen werkeln, wobei wir Schweizer da keinen Deut besser sind, möchte ich gleich hinzufügen. Autobahnen als solches kennen wir schon lange nicht mehr und nur die Vignettenpflicht erinnert daran, dass man auf einer solchen unterwegs wäre.

Während ich also so stand, überlegte ich die Ursache von Staus, wie es wohl jeder Automobilist tut.
Vorschlag eins: Scheuklappen.
So es links und rechts nichts mehr zu gucken gibt, muss man auch nicht abbremsen. Immer wieder erstaunlich, was ein abgestelltes Motorrad und die grüne Minna auf dem Pannenstreifen für eine verherende Wirkung auf vorbeirauschende Autolenker hat.
Vorschlag zwei: Mindesttempo auf der Überholspur.
Wer nicht 130 km/h fährt, hat dort schlichtweg nichts verloren. Und man hat mit dieser Geschwindigkeit die Spur zu wechseln und nicht erst nach dem Einfädeln den Hebel vom Schildkrötchen auf das Häschen zu stellen.
Vorschlag drei: Überholverbot für Brummis
Ach so, gibt es schon. Nun, statt gelbe Nummernschilder rauszupflücken – die Polizei fuhr am 19.7 auf der A6 wirklich eine Grossoffensive gegen Holländer, so der Radiosprecher – wären vielleicht einmal die richtigen Probleme anzupacken.

Gewiss waren schon gewitztere Köpfe als ich am Werk, es ist einfach nicht nachvollziehbar. Liegt es wirklich nur an der Maut, dass es die Franzosen im Griff haben?autobahnMittags um halb zwei, auf einer Autobahn der Gesellschaft Autoroutes Paris-Rhin-Rhône (APRR).
Eigentlich dachte ich stets, das Beste was einer Gesellschaft wiederfahren kann, ist eine staatliche Non-Profit-Organisation, Stichwort Einheitskrankenkasse.
Bezüglich Strassennetz muss ich meine Meinung revidieren. Die Autobahnen in Frankreich sind in privater Hand. Natürlich lassen sich diese die Benutzung auch bezahlen, aber diesen Preis entrichte ich gerne. Man fährt staufrei. Jede Autobahn hat ihren eigenen UKW-Radiosender, welcher landesweit auf derselben Frequenz (107.7 FM) sendet. So einfach, so fantastisch. Man würde theoretisch über Aktivitäten der befahrenen Strassen informiert werden, so man die Sprache verstünde und, was die wirkliche Herausforderung ist, die unsäglichen Chansons erträgt. Aber es ist völlig unnötig, weil schlichtweg kein Stau besteht. Für Ordnung – da liegen keine Möbel, laufen keine Pferde, keine Radfahrer und auch keine Steine werfenden Kinder – sorgen die Angestellten, welche mit höchst eindrucksvollen Fahrzeugen patroullieren. sanef

Falls wirklich einmal etwas verquer läuft, wird eine immense Lichterbatterie aus dem Dach gefahren, dass man alleine aus Verzücken hinter dem Fahrzeug herzuckelt. Und wenn ich sage zuckeln, reden wir immer noch von 110 km/h.

Wenn man üblicherweise zwischen 120 und 140 mit dem Tempopilot gondelt, betätigt man innnert 50 Kilometer höchstens zweimal ein Pedal im Fussraum.
Es sei denn, man biegt auf einen Rastplatz ein. Rastplatz, ich meine Rastpark. Gepflegte, weitläufige Rasen mit gereinigten, schattigen Sitzgelegenheiten. Nicht eine überquellende Tonne, sondern saubere Abfallbehälter, man kann sogar Alu, Glas und übrigen Müll trennen. Sie möchten ihre Notdurft verrichten? Betreten sie ein architektonisches Meisterwerk und werden sie von Musik berieselt.
Sportgeräte, Joggingstrecke, was das Herz begehrt.
Ihre Vorräte gehen zur Neige, die Raststätten warten mir regionalen Produkten auf, die Bedienung freundlich, zuvorkommend. Natürlich, sie lassen sich den Service vergolden, aber man wird ja nicht gezwungen.
Ehrlich, das einzig gefährliche auf französischen Autobahnen ist die Langeweile.

Eigentlich haben die Betreiber ein Monopol, man ist ja mehr oder minder gezwungen ihre Bahnen zu nutzen, nichts desto trotz scheint ein Wettbewerb zu spielen und sie möchten sich gegenseitig übertreffen. Mein Favorit ist klar Sanef, nicht zuletzt wegen der tollen Patroullien-Fahrzeuge, soviel Kind steckt in mir.

Keine hohle Werbephrase, so sieht es wirklich aus, eigentlich möcht ich gleich wieder los.

Aber die Franzosen können auch anders, können richtige Mistkerle sein, aber dazu im nächsten Bericht mehr. Meine Ausführung ist nun doch etwas reichhaltiger ausgefallen als geplant.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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