Gesucht wird ein Hobby

Als ich heute nach Hause kam und den Arbeitshosen entstieg, fiel mein Blick auf eine Kartonschachtel mit einem fliegenden Adler. Das Salewa-Logo. In besagter Schachtel ein dynamisch-sportlicher Helm in matt-schwarz.
Irgendwann zu Beginn der wärmeren Saison erstand ich den neuen Kletterhelm. Wir haben September, er ist noch originalverpackt.
Was ist denn hier schief gelaufen? Schlechtes Wetter? Soweit ich mich zurückerinnere bin ich am Wochenende entweder am Arbeiten und wenn dem nicht so ist, steht der Wetterbericht auf Regen. Steht er nicht auf Regen, leiste ich Pikettdienst.
Am Wetter kann ich nichts schrauben, ist wohl auch eher sekundär, denn soweit ich mich zurückerinnere bin ich stets mit der Arbeit beschäftigt. Nur um es wiedereinmal zum Ausdruck zu bringen; Dieses Pikett ist wohl die beschissenste Sache der Welt, ein Wochenende ist die erste Silbe nicht wert.

Dauerreichbarkeit; Etwas wehmütig denke ich zurück. Nicht weit, nur 15 Jahre. Mobiltelefone waren nicht gross verbreitet, der Arbeitgeber erwartete nicht, dass man eines besitzt, geschweige denn – was die Sache erst richtig gemütlich macht – drückte einem ein Firmenhandy in die Hand. Unglaublich, ich war nach acht Uhr morgens nicht mehr erreichber und der Arbeitsalltag hat trotzdem funktioniert. Heute ist man der Karl Arsch und zeichnet sich durch ein nahezu frevelhaftes Desinteresse am Firmengeschen aus, so man diese lästige Klingel ignoriert.
Da hängt man kopfüber vom Dach, das Werkzeug aus den Taschen fliegt einem um die Ohren, ring ring. Ignoriert man es, versteht es der/das Gegenüber als Aufforderung die Combox ebenfalls zu ignorieren und die Wahlwiederholung zu malträtieren. Kann ich in gewissem Masse nachvollziehen, die Combox rufe ich schon aus Prinzip nicht ab.
Hängt man so vom Dach oder lenkt mit dem Daumen das Fahrzeug erklingt rauschunterdrückt, digitalisiert und irgendwie fremd die Frage, ob man kurz stören dürfe. Sagt man da Nein und erörtert gemeinsam die Dringlichkeit des Anrufs?
Einerseits ist es ja schön, dass man so unentbehrlich ist, anderseits darf man denn Sinn auch etwas in Frage stellen, wenn man einem mitteilt, man sollte bei der Rückkehr in den Betrieb Herrn Hübeli anrufen, die Nummer hätte man eben gemailt.
Natürlich ist es eine Respekterbietung an mein fotografisches Gedächtnis, wenn man mich nach der dritten und der fünzehnten Ziffer der Seriennummer von Herrn Tabelis Gerät fragt, während ich bei Frau Tubeli mit drei Fingern an der Dachrinne hänge.
In solchen Situationen – welche man dem Anrufenden auf die Frage ob man Zeit hätte, eben geschildert hat – hört man auch immer wieder, ob man was zu schreiben dabei hätte. Sei gerade schlecht, ich könne nicht garantieren, dass die Fallhöhe ausreiche um vor dem Aufprall eine Nummer zu notieren.
Verständnisvolles, virtuelles Nicken; Dann sende er die Nummer eben per Mail und ein weiterer sinnloser Anruf wird beendet.

Vielleicht bin ich auch etwas gar unflexibel.

So ganz allgemein bin ich auf der Suche nach einem Hobby. Momentan dreht sich mein ganzes Leben um die Arbeit, so ich sie nicht direkt ausführe hänge ich in Gedanken daran rum oder bastle an einer Webseite. Für die Arbeit.
Es muss ein Ausgleich geschaffen werden, etwas mehr als der Besuch im Fitnesscenter, dessen Spasspotential auch eher begrenzt ist.
Ein Hobby, welches sich mit dem Pikett vereinbaren lässt, ein Hobby welches das Engagement im Alltag in ein sinnvolles Licht rückt und einem für einen Moment den Terminplan aus dem Kopf wischt, dessen Beständigkeit aufgrund der Interaktion von mindestens drei Disponenten sowieso bestenfalls eine Halbwertszeit von 149 Sekunden hat.

Vielleicht bin ich auch etwas gar unflexibel.

Vorschläge für Freizeitbeschäftigungen bitte hier einreichen. Eher langfristig angesetzt, nächsten Samstag und Sonntag muss ich arbeiten. Dafür hätte ich morgen Vormittag frei nehmen können, wurde mir heute nachmittag mitgeteilt.

Vielleicht bin ich einfach etwas gar unflexibel.

Aber ich habe nunmal Mittwoch morgen keine Kinder in den Kindergarten zu geleiten, keinen Hund Gassi zu verführen und keine Dame am Bett mit Frühstück zu überraschen.

Gerade deswegen bin ich doch so verdammt flexibel, Himmel, Arsch und Zwirn.
So flexibel, dass ich bisweile staune, wie ich ohne Rückgrat noch aufrecht stehen kann und mich etwas frage, was mich nach dem Radfahren schmerzt, denn Eier können es definitiv nicht sein.

Der Winter naht.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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