Neulich, bei den Hübelis

So ganz allgemein, wäre es wohl an der Zeit, meinen Bestseller endlich zu Papier zu bringen und dass es ein Bestseller wird, daran zweifle ich keine Sekunde. Es muss alleine ein Bestseller werden, damit ich Herrn Neininger sagen kann, den Schaffhauser Nachrichten gäbe ich kein Interview. Denn selbiger vertritt die Meinung, respektive liess sie von seiner Sekretärin in seinem Sinne formulieren, dass das Schreiben nun mal nicht direkt mein Ding wäre. Etwas salopp formuliert.

Unter Umständen könnte mein Bestseller ‘Wenn der Pöstler mit der Ziege – Einmal Weinland und zurück’ – für die unregelmässigen Leser, der Titel meines Werks über muntere Gesellenjahre – durch die baldigst zu erreichende Distanz zu meiner Tätigkeit – ich habe mir extra einen Adventskalender aufgehoben und klappe munter jeden Morgen ein Türchen auf, labe mich an Schokolade, deren Haltbarkeitsdatum empfindlich bis bedrohlich überschritten ist – von einer blumigeren Ausschmückung profitieren.

Ich soll nicht so lange Sätze schreiben, ruft meine Lektorin, aber das hätte Kafka auch gemacht, doch du bist nicht Kafka, mit Nachdruck zurück.

Jeder Wehrdienstleistende wird mir zustimmen.
Sitzen drei gestandene Eidgenossen zusammen, hat man die Blickschlagzeilen durch und dem Polizisten, Gemeindepräsidenten, Steuerbeamten und Karl vom Hubelhof ordentlich, zumindest verbal mit dem Grossmut der physischen Distanz, den Kopf gewaschen, einem langsam die Gesprächsthemen entfleuchen, landet man unweigerlich beim Militärdienst. Dieses Band, welches ein einig Volk von Brüdern schafft. Also plus minus 5 Jahre im Jahrgang, denn danach sind nur noch Weicheier eingerückt und Waschlappen entlassen worden, dass muss nicht speziell erwähnt werden. Mit jedem grauen Haar auf dem Haupt und drahtigem Kollegen in der Ohrmuschel wie auch den Nüstern, sprich mit wachsender, zeitlicher Distanz zu unserem Aktivdienst, mit steigendem Alkoholpegel und zunehmender Attraktivität der Dame an der Theke, pardon Servierschlitten, werden unsere Heldentaten stets fantastischer.
Da wir Schweizer seit Sempach, oder so, nie mehr ernsthaft in eine Schlacht verwickelt waren, jedenfalls keine deren wir uns brüsten könnten, erleben wir die zu überliefernden Anekdoten stets im Rahmenprogramm des Wiederholungskurses. Und je intensiver das Rahmenprogramm das eigentliche Tagesprogramm der bestreiften und gewinkelten Animateure tangierte, desto abenteuerlicher war das Erlebnis. Gangsta, würden die Jugendlichen wohl sagen.

So erfuhr ich kürzlich, dass ich doch in einem der letzten Wiederholungskurse im Appenzell den Duro gemopst hätte und mich mit fünf Leuten abdetachiert hätte, um in St. Gallen Eis essen zu gehen. Ich kann mich beim besten Willen nicht erinneren, jemals einen Duro gelenkt zu haben, geschweige denn damit nach St. Gallen gefahren zu sein, was mich in der geselligen Runde jedoch keinesfalls daran hinderte aus dem Duro einen 2DM zu machen und aus dem Eis wurde ein Badeausflug nach Rorschach. Des uniformierten Kollegen Erinnerungen derart auf die Sprünge geholfen, wurde die Geschichte weitergesponnen und bei allen wiedergegebenen Erlebnissen war es erstaunlich, dass wir in den 3 Wochen überhaupt einmal in der Kaserne Herisau waren.

Worauf ich hinaus will, den Faden zu verlieren zeichnet mich aus, je länger ich zuwarte meine Erzählung zu veröffentlichen, desto blumiger wird wohl die Beschreibung und der Herr Amsler wird meinen Bestseller in die Auslegeware des BIZ aufnehmen.
Eine Hommage an die beste Berufswahl, welche ein Jugendlicher nur treffen kann.

Wenn sich der Lehrling in den Betrieb begibt um Artikel nachzufassen, welche sich geschickt vor des Arbeit-Vorbereitenden Kollegen Adleraugen verborgen hatten, bewegt man sich etwas ungelenk in des Kunden Wohnzimmer.
Etwas übertrieben gesprochen feilt man eine M8-Schraube erst aus einem Stahlbarren, bevor man sie in Wand dreht und das Ausfüllen eines Arbeitsrapportes würde nur unwesentlich länger dauern, würde man seine Aufwendungen mit einem kleinen Hämmerchen in eine glatte Marmorplatte meisseln.
Der Kunde sieht, dass man eine an sich nahezu beendete Installation in die Länge zieht, der Techniker bemerkt, dass diese Praxis nur allzu durchschaubar ist, aber die schweizerische Höflichkeit gebietet, dass keiner dem Anderen dies zu verstehen gibt und man beginnt eine typisch, schweizerische Diskussion über die Kapriolen des launische Wetters, da eine vorbeiziehende, einsame Schäfchenwolke einem gerade eine Steilvorlage liefert.

Ganz untypisch schweizerisch könnte man natürlich auch über die AVOR (Arbeitsvorbereitung) schimpfen, gemeinsam auf die Terrasse sitzen und ein Bier wegzischen.
Dann wiederum würde ich in der Bedrouille stecken, meinem Brötchengeber zu erklären, warum ich von den fünf Stunden bei den Hübelis in Pupsheim nur deren drei verrechnete und mit einer Bierfahne wiederkehrte. Der Herr Hübeli wiederum müsste seiner Gattin erklären, warum er mit dem Techniker auf der Terrasse ein Bier trinkt, während das Wohnzimmer wirkt, als würde gleich RTL mit einem Fliesentisch reinschneien und eine Pseudo-Doku über Hartz IV-Empfänger in der zweiten Generation drehen.

In solchen Momente drehe ich verträumt an meinem Schraubenzieher, während sich vor meinem geistigen Auge Buchstaben zu Wörter, Wörter zu Sätzen und Sätze zu ganzen Fragmenten bilden. Ich sehe quasi den Film, im Kopf bildet sich das Buch dazu, von welchem alle sagen werden, es wäre viel besser als der Film.

Und ich habe Zeit und Musse dazu, denn der Hübeli wird gerade von seiner Gattin so richtig kalt abgeduscht.
„Siehst du, jetzt hast du es geschafft! Ganz toll, jetzt hast du es geschafft.“
„Ja ja…“, etwas protestierend von Herrn Hübeli, teils um seine Ehre vor den Technikern zu wahren, anderseits nicht zu aufmüpfig, da die Nacht auf der Couch seinem Rücken nicht zuträglich ist.
„Jetzt hast du es geschafft“; im Sperrdruck.

Herr Hübeli wollte ganz nah an der Sache sein. Gefühlte 10 mal bin ich über seine Füsse gestolpert und sobald ich arbeitstechnisch an einer Stelle verharrte, atmete es mir in den Nacken. Nahe an meinem Ohr, mit beinahe wohllüstigen Grunzern versetzt. Warm und feucht oberhalb meines Kragens, ein Hauch von zwiebelgschwängerter Leberwurst, abgestandenem Kaffee und vergorener Milch spielte um meine Nasenflügel.
„Pardon, wenn ich zuschaue, aber ich muss dies wissen.“
Gefolgt von „Sie sagen es, wenn ich störe.“
Eine verdammte Tretmine, kann ich Herrn Hübeli in seinem Wohnzimmer schlecht sagen, er störe mich. Insbesondere, da er eine Leiter angeschleppt hat, mit beinahe erregtem Grinsen tänzelnd den Bohrhammer – was haben die Leute auch immer mit diesen roten Bohrmaschinen?? – trug, mich beinahe zum Best-Friend-Forever ernannte, weil er meine Maglite – und zwar die ganz Grosse, welche im Wagen eine eigene Halterung hat – halten durfte und seine Frau mit Häppchen und Köstlichkeiten aufwartete, als würden wir Bar Mizwa feiern.

Nun, die ganze Aktion schien ihn doch etwas zu ermüden – gewiss hat er die Nacht zuvor kaum geschlafen – und so stützt er sich an einem kleinen Kinderwagen ab.
Ob es ein Ausstellungsobjekt war oder Klein-Hübeli höchstpersönlich darin die Welt entdeckte kann ich nicht beurteilen, aber das Adjektiv klein ist nicht ganz korrekt, denn mittlerweile bot der Wagen rund 34 Clowns ein gemütliches Zuhause. Diese Clowns, wie sie ältere Damen gerne in Zimmerecken hängen haben, teils traurig, teils lächelnd, aber immer mit diesem Hauch von Pennywise aus Es, irgendwie gespenstisch. Willst du einen Luftballon?
Wie es sich für einen anständigen Kinderwagen gehört, stand er auf vier Holzrädern. Eine ordentliche Wertarbeit, wie sie Charles Ingalls nicht schöner hätte herstellen können. Und wenn ihr nicht wisst, wer Charles Ingalls ist, seid ihr einfach zu jung.

Er hat es geschafft.
Der Kinderwagen saust an mir vorbei, wie der Regionalzug nach zehn Minuten warten am Guntmadinger Bahnübergang.
Wie ein Adler die Maus, krallt sich der Herr Hübeli mit unnatürlich verdrehtem Handgelenk an die Haltestange, stolpert aus seinen Filzpantoffeln und rauscht mit wehendem Handwerksmäntelchen hinter dem Wagen her in einen wunderschönen Blumentopf.
Nicht etwa ein kleines Zimmerpflänzchen, in diesem Topf hätte eine gestandene Eiche gemütlich ihre Wurzeln räkeln können. Da aber nunmal keine Eiche darin stand, sondern eine Pflanze sich wohl dem Wuchs verweigerte, wurde sie gewiss über einige Tage mit ordentlich Trinksame bedacht. Einfach ausgedrückt, in diesem Topf war einfach ein einziger, grosser brauner See.
Ein brauner See, welcher sich in aller Pracht in den wunderschönen, seit den Siebzigern gehätschelten und gepflegen SCHUHE-AUS!-Flokati ergoss.
Flokati sind diese wunderschönen, weissen, flauschigen Teppiche, auf welchen man sich als Kind räkelte und fest vornahm, die gesamte eigene Wohnung würde ein einziger Flokatiteppich sein.
Bevor man sich Gedanken über Staubmilben und Saugkraftverlust machte.
Dem See folgten Hydrokügelchen, Erde und Schlamm. Ein Stubenwagen und Herr Hübeli.

Er dauerte mich schon ein wenig. Wie er es geschafft hatte. Da stand wie ein Schuljunge, gescholten von der Clownsammelnden Ehefrau.
Dies vor des Handwerkers Augen, welcher mit vor mentaler Angstrengung verkniffenem Gesichtsausdruck möglichst unbeteiligt wirkend der Szene beiwohnte, während der Lehrling schnurstracks mit einem leeren Karton die Behausung verliess, schneller als man ihn jemals heissen könnte und kaum jemals zuvor erkannte er eine zu erledigende Arbeit aus freien Stücken.
Durch das angekippte Fenster erklang schallendes Gelächter und das Scharren liess vermuten, dass sich draussen jemand den Bauch haltend auf dem Kiesweg wand.

Ihr glaubt es mir nicht?
Nun, ich gestehe; Bisher habe ich noch nie einen Herrn Hübeli getroffen, was ihn zum Protagonisten in all meinen Arbeitserzählungen macht.
Alles andere ist ein reiner Tatsachenbericht.

Ich fürchte, alle diese Hübelis werde ich schon ein wenig vermissen.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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