Neulich im Athleticum oder, die Geister meiner Kindheit

Heute wurde mir wieder einmal klar, weswegen ich keine Nachkommen habe.

Natürlich, ein elementares Zubehör wäre natürlich eine angemessene Vertreterin des weiblichen Geschlechts – soviel ist aus Herrn Niederöst’s Biologie-Unterricht hängen geblieben – aber die könnte man notfalls, wenn es nun wirklich und unbedingt sein müsste, auch aus dem Osten importieren. Vielleicht auf russenschlampen.de gerade im Angebot, wer weiss das schon.

Ein wirklich triftiger Grund ist das Geld und die mit Familie verbundene Verantwortung. Obwohl ich in Sachen abgeschobener Verantwortung laufend intensivst geschult werde, scheint mir dieser Schuh noch eine Nummer zu gross. Letztendlich begründet meine Motivation täglich zur Arbeit zu erscheinen darin, dass ich die Möglichkeit habe, anderntags zum Chef zu gehen und mitzuteilen; Ich glaube wir lassen das, hat irgendwie keine Perspektive für mich. Und natürlich, eine Medaille hat immer zwei Seiten, wenn der Chef eines Tages zu mir kommt; Ich glaube wie lassen das, es zahlt sich einfach nicht aus, bin ich nicht existenziell bedroht, ich lebe in der nicht unbegründeten Meinung, so ich nur für mich sorgen muss, werde ich nie den Hungertod erleiden und eine Obdachlosigkeit wäre freiwillig gewählt.

Stehe ich also im Athleticum vor dem Campingzubehör – da gibt es stets tausend Artikel welche kein Mensch braucht, aber in mir das Gefühl wecken, genau dieses Teil ist unentbehrlich – während am Regal nebenan die klassische Familie steht. Zwei Kinder – Knabe und die jüngere Schwester, klassisch eben -höchstens eben letzten Sommer eingeschult worden, der dazugehörige, meines Erachtens schon etwas gesetztere, Papa und eine Mutter welche… na ja, eine Frau eben, wie ich sie mit einem Wink des kleinen Fingers auch noch kriegen könnte.
Der Junior brauchte einen Rucksack und er hatte genaue Vorstellung davon, wie er auszusehen hat. Tausend Riemen und Schnallen, für den Laien ohne Sinn und Zweck, dunkler Farbe, mit vielen Taschen, ein Rucksack für Männer halt, ausgewählt nach den Massstäben, wie ich sie mir auch gesetzt hätte.
Die Mutter hielt sich derweil im Hintergrund, zupfte alle zwanzig Sekunden einen ihrer 5 BH/Top/Shirt-Träger vom schlaffen Oberarm zurück auf die fleischige Schulter, und überliess dem Papa das Feld. Wenn er schon einmal zum shoppen kommt und ein Rucksack kaufen ist nun wirklich eine Familiensache bei welcher am Besten der Papa entscheidet.
Dieser hatte ebenfalls konkrete Vorstellungen, wie ein Rucksack beschaffen sein soll. Sie waren etwas einfacher, liessen sich eigentlich auf 25 mal 45 Millimeter festeres Papier beschränken. Das Preisschild.
Um dennoch den Schein zu wahren der Junge hätte auch nur den Hauch einer Chance auf seinen Rucksack, nachdem er den vom Junior ausgewählten Artikel – meines Erachtens eine ausgezeichnete Wahl – wieder zurück und eine Stange höher gehängt hatte, liess er selbigen mit allerlei an Tragriemen befestigten Beuteln Parade spazieren. Leicht zurückgelehnt, mit Faust vor dem Mund und in Furchen gelegter Stirn, studierte er die Bewegungen seines Sprösslings. Der herbei geeilte Verkäufer wurde sofort wieder des Geländes verwiesen, die Betreuung der Frucht seiner Lenden oblag ganz dem Samenspender.
Ein Rucksack müsse richtig auf den Schultern sitzen, teilte er mit der Überzeugung des Fachmannes der Gattin mit, während der Junge gerade vorbei stolzierte, den mit Zeitungen gestopften Rucksack irgendwo auf dem Hinterteil tragend. So sähe dies nicht schlecht aus, meinte der Papa, woher er seine Skills in Sachen Rucksack tragen hat konnte ich mir nicht erklären; Die fleischigen Waden, das Hüftgold und der Bauchansatz liessen nicht auf jahrelange Trekking-Erfahrungen schliessen und das North-Face-Hemd riss den Karren auch nicht aus dem Dreck.

Dann kam der Satz, welcher den Jungen nachhaltig traumatisieren würde. Eigentlich zwei Sätze, einer etwas heftiger.
Wir müssen darauf achten, dass wir nicht gleich nächstes Jahr einen Neuen brauchen. Der Papa sprach nicht etwa eine excellente Verarbeitung an, nein, der Rucksack musste zu gross sein. Und genau eine Idee mehr, dass er nicht mehr als ‘cool gross’ wirkte, sondern einfach zu gross. Im Idealfall sprechen wir von drei Jahren hänseln in der Schule. Von ‘Haha der Rucksack ist zu gross’ zu ‘Haha der ist ja uralt’ und im dritten Jahr ‘Haha, der ist zu klein und schon sowas von uralt’.
Als wäre dies nicht genug;

Wir müssen sehen, dass auch die Schwester ihn nehmen kann.

Lasst den Satz nachwirken.
Seht den erschlagenen Jungen und wie aus ‘Toll ich kriege einen neuen Rucksack’ ein Trümmerhaufen von Träumen wird.
Sobald die Schwester involviert wurde, kam die Mutter als Interessenwahrerin ins Spiel. Plötzlich hatte dieses Teil neckische Farben, weniger Riemen, vielleicht noch ein Hello-Kitty Sticker und des Papas Eier kullern irgendwo zwischen Getränkeflaschen und Salewa-Fels-Erdnägel an mir vorbei, so er Glück hat, warten sie an der Kasse auf ihn.
Das Mass an den Jungen zu erwartenden Hänseleien auf dem Klassenausflug ist kaum zu überbieten.
Er hatte nicht direkt Tränen in den Augen, aber ein schöner Anblick war es nicht.

Und deswegen, liebe Leser, habe ich keine Kinder. Wie könnte ich meinem Jungen jährlich einen Rucksack verweigern, so der Papa selber stets dem neusten Schrott hinterher sprintet. Es wäre eine Frage der Ehre, dass mein Junge einen baugleichen, farbenidentischen und vor allem einen Marken-Rucksack besässe. Die Kiddy-Version von meinem. Und wenn er jedes Jahr einen Neuen benötigt, dann soll es so sein. Doch wenn Mami und Papi sich schwierig tun, jedem Kind einen Rucksack zu kaufen – wir reden hier von vielleicht 100 Franken oder so – dann sind es verblödete, egoistische Sparfüchse, oder die Kohle fehlt wirklich. In meinem Fall gehe ich davon aus, dass die Kohle fehlen würde, und daher bin ich halt dazu verdammt ohne baugleichen, farbenidentischen Markenrucksack über baugleichen, farbenidentischen Mini-Salewa-Schuhen an meiner Seite durchs Leben zu trippeln.

Welche Bepackung das Rennen gemacht hat, kann ich nicht sagen.
Als ich mich kurz einem Artikel zuwandte – ein Beutel/Sack/Tasche, schwarz-gelb, dessen Nutzen mir völlig fremd war, ich mir jedoch ganz sicher war, sobald ich ihn nur hätte wüsste ich ihn schon einzusetzen und es würde mir ein Rätsel sein, wie ich mein Leben bisher ohne diesen Beutel/Sack/Tasche gemeistert hätte (es war Salewa aufgedruckt) – versank ich so in dessen Studium, dass es mir völlig entging, dass die Familie zu den Schuhen weitergezogen war.
Gerne wäre ich ihnen gefolgt, aber das hätte dann wohl einen merkwürdigen Eindruck erweckt.

Zu guter Letzt; Man erkennt, dass ich als Kind wohl auch den Tornister aus Grossvaters Zeiten – wir hatten nichts, es war ja Krieg – auf dem Schulausflug tragen musste und das Wort ‘Teilen’ begleitete mich durch die ganze Jugend. Weswegen ich heute wohl solch ein Egoist bin, beim Einkaufen stets zwei Dinge des selben Artikels nehme, lieber zwei Eisbecher kaufe und die Hälfte meiner Portion wegschmeisse – weil wir beide gerade nicht solchen Hunger haben – als einen mit einer Partnerin zu teilen. Da kommt man nahrungstechnisch immer zu kurz. Überkompensation nennt mein Psychiater das und mein Automechaniker stimmt dem zu.
Packt man einem Kind den poppigen ’30-Jahre Interdiscount’-Rucksack mit den herrlich einschneidenden Spaghetti-Trägern auf den Rücken – man spart Geld, weil er des Jubiläums wegen nur 9.90 kostete – schmeisst der erwachsene Junge seine Kröten für sinnlose – in den Augen des dummen Laien – Beutel raus, nur weil er ein Markenartikel ist.

Wie aus dem Lehrbuch.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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