Neulich, im Starbucks

Was mir keiner gesagt hat; Der Caffee Americano venti entspricht in etwa einer Badewanne.

Der Langeweile entfliehend, bin ich einem Starbucks gelandet. Mittlerweile kann ich auch hier schreiben, dank eines angeknabberten Apfels bin ich rechnermässig nicht nur mobil, sondern ausgesprochen stylisch mobil. Mein alter Rechner, nicht dass ich mich zur Rechtfertigung berufen fühle, wirkte neben den modernen elektronischen Geräten wie ein Desktop-PC mit Akku. Mit einem sehr schwachen Akku.
Dass ich nun mit leuchtendem Apfel in einem Starbucks sitze, wie ein Student wirke und dazu in der Universitätsstadt Freiburg schreibe, notabene über den Tchibo-WLAN-Zugang, unterstreicht nicht nur meine Coolness, es hat durchaus auch einen gewissen Spassfaktor.

An sich wusste ich zuhause nur nicht, worüber ich schreiben sollte. Der Meinung, wochentags eigentlich schon genügend Kilometer zu fahren, sprang ich über meinen Schatten und bewegte mich durch den Schwarzwald. Vor mir ein kleiner Twingo im Sonntagsgang. Eine Oma am Steuer. Diese, welche Glückspost und ‚die aktuelle‘ mit ‚Adel-heute-spezial‘ abonnieren, zuhause ein mit Ramsch gefülltes Wohnzimmer inklusive Häckeldäckchen und Kätzchenkissen besitzen. Wo kaufen diese Omas eigentlich ihre Brillen? Ihr wisst wovon ich spreche. Diese geschwungenen Ohrbügel, einmal im Kreis, bis runter zu den Wangen und wieder hoch zum Ohr. Daran eine Kette, welche eine tollwütige Bulldogge zähmen könnte. Die Gläser so gross, dass zweifelsohne die städtische Sternwarte eine Suchmeldung nach ihren Teleskopspiegeln veröffentlicht haben muss.

Die Badewanne Kaffee habe ich schon zur Hälfte vernichtet, damit den Cookie runtergspühlt, welchen ich nach den Schlemmertagen letzte Woche gar nicht essen wollte.
Dafür schwitze ich nun wie ein angestochenes Schwein auf der Schlachtbank. Ja ich weiss, Schweine können nicht schwitzen. Hatte die Hoffnung, die Ideen würden mir in der Öffentlichkeit nur so zufliegen. Das einzige was bisher interessant erschien, war die Blondine, welche innert fünf Minuten zum dritten Mal den Abort aufsuchte. Keine sehr attraktive, wohlemerkt. Eine Blondine mit raspelkurzen Haaren und viel zu enger Kleidung. Nach welchen Kriterien kaufen Frauen eigentlich ihre Kleidung? Auch ich trete nicht mit einem von Idealmassen beglückten Astralkörper auf, was mich dazu motiviert, die Umhänge dementsprechent zu wählen. Für die Damenwelt scheint jedoch weder die Waage noch ein Spiegelbild ausschlaggebend zu sein, sondern lediglich, dass man sich noch in eine 36 oder eine 38 zu zwängen vermag. Dass man hernach wandelt wie ein Rollschinken auf zwei Beinen ist sekundär.
Liebe Damen, den Männern ist es offen gesagt schnuppe, welche Grösse ihr trägt. Ein Mann kann eine 38 nicht von einer 40 unterscheiden, bestenfalls noch ein A von einem B. Bedenkt dies doch bitte bei eurem Shopping-Trip. Und wenn wir sagen, es sieht ganz toll aus, ist es in 20 Prozent der Fälle gelogen, weil wir einfach keinen Ärger wollen. Zu dreissig Prozent haben wir uns nach dem fünften Kleidungsstück keine Meinung mehr dazu gebildet, weil euch a), unsere Meinung sowieso nicht interessiert – siehe die 4 Kleidungsstücke davor – und b), ihr davon ausgeht, dass wir sowieso lügen. Ja, da bleiben noch 50 Prozent und ob ihr es glaubt oder nicht, wir geben tatsächlich unsere aufrichtigen Kommentare ab. Vielleicht diplomatisch, aber aufrichtig. Diese fünfzig Prozent anerkennt ihr aber nicht an, siehe die vorgehende Position.

Mittlerweile füllt sich der Laden.
Zu meiner Rechten schielt ein Hausmütterchen auf mein Retina-Display. Die Handtasche auf dem Schoss und fest an sich gepresst, etwas verloren wirkt sie. Wohl das erste Mal in einem Starbucks.
Nicht, dass ich nun der Experte wäre. So vergass ich, dass mein Kaffee getauft wird und wirkte in der ersten Sekunde alles andere als weltmännisch, als der Herr hinter dem Tresen sich nach meinem Namen erkundigte. Erschwerend, dass er in seinen zotteligen Studentenbart nuschelte, als müsste er am Nikolaustag ein Gedicht vortragen.
Mit meinem hellen Schoko-Cookie, zäh wie Kautschuk, wurde ich an der Theke entlang geschoben und stand gute fünf Minuten auf verlorenem Posten, bis die Wanne mit einer dunklen Brühe geflutet war. Bis zum Rand.Das unvergleichliche Kaffeeerlebnis, welches doch den überrissenen Preis rechtfertigt, schwappte dem Bediensteten und mir über die Finger.
Dunkel in der Farbe und gehaltvoll im Geschmack. Als hätte man heisses Wasser durch eine Prise Instantkaffee in einer Socke gepresst.

Ausser den Rentnern hat mittlerweile jeder in diesem Laden ein Smartphone vor dem Gesicht. Egal ob sie zu zweit, zu dritt oder alleine sitzen. Die Kameras der Damen gegenüber wirken bedrohlich auf mich gerichtet. Nicht, dass ich mich geschmeichelt fühlen würde. Noch gefällt mir die Umstandsmode der Linken, gepaart mit der biederen Hausmütterchenfrisur und randlosen Brille, noch entzückt die Rechte, deren Gesicht ich hinter dem Kaffeebecher und Bling-Bling-besetzten iPhone noch nicht einmal gesehen habe.
Will sagen, ich sitze wenigstens und lästere tippenderweise über das Publikum ab, aber was treiben die Menschen permanent an ihren Telefonen? Wie oft kann man in einer Stunde sein Mails abrufen oder den Status aktualisieren.

So, nun fällt mir nichts mehr ein, der Kaffee ist aus und ich begebe mich auf den Heimweg.
Nicht zuletzt, weil ich eben einen bösen Blick empfangen habe, da ich gewiss minutenlang dem Hausmütterchen in Umstandskleidung unbewusst und geistesabwesend in den Ausschnitt gestarrt habe.
Glaubt mir, auch als ich der Blickrichtung gewahr wurde, es war keine Freude.
In diesem Sinne, schönen Sonntag zusammen.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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