Thank you for Smoking

Die Tatsache, selbst einer zu sein, liefert mir so quasi die Legitimation zu diesem Artikel. Die Rede ist von Rauchern.
Was mich anbelangt, bin ich unter Rauchern das, was Blade unter Vampiren ist. Ich habe alle ihre Stärken, keine ihre Schwächen. Noch nicht einmal den Durst… also ähm, das Verlangen meine ich.
Stärken, was haben Raucher für Stärken, fragt sich der kerngesunde Veganer unter den Lesern. Nun, zum Beispiel kann ein Raucher auf dem Firmenbalkon stehen und eine paffen. Während der Arbeitszeit. Der raucht eben eine, ist normal. Legt der Nichtraucher für 5 Minuten die Beine auf den Tisch und versendet auf Farmville virtuelle Schafe, ist er ein fauler Tunichtsgut. Ein Raucher hat stets was um sich festzuhalten, um eine Wartezeit zu überbrücken, sich von mühseliger Gesellschaft eine Auszeit zu nehmen und stets ein kleines Stück Freiheit und Abenteuer in der Tasche.

Darüber hinaus, sind sie bisweilen einfach ein wenig eklig. Beinahe schon widerlich. Gestern beim Grossverteiler röchelte es hinter mir, als hätte eine Giger-Kreation in der Warteschlange ihren Platz eingenommen. Dieses rasselnde Atmen, als würde Marley die Treppen hochsteigen. Noch bevor er mir Teer in den Nacken reiherte, roch ich ihn. Dieser Gestank der Stange Zigaretten von letzter Woche. Welche man in einem Durchgang in einem hermetisch abgedichteten Raum durchgezogen hat. Ohne jegliche Luftzufuhr oder, was Gott verhindern möge, einen Abzug des Rauches. Jedes Kleidungsstück, von der Socke bis zur Schirmmütze, hat man in dieser Räucherkammer dem Liebhaberaroma von kaltem, abgestandenen Rauch ausgesetzt. Es versteht sich von selbst, so man überhaupt Körperhygiene betreibt, dass man sein Haupthaar keinesfalls reinigendem Wasser und duftspendendem Shampoo aussetzt.
Das Problem liegt darin, dass die Stange irgendwann durch ist, Bier zur Neige geht, man eine Fertigpizza braucht oder welche Gründe sie auch immer treiben mögen; die Asis gehen vor die Tür. Mischen sich unter Leute und wie Katzen am Gartenzaun entlangstreifen, scheinen auch diese Raucher danach zu trachten, ihr Eau-de-Qualm an den Mitmenschen anzubringen. Ihr Revier zu markieren. Ihre Ausdünstung ist ihnen in keiner Weise peinlich, sie suchen direkt den Körperkontakt.
Diese Kreatur hinter mir wird zusätzlich von einem Schnupfen geplagt. Ein Nasenloch scheint sich verschlossen zu haben, umso intensiver atmet er durch das verbliebene. Jeder Atemzug mit einem rotzenden Hochziehen verbunden, was beim Ausatmen nicht in einem Faden am Nasenflügel hängen bleibt, sprüht er in feinen Tropfen über das Band, die Quengelware, die Kundschaft, meinen Nacken.

Er rückte mir so auf die Pelle, dass ich kurz überlegte, die Einkäufe auf das Band zu knallen und fluchtartig den Laden zu verlassen. Mit den Ellbogen wegdrücken wollte ich nicht, ich lebe in permanenter Angst vor einer tödlichen Kontamination, wenn solch ein stinkendes Etwas in meinem Umfeld agiert.

So versaute mir ein weiterer Vertreter dieser Spezies den letzten Kinofilm. Beinahe. Der Film war sowieso etwas dumm. Es war eine Konstellation dreier Personen, deren Zuordnung ich in der Kürze der Pause nicht klar festlegen konnte. Gleich zu meiner Linken eine sehr korpulente Dame mit einer zu engen Hose und einem speckigen Daunen-Stepp-Kurzmantel. Eigenst vor dem Kinobesuch noch in den Marylong-Räucherkasten gehängt. Diese Note, vermischt mit einem Denner-Quengelware-Parfum im Sonderangebot, wehte mir in die Nase, dass sich die Schleimhäute mal eben verabschiedeten und ich spontan zu schnappatmen begann. Kurzes, heftiges Luftholen durch den Mund. Wenn ich es nicht rieche ist es nicht tödlich, oder so. Während sie sich behaglich einrichtete, schleuderte der widerwärtige, schmutzstarrende Ärmel ihres abgewetzten, speckigen Kik-Kurzmantel auf meinen Sessel, dass ich vor Schreck beinahe meiner Begleiterin zur Rechten auf den Schoss sprang.
Die Stimme. Jeder Mensch hat seine Tonart, von normal, bis nahezu fiepend. Ein männlicher Raucher erhält eine whiskeygeschwängerte Brummelstimme, was durchaus maskulin wirkt. Frauen hingegen erwerben mit drei Packungen Lidl-Marlboro, die Goldfield, diese Note zwischen Kioskdame der ersten Stunde und fünfzehn Jahre auf’m Bock. Ständig vibriert da in der Kehle was mit. Tief, rasselnd und das Lachen klingt, als würde man einen Glascontainer auskippen. Man möchte ihnen ständig auf den Rücken klopfen, solch ein Fremdkörper in der Kehle muss doch lästig sein. Beginnt sich selber zu räuspern, weil man irgendwie mitleidet.
Der Begleiter, könnte Mann, Sohn, Liebhaber oder von jeder Variante etwas gewesen sein, sprach lautstark auf seine Mutter, Frau, Mätresse ein. In einem beinahe übermenschlichen Akt schien er den letzten, tiefen Zug seiner Marlboro in den hintersten Lungenflügeln aufbewahrt zu haben und dieser Hauch des Todes waberte wie Giftgas an in mein Gesicht, da ich just in diesem Moment die Gestalt einfach ansehen musste. Das verfilzte Kopfhaar, die Nasenhaare ohne sichtbare Trennung in den Schnurrbart übergehend, überschattet von einem in die Nase gehängten, popelverkrusteten Ring.
Ja, ich sehe nichts anmutiges, wenn man sich irgendwelches Blech ins Gesicht hängt, aber die Geschmäcker sind ja verschieden.
Die zweite Dame der Dreierkonstellation, mit einer engen Kampfhose und einem etwas zu kleinen Shirt. Eine Frau mit etwas runderen Formen ist nicht per se unattraktiv, aber wenn der unbedeckte Bauch unter dem Shirt raushängt, sollte man vielleicht die Kleiderwahl überdenken.
Kurz, die Gruppe wirkte, als hätten sie vor einer Stunde am Fliesentisch die letzten Fluppen gestopft und geniessen nun den freien Abend, bevor sie für einen Fuffi bei RTL zu den „Familien im Brennpunkt“-Dreharbeiten müssten. Während des Films ging der Raucherhusten los. Mit Auswurf, da bin ich ganz fest überzeugt. Und um die Sonntagsstaat nicht einzusauen, wird keinerlei Arm- oder zumindest Handtechnische Blockade vor der Rachenöffnung aufgebaut. Über drei Sitzreihen werden die Ausscheidungen verteilt, in Popcorn, Nachos, über Trinkhalme und in M&Ms-Becher.
Die Leute sollen mal nicht so tun, zu Hause wischt man auch nur mal eben feucht durch, wenn die Tauschmutti aus’m Ruhrgebiet zu Besuch ist und man lebt auch noch.fliesentisch

Was den Raucher vom Alkoholiker unterscheidet, ist lediglich die Tatsache, dass man eine Fluppe freihändig im Mund balancieren kann, während eine Bierflasche ganz schön auf die Zähne und Kiefermuskeln geht und er daher seiner Sucht auch während der Verrichtung einer Tätigkeit nachgeht.
Stelle ich in meinem Arbeitsalltag fest, welcher mich so schon beinahe zum Nichtraucher gemacht hat.
Den Glimmstengel in der linken Mundecke, das obenliegende Auge vom blauen Dunst schon etwas gerötet und leicht tränend zusammengekniffen. Die Atmung mehr schlecht als recht, da auch der überzeugteste Marlboro-Cowboy dann und wann eine Idee Sauerstoff benötigt, was mit dieser Art zu rauchen nahezu unmöglich ist. Regelmässig muss man die Lippen zusammenpressen und mit dem ordentlich reduzierten Lungenvolumen kräftig ziehen um den Glimmstengel am Leben zu erhalten. Das reine Gift kriecht in die Lungen, erfreut die Psyche, befriedigt den Körper als Organismus jedoch nur bedingt. Daher zieht man zwischendurch immer wieder Luft durch das Nasenloch, welches jedoch permanent vom Dunst des anderen Zigarettenende umwabert ist, was wieder einen teerhaltigen Lungenzug ergibt.
Nach einem viertel der Zigarette wird diese unproduktive Wechselatmung von einem Keuch-Hustanfall quittiert, was dann durch den rechten Mundwinkel abläuft. Mit dem linken hält man ja die Zigarette und die Hände sind bei der Arbeit.
Man bemitleidet den Raucher beinahe.
Irgendwann geht es nicht mehr.
Man muss die Sparsamkeit der Raucher loben. Es ist mir nicht geläufig, was eine Zigarette kostet, aber ich schätze sie wird im unteren, zweistelligen Rappenbereich anzusiedeln sein. Ein normaler Mensch, hätte einen solch störenden Fremdkörper stets entnervt in die Ecke gepfeffert. Wenn ich Aufgrund einer Alkoholvergiftung in meinen blauen Eimer reihere, spüle dich den Mund auch nicht mit abgestandenem Corona aus. Würde der Raucher wohl. Denn wenn der Krebskandidat bereits am Sargboden entlangschrammt, die Zigarette ist säuberlich auf die Kante gelegt. Womöglich leicht schräg, um ein schnelles Abbrennen zu verhindern.
Der Raucher steurt nun einem Hustanfall entgegen, welcher einen kleinen Mann entzwei reissen würde. Doch in einem beinahe liebevollen Akt zieht er den zu dreiviertel gerauchten Glimmstengel aus dem Mund, hält ihn hoch oben in Sicherheit, bevor er sich krümmt und windet, in einem offensichtlich letzten Aufbäumen förmlich die Lunge auf den Parkett kotzt.
Vor Anstrengung so ausgezehrt, dass ein Supersportler erst einmal zur Regenerationskur gehen würde, stützt er sich am Schrank ab und führt die gerettet Kippe wieder zwischen die faltigen, grauen Lippen.
Kräftig ziehen, dass die Glut am Filter leckt und neuer blauer Lebensdunst in die Lungen zieht.
Der sehr geschätzte Mitarbeiter, ich mag ihn wirklich, pflegt dann jeweils zu sagen „Gopfertami, anderi sterbed so liecht und mich butzts fascht“.
Bevor er eine neue Aldi-Zigarette aus der Brusttasche fischt.

 

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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