Neulich im Fitnesscenter

Lange nachdem von Otto-Normalbürger heftig gefasste Vorsätze nach 13 Tagen konsequenten Umsetzen dem Alltag zum Opfer fielen, begann ich mich mit der Umsetzung der meinigen.
Eines hübschen Abends feststellend, dass die Hose nicht mehr zu schliessen war, die Jeans irgendwo mittig Oberschenkel zwickte und klemmte – und ich bin beileibe kein Fan von diesen Super-Skinny-Fit Jeans. Dies sieht schon an 93% der Frauen bescheuert aus, aber die feminine Ausprägung eines Skinny-Jeans-Trägers ist nicht zu leugnen.
Will sagen, trägt irgend ein Punk-Rocker solche Hosen ist dies sein Style und in der Gesamtkombination irgendwie auch ok. Doch die Vorstellung, dass ein Mann mit Vaseline in seine Hosen steigt kann eines homoerotischen Touchs nicht entbehren.Gesteigert auch in der Kombination, Super-Skinny-Harem-Jeans.
Dies sieht aus, als wäre Dobby der Hauself mit einer Giraffe intim geworden und hätte die Nachgeburt aufgezogen.skinny-haremZieh mal die Hose hoch. Und geh zum Friseur.

Bevor ich mir also bei PEARL einen Hosenbund-Dehner bestellte, beschloss ich der Ursache auf den Grund zu gehen. Die einzige Alternative bestand in einer Reduktion der Leibesfülle.
So begab ich mich wieder in ein Fitness-Center.

Der Ausflug in das M-Fit war ja eher ernüchternd.
Beim Passieren der Theke wurde schon meine Gangart korrigiert und egal an welchem Gerät ich trainierte, wie aus dem Nichts tauchte ein Physiotherapeut auf. Den Körper ausgezehrt und definiert bis auf das Knochenmark hat er sich völlig unsichtbar hinter einem Bambusstengel verborgen und hebt nun den knochigen, feingliedrigen Zeigefinger.
Langsamer… viel langsamer. Und reduziere das Gewicht.
Bis ich die unbelasteten Seile mit der reinen Erdanziehung als Trainingsgewicht in Zeitlupe bewegte.
Siehst du, so fühlt es sich gleich viel besser an. Und gesünder!
Ich wagte kaum zu atmen, aus Angst, durch das Heben der Brust eine zu hektische Bewegung zu vollführen.
Der Physio schlich, nein wippte, in seinen MBT-Gesundheitsschuhen rückwärts in Richtung Theke. Mich immernoch mit Argus-Augen beobachtend.
Langsam… du wirst hektisch, viel langsamer… Klang es durch die Totenstille der Halle, als ich mal eben mit der Nase zuckte, weil eine Fliege sich genüsslich niederliess und die Ruhe geniessen wollte.
Sanft, als wollte ich einem Schmetterling die Flügel streicheln, setzte ich die imaginären Gewichte wieder ab. Erhob mich von der Maschine, erschrocken innehaltend, als der Kunststoff der Sitzfläche leicht knisterte.In einem unbeobachteten Augenblick schaffte ich es, mich in den Hantelbereich zu stehlen. Eher stiefmütterlich in der bösen Ecke sind 20 niegelnagelneue Freihanteln auf einem blitzenden Eisenregal gelagert. Nicht zwingend zur Nutzung gedacht.
Mit einem kurzen Ruck zerrte ich die gummierten Scheiben aus dem Regal, ein Flutsch-Klatschgeräusch, als hätte ein Militärarzt soeben seinen Latexhandschuh angezogen.
Drei Augenpaare waren auf mich gerichtet, die Nackenkrause wurde auf der Theke bereit gelegt und ein vierter Physiotherapeut zerrte das Wirbelsäulenstabilisierungsbrett aus der Abstellkammer.
Nach drei Monaten trennten wir uns in gegenseitigem, stillen Einverständnis. Nachdem ich einen Monat das Training geschwänzt hatte.
Ich schätze Physiotherapeuten sehr, da will ich kein Zweifel aufkommen lassen. Der Herr Doktor ist ganz nett, seine Medikamente toll, aber dass ich meine Schuhe noch selber binden und in selbigen gehen kann, schreibe ich den Folterknechten in Gesundheitsschuhen zu und bin immens dankbar dafür!

Zurück auf Start.
Wie würde Rocky trainieren, fragte ich mich.rockytrainingEisen fressen halt.
Rohe Rinderhälften sind schwer zu finden.
Also suchte ich das älteste Fitnesscenter der Region auf.
Der Besitzer taxierte mich von oben bis unten.
Willst du ein Einführungstraining oder gleich beginnen? Gut, da hast du ein Wasser, geht aufs Haus, viel Spass.Mein Herz hatte er erobert. Nicht, dass ich den Fitness-Check vom M-Fit missen möchte, der war spannend. Aber hinter einem kichernden Mädchen in Spandex nachtapsen musste auch nicht sein. Auf dem metallenen Klemmbrett der gelbe Zettel mit den Standard-Übungen, welche jedes potentielle Neumitglied erhält, welches nicht gerade den Kopf unter dem Arm trägt oder laut Attest eine um 45 Grad verschobene Wirbelsäule mit Flexkrummzwirbelung zum Anlass nimmt, sich körperlich zu ertüchtigen.

Trete ich also im ausgeleierten und doch irgendwie unfreiwillig eng anliegenden Shirt, der fleckigen Trainerhose und den drückenden Turnschuhen zwischen die Athleten.
Es scheint ein gewisser Dress-Code zu herrschen. Weniger ist mehr.
Ich weiss nicht, ob die Bezeichnung Shirt auf die Oberbekleidung zutrifft.
Der Stoff hängt irgendwie lose in der Bauchgegend. Gehalten von solch feinen Trägern, dass ein Victoria’s Secret-Büstenhalterträger wie ein Sicherheitsgurt wirkt. Mann zeigt gerne Brust, weniger Stoff wäre nur möglich, würden sie anstelle der Oberbekleidung Nippelquasten tragen. Im Rücken laufen die Träger zusammen, verschwinden zwischen den Trapezmuskeln.
Die nackte Haut von einem Schweissfilm überzogen, welcher nur von den zerfledderten, speckigen Plastikpolstern der Hantelbank abgewischt wird. Natürlich tragen sie ein Handtuch mit sich, wie es in Fitness-Centern üblich ist. Von der Grösse eine Tempo-Taschentuchs. Eines gefalteten Temoptaschentuch. Mit diesem Tupfen sie sich gelegentlich die Stirn ab.
Man muss schon über seinen Schatten springen um in diesem Center irgendwas mit blossen Händen zu berühren. Im speziellen, da die Muskelberge von einer pickeligen Haut überzogen sind, wie sie nach der Pubertät nur noch durch ausgewählte Aufputschmittel zu gewinnen ist.
Es versteht sich von selbst, dass ich mich zwischen diesen wandelnden Kleiderschränken nahezu tänzelnd bewege. Als wäre ich dadurch nicht schon Aussenseiter genug, bewege ich meine Fliegengewicht mit einer Langsamkeit, dass Arnold Strong nebenan mit viel Schwung, unter thestosterongeschwängerten Schreien in derselben Zeit drei Übungen absolviert. Oder mal eben einen Laster um den Block zieht. Mit den Zähnen. Einbeinig. Hüpfend.

Doch eine Unterhaltung wäre sowieso nicht möglich. Kaum einer ist der Fremdsprache deutsch mächtig.
Es sind diese Neu-Schweizer. Diese mit den kastenartigen Köpfen, schwarzen Doppelkopf-Adler auf roten Shirts und dem passiv-aggressiven Ausdruck um Gesicht. Ich wollte Rocky, jetzt hab ich Rocky III. Trainieren unter Menschen, welche einem bei einem falschen Blick massakrieren und – eine Frage der Ehre – die Kehle aufschlitzen. Frau Sommaruga hätte schon eine Erklärung, warum ich röchelnd in meinem eigenen Blut die Schuld trage und selbige jemand aus meinem Umfeld noch sühnen sollte, da ich dies aus der Kiste heraus nicht mehr könne.
Ausser den Namen der Jungs habe ich noch nicht viel mitgekriegt. Fünf heissen „Kasten“, dann sind da noch 13 „Maschinen“, ein „Fetzen“ und sieben mit dem Doppelnamen „Hey Alter“. Sie begrüssen sich gerne mit klatschenden Handschlägen. Also nicht der klassische, sondern der coole, mit dem Unterarm hochgereckt und 45 Grad geneigt. Nicht nur weil es Buddy-Style ist. Sobald sich der feine Schleier der stiebenden Schweisstropfen verflüchtigt hat, können sie ihren Bizeps vergleichen. Der Laie kann nur staunen, wie man so verkrampft und dynamisch zugleich die Hand schütteln kann.

Erwische ich Sprachfetzen, dreht es sich um Autos, Chicks, Autos, Training, Chicks oder sie streicheln einander stumm die Muskeln und betrachten sich in einem Augenblick inniger Verbundenheit im Spiegel. Die Arme um die Schultern und gegenseitig das Waschbrett befühlend.
A propos Chicks; Ich weiss nicht ob Frauen trainieren. Einem Ehrenmord zum Opfer zu fallen passt nicht in meine drei-Monatsplanung, also richte ich den Blick gegen den durchgetretenen Boden. Irgendwann werden sie mich wohl die Treppe hinunter stossen, weil meine Reserviertheit als Ignoranz interpretiert wird. An manch Orten der Schweiz ist es etwas schwierig, einfach nur in die Welt zu gucken, ohne jemanden zu beleidigen.

Die angenehme Seite, dass jeder Trainieren kann wie er will, ohne dass ein Aufpasser reinquatscht lässt einem einerseits am Sinn der Krankenkassenrückerstattung zweifeln, zum anderen bietet es manch heiteren Anblick.

Da hängt schon einmal ein alternder Herr in Jeans, Hemd und löchrigen Lackschuhen auf der Hantelbank und treibt irgendwas, was entfernt an einen Workout erinnert. Auch muss man sich nicht wundern, wenn ein Danny Zuko-Verschnitt in Stiefeln mit Absatz und Fransenjacke auf dem Laufband sprintet, als sässe ihm die County-Police im Nacken.
Einer meiner Favoriten ist irgendwie weiblich. So genau sieht man dies nicht. Etwas beleibter, die Liedschatten über die Stirn spitz zulaufend zum Haaransatz hochgezogen. Die Finger enden in Krallen. Aufgesetzte Nägel, zwei Zentimeter lange tödliche Spitzen. Tippt sie auf ihrem Smartphone, und sie tippt oft, klingt es wie Mäusegetrappel in einem Schuhkarton. Sie bewegt an den Maschinen beeindruckende Gewichte. Über einen Weg von drei Zentimetern, in atemberaubenden Tempo hoch und runter. Dabei folgt sie mit den Pupillen der weitaufgerissenen Augen ihren Handgelenken. Beindruckt und zufrieden lächelnd. Gerne würde ich sie filmen, aber ich habe Angst vor einem Zigeunerfluch. Oder Krallen in meinem Gesicht.

Irgendwann kommt man in die Umkleide. Nicht dass ich mich umziehen würde. Im Gegenteil, ich verbrenne die Shirts auf dem Vorplatz und steige nackig ins Auto. Würde ich gerne. Alternativ habe ich den Sitz mit einem Schutz versehen und reinige das Volant und den Schaltknüppel intensiver, als ein Chirurg sein Werkzeug. Selbstverständlich wasche ich vor dem Verlassen des Centers die Hände und bediene alle Türen nur noch mit den Füssen; Kurz, ich verhalte mich wie an einer deutschen Autobahnraststätte.
In der Umkleide kommen die Poser erst in Fahrt. Nackig vor dem Spiegel. Kein Scherz. Ich will nicht behaupten, ausgesprochen prüde zu sein, aber bin doch peinlich berührt. Zumal diese Neu-Schweizer die Eigenschaft haben, beim Sprechen immer wieder ihr Gemächt (Gemächtchen) zu kratzen. Gut, ich verstehe die Worte nicht, aber sie können ja nicht jedesmal über Sackläuse sprechen.
Sind es nicht die posierenden Shipis, stehen nackte alte Männer mit stattlichen Bierbäuchen herum. Die kratzen sich wenigstens nicht am Sack, weil der Durchschnittsarm nun einmal eine beschränkte Länge hat. Vor dem Gang in die Sauna – ich würde mir die Haut vom Leibe reissen, müsste ich einen Fuss in selbige setzen – pflegen sie im Kreis zu gehen oder da sie schonmal nackig sind, ans Pissoir zu stehen.
Eine rundherum abstossende Sache.

Mittlerweile bin ich etwas verwirrt. Wird die Welt immer abgedrehter und ich vermag nicht Schritt zu halten, oder habe ich ein Händchen, die absurdesten Orte der Welt zu finden?

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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