Neulich, im Strassenverkehr

Wenn ich bedenke, mich bald wieder in den Pendlerstrom einzufügen, frage ich mich ernsthaft, ob dieser Entschluss reiflich durchdacht war.
Nicht nur, dass sich täglich gefühlte 20 Fahrzeuge zusätzlich in den Strassenverkehr begeben, die Autolenker werden auch immer mühseliger.

Neulenker, welche ja allesamt auf Probe unterwegs sind, besuchen diverse Kurse um sicher zu fahren, umweltschonend zu fahren, Gefahren zu erkennen, aber hauptsächlich, um 800.- Franken nach dem Absolvieren der Prüfung abzudrücken.

Dabei gäbe es noch so viele Kurse, gerade für die gestandenen Lenker. Auch die haben Zitzen, auch diese kann man melken.

Zum Beispiel; Sicher, auch über 60
Wie wäre es mit einem Kurs für Rentner, welchen der kalte Schweiss die Hutkrempe nässt, wenn sie ihren Opel Kadett auf über 60 km/h beschleunigen sollten?
Oder ein Spiel für zuhause, wozu ist dieser Hebel linkerhand hinter dem Lenkrad, wie und wo habe ich ihn einzusetzen.fahrtrainerOder, fahrn auf der Autobahn
Der Rentner, welcher nach Leukerbad zur Kur will, nimmt nach guter alter Sitte seinen Opel Kadett. In schillerndem rot, mitte der achtziger bei Opel Neck gekauft, seither keine vierzigtausend Kilometer abgespult und den 5. Gang noch nie gebraucht. Die Klorolle mit dem gehäckelten Überzug auf der Hutablage, gleich neben dem Auto-Apotheken-Kissen.
Morgens um viertel nach sieben lässt er sich mit dem arbeitenden Teil der Bevölkerung nach Schaffhausen tragen, reiht sich bei Winterthur in den nächsten Stau, hoppelt durch den Gubrist und will sich gleich nach diesem auf der linken Spur einreihen, weil bereits nach 110km bei Bern-Wankdorf der Abzweiger in Richtung Berner Oberland erscheint.
Nachdem er erfolgreich, für Uneingeweihte überraschend, auf die mittlere Spur gewechselt hat, hinter ihm ein Brummi seinen schlingernden Anhänger wieder zu kontrollieren versucht und ein Smart aufgrund des aprubten Bremsmanövers über die Leitplanke gehoppelt ist, wird Opa Herbert die ganze Sache mulmig.
Rast er mit neunzig Stundenkilometer und heulendem Vierzylinder mit 7000 Touren, weil er sich nicht getraut die Hände vom pelzbesetzten Volant zu nehmen um den Gang zu wechseln. Rechts rasen überdimensionale Brummi vorbei, dass Oma Hedwig von einer heftigen Inkontinenz befallen wird und beinahe den Haltegriff von der Tür reisst, links fluchende Sportwagenfahrer welche mit obszönen Fingerzeichen ihrem Ärger Luft machen und aus dem Innenspiegel werfen die reflektierende Xenon-Lichter der folgenden, hektisch blinkenden Wagen ihren pupillenkillenden Schein auf den grünen Star des noch sehenden rechten Auges. Dies alles kriegt Opa Herbert jedoch kaum mit, sein Blickfeld hat sich auf zwei Meter Breite reduziert, die Knöchel der verkrampften Hände treten weiss hervor und der Hut droht vom Kopf zu rutschen.
Er sieht keine Chance, wie diese Höllenfahrt wieder zu beenden wäre.

Natürlich behindern Rentner nicht grundsätzlich den Verkehr. Es lässt sich einfach hinterfragen, was gefährlicher ist. Der Lenker, welcher ausserorts einmal auf 90 beschleunigt, oder jener, welchem ab siebzig km/h die Muffe geht, weil seine Reaktionsgeschwindigkeit gerade knapp ausreicht, den Wagen zu stoppen, bevor er mit drei Stundenkilometern die Rückwand der Garage ins Gemüsebeet schiebt, weil Oma die Markierung auf Aussenspiegelhöhe an der Seitenwand entfernt hat.

Liegt es an den vielen Radarkästen, den steigenden Spritpreisen oder wieso haben die Verkehrsteilnehmer Angst vor Geschwindigkeit?
Sollte der Kreisel für einen flüssigen Verkehr sorgen, wird dies zur Farce, weil die Lenker bei dem Hinweisschild in die Eisen treten, als würde Oma Duck mit ihren Enten und sieben süsse Karnickel ganz überraschend die Fahrbahn queren. Sie würden den Wagen am liebsten in den Kreisverkehr schieben oder mit einem Seil zur Ausfahrt schleppen. Statt mit etwas Geschick vorausschauend, die leere Fahrbahn nutzend, dynamisch den Kreis ausfahrend wird angehalten und auch bei leeren Strassen wird lieber noch drei Sekunden gewartet, ob vielleicht nicht doch noch ein Wagen aus dem Nichts auftaucht.
Regionale Künstler welche sich in der Kreiselmitte selbst verwirklichen durften und irgendwelche augenkrebs verursachende Bauwerke errichteten, verhindern erfolgreich den Blick auf die gegenüberliegende Seite und so sorgt ein vor sich hin rostender Monolith für eine völlig sinnlose Ausbremsung des Verkehrsflusses.
Damit nicht genug, wird bei der Kreiselausfahrt sehr gerne ein Fussgängerstreifen oder eine Bushaltestelle platziert, damit die rückstauenden Fahrzeuge auch gleich alle anderen Abgänge unpassierbar machen.

Öffentliche Verkehrsmittel bewegen sich im Grundsatz um zehn Stundenkilometern langsamer als private Verkehrsteilnehmer.
Befindet sich die Haltestelle auf der Strasse und eine ausgezogene Linie das Überholen bei Todesstrafe untersagt, lässt sich der Chauffeur alle Zeit der Welt um dem einsteigenden Rentner den Unterschied zwischen Zone 10 und einem Erste-Klasse-Billet nach Luzern zu erklären. Oder eine Monatskarte zu verkaufen und das erste Bild von Bohem wiederzugeben, weil ein Ticket dafür zur Monatskarte vergünstigt erhältlich ist.Befindet sich der Bus in einer Haltebucht, welche eine Vorbeifahrt theoretisch gestatten würde, setzt der Chauffeur den Blinker während man auf halber Höhe ist, um eine Zehntelsekunde später das Volant herumzureissen und sein Elektrofahrzeug auf die Fahrbahn zu katapultieren. Das Sonnenlicht gleisst auf der polierten Glatze, der Schnurrbart zittert und die Augen funkeln böse hinter der Brille, während er dir alle Schande der Welt anhängt, wenn du nicht auf sein Blinkzeichen hin sofort in die Eisen gestiegen bist und den Wagen mit rauchendem Kühler und aufgeschlitzer Ölwanne auf der Insel über der ‚Biene Maja‘ zum stehen gebracht hast.

Beschleunigung. Moderne Fahrzeuge sind mit zehnfach-Zündung, Turboladern, elektronisch geregelter Einspritzung, Anfahrhilfen und Anti-Schlupf-Regelung ausgestattet. Serienreifen halten wie Slicks auf dem Asphalt und mit einem Druck auf das Gaspedal galoppieren serienmässig dreihundert Pferde los.
Was bleibt ist die Überraschung.
Obwohl es seit Jahr und Tag über Generationen passiert, bleibt die Überraschung, dass nach einem Erlöschen des roten Lichtes an der Ampel ein grünes erscheint. Die Leute sind so perplex, dass sie leer schlucken, einen Gang einlegen, die Kupplung schleifen lassen, die Handbremse lösen und ganz langsam los rollen.
Wenn man grosses Glück hat, würgen sie den Motor nicht ab und drei nachfolgende Fahrzeuge können die Kreuzung passieren.
Hingegen die Rot-Phase können die Lenker nahezu riechen. Rollen sie auf einer leeren Strasse an eine Kreuzung, verleitet sie die grüne Ampel dazu, die Geschwindigkeit zu reduzieren, für den Fall, dass diese gleich auf Rot wechselt. Noch etwas langsamer, noch ein Stück, bis das Licht zehn Meter vor der Linie tatsächlich auf gelb (oder orange?) wechselt. Ups das reicht noch, man latscht auf das Gaspedal, schiesst auf die Linie zu. Nein, reicht doch nicht und steigt in die Eisen, als würde Oma Duck… Karnickel…

Diese Furcht vor Geschwindigkeit setzt sich auf Hauptstrassen fort.
Ich habe nichts gegen Landwirte, Gott bewahre, auch nicht gegen Bauarbeiter mit ihren Dumper oder Staplerfahrer Klaus, auch der Baggerfahrer Bruno hat mir nichts zuleide getan.
Aber bitte, müssen diese jeweils den Arbeitsverkehr wählen um ihr kastriertes Vehikel durch die Hauptverkehrsachsen zu bewegen?
Wie immer diesen auch zumute sein mag, als folgender Autofahrer sieht man nur die böse Absicht.
Erbost blickt man aus der Windschutzscheibe auf dieses dreckstrotzende Ungetüm vor einem, mit hasserfülltem Blick registriert man das auf- und abhüpfen des Bauern in seinem zehnfach gefedertem Sitz, wie ein springender Clownkopf aus der Trickkiste scheint er einem zu verhöhnen. Hoppst herum wie Sébastien Loeb auf Schotterpiste, tuckert dabei aber mit 35 km/h über den Asphalt. Man möchte aussteigen, nach vorne sprinten und den arroganten Latzhosenmann von seinem federnden Sitz zerren.
Ein Aussenspiegel wie ihn Victoria Beckham kaum grösser in ihrer Ankleide hat, darin sieht man das grinsende Konterfei des Bauern und man weiss genau, wie er am Küchentisch über die Suppe gebeugt zwischen den Fliegenfängern hindurch seine Trudi mit Stolz erfüllt, wenn er mitteilt, dass er von Guntmadingen bis in die Enge sage und schreibe 23 Fahrzeuge in Schach gehalten hat. Darunter gar einen Porsche.
Während des Überholverbots hätte er jeweils auf 20 km/h reduziert ‚isch mer fascht verreckt, de Fendt, hahahaha‘ während er bei der freien Fahrbahn seinen Hänger dermassen ins Schlingern versetzt hat, dass jeder vernünftige Lenker Abstand hält, ein Vorbeischauen schon gar nicht möglich ist. Zum Glück habe er den Blinker nicht repariert, das linke Licht leuchte so unregelmässig auf, dass man stets damit rechnen muss, er biege ab.

Habe ich noch wen vergessen?
Kinder brauchen heute mehr Schutz als früher, nicht nur, dass sie bis mitte Pubertät im Kindersitz bleiben müssen, nein die ganze Karrosse muss die Dimensionen eines Panzers aufweisen. Etwas kleineres als einen Audi Q7 kann man natürlich kaufen, aber der Verdacht steht im Raum, dass man seine Kinder nicht so fest lieb hat, wie sie es verdienen. Ob nun der Papa einschärft, dass man mit einem SUV stets vortrittsberechtigt ist, oder die Gattin noch nie mit grossen Dingern umzugehen hatte, auf jeden Fall kommen einem diese Ungetümer stets in der Mitte der Strasse entgegen. Hinterm Steuer eine Mutti mit panisch geweiteten Augen hinter der Chanel-Brille, den Wagen verkrampft führen, als müsste sie eine Elefanten auf einem Hochseil über die Niagara-Fälle reiten. Nicht der SUV, mit einem halben Meter Abstand zum Fahrbahnrand hockt der Sensenmann quasi schon grinsend auf dem Kuhfänger, sondern der langweilige Strassenkombi muss letztendlich in den Strassengraben ausweichen und im Slalom um die Birken fahren.
Abends wird sie Papi erzählen, wie gut, dass sie einen grossen SUV hätten, heute musste sie wegen eines entgegenkommenden Arschlochs verkehrstechnisch durch die Hölle brausen, mit einem Kleinwagen wären 3/4 der Familie drauf gegangen.

So läuft das.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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