Wir sind dran mit Korea

Grundsätzlich ist die Branche schon ein mühsames Betätigungsfeld.
Ich würde soweit gehen und behaupten, dass dieser Preiskampf in keiner anderen Sparte der Privatwirtschaft anzutreffen ist.
Der Otto-Normalbürger kauft sein Auto nicht in einem Online-Shop. Ob eine Tomate in der Migros, Coop, Volg oder Denner erstanden wird, ist von den Ansprüchen der Clientel abhängig und der Preis bestenfalls ein sekundäres Argument.
Der Kunde erwartet für seinen Apfel oder das Küchenpapier keine umfassende Beratung von geschultem Verkaufspersonal, sein einziger Anspruch besteht darin, das Toilettenpapier und die Haferflocken im Regal vorzufinden.
So ich meine Tütensuppe im Volg statt im Aldi kaufe, erwarte ich für die einen Franken betragende Preisdifferenz nicht einen kostenlosen Service über das Aufreissen der Tüte bis zur korrekten Bewegung des Schwingbesens. Ich akzeptiere den Preis angesichts der Tatsache, dass die Bedienung ein frisch-freundliches deutsch spricht und die Filialen auch im entlegensten Winkel der Schweiz zu finden sind.

Was muss Bäckereiverkäufer für ein toller Beruf sein. Der Kunde begutachtet sein
St. Galler-Brot und zieht es meinetwegen dem Baguette vor, da es eine herrlich ansprechende Krust hat. Er nimmt es mit, belegt und verspeist es und so es seinem Gusto entspricht, geht er die Tage wieder in die Bäckerei.
Das Brot hat keine USB-Schnittstelle. Der Bäckergeselle bietet es nicht feil, obwohl es nur aus der leeren Kruste besteht und im Inneren kein Gramm Mehl verarbeitet wurde. Er lässt den Kunden nicht nach Hause gehen, das Brot aufschneiden um sich hernach infolge eines erbosten Telefonanrufes mit dem Mehllieferanten auseinandersetzen, warum trotz der Herstellung nach bestem Wissen und Gewissen und nach allen Regeln der Kunst das leckere St. Galler-Brot im inneren Hohl sei.

Was ich sagen will, die Unterhaltungselektronikbranche hätte in der DMAX-Reihe „Die härtesten Jobs der Welt“ ein Sendefenster verdient.

Warum wir hohle Brote verkaufen?
Weil uns nichts anderes geliefert wird und wir von irgendwas leben, sprich irgendwas verkaufen müssen. Auf Gedeih und Verderben den Lieferanten ausgeliefert.

Willkommen in der Servicewüste Schweiz

servicewueste

Wie nahezu täglich, nahm ich eben meinen Receiver Marke Vantage in Betrieb, ein tolles Gerät; Es empfängt HDTV, es zeichnet parallel mehrere Sendungen auf, es bietet mir Timeshift, ich kann vier Karten einsetzen, kurzum; Man muss es einfach haben!

Gut, exakt nach dem Start beginnt das Bild zu zuckeln, es wird schwarz, erscheint wieder, dann bleibt der Ton stehen, erklingt wieder und mein guter, alter Panasonic fängt sich beinahe einen Chip-Infarkt ein, da er das Bild zwischen 16:9 und Vollbild nicht so schnell umschalten kann, wie es ihm der Receiver über die HDMI-Schnittstelle vorgibt.
Dieses Spiel verfolge ich nach jedem Einschalten gute fünf Minuten lang, Zeit welche zu kalkulieren ist, so ich ein Programm pünktlich verfolgen möchte. Dümmer ist die Sache, wenn ich eine Sendung aufzeichnen möchte, doch möchte ich die Spannung nicht mehr missen, wenn ich mit Pop-Corn vor das Gerät sitze, ob ich nun 120 Minuten ein hübsch schwarzes Bild aufgezeichnet habe, wie es einem nur ein Panasonic-Plasma bieten kann, oder ob doch Teile der Sendung auf der Festplatte sind.

Wenn der Vantage aufgrund eines Bugs tatsächlich aufgezeichnet hat, wird die Spannung zusätzlich erhöht, da das Gerät mit beinahe beängstigender Genauigkeit an Schlüsselstellen mehrere Sekunden zu überspringen scheint. Filmkürzungen, um der FSK 4 gerecht zu werden, wie es die privaten Stationen vorzunehmen pflegen, erscheinen mir mittlerweile gegenüber dem Pay-TV wie Extended Versionen der Kinoblockbuster.

Das Gerät hätte ich einem von Parallelimporten bestückten Online-Shop erstehen können, doch nein; Ich wollte die seriösen Lieferanten unterstützen und bezahlte einen höheren Einstandspreis bei Radio-Materiel, als ich und alle anderen Bürger dieses Landes beim Crazy Achmed online-Shop löhnen.
Dafür habe ich ja auch einen Ansprechspartner im Falle eines Problems. Nach sechs Monaten ging das Gerät innerhalb der Garantiezeit zurück.
Was überlegen sich Lieferanten und Distributoren, wenn wir ein Gerät zurücksenden? Dass wir alles verkappte Weihnachtsmänner sind und gerne Pakete schnüren? Oder dass wir um Kundenkontakte zu pflegen einwandfrei funktionierende Geräte abholen und um unserer Kurzweil willen in die Generalvertretungen senden?
Jedenfalls entsprach dieses Gerät den technischen Spezifikationen, was mich bewog das Produkteblatt zu Rate zu ziehen; Die Mätzchen waren nicht aufgeführt.

Aber vielleicht bin ich ja wirklich doof und habe das Gerät wiederum angeschlossen.
Nach der Garantiezeit kochte ich wieder über, sandte das Gerät mit den faszinierenden, einzigartigen technischen Spezifikationen, sämtlichen Pay-TV Karten und einer mit fehlerhaften Aufnahmen gespickten Festplatte dem Hersteller.
Dieser reichte die Sky-Karte wohl drei Wochen lang im Betrieb herum, jeder darf einmal gucken, verkaufte mir eine neue Festplatte, ein neues CI-Modul und sandte die Kiste zurück.
Der Fehler ist immernoch vorhanden, ich habe resigniert.

Resigniert, weil es sich diese meine Firma leisten kann, wenn ich resigniere.
Dümmer ist es, wenn wir einem Kunden ein Gerät feil bieten, welches wir nahezu viermal so teuer verkaufen müssen als es beim online-Shop Crazy-Achmed zu haben wäre, nur um mit der lächerlichen Marge den Aufwand zu decken.
Der gute Kunde kauft von einer guten Laune und Firmentreue geleitet trotzdem bei uns und letztendlich erhält er ja Service.
So ist er das erste Mal noch locker gelöst, wenn wir nach vierzehn Tagen das Gerät abholen und freudiger Erwartung, wenn wir weitere zwei Wochen, sein zum Spass eingesandtes und den technischen Spezifikationen entsprechenden Gerät nach dem dem obligaten Software-Update wieder hinstellen.
Weitere vierzehn Tage danach ist er schon etwas ungehalten, unsere Marge ist mittlerweile mehr als doppelt aufgerieben, und an der ganzen Sache verdient letzten Endes nur noch die Post.
Wir haben einen Kunden verloren, der Discounter und Crazy Achmed fünf neue gewonnen, denn für diese Preise erwartet man nicht zwingend funktionierende Geräte.

Aber wir wollen nicht nur auf Radio Materiel und dem tollen Vantage herum hacken.

Es kann vorkommen, dass ein Gerät nach einem Transponderwechsel nicht mehr funktioniert. Dass es nach der korrigierten Software jedoch während eines neunzig Minuten Filmes viermal abschaltet und neu startet ist dann doch ärgerlicher als ein ruckelnder ZDF.
Vier, wohl wiederum zu unserem Vergnügen, eingesandte Geräte entsprachen den technischen Spezifikationen und erhielten ein Softwareupdate. Da Kunden ihre Bedienungsanleitung verlegt haben, ist es uns leider nicht möglich, die technischen Spezifikationen um die tolle Neuerung zu ergänzen, also muss wohl oder übel das Gerät angepasst werden. Nichts grossartiges, es sollte lediglich auf gezielten Wunsch und nicht nach freien Stücken den Betrieb einstellen.

Üblicherweise waren wir die einzigen Fachhändler mit diesem Problem. Man ist stets der Einzige mit solchen Problemen.
Wenn nun ein Kunde seinen neuen Ford mit nicht funktionierenden Bremsen in die Garage  fährt, wortwörtlich, muss er damit leben, weil er der Einzige mit diesem Problem sei?
Angesichts der verkauften Menge, seien unsere Geräte ein im minimalen Prozentbereich bewegender in Kauf zu nehmender Faktor an Montagsgeräten. Jedoch nicht so schwer in Kauf zu nehmen, dass man uns neue Geräte schenkt, wir müssten dann irgendwie selber schauen, wie wir den Schlamassel beheben.
Irgendwie verständlich, was für Geräte soll man uns auch geben. Der Nachfolger funktioniert im selben Masse zuverlässig, umso ärgerlicher, wenn dem Kunden ein selbiger kulanterweise gestellt wurde. Auf unsere Kosten. Natürlich erst, nachdem wir ebenfalls kostenlos stundenlang die Satellitenanlage gecheckt haben, weil wir ja schweizweit die Einzigen mit solchen Problemen seien.
Man sei dran, mit Korea… Wie sie auch immer mit Korea zugange sind, bisher erschien noch nie was funktionierendes, geschweige denn eine Problemlösung aus Korea. Aber immerhin wurden wir wieder vierzehn Tage hingehalten.

Unterm Strich:
Wann immer man einem Kunden einen neuen Satellitenreceiver verkauft, fürchtet man eine wachsende Nase, ohne das Wort funktionstüchtig auch nur ausgesprochen zu haben.
Die Kundenbindung ist jedoch gesichert; Man wird ihn in seiner heimischen Stube besuchen, bis er die Nase voll hat und nicht mehr anruft, oder wir ihm einen Kabelanschluss schenken.
Es gibt in der Schweiz nicht einen funktionsfähigen Receiver zu erstehen, behaupte ich gerade heraus, und so doch, ist dieser bei Crazy Achmed zu einem viertel des Preises erhältlich.

Dann kauft doch einen Fernseher mit integriertem Satellitentuner!
Grösserer Schrott wurde noch nie auf den Markt geworfen. Welcher koreanischer Zwerg auch immer für die Software zuständig ist, schickt ihn in die Mienen.
So ein Fernseher ausgeliefert wird, er hat nie eine funktionierende Software. Ein branchenspezifisches Problem, zumal ich noch nie gehört hätte, dass bei einem Audi A6 ein funktionierender Motor nachgeliefert würde, so man schneller als dreissig fahren möchte. Dann nochmals und nochmals und nochmals…
Dennoch sollten wir diese Dinger verkaufen.
Also bei der Lieferung eine neue Software.  Nach über zehn Jahren Produktion von DVB-S Receivern, beginnt man bei Fernsehern wieder im Jahre 1998. Der Sendersuchlauf dauert 45 Minuten, ist in keiner Weise manuell konfigurierbar und nach dem Sender sortieren, sechzig Minuten, müssen wir dem Kunden einen Satz neue Batterien schenken, da die Fernbedienung in den letzten Zügen ächzt. Der Fernseher verfügt wohl über sieben USB-Anschlüsse, jedoch ist keiner zuständig, eine vorprogrammierte Senderliste zu laden. So stehen als zwei Techniker für ein Appel und ein Ei – aufgrund der total überrissenen Preise der Geräte gegenüber Crazy Achmed, darf die Lieferung nichts kosten – über zwei Stunden dumm in einer Wohnung rum.
Danach verlässt man das Haus in der Gewissheit, dass der Kunde die Gerätesoftware 2.0.1.4 von noch zu folgenden zwanzig Versionen auf seinem Fernseher betreibt, diese Kiste demzufolge nie wirklich funktionieren wird und wir somit noch fünf mal vorbei schauen. Kostenlos, versteht sich.
Dennoch wünscht man lächelnd viel Spass mit dem Gerät. Wir werden an unseren Lügen noch ersticken und alle in der Hölle landen. Nachdem wir Pleite gemacht haben, versteht sich.

Wir wollen Loewe nicht vergessen, die besten Fernseher der Welt, mit der besten Software und dem bedienfreundlichsten Menüs der Welt. Ohne Ironie. Ich hätte beinahe einen gekauft. Aber….
Vor zwei Wochen kam eine Geräteversion mit neuer Software. Träge wie Philips, unübersichtlich wie Sony und funktionsfähig wie Toshiba. Im Teststadium, diese und jene Funktion ist noch nicht ganz so wie es dem Entwickler vorschwebt.
Man ist dran mit Korea, da wett ich drauf…

Liebe Lieferanten:
– Es ist uns scheissegal, dass wir die Einzigen mit diesem Problem sind.
Uns und den Kunden. Auch wenn der Distributor tausend mal mehr Geräte verkauft als wir, wir haben den einen Kunden, welchen es zufrieden zu stellen gilt. Weil wir davon leben.

– Wir senden keine Geräte ein, welche den technischen Spezifikationen entsprechen.
Das Abholen kostet Geld, das Einsenden kostet Geld, das Retourbringen kostet Geld. Geld welches wir im Rahmen der Garantieleistungen aufbringen müssen und uns niemand erstattet.

– Warum sollen wir weiterhin Geräte bei euch kaufen?
Die Preise liegen über den Online-Shops.
Wenn wir Reklamationen haben, Reparaturen einsenden, nimmt man uns nicht für voll.
Service ist anscheinend nur zu erwarten, so ein gewisser Prozentsatz mit demselben Problem erreicht wird.
Korea als Problemlöser hat sich nicht als sehr effizient erwiesen.

– Warum sollen wir weiterhin eure unausgereiften Geräte verkaufen?
Wir erhalten kein Entgelt für das Testen und die Kunden reagieren verständnislos, wenn ihnen Prototypen zu überrissenen Neupreis an die Wand gehängt werden. Merkwürdig, nicht wahr?

Eröffnen wir doch eine Bäckerei.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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