20min schustert die Welt, wie sie ihr gefällt

Ich werde alt.
Zeigt sich in der Bereitschaft, öffentliche Medien zu korrigieren. Kombiniert mit Langweile, geht man sogar gegen 20 Minuten vor.
Also würde man einen Erwachsenen schelten, welcher Schneebälle gegen die Hausmauer wirft.

Ein wenig fühlte ich mich persönlich angegriffen. 20min schoss gegen Hobby-Autoren.
http://www.20min.ch/schweiz/news/story/21091358

Hier die Story im zusammengeschnippselten Print-Screen.

20minWer im Glashaus sitzt…
Meines Erachtens ist 20min so ziemlich die letzte Plattform, welche sich abschätzig über Textschaffende äussern sollte. Was ich so zum Ausdruck brachte.


Geschätzte Frau Wenzel, geschätzte 20-Minuten-Redaktion,

bei allen Bemühungen objektiv zu bleiben, entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, wenn sich ausgerechnet die Pendlerfussunterlage 20-Minuten verächtlich über Freizeitautoren äussert.

Auch die Schützenhilfe der Psychologin Wenzel hebt den Artikel nicht in pulitzerverdächtige Sphären.

Unbestritten, die Welt ist voll von sogenannten Tote-Mutti-Autoren und täglich sitzt wohl ein weiterer an sein Notebook. Stellen wir dem entgegen, dass täglich mehr Menschen die Fähigkeit verlieren oder sich dem lernen derselbigen komplett verschliessen, mehr als drei Worte in einer sinnvollen Reihenfolge zu kombinieren und mit entsprechenden Satzzeichen zu versehen, sehe ich in den Hobby-Autoren eine begrüssenswerte Kompensation.

Während sich 20 Minuten gewiss eine kleine Heerschar an Lektoren leisten kann, selbigen zum eigenen Vorteil dann und wann vielleicht auch das tägliche Produkt vorlegen sollte, haben sich die brotlosen Schreiber selber mit den Regeln der Orthografie und Grammatik zu beschäftigen.

Nebst dem Fördern und Ausleben der kreativen Seite, widmen sie sich auch den Kernelementen der geschriebenen Sprache, was einem bildet, ob man dies wahrhaben will oder nicht.

Mit ihren Büchern schaden sie keiner Menschenseele, da kein Mensch gezwungen wird, ihr Werk zu lesen.
Natürlich wird es für viele eine nette Freizeitbeschäftigung bleiben, da der Markt schlichtweg übersättigt ist. Schreiben sie deswegen schlecht? Ich darf erinnern, dass einige Werke Kafka’s erst nach dessen Ableben veröffentlicht wurden und Stephen King von Selbstzweifeln geplagt seine Bücher nur zu gern von der Schreibmaschine direkt in die runde Ablage beförderte.
Sind sie deswegen schlechte Schriftsteller?

Leserzahlen sagen nur bedingt etwas über die Qualität eines Werkes aus, gerade die 20 Minuten Redaktion mag mir da in wundervoller Selbsterkenntnis beipflichten. Massgebend ist, welche Klientel man erreichen möchte, auf welchem Niveau man sich mitteilt. Nimmt man Umsatzzahlen als Indikator, wäre die Aldi-Pizza im Zweierpack für drei Franken ein Bestseller, während das Chateaubriand wie Blei im Regal liegen würde.

„Die Bestseller sind in der Regel meist der kleinste gemeinsame Nenner mit dem Massengeschmack.“
Diese Aussage stammt vom deutschen Literaturkritiker Denis Scheck.

20 Minuten prangert nun die Selbstverliebtheit von Autoren als negative Eigenschaft an. Psychologin Evelyn Wenzel nickt eifrig und fügt mangelnde Selbstkritik und Blindheit hinzu, um das Profil des abgehobenen Schreiberlings abzurunden.
Eine Zeitung, welche zu einem guten Teil vom Narzissmus der Leser lebt, wir erinnern an Serien wie „Wer hat das tollste Six-Pack“ über „Den tollsten Beach-Body“ bis hin zu Nackedeis auf der Skipiste bei der Suche nach dem „Heissesten Skihasen“, disqualifiziert sich mit einer solchen Aussage selbst. Mit Feuerwerk und Trompeten. Nicht zuletzt rührt die Popularität des Online-Angebots daher, dass ein jeder sein Halbwissen in Wissenschaft und Psychologie in die Kommentarspalte packen kann und von 15 Minuten Ruhm träumt.

„Wer ein Buch geschrieben hat,… ….geht davon aus, dass andere Menschen einen als besonders intelligent wahrnehmen.“

Sagt die Psychologin Frau Wenzel, deren Gabe, nach eigener Aussage, darin besteht, in allen Menschen das Gute zu finden und es ihnen aufzuzeigen.
Wenn die fachfraulichen Diagnosen in diesem Artikel die Inhalte ihrer lebensbejahenden Coachings wiederspiegeln, dann möchte ich ihnen, ganz unqualifiziert, nahelegen, ihr Kopfkissen die nächsten Nächte auf die Basics ihrer Marketingausbildung zu legen.

Was 20 Minuten anbelangt, erschliesst sich mir der Sinn dieses Artikels nicht ganz. Es sei denn, sie wollten gezielt der schreibenden Gilde gegen das Schienbein treten, welcher Motivation dies Tun auch immer entsprungen sein mag.
Die Quintessenz daraus ist höchstens, dass sie mit ihrer unqualifizierten, pauschalen Profilierung einem unsicheren Schreiberling die Feder aus den Fingern genommen haben.

Herzliche Gratulation.


Und was zeigte sich?
20min schustert sich die Artikel, wie sie ihnen gefallen. Experten werden hinzugezogen, deren Meinung angehört, angepasst und den Lesern verkauft. In der Hoffnung auf ein grosses Leserecho, im besten Falle einen Shitstorm.

Die Erkenntnis gewann ich aufgrund der prompten Antwort von Frau Evelyn Wenzel.


Lieber Herr ….,
ich kann Ihre Reaktion sehr gut verstehen und stimme Ihnen sogar absolut zu. 20 Minuten ist auf mich zugekommen und bat mich um ein Interview zum Thema Selbstverlag. Auch ich habe mein Buch im Selbstverlag herausgebracht und stehe dieser Möglichkeit absolut positiv gegenüber.

Der Artikel und das Interview wurde absolut anders veröffentlicht und ins Lächerliche gezogen, was definitiv nicht meine Absicht war. Meine Antworten sind ausschliesslich die im Textbereich dargestellten. Die Kommentare unter den Bildern und in der Einleitung stammen von der Redaktion und spiegeln keineswegs mein Denken wider.

Dieser Artikel hat mir tatsächlich geschadet und ich sehe keinen Nutzen darin. Ich hatte nie vor, mich ins Rampenlicht damit zu rücken. Wie gesagt, ist die Redaktion auf mich zugekommen und bat mich um ein Interview zum Thema.

Der gesamte Shitstorm auf der online Seite ist absolut verständlich, so wie das alles dargestellt ist. Ich werde mich bei der Redaktion ebenfalls melden und sie wissen lassen, dass ich mit dieser Darstellung nicht einverstanden bin. Zumal es absolut nichts mit Eigenwerbung zu tun hat.

Herzliche Grüsse
Evelyn Wenzel

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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