4-daagse, zweiter Marschtag

Der zweite Marschtag unterschied sich nur unwesentlich vom ersten.
Was für ein Einstieg, ich weiss. Schreibt, weil er schreiben muss. Landschaftlich wirkt ein Baum wie der andere und die Dörfer sind alle in etwa gleich schmuck. Der Fokus liegt sowieso auf dem Volk am Wegesrand.

Die Musik hat sich mittlerweile auf die Schweizer eingependelt, wenn wir mit wehenden Standarten um die Ecke biegen, wird schon einmal Heidi oder die Nationalhymne angespielt. Gut, manchmal auch der Anton aus Tirol und gelegentlich rufen sie erst Sweden, bevor Switzerland hinterherkommt, aber wir wollen nicht kleinlich sein.
Mit 34 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit schenkte der zweite Tag ordentlich ein. Es entsteht der Eindruck, das Wasser verdunstet, bevor es den Magen erreicht. Und die Füsse brennen, da der Kampfstiefel in Sachen atmungsaktiv die Werte einer handelsüblichen Mülltüte erreicht. Seid ihr einmal barfuss auf einen Legostein getreten? Wiederholt dies etwa viertausend mal und ihr gewinnt einen Eindruck, wie das marschieren bei solchen Bedingungen ist.

Das Camp gleicht mittlerweile einem Next Topmodel-Contest. Dies nicht (nur) wegen der weiblichen Armeeangehörigen aus Skandinavien und den Niederlanden. Der überwiegende Teil der rund 6000 Campbewohner flaniert in mehr oder minder sehr graziösen Schritten über den Platz. Mal auf Zehenspitzen gehend, dann wieder das Gewicht auf die Fersen verlagert, jedoch stets in sehr gemässigtem Tempo unter voller Konzentration. Auf stark frequentierten Wegen wurden gegen sintflutartige Platzregen und übermässige Sandablagerungen in den Adiletten Euro-Paletten ausgelegt, was der ganzen Fortbewegungssache einen gewissen Laufstegcharakter verleiht. Wenn etwa ein überbreiter US-Army-Soldat und ein stolzer Schweizer Gardist auf diesen achtzig Zentimeter kreuzen wollen sind tänzelnde Gleichgewichts-Übungen angesagt.

Die Bereitschaft, dieser hart geprüften Marschierer, die schmerzenden Füsse in wenigen Stunden wieder in die Kampfstiefel zu stecken und weitere 40 Kilometer zu absolvieren, zeugt vom ungebrochenen Willen und ist ein Musterbeispiel, was der Mensch in einer funktionierenden Gruppe zu leisten vermag.

Da kommen wir auch zu einem der ganz wertvollen Aspekte dieses Camps.
Wir marschieren in unterschiedlichen Uniformen, jeder unter seiner Flagge, doch streben alle Nationen dem gemeinsamen Ziel entgegen. Der brausende Applaus, wenn abends wieder eine Gruppe das Ziel erreicht, kennt keine Landesgrenzen.
Sich mit anderen Nationen austauschen ist extrem spannend. Wusstet ihr, dass die Bezeichnung ‚Spiess‘ für den deutschen Kompaniefeldwebel daher rührt, dass es seine Aufgabe war, fahnenflüchtige Soldaten auf das Schlachtfeld zurückzupieksen? Immer noch humaner, als Russen, welche zwischen gegnerischen und eigenen Kugeln entscheiden mussten. Persönlich bin ich von der päpstlichen Schweizer Garde sehr beeindruckt. Fit wie Turnschuhe und unbeugsam wie Statuen. Gewiss, des Abends sieht man den einen oder anderen ebenfalls hinkend im Camp, doch kaum tragen sie ihre Uniformen – wohl so erfrischend wie eine Daunenjacke im Hochsommer, notabene mit Handschuhen – stehen sie stramm, auch unter Hochofentemperaturen. Mit stoischer Miene bewegen sie sich in der Gruppe wie ein Mann, ohne nur einen Schweisstropfen abzuwischen. Ein besseres Aushängeschild kann man sich für die Schweiz nicht wünschen.

0315 war Donnerstags Tagwache. Abmarsch um 0415. Oder eben auch erst gegen 0451, beim Zeitmanagement besteht noch immer ein wenig Verbesserungspotential. Der dritte Tag steht unter dem Zeichen einer Zeremonie auf dem kanadischen Friedhof, weswegen wir heute auch einen Fixtermin hatten. Dies bedeutet, wir absolvierten 30,6 Kilometer in fünfeinhalb Stunden. Dazu, was für Holland doch aussergewöhnlich ist, ein auf und ab von 216, respektive 167 Höhenmetern. Die Gemeinde Berg en Dal war daher auch Namenspate für den dritten Tag. Für uns Schweizer an sich keine Hürde, doch bei einer Luftfeuchtigkeit von bereits 90% bewegten wir uns quasi in der Masoala-Halle. Am Wegesrand wurde man via LED-Wand stets mit solchen Informationen versorgt und zum trinken aufgefordert. Nach ein paar Todesfälle im Jahr 2006 sind die Verantwortlichen leicht nervös, wenn die globale Erwärmung sich von der schönsten Seite zeigt.
Das Publikum trug uns mit Anfeuerungsrufen auf den Hügel, wo nötig schwangen die Gruppenführer die Peitsche.

Vor dem kanadischen Friedhof wurden das gesamte Marschbataillon von den Betreuern empfangen. Ein Zelt stand bereit, die Sanität war vor Ort, es wurden Früchte gereicht, isotonische Getränke, Bouillon, zudem gab es Sitz- und Liegegelegenheiten. Es ist gewiss eine achtbare Leistung, welche wir vollbringen, aber die Helfer im Hintergrund, welche diese erst ermöglichen dürfen nicht vergessen werden.

Die Ansprache von Oberst G. und Feldseelsorger Hptm R., wie auch die Kranzniederlegung zum Gedenken an die gefallenen kanadischen Soldaten war sehr bewegend. Während, oder nach körperlicher Anstrengung ist man zweifelsohne ein wenig emotionaler als in absoluter Ruhe, doch es waren auch die Worte, welche hie und da einen Soldaten mehr mitrissen, als er unter normalen Umständen zugelassen hätte. Doch würde es keinem einfallen, dies als Schwäche zu deuten, es ist ein Zeichen des Respektes gegenüber den 2617 gefallenen Soldaten, welche hier in fremder Erde zur letzten Ruhe gebettet wurden.
Über zweitausend Grabsteine für Soldaten, teils halb so alt wie ich, bereits dem Leben entrissen. Es wäre unangemessen von Sinnlosigkeit zu sprechen. Ich störe mich stets am Bild von Generälen, welche ihre Truppen auf die Schlachtbank führen. Es wäre eine abwertende Sicht auf jeden einzelnen Soldaten, welcher hier liegt. Ich mag an dieser Gedenkstätte nicht auf Menschen schauen, welche blindlings einen Befehl verfolgten.

Es ist keine Glorifizierung, wenn ich hier über zweitausend Helden sehe. Jeder hier begrabene Soldat gab nichts weniger als sein Leben für die Befreiung von Europa. Er kämpfte für die Freiheit von Menschen. Menschen welche ihm völlig unbekannt waren. Er wusste nichts mehr, als dass sie seiner Hilfe bedurften, was Grund genug war, die Uniform anzulegen und in die Schlacht zu ziehen. Klar, villeicht nicht jeder ganz freiwillig, aber wer partout keinen Dienst leisten will, der muss auch nicht. Es gibt immer Alternativen. Der Soldat starb für ein Ideal, seine Überzeugung. Der Tod ist nichts schönes, doch im Einsatz für die Gerechtigkeit und Freiheit sein Leben gegeben zu haben mag für Angehörige vielleicht ein kleiner Trost bedeuteten.
Uns bleibt nichts weiter als eine Rose niederzulegen und stumm zu danken. Ist so ein Ritual unter den Schweizern. Eine stumme Andacht. Für den unbekannten kanadischen Soldaten, welcher meine Rose erhielt.

warIn etwas gemässigterem Tempo kehrten wir ins Camp Heumensoord zurück. Das letzte Mal die grüne Meile. Der Marsch durch den Wald, unter dem Helm hindurch. Die Strecke durch den Wald empfand ich nicht als den schlimmsten Teil, der Gang durch die Stadt, nachdem sich die zivilen Marschierer von den militärischen Gruppen getrennt hatten, barg eher den Charakter des endlosen Ganges.
Die letzte Herausforderung für Füsse, Knie, ja die Beine allgemein war das anschliessende Daher vor dem Einmarsch in das Bierzelt. Es war eine letzte Herausforderung, die stets sehr lobenden und freundlichen Worten der ranghohen Offiziere entsprechend würdig anzunehmen, wenn man droht wegzuknicken, die Packung eine gefühlte Tonne wiegt und die Gefahr besteht im eigenen Schweiss zu ertrinken.
Nun kann ich es ja sagen; Der Typ ging mir auf den Sack. Den ganzen Tag im klimatisierten Bus oder zumindest unter einem Zelt mit einem Bier. Und nun schwingt er hier heroische Reden, während ich nur den Rucksack gegen Bier und Fuss gegen Hintern tauschen will.

Zweiundsechzig! Nach 40 Kilometer Marsch lieferten sich im Bierzelt zwei Mitglieder der Marschgruppe eine Battle von 62 Liegestützen bevor der eine auf den Boden klatschte. Aber meine waren auch sauberer als die des anderen, nämlich! So richtig korrekt tief runter. Auch ohne solche Spielchen steht man hier im Mittelpunkt. Obwohl es natürlich schon toll ist, wenn einem die Amis anfeuern. Das Bierzelt bildete stets das eigentliche Ende des Marsches. In möglichst originellen Formationen laufen die Gruppen unter dem Applaus der anderen Teilnehmer ein, während der DJ einem Hochleben lässt. Danach ein oder zwei Biere, bevor man sich der Fusspflege hingab. Für die normalen Marschierer zumindest. Die unglaublichen „Les Chevrons“, eine uralte Marschgruppe aus der Westschweiz, unterbrachen die Feier nur, um sich schick zu machen, bevor sie in die Stadt weiterzogen. Während die übrigen nach und nach in die Betten klatschten.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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