Ab in den Norden

Wenn man beginnt seinem Passfoto ähnlich zu sehen, sollte man in Urlaub fahren.
Ephraim Kishon

Eine halbe Stunde sollte mir eigentlich reichen.
Meine Tasche aufzugeben, durch den Zoll zu sprinten und Platz zu nehmen. Also 25 Minuten, von diesem Moment an gemessen, in welchem ich die Tasche aus dem Zug wuchte und den Gepäckschalter suche.
Nach reiflicher Überlegung war ich dann doch schon um sechs Uhr am Flughafen. Meinem Vater sei Dank, die öffentlichen Verkehrsbetriebe führen um 5 Uhr in der Früh noch keine Personen aus dem Klettgau an den Bahnhof in Schaffhausen Downtown. Und wenn doch, müsste man wohl mittig der Strecke das Verkehrsmittel wechseln. Wir wollen doch alle öffentlichen Transportmittel gut auslasten. Dem Regierungsrat Dubach sei es gedankt. Wir möchten hoffen, er baut nicht noch den Radweg aus, sonst müssten wir die Katzensteig künftig auf dem Drahtesel bewältigen. Um den Veloverleih zu unterstützen. Bevor wir bei der Scheidegg auf einen städtischen Bus umsteigen, welcher uns zum Bad. Bahnhof bringt, wir die elektrifizierte Bahn bis Beringer Feld benutzen und auf dem Perron stehend der Linie 21 der Regionalbusse winken, welche soeben halb leer in den Klettgau zuckelt.

Kuuuuuu-samo.
Die Dame blickt auf den Tisch hinter ihrer Theke. Sie hätte eine Liste, wie man finnische Destinationen korrekt ausspricht, erklärt sie lächelnd.
Ich meinte gelesen zu haben, dass man finnische Worte exakt so ausspricht, wie sie geschrieben werden. Mit Betonung auf der ersten Silbe. Dies hat irgendwie einen guttural knabbernden Klang, von russisch zu spanisch oder so. Meine Sprachgewandheit ist sehr begrenzt.
Dann würden sie meinen Koffer bei Helsinki gleich weiterleiten, wenn mir dies recht wäre. Ich bitte darum, werte Dame. Sympathisch, diese Finnair.

Die Gepäckaufgabe war eine Sache von 5 Minuten, danach stand ich eine halbe Stunde am Sicherheitscheck.
Hinter mir diskutierten zwei Damen. Zwei Kollegen wollten 8 Monate in New York dümpeln, nun sei einer nach vierzehn Tagen schon wieder zurück. Und er hätte seit sechsundreissig und einer halben Stunde nicht mehr geschrieben. Dabei hätte sie drei Kurzmitteilungen gesandt. Woran dies wohl liegen möge? Was war im Big Apple geschehen? Verstünden sich die Kollegen nicht?
Nachdem das Thema durchgekaut war eine kleine Pause, dann ging es von vorne los.
Drei Kurzmitteilungen hätte sie gesandt, man reagiere doch, wenn man ausserplanmässig zurück komme. Und abermals handelten sie akribisch die wildesten Mutmassungen ab. Ob der eine mehr Nachtleben wolle als der andere, ob es ihnen zu eng wurde.
Pause.
Also das wäre doch nicht normal, auch auf facebook wäre nichts. Und sie hätte einer anderen Kollegin eine Kurzmitteilung gesandt, aber diese hätte auch nichts gehört. Obwohl er dieser sowieso nichts erzählen würde.
Pause.
Also sie hätte sich irgendwie gemolden. Es wäre so untypisch für ihn. Was da wohl geschehen wäre? Ob sie nochmals schreiben solle? Er hätte die Nachrichten nämlich bekommen, sähe sie, weil da….
Ich drehte mich um und anerbot spontan, ich würde dem Gesellen kurz durchklingeln und ihn für sie fragen. Das Thema war für drei Minuten ganz interessant, aber nun hätten sie den toten Gaul langsam genug über die Bühne geschleift.

Natürlich tat ich dies nicht, aber war unendlich dankbar, als ich endlich durch die Schleuse und verschwinden konnte.

Vierzig Minuten in Helsinki um auf den Anschlussflug zu wechseln. Na ja, so gross kann der Flughafen nicht sein, wird schon reichen.
Der Start in Zürich verzögerte sich nach Durchsage um 20 Minuten. Ähnlich dem weiblichen ‚ich komme gleich‘, starteten wir nach einer Stunde. Der Hintern schmerzte mir schon, bevor wir das Land verlassen hatten.
Mit sichtlicher Nervosität erkundigten sich die Leute beim Personal nach den Anschlussflügen. Hinter meinem Sitz hatte eine Dame mit Hund ihren Platz inne. Wusste gar nicht, dass Hunde bei den Passagieren fliegen dürfen. Was war, wenn der mal musste? Oder begann zu kläffen und sich bis zur nächsten Landung nicht mehr einkriegte?
Der Gatte war fünf Reihen vor mir platziert.
Ständig flanierte er im Gang hin und her um die Reisepläne zu besprechen. Mit ordentlicher deutscher Entrüstung hatte er keinerlei Verständnis, dass ein Flieger nicht auf sie warten möchte, würde der nächste doch erst sechs Stunden später gehen. Die Gattin übernahm den Part der Fremdsprachen und somit das schnippische Anschnauzen des Kabinenpersonals. Genauer gesagt war die Svenja höchstpersönlich für die Verspätung verantwortlich, ohne ihr dies weiter zu begründen.
Um zehn erläuterte das Personal, wir wären etwa in einer Stunde da, also knapp nach 12 Uhr. Da hatte ich wohl etwas falsch verstanden, englisch eben, zehn plus 1 ergibt elf, um 11:25 war das Boarding. Ich lehnte mich so entspannt zurück, wie es mein verkrampftes Gesäss zuliess.
Local Time in Helsinki plus one hour krächzte es aus dem Lautsprecher.
Verdammt.
Also nötigte ich Svenja auch noch, wegen meines Anschlussfluges. Boarding um 11:25, ob wir da ein Problem hätten. Also ich hoffe meine englische Formulierung war korrekt, nicht, dass sie dachte, ich hätte ein Problem mit ihr oder wolle Probleme machen, oder ähnlich.
Der Anschlussflug hätte ebenfalls Verspätung, dies sollte klappen.
Nach fünf Minuten tauchte der lächelnde blonde Engel nochmals auf, es wäre dieser Flieger, in welchem ich schon sässe, welcher ab Helsinki nach Kuusamo weiter gehe.
Ja, manchmal bin ich schon ein Sonnenkind.

In Helsinki raus, am Automat eine Tüte Erdnüsse und ein Wasser gezogen, einige Male im Kreis gelaufen und wieder zurück in den Flieger.

Abgesehen von der fehlenden Bordverpflegung – also natürlich kann man sich verpflegen, nur nicht kostenlos – ist Finnair ganz ok. Die Landung war achterbahnmässig sogar richtig spassig und ich hatte den Verdacht, der Flieger schlitterte mehr über die Piste als er rollte.

Kuusamo ist ein ulkiger Flughafen. Als Teil der Lappland-Flughäfen nur eine Piste und ein total überdimensioniertes Terminal. Also so richtig knuffig. Wie Playmobil Artikel 3186-A in gross.
Wenn ich dies richtig interpretierte, landen zwei Flieger pro Tag. Spucken frische, saubere Passagiere von Helsinki aus und nehmen alte, ungewaschene aus der Wildnis wieder zurück.
Der Ausstieg vermittelte mir schon einen Eindruck vom Klima, der Wind wehte mich quasi stehenden Fusses über die eisige Fahrbahn in die Empfangshalle.

Das erstaunliche Leben des Walter Mitty gesehen?
In diesem Terminal gab es ganze vier Schalter für Auto-Vermietung. Schalter ist ein wenig hoch gegriffen, es waren kleine Pappkabinen, ähnlich dem Schalter der Kinderpost. Ich konnte den roten Wagen mit dem blauen Eisschaber oder den blauen Wagen mit dem roten Eisschaber haben.
Ich entschied mich für den roten Ford Fiesta. Mit dem blauen Eisschaber. Nicht weil ich grosser Ford-Fan bin, sondern weil er einfach der günstigste war. Ob ich eine „Rentier Schrägstrich Elch ins Fahrzeug knallen Zusatzversicherung“ abschliessen möchte fragte der ordentlich korpulente Herr, welcher sich bei meiner Ankunft flink wie ein Wiesel von hinten in den Pappschalter quetschte.
Ich wäre dann bis 980 Euro Schaden versichert.
In erster Linie war ich etwas verunsichert, weil ich dachte, dass man mit dem Mietwagen doch grundsätzlich versichert wäre. Ob der freundliche Herr in der Stretch-Hertz-Jacke sich da in die eigene Tasche wirtschaftete?
Was er denn denke? Brauche ich denn eine „Rentier Schrägstrich Elch ins Fahrzeug knallen Zusatzversicherung“?
Es wäre schon ein wenig rutschig draussen, mit Handzeig auf den Parplatz auf welchem das blaue neben dem roten Auto stand. Oder das rote neben dem blauen, denn mehr Fahrzeuge waren da nicht. Vom gelben Volvo Schaufelbagger Schrägstrich Schneepflug abgesehen. Welcher wohl nicht im Hertz-Fahrzeugkatalog steht.
Was es mich denn koste. Schlappe 78 Euro. Wie kommen sie nur auf diese Preise?

Mit einem Wagen im Ausland ist man grundsätzlich auf dem Verliererposten. Auch wenn einem ein Pick-Up mit 80 Sachen rückwärts in die Seite prallt. In den Wagen, welcher ordentlich parkiert war und man eben mal 50 Meter von selbigem entfernt steht. Da muss man nichts regeln wollen. Einfach weil der Holzfäller Olaf dem Polizeihauptwachtmeisterkommissar Sørensen schon im Sandkasten die grüne Schaufel geliehen hat und sie diesen Bund mit kreuz und quer-Hochzeiten in der Familie besiegelt haben.
Also schloss ich die Versicherung ab.

Hertz-Angestellter Pelle hat somit sein Tagessoll wohl absolviert, nach meiner Unterschrift blieb nur das wackelnde Papphäuschen zurück. Den Schlüssel soll ich bei der Abgabe einfach in das Loch im Tresen schmeissen. Und voll tanken, rief es noch bevor die Tür des Terminal-Personalausgang hinter ihm zuschlug.

Hossa macht das Fahren in Finnland Spass!
Die Strassen sind alle weiss und für gewöhnlich so breit, dass drei Ford Fiesta nebeneinander fahren könnten. Nichts desto trotz fahren die Finnen mit einem Rad stets auf der Gegenseite.
Nach einigen Kurven erschloss sich mir auch der Grund dafür. Oder eine mögliche Erklärung, gefragt habe ich niemanden.
Der Schnee ist nicht geräumt, sondern platt gewalzt. Schräg zulaufend, mit dem höchsten Punkt in der Strassenmitte gipfelnd. Fährt man nun eine Linkskurve mit Schuss, und irgendwie fahren alle mit Schuss, würde es einem zwangsläufig etwas aus der Kurve tragen. Die liegt kein Splitt oder so, nur auf absolut blanken Strassen, welche eine starke Steigung aufweisen, schmeissen sie eine Schippe Sand hin.
Wenn man nun jedoch die linken Räder auf der anderen, abfallenden, Seite der Kuppe platziert, kann man den Wagen elegant um die Kurve ziehen. Bei Rechtskurven bleibt der Wagen aufgrund der „Steilwand“ in der Bahn. Und nimmt es einem trotzdem hinaus, liegt links und rechts aufgetürmter Schnee, da schlitzt einem keine Leitplanke die Seite auf.
Angesichts der schmutzstarrenden Karren, machen sich die Finnen keinen Kopf über Kratzer im Lack. Nehme ich an.
Wie schnell man darf oder sollte weiss ich nicht. Tendenziell war ich wohl eher, ängstlicher Tourist, eine Idee zu langsam unterwegs. Aber da der Verkehr sehr überschaubar war, man fährt tatsächlich über Kilometer in totaler Einsamkeit, behinderte ich die Eingeborenen nicht weiter.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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