Abt. Kunst – Herr Meyer II

Sie kann ein Mahnmal sein, bisweilen gar als solche konzipiert.

Ich kann es nicht lassen, nun möchte auch ich mich zu Schaffhausen’s berühmtesten Hemd äussern. herr-meyer-iiWar schon einmal in Gebrauch, aber vielleicht – dem Bluthund auf der Fährte gleich nähert man sich, die Nüstern gebläht – vorsichtig den Ärmel ein wenig anheben.
Gerade die männlichen Vertreter der dominierenden Spezies pflegen dieses System der Sortierung. Vielleicht die Damen auch, würden dies jedoch viel dezenter gestalten und unter keinen Umständen öffentlich bekunden. Diese drei Wäschehaufen. Sauber. Schmutzig. Schmutzig aber geht noch.

Das Hemd am Bügel.
Es wäre, sichtlich meines Kunstunverständisses, vermessen von erstmalig zu sprechen, doch hätte man gewiss einige Schritte zu gehen, zu erkunden, wo auf diesem Planeten, so wenn, ein Stück durchgeschwitzte Baumwolle höher dotiert wurde. Ohne, dass ein Prominenter darin transpiriert hätte, notabene. Gerade dieser Aspekt hebt das Kleidungsstück in künstlerische Sphären.

Es könnte jedermannes Hemd sein. Und schrammen schon gefährlich am Genderabgrund entlang. Mann. Möchte die Künstlerin zum Ausdruck bringen, dass Männer in beinahe abstossender Weise zum transpirieren neigen? Dass nur der Einfältigkeit eines Mannes entwachsen könne, ein ganz offensichtlich dem Waschvorgang angedachtes Kleidungsstück mit ordentlich geschlossener Knopfleiste an einen Bügel zu hängen?
Gar, dass Mann dies als Mahnmal für seine Gattin aufhängt; Siehst du die Arbeit, Weib, einem Torbogen gleich an exponierter Stelle positioniert, der stetigen Erinnerung deiner Pflicht?
Die Kunstverständigen schlagen sich die Hand vor den Mund, schreiten, nein prallen gegen imaginäre Wände und gedachte Grenzen, mit weiss hervortretenden Knöcheln umkrallen sie das Rieslingglas. Die Stille greifbar, unangenehm, der Brückenschlag zur Unterdrückung.

Es ist doch nur ein Hemd.
Die entzückte Direktorin des Museums zu Allerheiligen spricht auch von Frau Jedermann. Einem Fürwort gleich überflügelt das vorgestellte Substantiv die Silbe Mann.
Es ist ein symbolischer Akt. Frau hängt das verschwitzte Männerhemd an den Haken.
An den Haken hängen.
Man schliesst mit einer Sache ab. Das Thema ist erledigt. Du möchtest saubere Kleidung? Wasche sie. Mann! Das Kleidungsstück verbleibt nicht einfach im Wäschebeutel, der Verdacht könnte keimen, es hätte sich unbeabsichtigt von der übrigen Waschsame abgesetzt. Vergessen gegangen, könnte man denken.
Oh nein. Sehr wohl bemerkt und bewusst ignoriert, muss die Botschaft klingen. So wird es nahezu aufreizend drapiert. Ein Fingerzeig an den Gatten, sich den häuslichen Tätigkeiten in angemessenen Schritten zu nähern.

Hörbares Aufatmen, die Finger entspannen sich. Eine Welle leisen Gemurmels füllt die beängstigend gross gewordene Halle, ein gefühltes Zusammenrücken. Männer können das ab. Es ist kein Tanz auf dem Drahtseil, sie vorzuführen und leichtem Hohn preiszugeben. Was nicht auf Stärke zurückzuführen ist. Vielmehr unterstreicht diese betont lässige Haltung des verunglimpften Mannes die Ungerechtigkeit der Welt. Allen Bemühungen zum Trotz steht er immernoch auf diesem Sockel der Selbstherrlichkeit, jede Woge des Genderismus bricht an diesen über Jahrzehnten gegossenen Dollosse, schlägt höhnisch zurück.
Die blosse Anwesenheit des männlichen Geschlechts droht die labile, aufgereizte Stimmung beinahe wieder zu kippen.

Kunst kann nicht jeder.
Zumal Kunst nicht  – mehr? – geschaffen wird; Kunst wird erklärt.

Es sind Worte und Namen, welche die feine Linie zwischen einem aufgehängten Hemd und einem preisgekrönten Kunstwerk ziehen.

Das Licht bricht sich im feinen, beinahe schon gewagten Falz der Ausgusskante. Leichter Schaum an der Innenseite. Wie ein Ausläufer, das Vergessene. Hinterlässt Spuren, ohne, dass selbige Abdrücke in unserem Selbst hinterlassen. Gerade dadurch, dass wir sie sehen, drücken wir mittels des Werkezeugs des Ignorieren ein Höchstmass an Verachtung aus. Ein erkaltetes Überbleibsel welches wir zu gerne übergehen.
Das dunkle Schwarz zieht uns an. Zieht den Betrachter in den Bann, entbrennt ein Feuerwerk des Geschmackes, ohne, dass wir erst davon gekostet, alleine die Vorstellung an die zu erfahrende Wohllust. Dem Gesang der Sirenen gleich steigen leichte Dampfschwaden auf, die Sinne werden betört, fern gelenkt übernimmt das Über-Ich, mechanisch wandert die Hand.
Eine verklärte Handlung, schon an Lüsternheit grenzend überwinden wir die Schwerkraft, schliessen die Hand zur Kralle…

Gut, ich könnte auch einfach so einen Schluck Kaffee trinken.
Oder ihn, mittlerweile kalt, einfach ausgiessen und die Tasse mit den Schmutzrändern in die Maschine legen.
Es wäre dann wohl einfach keine Kunst sondern eine Kaffeetasse.

Hier liegt anscheinend die Grenze. Scheiden sich die Geister.
Max Mustermann blickt auf die Uhr, überlegt, ob er die Tasse gleich auswäscht, oder die Arbeit ruft und er die häuslichen Pflichten auf den Abend verlegt.
Alexandra Meyer versinkt sinnierend im schmutzigen Geschirr und erklärt die Tasse zur Kunst. Nicht nur, dass sie keiner Arbeit nachgehen muss, sie muss noch nicht einmal die Hausarbeit erledigen, weil es Frevel an der Kunst wäre.
Zum Unverständnis von Max Mustermann, weil ihm nicht mal eben 15’000 Franken für das Verbummeln einer Tätigkeit, wie das Waschen eines Hemdes, in den Schoss geworfen werden. Fünfzehntausend Franken sind ein ordentlicher Batzen. Welchem Fond auch immer entnommen, es gibt gewiss eine Menschenseele auf der Welt, welche diesen Obolus einer sinnvolleren Verwendung, als dem monatigen Sinnieren über ein neues Kunstwerk zuzuführen wüsste.
Und disqualifiziert sich damit selbst, als eben den Max Mustermann, welchen er sinnbildlich verkörpert.
Der Mensch legt Zeugnis seines Bildungsgrades, indem er einem Haufen Gemüse oder aufgehängtem Hemd ein Gewicht beimisst, welches gar Atlas in die Knie zwingen würde. Er legt ebenfalls, ein wenig unfreiwillig, Zeugnis seiner beschäftigungslosen, ich möchte beinahe, nein möchte sagen, ein wenig überflüssigen Existenz, indem die Bemühungen das Vakuum zu füllen von einer offensichtlich verkrampften Sinnsuche begleitet werden.

Ein Jury erklärt ein Hemd zu Kunst.
Die Bourgeoisie applaudiert. Erklärt, dass alle, welche sich mit diesem Hemd befassen sich selbst und dem Weltbild ein Stück näher kommen.
Fünfzehntausend Franken wechseln den Besitzer. Begleitet von der Hoffnung, dass die Künstlerin den erlauchten kleinen Kreis im nächsten Jahr aufs neue entzückt.

Kürzer kann ich Überfluss nicht fassen.

Wenn irgendeine hinfällige, lungensüchtige Kunstreiterin in der Manege auf schwankendem Pferd vor einem unermüdlichen Publikum vom peitschenschwingenden erbarmungslosen Chef monatelang ohne Unterbrechung im Kreise rundum getrieben würde, auf dem Pferde schwirrend, Küsse werfend, in der Taille sich wiegend, und wenn dieses Spiel unter dem nichtaussetzenden Brausen des Orchesters und der Ventilatoren in die immerfort weiter sich öffnende graue Zukunft sich fortsetzte, begleitet vom vergehenden und neu anschwellenden Beifallsklatschen der Hände, die eigentlich Dampfhämmer sind – vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das – Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.

Da es aber nicht so ist; eine schöne Dame, weiß und rot, hereinfliegt, zwischen den Vorhängen, welche die stolzen Livrierten vor ihr öffnen; der Direktor, hingebungsvoll ihre Augen suchend, in Tierhaltung ihr entgegenatmet; vorsorglich sie auf den Apfelschimmel hebt, als wäre sie seine über alles geliebte Enkelin, die sich auf gefährliche Fahrt begibt; sich nicht entschließen kann, das Peitschenzeichen zu geben; schließlich in Selbstüberwindung es knallend gibt; neben dem Pferde mit offenem Munde einherläuft; die Sprünge der Reiterin scharfen Blickes verfolgt; ihre Kunstfertigkeit kaum begreifen kann; mit englischen Ausrufen zu warnen versucht; die reifenhaltenden Reitknechte wütend zu peinlichster Achtsamkeit ermahnt; vor dem großen Salto mortale das Orchester mit aufgehobenen Händen beschwört, es möge schweigen; schließlich die Kleine vom zitternden Pferde hebt, auf beide Backen küßt und keine Huldigung des Publikums für genügend erachtet; während sie selbst, von ihm gestützt, hoch auf den Fußspitzen, vom Staub umweht, mit ausgebreiteten Armen, zurückgelehntem Köpfchen ihr Glück mit dem ganzen Zirkus teilen will – da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.

Franz Kafka

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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