Liebe Valentina

Selbstverständlich klingt dies etwas sehr verurteilend und auch ich, bedauernd Euch diese erschreckende Mitteilung zu machen, bin nicht ganz ohne Fehl.
Es gibt gute Gründe weswegen ich alleine bin, nicht zuletzt, weil ich ein Hans Dampf bin. Nicht der Tausendsassa in allen Gassen, nein, sein Vetter im Schnäggeloch, wie immer man sich ein Schnäggeloch auch vorstellen mag.
Was ich habe möchte ich nicht, was ich nicht habe will ich, was unnerreichbar ist will ich gleich dreimal und was ein Anderer bereits besitzt ist noch viermal reizvoller. Selbstredend auf den zwischenmenschlichen Bereich bezogen, denn als alleinstehender, vollverdienender Junggeselle habe ich was ich brauche und was ich haben will kaufe ich mir und was ich mir nicht kaufen kann, lüge ich mir in die Tasche; Das ist der Vorteil wenn man alleinstehender, vollverdienender Junggeselle ist.valentinstagWie bei der Lüge, es braucht einen der sie erzählt und einen der sie glaubt, gehören auch zum allein sein mindestens zwei dazu. Eine Herzensdame, welche ich will und eine die mich verschmäht.
Aber dieser Beitrag soll nun nicht mit einer Paarship-Anmeldung enden, es ist mir ein Anliegen, euch zu erzählen, was ich nächsten Valentinstag mache. Oder eben nicht mache! Gerne geschehen, ich braucht mir nicht zu danken, dass ich Euch an den Tag der Liebenden erinnere.
Als kleiner Exkurs, der Tag ist nicht in etwa eine Erfindung der Blumenläden, so werden in China zum Beispiel die Männer am Valentinstag mit Schokolade bedacht. Diese revanchieren sich einen Monat später mit weisser Schokolade, am White Day, und wer hüben wie drüben leer ausgegangen ist, genehmigt sich am 14. April Nudeln mit schwarzer Sauce.
Auf dem europäischen Kontinent wurde der Tag von England an uns herangetragen, Geoffrey Chaucer trug im Jahre 1383 am Hofe des König Richards II – etwa zweihundert Jahre nach Johann Ohneland, tut nichts zur Sache, aber ohne diesen hätte Robin Hood seine Popularität nicht erreicht und alleine deswegen ist er mir sympathisch – ein Gedicht vor, welches im Inhalt beschrieb, wie die Göttin Natur alle Vögel versammelte um Paare zu bilden.
Diese Idee aufnehmend wurden ab dem 15. Jahrhundert am 13. Februar jeweils Paare ausgelost, welche sich am Valentinstag mit Gedichten und kleinen Präsenten bedachten. Im 19. Jahrhundert, das viktorianische Zeitalter, begannen sich Liebende Geschenke zu machen. Englische Auswanderer trugen die Tradition nach Amerika und die tapferen Soldaten, Gott segne sie, landeten anlässlich eines Weltkrieges in der Normandie und brachten nebst Willys Jeeps, Kaugummi, Captain America und die ganze Superheldentruppe eben auch diesen Brauch zurück. Selbstverständlich schlachtete die Süsswarenindustrie und Floristenvereinigung darauf hin diese ganze Sache ordentlich aus, aber der Ursprung liegt beim Vereinen von Vögeln.
Wie auch immer, nun könnt ihr bei Kerzenlicht und Rosenblüten ordentlich klugscheissen.

Also ich werde am Morgen des 14. Februars ganz normal aufwachen.
Da ist keine Stimme neben mir, die kreischende, einfühlende Tonlage eines Feueralarms, der Schlag uf die Brust; Nein nicht aufstehen, ich muss was vorbereiten!
Mit dem Mundgeruch, als hätte eine kleine Katze in ihrer Mundhöhle ihr Geschäft verrichtet – ob Meg Ryan dies jemals so gesagt hat ist unbestätigt, aber Stephen King behauptet es in Dreamcatcher – wird einem ein Kuss aufgedrückt, dass man widerstandslos zurück aufs Kissen fällt. Weiss der Geier woher die Unsitte kommt, sich morgens im Bett zu küssen. Frau wie Mann mottet aus dem Mund, jeder findet es eklig, dennoch küsst man sich, als wenn nichts wär. Ist es, weil es in Filmen so gehandhabt wird? Dabei geht vergessen, dass die Dame im Film des Morgens auch hübsch frisiert, geschminkt und frisch wie nach einem Spa-Besuch neben einem im Bett liegt. Die Frau hat nichts mit dem Hintern gemein, welcher nun aus dem Schlafzimmer wackelt. Nicht in einem filigranen, transparent-schwarzen Hauch von Nichts wie er vor vier Monaten noch getragen wurde, nein die Snoopy-Shorts haben das Negligé abgelöst, verwaschen mit einem herausblitzenden Gummizug an der Seite.
So darf man also nicht aufstehen, obwohl die Blase drückt und einem fünf Minuten nach dem Klingeln des Weckers der Valentinstag schon auf den Keks geht.
Jetzt, jetzt; und man darf endlich das Schlafgemach verlassen und der Vorhang für einen Tag Theater wird gezogen.
Mal ehrlich, wir feiern nicht frei, es ist ein gewöhnlicher Arbeitstag, wie er normaler nicht sein könnte, dein Chef erwartet dich in einer Stunde am Arbeitsplatz. Dein Zeitplan zwischen Aufstehen und verlassen des Hauses ist straff, da bleibt kein Platz für Liebesbeteuerungen.
Du siehst den Tisch nicht mehr, weil da unzählige Teelichter in Herzform aneinander gereiht sind, die Lichtstärke von zehntausend Lux brennt auf der Netzhaut. Mitten in diesem Schein eine Gestalt, welche sich nach der Morgentoilette in deine bezaubernde Angebetete verwandelt, jetzt aber mit den in allen Richtungen abstehenden Haaren, den vom Schlaf verquollenen Augen und dem verschmierten Mascara in deinem alten Muskelshirt wie Dobby der Hauself wirkt. Eine schweflige Wolke „Schöner Valentinstag“ schwebt dir entgegen und alles was du denkst ist, hätte sie doch eine Kerze weniger aufgestellt und dafür schnell die Zahnbürste durch die Mundhöhle gezogen.
Statt dessen sagst du; Oooooh, so schön! und obwohl sich jede Faser dagegen sträubt, ziehst du diesen Hauself an deine Brust und drückst einen Kuss auf dies Schwefelhöhle.

Oh, ich mache mir nichts vor, des Morgens sehe ich Gollum auch ähnlicher als Hugh Jackman, aber ich bin mir dessen bewusst und trage diesem Umstand Rechnung. Vielleicht war ich noch nie richtig verliebt, aber diesen Zustand von ‚Ich liebe dich über alles, auch wenn du 120 Kilogramm hast und dir ein Ziegenbart wächst‘ habe ich noch nie erreicht, vielleicht bin ich da etwas sehr oberflächlich.
Wie dem auch sei, Liebe hin oder her, ich akzeptiere, dass wir Morgens nicht Bella und Edward, sondern Gollum und Dobby sind und irgendwie sollte man doch zumindest auf diese Ebene gelangen, dass man sich gegenseitig eingestehen kann, dass jede Huldigung an die Schöhnheit des Partners des Morgens eine glatte Lüge ist und man dies auch bleiben lassen kann.

Aber heute liest du keine Zeitung, heute wollen wir uns geniessen.
Gollum und Dobby toten Fisch essen. Jetzt. Hamma.
Wie sollte ich in diesem Kerzenmeer auch Zeitung lesen, ein Abfackeln des Esszimmers wäre unvermeindbar. Sich geniessen. Des Abends bedeutet dies, dass Dame einen Film zwischen Sissy und Die Brücken am Fluss (selbst Clint Eastwood bestreitet, dass dies ein Clint Eastwood-Film sei) wählt – einen sogenannten Chick-Flick-Film wie ich von meiner ausserordentlich filmbegeisterten Englischlehrerin erfahren habe – und man ‚Sich geniesst‘, weil der Mann bei dieser grauenhaften cineastischen Darbietung schlichtweg keine andere Wahl hat, als sich voll und ganz seiner Partnerin zu widmen. Bis er sich nach zwei Stunden oder so eingesteht, dass Romy Schneider in ihrer Schnürcorsage eigentlich schon ganz scharf aussieht. Das tut sie wirklich.sissi
Ich bin ein Morgenmuffel, keine Frage, gewiss, ich überspiele es zwei oder drei Wochen aber danach ist fertig Theater, da brauche ich meine Ruhe, meine drei bis vier Kaffee und die Zeitung. Nun, vielleicht kann man sich des Morgens ja schweigend geniessen.
Allerdings, nach fünf Minuten schweigend geniessen – selbstverständlich bleibt auch das Radio aus, nichts soll diesen Liebestag versauen – bemerkt man, wie der Kieferknochen der Angebetenen knackt, als würde sie anstelle der Brotstücke in Herzform kleine Kieselsteine zermalmen. Vielleicht hatte man nebst der Brille auch einen rosaroten Ohrenschutz auf, aber in diesem Moment wird einem bewusst, dass einem dieses Geräusch den Rest des Lebens zur Hölle machen könnte.
Du freust dich gar nicht, klingt es, wenn einem für zehn Sekunden die Gesichtszüge entgleisten und das festgetackerte Grinsen der Alltagsmimik Platz machte.
Aber klar doch, und verzerrt die Gesichtszüge, dass die Wangen schmerzen. So sitzt man wie Dimitri der Clown am Tisch und wünscht sich nichts sehnlicher, als endlich zur Arbeit fahren zu dürfen.

Sehr gerne besorge ich ein Geschenk, ich bin ein grosser Fan vom Online-Schokoladen-Gruss-Versand. Da kann man Ehemänner so richtig dumm aussehen lassen, man ist einfallsreich, poetisch und hat dabei sein Grundstück noch nicht einmal betreten. Das war früher schon schwieriger, als man unter dem Fenster die Laute schlagen und Blumentöpfen ausweichen musste.
Aber heute muss man ein Geschenk besorgen, weil es so üblich ist an diesem Tag, man zahlt fünfundzwanzig Prozent Zuschlag weil es eben Valentinstag ist und macht sich zum Affen, weil man mit einem Bund Rosen durch die Gegend spaziert. Man holt sie während des Arbeitstages, weil Abends bestenfalls noch Gänseblümchen erhältlich sind, und der einzige Gedanke ist, dass sie abends in Sachen Optik den 58 Franken zwanzig noch gerecht werden und nicht den Kopf hängen lassen.

Mittlerweile hat sich Dobby der Hauself wieder in die Bella verwandelt, welche man nicht zuletzt auch wegen der optischen Reize liebt.
Man geht hübsch speisen, Kerzen auf dem Tisch, ganz grosses Kino. Ich bin stets von der Angst besessen, eines Tages in einem Restaurant zu verenden, weil die Portionen kaum meinem Hunger gerecht werden. Je mehr man zahlt, desto weniger ist auf dem Teller. Natürlich, ein ganz erlesenes Stück Fleisch eines Rindes welches strahlend und zufrieden dem Metzger unter das Messer sprang und handgemachte Nudeln, zubereitet aus Eiern von ganz, ganz glücklichen Hühnern, aber hat man alle Blümchen, Kräuter und sonstige Dekoration entfernt bleibt ein Energiewert von etwa 800 Kilokalorien auf dem Teller liegen. Von diesen gehen noch hundertfünfzig weg, weil die Dame etwas Steak und eine kleine Gabel voller Nudeln kosten möchte. Selbstverständlich ist dies gegenseitig, aber spinatgefüllte Konjak-Shirataki-Canelloni an einem Magerquark-Dipp muss ich weder versuchen, noch würde eine ganze Platte dieses Gerichts die Energie der gestohlenen Speise ersetzen.

Mit knurrendem Magen verkündet man, dass man auf der Dessertkarte nun etwas unmässig sein möchte, ist ja Valentinstag, worauf die Dame bestimmt entgegnet, dass sie pappsatt sei, aber – ihr wisst was kommt – vielleicht von meinem Dessert ein Löffelchen stiebitzen wolle, hihihihi.
Das ist weder süss, noch neckisch und schon gar nicht hihihi.
Sie möge sich doch selber ein Dessert bestellen, heute schauen wir nicht aufs Geld, ich lade ein.
Ob ich glaube, sie könne nicht selber bezahlen!?! SIE VERDIENE AUCH GELD!!!, im Sperrdruck. Danke Emanzipation.
Aber natürlich, ich wolle nur, dass es ihr an nichts mangele – und dass du mir meinen verdammten Coupe Dänemark nicht wegfrisst – aber selbstverständlich müsse sie nicht…
Dass du des Nachts eine Tüte Nachos aufreisst, weisst du in dem Moment, als die Dame sich noch einen extra Löffel bestellt und der Kellner deinen Coupe Dänemark mittig auf dem Tisch platziert. Eine übersichtliche Portion von zwei erbsengrossen Vanillekugeln unter einer Prise Schlagrahm mit einem Fingerhut voller Schokoladensauce, das heruntergefallene Stück Biscuit verlor sich zwischen den Brotkrumen der Vorspeise.
Das elementarste an einem Coupe Dänemark, deswegen bestelle ich ihn letztendlich, ist natürlich die warme Schokoladencreme, meinetwegen könnten sie diese in einem Waschzuber liefern und die Vanilleclace darin schwimmen lassen.
Als hätte sie es geahnt; Nein nicht die Sauce darüber giessen, die mag ich nicht!
Ganz abgesehen davon bleibt auch nicht mehr viel zu Übergiessendes im Glas, nachdem Frau Eigentlich-bin-ich-ja-satt ihren Löffel in der Eisspeise versenkt hatte

Jeder wundervolle Abend findet sein Ende, auch am Valentinstag.
Beinahe das Ende.
Grundsätzlich finde ich die körperliche Vereinigung von Frau und Mann überbewertet, spontan fallen mir zehn schönere Nebensächlichkeiten ein, nichts desto trotz kann sie bisweilen Spass machen. Ausser an vier Daten im Jahr. An deinem Geburtstag, an meinem Geburtstag, an unserem Jahrestag – wobei soviel Jahrestage habe ich in meinen dreimonatigen Beziehungen nicht zu begehen – und am Valentinstag.
Man hat nicht Sex, weil man Lust dazu hat, aufgereizt wurde, betrunken ist oder es einfach passt, sondern weil es im Kalender steht. Obwohl man sich an einem solch schönen Tag nicht betrinken konnte, die Frau einem schon morgens um sechs auf den Zeiger gegangen ist, der Magen knurrt und der Zuckerspiegel im Keller ist, weil die Dame einem den Coupe Dänemark weggefressen hat, was man einfach nicht vergessen kann.

Nach dem Zusammentragen der Fakten bin ich nicht unglücklich, dass ich keine Valentina habe und die Damen können folgendes mitnehmen; Sollten wir je ein Dessert essen, lasst die Löffel von meinem Coupe Dänemark, auch Liebe hat ihre Grenzen.

 

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
Dieser Beitrag wurde unter Hossa, Pub, Vom Leben und gelebt werden veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload the CAPTCHA.