Viehschau in Beringen und fragwürdige Parolen

Lifelong Learning nennt man es, wenn Opa einen Kurs für die neusten Apple-Produkte besucht. Die Kinder haben ihm dieses iPad geschenkt, weil der SBB-Fahrplan auf der Twix-Tel CD-Rom nicht mehr up to date war und sein Desktop-PC den Geist aufgegeben hat. Nun sucht er auf RailAway Vorschläge für snow’n rail, hiking und e-bike-cycling um im Rahmen der Gruppe Silberfuchs die AHV auf den Kopf zu hauen.

Worin begründet der Sinn und Zweck dieses Anglizismus? Eine Kompensation, dass kaum mehr jemand der deutschen Sprache mächtig ist, geschweige denn, ein Komma richtig zu setzen versteht?
Gewiss, auch in meinen Zeilen schleichen sich Fehler ein und die Kommas werden, unter Berücksichtigung der minimalsten Regeln der Grammatik, mehr nach Gefühl gesetzt, aber wenn ich die betriebliche Korrespondenz betrachte, fühle ich mich wie Adolf Muschg. Natürlich, man versteht die Aussage „wenn ihnen der Termin nicht passt, rufen sie an…“ schon, aber c’est le ton qui fait la musique pflegte schon mein Vater zu sagen. Auf die Eigenheit meiner Sensibilität schob ich bisher, dass das Verb „müssen“ in meinem Gefühlskonstrukt stets eine Abwehrhaltung hervorruft – „ihr müsst um 9.30 vor ort sein“ – fühlte mich jedoch gleich etwas weniger abnormal, als sich letzten Freitag eine Engländerin ebenfalls über dieses unsägliche Wort ausliess, wie denn in der modernen Zeit jemand die Frechheit besitze, ihr zu sagen, was sie tun müsse.
Nun wird wohl diskutiert, wieviele Fremdsprachen ein Kind zu lernen hat, was im Ansatz überhaupt nicht verkehrt ist, aber wenn Erwachsene geschriebene Aussagen mit „und dann“ starten, in einem Bewerbungsschreiben achtundsechzig Prozent der Sätze mit Personalpronomen, wohlgemerkt in der ersten Person, beginnen und bereits die Berufsbezeichnung zwei Rechtschreibfehler beherbergt, scheint mir am Ziel vorbei geschossen.
Die deutsche Sprache hat wohl nicht den wohlfeilen Klang der französischen, auch nicht den weltmännischen Touch der englischen oder das Urlaubsflair der spanischen, dennoch bietet sie alle Werkzeuge, sein Anliegen gewählt zum Ausdruck zu bringen und sollte, auch wenn wir mittlerweile einen Curriculum Vitae statt eines Lebenslaufs einreichen, nicht völlig in Vergessenheit geraten.
Da kommen wir auch schon zum Thema, welches ich eigentlich anschneiden wollte.

Gewiss habt ihr Onkel Tom’s Hütte gelesen, wenn nicht, ist dies auch nicht tragisch. Daran erinnert fühlte ich mich beim letzten Geniestreich des Kantonalen Arbeitsamtes. Ihr vermögt Euch zu entsinnen, die Firma Abbott schliesst ihre Niederlassung in Beringen, let-op berichtete, worauf nun 300 Arbeitnehmer eine neue Beschäftigung suchen. Derer 235 haben sich bereit erklärt an einer öffentlichen Jobmesse mitzuwirken. Sind die übrigen 65 keine deutschen Arbeiter, würde es mich sehr erstaunen, wenn deren mangelndes Engagement keine Nachwirkungen haben würde, aber darauf wird im Bericht der Schaffhauser Nachrichten nicht näher eingegangen.Die Angestellten erhielten nun T-Shirts, welche sie überstreifen mussten, ich benutze das Verb gezielt, dank welchem sie auf den ersten Blick den einzelnen Berufsgattungen zugeordnet werden konnten. Zudem war man bemüht eine Gleichheit herzustellen, dass sich niemand durch extravagante Kleidung hervorheben könne, so der Wortlaut der Schaffhauser Nachrichten.

Während man sich beim üblichen Vorstellungsgespräch so gut wie möglich verkaufen möchte, ein frisches Hemd überzieht, den Kragen richtet, sich rasiert und die Zähne putzt, schwebt dem Herr Vivian Biner also eine egalitäre Gesellschaftsform vor.
Gesichtslose Kreaturen werden etikettiert, zu hunderten in eine Verkaufshalle gepfercht und fünfunddreissig Kapitalisten entsenden ihre Kopfjäger um das ein oder andere Schnäppchen zu tätigen.
Man kann alles von zwei Seiten beleuchten, aber schon die Tatsache, dass sich die Angestellten nur mit Unbehagen zum Überstreifen besagter T-Shirts bewegen liessen, zeugt davon, dass diese ganze Sache dem gesunden, freiheitsliebenden Menschenverstand widerspricht.
Ein gemischtes Bild formt sich in meinem Kopf, die Viehschau Andelfingen trifft auf den Sklavenmarkt Curaçao mit einem Hauch Oskar Schindler – wir wollen den, hoffentlich, wohlgesinnten Gedanken nicht verleugnen – und die Frage ob der Unantastbarkeit der Menschenwürde schwebt unangenehm im Raum.

Das Fazit der kapitalistischen Headhunter war durchaus positiv, vom Vieh wurde in der SN keine Stellungsnahme verzeichnet.

Bleiben wir beim Thema; Unser Herr Schneider-Ammann, das ist der Bundesrat mit der steuerfrei gebunkerten Viertelmilliarde Franken in Jersey, spricht sich gegen einen Mindestlohn aus.
Das beste Mittel gegen Armut sei nicht Geld, sondern Arbeit.
In Dachau, Auschwitz und Sachsenhausen standen ähnlich intelligente Sprüche über dem Tor.
Dennoch habe ich wieder was gelernt. So werde ich also, und nun wirft Steine, zur Weihnachtszeit anstelle einer Spende zu Handen jedwelcher Hilfswerke etwas wirklich Gutes tun und Arbeit outsourcen.
Der Bundesrat folgt dem Grundsatz, besser eine schlecht bezahlte Arbeit als keine Arbeit. Vielleicht sollte ich für zweihundert Tage dem Grundsatz folgen, lieber nur 75% meines Einkommens erhalten, statt weiterhin 43 Stunden die Wuche für fremde Herren buckeln. Mit einer solchen Einstellung kommt keiner auf einen grünen Zweig, der Unterschied besteht leider darin, dass der Kapitalist nunmal am längeren Hebel sitzt und solche Sprüche klopfen kann.

Allerdings sollten sich unsere Regierungsvertreter nicht länger am Kopf kratzen, wenn die Berufsbildung an Attraktivität verliert, so einem nach erfolgreichem Abschluss einer Berufslehre noch nicht einmal das Existenzminimum gesichert ist. Da fülle ich lieber bei Aldi Regale auf und bin mit 18 Jahren auf einem Lohnniveau, welches ein ausgelernter Elektromonteur ohne Zusatzausbildung nie erreichen wird.

Kommen wir zu erfreulichen Dingen.
Die Gefängnisse in Schaffhausen sind äusserst komfortabel, da grenzen wir uns von der Romandie ab.
Gerade auch im Hinblick auf „Carlos“ muss ich die Meldung verpasst haben, dass Haftstrafen nicht länger eine disziplinarische Strafe sind und des Bürgers höchste Motivation folglich nicht dahin gerichtet sein soll, einen Gefängnisaufenthalt zu meiden. Sobald unsere Strafanstalt saniert ist und punkto Komfort mein Wohnzimmer übertrifft, könnte ich zum Beispiel Strafgebühr für versäumte Abstimmungen absitzen.
Diese soll übrigens verdreifacht werden. Die Idee eines Steuergeschenks für politisch aktive Proleten erhielt nie wirklich eine Chance, auf dem Schaffhauser Politparkett baut man weiter darauf, den Bürger mit der Androhung von Strafe zur Demokratie zu zwingen.

Den Demokrat zur Wahl diktieren, ist dies bereits ein Oxymoron?

Ich komme nicht von den Politikern weg, natürlich war auch unser Held der Lüfte, Swiss-Linienpilot und SVP-Kantonsrat, wieder unterwegs. Er beschreibt die Herausforderung, wenn einem um 2130Z von der Homebase übermittelt wird, dass aufgrund einer Engine-Stall-Warnung ein Triebwerk seiner MD11 überprüft werden soll. Und dies in elftausend Metern Höhe, das muss man einmal bedenken! Ich erstarre vor Ehrfurcht.

Damit belasse ich es nun auch mit dieser eher politischen Presseschau.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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