Nächster Halt, Fliesentisch

Mein Arbeitgeber, ein feiner Kerl, zweifelsohne, stellt mir freundlicherweise einen Firmenwagen zur Verfügung, um die Strecke von meiner Wohnhöhle in die Miene kostengünstig und flexibel zu bewältigen.
Hat den Vorteil, dass ich mit meinen Bergwerksklamotten meinen Familienkombi nicht einsauen muss, bringt aber mit sich, dass man von Zeit zu Zeit auf die öffentlichen Verkehrsmittel zurückgreift. So in etwa, wenn man fest damit rechnet, dass einem der Arzt einen gesundheitlichen Zwangsurlaub verschreibt und man die Arbeitskollegen in Ihrem Eifer nicht ausbremsen will, ihnen Zeit stiehlt, indem sie in das Slum-Quartier rollen müssen, um das Firmenfahrzeug abzuholen.

Ich bin ein zu gewissenhafter Arbeiter, brachte es nicht über das Herz den Arzt zu nötigen, mich krank zu schreiben, was mir folglich zwei Busfahrten bescherte.
Aufgrund eines ausserordentlich effizienten Physiotermin – der Junge hat mir beinahe das Bein aus dem Becken gerissen, aber es wirkte, ein Zauberer fürwahr – wählte ich also eine Busverbindung in der Mitte des Vormittags.
Alte Damen begaben sich in die Stadt, der ortsansässige Elite-Kunstturner versetzte mit seinem engen T-Shirt die anwesenden jüngeren Semester in Entzücken und eine gewürfelte Familie begab sich auf Wanderschaft.

Zwei Damen, altersmässig schwierig einzuschätzen, obwohl sie natürlicher nicht hätten unterwegs sein können. Die eine trug das Haar lang, von grauen Strähnen durchzogen, eine Brille, wie beim Kiosk aus dem Regal gezogen, weder ein stylisches Accessoire noch ein modischer Stilbruch, einfach nur zweckmässig langweilig. Wie die ganze Erscheinung. Bis auf den Salewa-Rucksack, welcher jedoch in seiner Nutzung wiederum nicht die Chance erhielt, sein Potential zu entfalten. Eine Sitzmatte wurde so unglücklich unter den Deckel geklemmt, dass sie schon während der Busfahrt fünfmal zu Boden glitt, was mich auf einen bevorstehenden, entspannten Tag schliessen liess.
Ihre Kollegin, mit neckischen Strähnchen in der bequem unkoordinierten, zweckmässig kurzen Kopfkissen-Frisur, dachte sich, wozu denn einen Wanderrucksack, wenn ich doch kürzlich bei der Coop-Trophy dieses hübsche Teil abgestaubt habe. Vollgepfercht, dass die Nähte schrien, die Spaghettiträger dieses Tornisters warteten nur darauf, sämtliche Blutbahnen und Nervenstränge im Schulterbereich zu kappen. Aber ein neckisches Bärchen – wie süss – hing am Reissverschluss, der im Übrigen die Wasserabsorbation eines handelsüblichen Küchenschwamms aufzuweisen schien.
Bekackte Amateure, hier übrigens eine Anleitung zum richtigen packen.

Über die Kinder lasse ich mich nicht aus. Kinder müssen die Ausrüstung nutzen, welche ihnen die Eltern zugestehen, da steht dem Kindswohl des öfteren der Geldbeutel gegenüber und Argumente wie „Der wächst sowieso noch“ ergeben dann ein Bild zwischen Papas altem Armeerucksack und den noch guten Schuhen von Cousin Helmut. Es ist ein Trauerspiel und ich kann nichts anderes tun, als es im Falle eines Falles besser machen.

Mir gegenüber eine Dame unterwegs zum RTL-Casting. Oder es war Fliesentischausverkauf bei OBI.
Ich meinte, es nennt sich Haremshose, den Hosenboden in der Kniekehle, der Bund jedoch trotzdem auf Hüfthöhe. Jedoch nicht so hoch, dass nicht ein in sich siebenmal verdrehter Stringtanga eher widerlich als neckisch hervorblitzte. Dem Gesäss, etwas unproportional zum Rest des Körpers, Rechnung tragned, wurde die Hose von einem Bling-Bling-Strassbesetzten Gürtel am Platz gehalten. Passend zu den glitzernden Schuhen, einem modischen Christbaumständer nicht unähnlich. Auf den ersten Blick trug sie ein pelziges Oberteil, es war jedoch im Ansatz schwarz, mit einigen undefinierbaren Flecken und einer ziemlich beeindruckenden Menge Katzenhaaren überzogen.
Ein Sonnenglas, Modell Taucherbrille für Tussis, in welcher sich mein Konterfei Türspionmässig verzerrt gülden spiegelte und ich mir nie ganz sicher war, ob sie mich nun anstarrt oder nur zufällig in diese Richtung guckt.
Die Fahrt nach Schaffhausen reichte aus, um exakt drei mal den Lippgloss anzusetzen, was eine ordentliche, pinkige Lackierung in mindestens vier Schichten ergab. Dazwischen wurde telefoniert und sich mit einer augenscheinlich weiblichen Gesprächspartnerin ausgetauscht. Im Wesentlichen drehte es sich um einen nicht zahlenden Typen, welcher sich dem Titel nach hingebungsvoll und oft dem Akt der Masturbation hingab.

An sich hätte es mich gereizt nachzufragen, wenn sie schon den ganzen Bus über ihren Ex informiert, liess es dann aber sein, da fremdschämen zu den unangenehmeren Gefühlen zählt.

Kurz darauf durfte ich das regionale Verkehrsmittel wieder verlassen, zusammen mit der Wandergruppe, und war doch so sozial, den kleinen Jungen an seinem Rucksack lässig vom Boden zu heben – mein Rücken hielt -, als er im Begriff war auf die Hauptstrasse zu sprinten, um Muttis fröhlich kullernden Sitzmatte nachzusetzen.

Bevor ich jedoch wegen dem Anfassen von fremden Kindern belangt wurde, stellte ich ihn auf den Gehweg und trollte mich von dannen.
Ein einsamer Held eben.

Batman-Begins

 

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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