Sturz der Titanen

Ich hatte eine kurze Rezension versprochen.

Gestern beendete ich endlich Ken Follett’s Sturz der Titanen. Nicht endlich, weil es unsäglich mühseliger Lesestoff war, sondern weil das Buch schlichtweg über tausend Seiten hat. Tausend Seiten und dafür bezahlt man schlappe 38 Franken. Manchmal finde ich es beinahe beschämend dem Autoren gegenüber.

Ken Follett beschreibt vorwiegend das Schicksal dreier Familien um die Zeit des ersten Weltkriegs.
Die walisische Arbeiterfamilie Williams, die englische Adelsfamilie Fitzherbert und die russischen Brüder Peschkow.
Ferner die deutschen Diplomaten von Ulrich und die amerikanische Senatorfamilie Dewar.

Die Geschichte beginnt am 22. Juni 1911 mit einer Grubenexplosion in Aberowen. Zeitgleich gibt Edward Fitzherbert, Earl und Besitzer der Länderein von Aberowen, eine Gesellschaft auf Tŷ Gwyn bei welcher unter anderem König George V, sowie der deutsche Diplomatensohn Walter von Ulrich zugegen sind.
Die Tocher der Williams, Ethel Williams, steht in den Diensten des Earls, während ihr Bruder zur Zeit der Explosion in der Kohlenmine steckt.
Die Frau des Earls, Schwester des russischen Zaren Fürst Andrej, besucht etwas zeitversetzt mit dem Senatorensohn Gus Dewar ein Stahlwerk in Russland und die Brüder Peschkow erkennen in ihr die Dame wieder, welche der Hinrichtung des Vaters Peschkow beiwohnte.
Die Handlungsstränge der einzelnen Protagonisten kreuzen sich somit das erste Mal; Es sei verraten, dass der Earl sich der Dienstbotin Ethel Williams etwas zu sehr nähert, dass die Schwester des Earls, Maud Fitzherbert, ein Auge auf den Diplomatensohn von Ulrich wirft und die Brüder Peschkow Rachepläne schmieden.

Ich möchte mich nun nicht länger mit Personen aufhalten.
Das faszinierende ist die historische Genauigkeit. Ken Follet benutzt fiktive und reale, historische Persönlichkeiten und fügt diese in einer fesselnden Geschichte zusammen. So er nicht wirkliche Aussagen von Winston Churchill, Woodrow Wilson, Wladimir Iljitsch Lenin oder Paul von Hindenburg verwendete, achtete er darauf, dass Zeit und Ort passten und die Dialoge so tatsächlich hätten stattfinden können.
Er vermittelt Geschichtsunterricht, Staatskunde und Geografie zu gleichen Teilen, fesselnd, ganz entgegen dem trockenen Schulstoff.
Faszinierend zu lesen sind die diplomatischen Winkelzüge zwischen Deutschland und England, stets auf dem Parkett der Höflichkeit, vor dem Kriegsausbruch. Das Bemühen der Briten, Russland indirekt zur Mobilmachung zu bewegen, während Deutschland Aufständische in Mittelamerika unterstützt um die Vereinigten Staaten von den Geschehnissen in Europa abzulenken.
Auch wie die Franzosen mangels Kriegsfahrzeuge in Renault-Taxis, fünf Soldaten pro Taxi, zu Tausenden an die Front chauffiert wurden und wie die Russen in Deutschland einmarschierten, verunsichert dadurch, dass ein Volk bei welchem sogar die Schweine in gemauerten Unterständen leben würden doch niemals besiegt werden könnte.

Ken Follett beschreibt ohne moralischen Zeigefinger oder Druck auf Tränendrüse, wie der erste Weltkrieg eine reine Schlacht der ranghohen Militärvertreter war, während die deutschen und französischen Truppen gemeinsam im Schützengraben Weihnachten feierten.

Die Politik und taktische Kriegsführung zieht sich spannend durch das Buch. Der Aufstieg der US-Army zur Weltpolizei, die Förderung Lenin’s, welcher übrigens via Schaffhausen nach Moskau fuhr, und des Bolschewismus durch die Deutschen um die Bedrohung aus Russland abzuwenden und das daraus resultierende nicht authorisierte Eingreifen der Briten, welche im Bolschewismus eine Gefährdung ihres weltweiten Empires und der Gesellschaftsstruktur sahen.

Obwohl das gesamte Buch im Schatten des ersten Weltkriegs spielt, schafft es Follett denselbigen nicht in den Vordergrund zu stellen. Nur wenige Kriegshandlungen werden detailliert geschrieben, das Augenmerk richtet sich auf die Beweggründe der Strippenzieher im Hintergrund. Zudem springt er zu Schauplätzen um die ganze Welt, so dass man nie eines Protagonisten überdrüssig wird und, um auch die Damenwelt zu begeistern, sind die zwischenmenschlichen Beziehungen welche durch die nationalen Differenzen auf die Probe gestellt werden ein tragendes Element der Geschichte.

Das Buch, es soll das erste einer Trilogie sein, hat dank der genannten Protagonisten auch drei Enden.
Eines davon fand ich faszinierend, da es dem Cliffhanger eines Hollywoodstreifens gleich kam und da die Geschichte nicht neu geschrieben wurde, kann ich es auch verraten.
Der deutsche Teil endet am 11. November 1923 mit der Verhaftung des Anführers einer neu gegründeten Arbeiterpartei. Einem geschriebenen ahnungslosen Schulterzucken gleich wurde sein Name genannt, in der Luft hing sozusagen; Er wird in der Geschichte Deutschlands wohl keine weitere Rolle mehr spielen…

Es ist ein faszinierendes Buch, ich muss es jederfrau und jedermann ans Herz legen. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole; Spannender kann einem Geschichte nicht vermittelt werden und die verworrene Diplomatie der Supermächte steht einem fiktiven Verschwörungsroman in nichts nach.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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