Wehe wenn sie losgelassen

Natürlich bin ich meinem Chef für vielerlei dankbar, aber heute explizit dafür, dass ich in seinem Interesse einen Interessenskonflikt zwischen meiner Bloggerei und der täglichen Arbeit vermeiden möchte und daher mich auf einem Polster der Anonymität zurücklehne.

Im Zuge des kommenden Artikels müsste ich sonst gewahr sein, dass ein aufgebrachter Mob meine Wenigkeit mit Fackeln und Heugabeln aus dem Dorf treiben würde.

So bin ich in einer wunderbaren Region beheimatet.
Ich ward hineingeboren in ein Land, in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Beringer, Löhninger, Osterfinger, Tradinger, Siblinger und Hallauer.
Und Blauburgunder.

Dies Land war so unglaublich schön, die Leute, ein halsstarriges Volk wollten es nie mehr verlassen und berieten sich Sorge zu tragen, das kein Fremder es betreten möge.

Wunschtraum der beheimateten Völker, nie umgesetzt und so strebten dereinst gar kleine Müllmänner in das Tal, auf der Suche ihre strahlenden Fässer zu verbuddeln.
Doch dies ist nicht das Thema.

Der gemeine Klettgauer hat sich an gewisse Regeln zu halten.
Auf die Geburt eines Jungen hat in der Gemeinde nach genau siebenundzwanzig Monaten ein Mädchen zu folgen, selbige besuchen dieselbe Schule, er strebt eine handwerkliche Lehre an, das Mädchen… ist eigentlich egal. Denn mit Erreichen  des 27. respektive 24.-und-etwas Altersjahren haben sie sich zu finden, alsbald zu paaren und Nachwuchs zu zeugen.

In etwa so erklärte ich N. aus B. gestern, weswegen die Klettgauer ein Haufen Inzüchtiger sind. Im weitesten Sinne natürlich.
Wo wir gleich dabei sind; Adam erkannte Eva, Kain und Abel ward geboren. Kain erschlug Abel.
Und Kain erkannte seine Frau; die ward schwanger und gebar den Henoch. Und baute die Stadt und Henoch erkannte die…
Wie die Karnickel, aber; Wer war die schöne Unbekannte, nur Frau genannt, welche Kain erkannte?
Kennen wir die überhaupt? Was arbeitet der Vater?

Und schon eine schöne Überleitung in den Klettgau. Denn dies ist elementar ‘wo ane ghörsch, wa tuet de Vater’? Nicht, dass der hübsche Brauch der Mitgift hochgehalten würde, es ist einfach wichtig.
Ich darf so sprechen, denn nur um der Bürokratie genüge zu tun, darf ich in einem Dorf meine Steuer entrichten. Aus dem einen Dorf bin ich ausgezogen, unverzeihlich, und in einem anderen eingezogen; En fremde Fötzel, wie man so schön sagt. Daher sehen mich die Eingeborenen morgens lieber aus dem Dorf hinaus fahren, als des Abends heimkehren.

Das System funktioniert, solange die Herrschaften unter sich bleiben; Mühsam wird es, wenn sie die Nase über den Zaun strecken, sich in die nahgelegene Stadt begeben oder gar den Fluss überqueren.

Ausgehen im Chläggi (Klettgau) ist einfach. Da wird immer wieder ein Scheunenfest der Morderne, sprich in einem Zelt, organisiert, ein Turner- oder Musikkränzli ist angesagt oder die Kuh von Bauer Hubert hat gekalbert.
Der Franz macht den DJ, die Trudi die Getränke und der leicht beschränkte Cousin/Bruder mit der breiten Schulter den Türsteher. Dass auch keiner reinkommt, welcher hier nicht hingehört. Ein Dresscode existiert nur als Empfehlung, kommt wie es euch wohl ist. Feuerwehrgewand und Gummistiefel, Fendt-Überhosen und Gummistiefel oder ein neckisches Röckchen. Und Gummistiefel.
Es ist gestuhlt und gebankt, der Peter hat mit dem Anhängerclub seine Bierzeltgarnitur herangekarrt.
Gegen sechs müssen die kleinen Kinder nach Hause, während der Andi, der mit dem Walkie-Talkie und der ufa-Schirmmütze, noch den Soundcheck macht.
Derweil hämmert der Cousin/Bruder mit seinem Kopf gegen den Boxautomat, welchen die Töfflibuebe an der letzten Chibli entführt hatten; Das ganze Dorf war ganz hibbelig ob dieser Aktion.

Besagte Töfflibuebe treffen gegen sieben ein, die Mädchen biegen fünfzehn Minuten später kichernd um die Ecke, sie haben sich bei Sandy hübsch zurecht gemacht, die ältere Dorfjugend cool um halb acht und nach der Feuerwehrhauptübung stossen die strammen Kerle in den Gummistiefeln hinzu.

Das Kennenlernen war so einfach, erklärte mir N. aus B, was ich so nicht bestätigen konnte. Ja, auch ich war an solchen Partys.
Ihr verzeiht, dass ich in den Schweizer Dialekt, Mundart wechsle;

“Hä mol”, stellt ein Bein mit leicht abgewinkeltem Fuss nach vorne, während sie das Gewicht auf das andere Bein verlegt. Das Kinn leicht gereckt, einen trotzigen Ausdruck und die Hände zu kleinen Fäusten geformt in die Hüfte gestemmt.
“Da hät di a de Bar eine agremplet, denn hesch gseit ‘was wotsch?’ und echli glachet, hä, und scho hesch e Gspröch gha. Oder bringsch en blöde Spruch”
Und das Händchen stupst mich an den linken Teil meines Six-Packs und ein Lächeln erscheint.
War dies nun eine solche ach so einfache Situation? Ich hoffte nicht.
Mein Corona wurde serviert.
Corona… Der Limettenschnitz steckte neckisch in der Flaschenöffnung. Sanft hineingedrückt gleitet er in das kühle Nass, zischend brodelt der Schaum den Flaschenhals hoch, das Glas beschlägt leicht, Tröpfchen gleiten über die schwarz-weisse Etikette, ein Hauch von Paradies steigt in die Luft.
Ich befeuchte meine Lippen kurz, setze die Flasche an und lasse ein wenig dieses Ambrosia in meine Kehle träufeln, es fühlt sich an wie…
“Als wenn dir es Engeli in Hals seicht, gell”

Eine Frau kann mich nicht zielstrebiger in die Flucht schlagen, als wenn sie sich einer sogenannten Fäkalsprache bedient.
Eine Jennifer Aniston gar würde mich anwidern, so sie eine Geschichte beschreibt, ab welcher sie “vor Lache fascht i dHose gseicht” hat. Ich kann mich der bildlichen Vorstellungskraft nicht erwehren und mal ehrlich, wie attraktiv wirkt eine Frau welche sich lachend einnässt. Fäkalsprache ist meines Erachtens, noch vor dem Singen, die niedrigste Art der Kommunikation und ich neige zum Fremdschämen wenn sich jemand in meinem Umfeld solcher Ausdrücke bedient.

Und dies, meine geschätzten Leser, sind genau die Sprüche, welche dem Ur-Klettgauer ausserhalb seines Reservats das Leben schwer machen.
Ich stelle die Vermutung auf, dass es relativ schwer ist, wenn man zu dritt im Fendt, Scania und GVS-Shirt am Tresen steht, nach “enere heisse Schnalle” Ausschau hält, um selbige dann “azfräse”, den ganzen Abend “dummi Sprüch klopfe” und dabei die Aussicht auf… was auch immer zu haben.

Doch wer bin ich, dass ich urteile.
Wobei, beinahe ein Jahr mit Bella rumgezogen; Etwas eingebildet darf ich schon sein. Ein zweischneidiges Schwert; Die Messlatte liegt so hoch, dass nunmehr kaum ein weibliches Wesen über den Status ‘ja ja, isch e Netti’ hinaus kommt.

Über RAB

Ein Schreiberling mit nüchternem Blick auf das Leben, beim Versuch, selbiges aus satirischer Sicht etwas angenehmer zu bewältigen.
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